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Still steht nichts im Luzerner Theater
  • Kultur
Benedikt von Peter, Intendant des Luzerner Theaters. (Bild: Vanessa Püntener)

Intendant schiebt Überstunden Still steht nichts im Luzerner Theater

5 min Lesezeit 26.04.2020, 05:00 Uhr

Das Veranstaltungsverbot ist verlängert. Damit gehen die Theater direkt in die Sommerpause – könnte man meinen. Doch Benedikt von Peter, Intendant des Luzerner Theaters und ab Sommer auch des Theaters Basel, schiebt Überstunden. Und sehnt sich nach dem Zusammenkommen.

«Er war angetreten, um das Luzerner Theater aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken» – und das habe er auch geschafft. So wird gerne über den Intendanten Benedikt von Peter geschrieben.

Nun könnte man derzeit meinen, das alte Theater sei tatsächlich in einen Schlaf gefallen. Bald könnten sich Ranken daran hochziehen, Fenster und Türen überwuchern. Doch das ist weit von der Realität entfernt, die drinnen im Haus stattfindet. Wir erreichen Benedikt von Peter in einem kurzen Zeitfenster.

Eigentlich wäre sein Vertrag mit dem Luzerner Theater erst im Sommer 2021 ausgelaufen. Doch man einigte sich darauf, dass er während seiner ersten Basler Spielzeit weiter für das Programm in Luzern verantwortlich bleiben würde – eine Doppelrolle, die durch die Coronakrise noch an Intensität gewonnen hat.

zentralplus: Womit füllen Sie denn nun die Tage – so ganz ohne Vorstellungen und grosse Proben?

Benedikt von Peter: (lacht) Wir arbeiten auf Hochtouren – 14-Stunden-Tage sind bei mir gerade die Normalität. Es geht um Neuplanungen, Neubewertungen: Wir müssen Produktionen komplett absagen, andere umplanen und verschieben. Auch Backstage geht es darum, neue Wege zu finden. Dafür, wie man unter den neuen Umständen probt, Bühnenbilder baut. Zusätzlich müssen wir auch Szenarien für den Herbst entwickeln, falls wir im schlimmsten Fall digital starten müssten oder mit reduziertem Publikum.

zentralplus: Und diese Arbeit leisten Sie ja aktuell nicht nur für Luzern?

Von Peter: Genau. Auch für die kommende Spielzeit in Basel fallen all diese Arbeiten an. Da ich in der Spielzeit 20/21 zwei Häuser gleichzeitig leite, sind es zwei neue Spielzeiten und die laufende in Luzern, die alle plötzlich neu geplant werden müssen.

«Die Krise zeigt einmal mehr die katastrophale Asymmetrie zwischen der freien Szene und den Stadttheatern.»

zentralplus: Wie sehr unterscheiden sich die Themen und Probleme in Basel und Luzern?

Von Peter: Praktisch gar nicht. Die Stadttheater in der Schweiz kämpfen alle mit denselben Problemen. Aktuell fallen beispielsweise auch die Einnahmen völlig weg, im Herbst muss man wohl auch mit weniger rechnen. Das wird sich auf unser Budget auswirken. Das müssen wir ebenfalls mitdenken.

zentralplus: Die Solidarität zwischen den öffentlichen Kulturbetrieben und der prekär finanzierten freien Szene sowie kleinen Privattheatern ist nun stärker Thema. In den letzten Jahren und den Diskussionen um die «Neue Theater Infrastruktur» (NTI) hat man sich auf dem Theaterplatz Luzern angenähert. Stärkt die Coronakrise diese Beziehungen oder konzentrieren sich alle nun auf das eigene Überleben?

Von Peter: Im Moment beobachte ich eine regionalere Ausrichtung der Häuser. Man arbeitet mit Leuten zusammen, die näher sind. Reisen sind ja auch gar nicht möglich. Zudem nutzt man ein bestehendes Netzwerk in unsicheren Zeiten stärker. Und sei es nur, um sich einer Information zu versichern. Doch natürlich zeigt die Krise einmal mehr die katastrophale Asymmetrie zwischen der freien Szene und den Stadttheatern. Hier muss die Politik einspringen. Wir legen den Fokus vor allem darauf, alle kommenden Ko-Produktionen mit der freien Szene und die Engagements regionaler Kulturschaffender wie geplant beizubehalten.

«Das Opernensemble wird kleine Konzerte in den Innenhöfen der Stadt und Agglomeration geben.»

zentralplus: In der nächsten Spielzeit werden Sie Ihre Zeit hauptsächlich in Basel verbringen. Sind Sie schon reif für ein Fazit zu Luzern?

Von Peter: Auf keinen Fall. Nicht bei so viel anstehender Arbeit. Ich bin auch noch lange nicht weg. Obwohl mich mein Taxifahrer seit Monaten fragt, was ich eigentlich noch hier tue. (lacht)

zentralplus: Sie starten nun in Luzern mit dem «Spontanen [email protected]». Was wird uns da alles geboten?

Von Peter: Wir haben die Box umgerüstet, sodass die Theaterserie «Taylor AG» mit Blind Butcher weiterlaufen kann. Live, per Stream, mit Abstand und mit Masken natürlich. Immer montags zeigt das Tanzensemble Choreografien, ebenfalls online. Das ist aktuell innerhalb der gesetzten Grenzen möglich. Das Opernensemble wird kleine Konzerte in den Innenhöfen der Stadt und Agglomeration geben. Die Künstler halten Abstand und achten darauf, in welche Richtung sie singen. Abgesehen von unserem Ehepaar im Ensemble, die beiden dürfen einander noch immer ins Gesicht singen. (lacht)

«Es wird klar, dass das Zusammenkommen nicht ersetzbar ist. Die Sehnsucht nach dem, was Theater eben kann, ist gross.»

zentralplus: Was lernen Sie aus dieser Krise?

Von Peter: Wie unheimlich wichtig ein gutes Team ist. Im Theater ist alles miteinander verknüpft. Zieht man an einem Faden, bewegt sich das ganze Netz. Deshalb braucht es aktuell immer alle Leute am Tisch – da muss man gemeinsam funktionieren.

zentralplus: Und inhaltlich?

Von Peter: Künstlerisch sehe ich keine Auswirkungen – dass wir virtuell produzieren können, ist nichts Neues, damit wird seit Jahrzehnten experimentiert. Doch ich glaube, es wird klar, dass das Zusammenkommen nicht ersetzbar ist. Die Sehnsucht nach dem, was Theater eben kann, ist gross. Das Virus hat genau dort eingeschlagen.

zentralplus: Doch systemrelevant ist die Kunst, ist das Theater ja offenbar nicht. Theater zählt in der Coronakrise zum verzichtbaren Luxus.

Von Peter: Ich würde natürlich nicht behaupten, dass Theater Brot ist. Aber das Erlebnis ist etwas unglaublich Intensives. Das Zusammenkommen und der Austausch, der stattfindet, Ideen und Ansätze, denen man begegnet. Da mache ich mir tatsächlich Sorgen, dass das Fehlen dieser Auseinandersetzung in der Kultur auch politische Auswirkungen haben wird.

Luzerner Theater vom Rathaussteg aus gesehen.

(Emanuel Ammon/AURA)

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