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«Strassburg führte vor Augen, dass der Terrorismus näher rückt»
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Der neue Chef der Luzerner Kriminalpolizei, Jürg Wobmann, auf dem Balkon des Polizeigebäudes in der Stadt Luzern. (Bild: les )

Jürg Wobmann ist neuer Luzerner Kripo-Chef «Strassburg führte vor Augen, dass der Terrorismus näher rückt»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 02.01.2019, 05:55 Uhr

Die Luzerner Kriminalpolizei hat mit Jürg Wobmann einen neuen Chef. Der 44-Jährige erklärt im Interview, weshalb bei kriminellen Netzwerken besonders genau hingeschaut werden muss. Den Fall Malters kennt er nicht im Detail – wohl aber, wie man als Chef mit solchen Situationen umgeht.

Jürg Wobmann leitet seit dem 1. Dezember die Luzerner Kriminalpolizei. Er empfängt zentralplus im mächtigen Glasbau an der Kasimir-Pfyffer-Strasse. Der ehemalige Nidwaldner Polizeikommandant wirkt in seinen Antworten sehr überlegt. Besonders bei einem Thema will er sich nicht die Finger verbrennen. 

zentralplus: Wie war Ihr Start?

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Jürg Wobmann: Meine Ernennung wurde bereits vor einem halben Jahr bekannt, ich war also vorbereitet. Der Empfang war freundlich. Und einige Leute kannte ich auch schon, aus Rapporten, denen ich bereits vor Stellenantritt beiwohnte.

«Manchmal fragt man sich, wozu die Menschheit im Stande ist.»

zentralplus: Ist die neue Stelle Ihr Traumjob?

Wobmann: Es ist eine äusserst faszinierende und spannende, zum Teil auch belastende Tätigkeit. Die Stelle bietet verschiedene Facetten: von Ereignissen, bei denen man helfen und Not lindern kann, bis zu bedrückenden Fällen, wo man sich schon fragt, wozu die Menschheit im Stande ist. Es ist vielseitig und abwechslungsreich, jeden Tag kann etwas Unvorhergesehenes passieren. Als Heimweh-Luzerner ist es auch wieder schön, in der Stadt Luzern zu arbeiten.

zentralplus: Sie starteten Ihre berufliche Laufbahn einst als Lehrer. War das nichts für Sie?

Wobmann: Genau, ich machte das städtische Lehrerseminar. Ich wollte aber ein zusätzliches Studium anhängen und schwankte zwischen Jus und Betriebswirtschaft. Weil meine Stärken vor allem im klaren und logischen Denken liegen, habe ich in Zürich Jus studiert. Während dieser Zeit unterrichtete ich als Stellvertreter in Primar-, Oberstufen- und Gewerbeschulen. Später ging ich zur Polizei.

Jürg Wobmann will die Luzerner Kriminalpolizei in die Zukunft führen.

Jürg Wobmann will die Luzerner Kriminalpolizei in die Zukunft führen.

(Bild: les)

zentralplus: Sie kommen also als Jurist an die Spitze der Kripo und haben nicht die polizeiliche Ochsentour hinter sich und sich von der Front hochgearbeitet. Ist das kein Nachteil?

Wobmann: Bei vielen Korps ist das mittlerweile so. Das Fachwissen im Straf- und Strafprozessrecht ist sehr nützlich. Weiter braucht es Kenntnisse in verschiedenen weiteren Gesetzen wie Betäubungsmittelrecht, Waffenrecht, Ausländerrecht oder wann Zwangsmassnahmen anzuordnen sind. Man muss wissen, was gesetzlich wie geregelt ist. 

zentralplus: Wie viel verdienen Sie? Es ist bekannt, dass der bisherige Kripo-Chef Dani Bussmann einiges mehr verdiente als Polizeikommandant Adi Achermann.

Wobmann: Ich kenne die beiden Saläre nicht und kann deshalb nichts dazu sagen. 

zentralplus: A propos Dani Bussmann: Er galt als Führungsperson von altem Schrot und Korn. Welchen Führungsstil wollen Sie durchsetzen?

Wobmann: Einleitend möchte ich festhalten, dass Dani Bussmann die Kripo mit viel Geschick viele Jahre lang geführt hat und ich davon profitieren kann. Mir ist besonders wichtig, dass sich die Mitarbeiter entfalten können. Es braucht ein Vertrauensverhältnis. Meine Aufgabe ist es, Erfolg zu ermöglichen. Erzielen müssen ihn die Mitarbeiter. Wichtig ist mir auch, dass die Kripo-Mitarbeiter ihre Eigenverantwortung wahrnehmen können.

«Von aussen geht man unbefangener an gewisse Dinge heran.»

zentralplus: Aber man könnte es schon als Zeichen werten, dass man bewusst jemand Externes an die Spitze der Kripo Luzern setzt. Müssen Sie einen Kulturwandel durchsetzen?

Wobmann: Was genau die Gründe sind, dass die Wahl auf mich fiel, weiss ich nicht. Es ist sicher so, dass man von aussen unbefangener an gewisse Dinge herangeht. Aber es ist wichtig, dass diese Sicht auch mit den Erfahrungen der langjährigen Mitarbeiter kombiniert wird. Schlussendlich ist es ein Teamwork. Wir wollen die Kripo so aufstellen, dass wir die aktuellen und künftigen gesellschaftlichen Herausforderungen meistern können.

zentralplus: In die Schlagzeilen geriet Ihr Vorgänger wegen des Falls Malters. Schwebt bei Ihnen auch die Sorge mit, in einem Ernsteinsatz einen heiklen Entscheid fällen zu müssen?

Wobmann: Das kann sicher belastend sein. Die Frage lautet auch, wann etwas richtig läuft und wann nicht. Nicht immer, wenn Fragen entstehen, gab es Fehler. Aber ja, es gehört als Führungsperson dazu, Verantwortung zu übernehmen. Entscheide müssen abgewogen werden. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man oft rasch entscheiden muss und selten über alle relevanten Informationen verfügt.  

zentralplus: Wenn’s schiefgeht, ist man als Chef immer mitverantwortlich. Im Fall Malters sprachen Politiker von einer Hexenjagd auf die Polizei. Graut Ihnen vor so etwas?

Wobmann: Polizeiliche Ereignisbewältigungen sind häufig komplex. Fast immer, wenn die Polizei ein Grossereignis zu bewältigen hat, ist die Faktenlage ungewiss. Es gibt dabei Parteien mit unterschiedlichen Erwartungen und Ansprüchen. In diesen Spannungsfeldern bewegen wir uns. Spezifisch kann ich zum Fall Malters keine Stellung nehmen, weil ich ihn nur aus den Medien kenne.

«Wir könnten breiter agieren, wenn wir mehr Mittel hätten.»

zentralplus: Wie fast alles hat auch die Sicherheitspolitik im Kanton Luzern viel mit Finanzpolitik zu tun. Wie gross ist der finanzielle Druck?

Wobmann: Bis jetzt habe ich die knappen Ressourcen in einigen Gesprächen zu hören bekommen. Wir könnten breiter agieren, wenn wir mehr Mittel hätten. Ich bin ja selber auch Bürger und habe Verständnis, dass die Finanzen im Gleichgewicht bleiben müssen. Ich glaube, meine Aufgabe ist nicht, die finanzielle Lage zu kritisieren, sondern darauf hinzuweisen, was wir ohne die erforderlichen Mittel nicht machen können. Man muss eine Verzichtsplanung aufzeigen können. Zum anderen geht es mir auch darum, mit den vorhandenen Mitteln das Optimum herauszuholen. 

zentralplus: In Zeitungsberichten wurde Luzern als «Eldorado für Kriminelle» bezeichnet. Man könne sich nur um die kleinen Fische kümmern, während man die grossen ziehen lässt. Stimmt das?

Wobmann: Sicherheit ist ein zentraler Standortvorteil. Diese Sicherheit kostet und es ist wichtig, in sie zu investieren. Ich bin felsenfest überzeugt, wenn man in der Sicherheit zu stark spart, dann schiebt man eine Bugwelle vor sich hin, die einen früher oder später wieder einholt. Konkret: Wenn einzelne Personen oder Banden durch kriminelle Machenschaften Geld verdienen, wollen sie dieses wieder investieren. Wenn diese Leute an die Macht kommen und auf die Gesellschaft einwirken können, etwa durch Unterwanderung von legalen Geschäften, dann ist das eine grosse Gefahr. Hiervor müssen wir uns schützen. Wie die Lage in Luzern im Detail ist, weiss ich noch zu wenig. Aber wir müssen sehr genau hinschauen. Das Vertrauen der ehrlichen Bürger in den Staat darf nicht erschüttert werden. Wer sich falsch verhält, muss bestraft werden.

«Gerade bei der Cyberkriminalität wird man die Zusammenarbeit massiv intensivieren müssen.»

zentralplus: Bei solchen kriminellen Netzwerken spricht man von Drogenhandel, Geldwäscherei und so weiter?

Wobmann: Genau, wir sprechen von bandenmässigem Betäubungsmittelhandel im grossen Stil über die Landesgrenze hinaus, aber auch von serienmässigen Einbruchdiebstählen und umfangreichen Wirtschaftsdelikten. Um den Tätern auf die Schliche zu kommen, sind sehr aufwendige und kostspielige Verfahren nötig. Mit der neuen Strafprozessordnung sind die formellen Anforderungen an die Polizei gestiegen. Es braucht umfassende Ermittlungshandlungen, die viele personelle Ressourcen binden. Zum Beispiel ist das Auswerten von Handys und Computern sehr zeit- und personalintensiv. 

zentralplus: Sie waren Polizeikommandant in Nidwalden. Mit einer gemeinsamen Einsatzzentrale Luzern-Nidwalden ist eine Zentralisierung angedacht. Könnten Sie sich auch vorstellen, bei der Kriminalpolizei stärker zusammenzuarbeiten? Braucht es eine Zentralschweizer Kripo?

Wobmann: Zweifellos stösst das föderale System an seine Grenzen. Wir wollen dem begegnen. Die Einsatzzentrale steht als Projekt – muss jedoch noch mehrere Hürden nehmen. Aus einsatztaktischer Sicht ist es ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ob man die Kriminalpolizeien zusammenlegt oder in Kompetenzzentren enger zusammenarbeitet, wird man sehen. Ob man den Föderalismus aufweichen will, ist eine politische Frage. Dass man mehr kooperiert, macht in meinen Augen Sinn. Gerade bei der Cyberkriminalität wird man die Zusammenarbeit massiv intensivieren müssen. Hier machen kantonale Grenzen keinen Sinn.

zentralplus: In Strassburg gab es an einem Weihnachtsmarkt einen Terroranschlag. In Luzern verlief alles ruhig. Stehen Sie bei einem solchen Anlass unter Dauerstress oder bleiben Sie entspannt?

Wobmann: Strassburg führte vor Augen, dass der Terrorismus näher rückte. Entsprechend sensibilisiert muss man sein. Wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wiegen. Aber ein freiheitlicher Staat wie die Schweiz muss sich bewusst sein, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Ich weiss, dass die Luzerner Polizei über anlassbezogene Sicherheitsdispositive verfügt, die darauf ausgerichtet sind, die Sicherheit zu gewährleisten.

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1 Kommentare
  1. Oliver Heeb, 02.01.2019, 14:06 Uhr

    Interessantes Interview mit dem neuen Chef der Kripo. Es ist sehr zu hoffen, dass Herr Wobmann zum nötigen Kulturwandel in der Führungsetage der LUPOL beitragen kann. Ein paar Altlasten sind inzwischen abgetreten oder mussten die Bühne unfreiwillig verlassen. Das mag die wichtige Aufgabe erleichtern. Viel Erfolg!

    Oliver Heeb, Kantonsratskandidat SVP