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Stephan Eicher: «Masochisten sollen lieber zu Hause bleiben»
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(Bild: Wikimedia/Eddy Berthier )

Auftritt mit Heidi Happy und Chor molto cantabile Stephan Eicher: «Masochisten sollen lieber zu Hause bleiben»

7 min Lesezeit 07.03.2017, 09:03 Uhr

Bei diesem Konzert liegen die Zuhörer auf Matten im Dunkeln. «Die Polstergruppe» nennt sich das experimentelle Projekt um Sänger Stephan Eicher. Vor dem Luzerner Auftritt, bei dem Heidi Happy und ein Luzerner Chor mit dabei sein werden, spricht er über Wohlfühlmusik und darüber, wieso seit dem 13. November 2015 nichts mehr ist, wie es mal war.

Das ist keine Band, sondern eine Polstergruppe. Es handelt sich um eine Gruppierung um den in Frankreich lebenden Schweizer Chansonnier Stephan Eicher. Den Sound geniesst man im Liegen. «Vorzugsweise erschöpft vom täglichen Spiessrutenlauf, desillusioniert von der Zukunft, überarbeitet und gestresst … legen Sie sich auf die mitgebrachte Yogamatte … Um den Rest kümmert sich Die Polstergruppe.» In Luzern ist Sängerin Heidi Happy als Gast dabei. Auf einer Fahrt von London nach Strassburg findet Stephan Eicher Zeit für unsere Fragen.

zentralplus: Ist der Name «Die Polstergruppe» als Aufforderung zu verstehen? Muss man es sich am Konzert bequem machen?

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Eicher: Ausser dem Wort «muss» ist Ihre Frage mit Ja zu beantworten. Die Konfiguration des Ortes hilft da aber ohne Zwang: Einladende Teppiche, Kissen und die mitgebrachten Yogamatten sind Aufforderung genug. Es geht uns vor allem darum, dem Publikum die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die wir als Musiker auch gerne bekommen. Durch einen teuflischen Trick wurde die «Raison d’être» einer Aufführung – das Publikum – zum simplen «Konsumenten» degradiert. Wir wollen mit unseren Aufführungen dieses Missverständnis für einen Abend berichtigen …

«Unser Ziel ist, dass man nicht mehr weiss, von wo was gerade quirlt, perlt, schnurrt und pocht.»

zentralplus: Aber man darf ja kaum Wohlfühlmusik erwarten? Oder geht es tatsächlich so «gnadenlos harmonisch und wohlerzogen» zu und her, wie Sie schreiben?

Eicher: Doch doch, wir kommen wegen der Wohlfühlmusik nach Luzern. All die Masochisten, die das nicht ertragen, sollen lieber zu Hause bleiben und die «Tagesschau» einsam von der schmuddeligen Couch aus über sich ergehen lassen … Zur zweiten Frage: Nach langen gruppeninternen Diskussionen kamen wir zum Schluss, dass eine Welt voller Menschen mit guter Kinderstube der aktuellen zweifelsfrei vorzuziehen sei!

Das ist Die Polstergruppe mit Stephan Eicher (ganz rechts).

Das ist Die Polstergruppe mit Stephan Eicher (ganz rechts).

(Bild: zvg)

zentralplus: Sie sprechen nicht von Konzert, sondern von einer «Live-Ambient-Installation». Was heisst das?

Eicher: Ja, das wäre unser Ziel. Dass man nicht mehr weiss, von wo was gerade quirlt, perlt, schnurrt und pocht. Am besten gefällt es uns, wenn sich der Zuhörer fragt: «Bin ich es, der das Stück zu Ende denkt?» Die herkömmliche Idee, den Kopf zwischen zwei Stereoboxen zu halten, scheint uns barbarisch. Unser Ziel ist es, die Menschen so weit mit uns aufs offene, musikalische Meer treiben zu lassen, dass sie, den finalen Applaus vergessend, einfach nicht mehr heim wollen. Das ist schon passiert und gilt neben dem Mann, der in der Mitte des Konzertes in der Berner Dampfzentrale in ein melodiöses Schnarchen übergegangen ist, zu unseren grössten Erfolgen.

Stephan Eicher und Die Polstergruppe

Stephan Eicher, 1960 im Bernischen Münchenbuchsee geboren, hatte seinen ersten grossen Hit 1980 mit «Eisbär» und der damaligen Band Grauzone. Danach startete er seine – vor allem in der Schweiz und Frankreich – höchst erfolgreiche Solokarriere. Eicher bewegt sich in verschiedenen Genres von Folk bis Chanson und singt in verschiedenen Sprachen und arbeitet auch immer wieder mit anderen Künstlern zusammen. Eicher wohnt heute in der Camargue.

Bei seiner Formation Die Polstergruppe sind unter anderem der Schlagzeuger Simon Baumann und der Schwede Simon Lakatos mit dabei. Die Gruppe ist bereits in Arles (F) und in Bern aufgetreten, nun folgt ein Liegekonzert im grossen Neubad-Becken. Als Gäste dabei: Sängerin Heidi Happy und der Luzerner Chor Molto Contabile.

Reservieren kann man über die Website, das Konzert ist auf 200 Plätze beschränkt. Liegematten oder Kissen müssen Besucher selbst mitbringen. Die Polstergruppe: Donnerstag, 9. März, 20 Uhr, Neubad-Pool. Eintritt: Kollekte, Reservation über die Website

zentralplus: Wie beeinflussen Sie sich als Musiker gegenseitig? Was sind Ihre Rollen?

Eicher: Der Abend basiert auf einer strukturierten Partition. Oder vielleicht besser einem musikalischen Fahrplan. Wir sehen, wo und wann wir abfahren und wo wir für das nächste Stück ankommen müssen. Die Reise zwischen diesen zwei Punkten wird aber durch die Begegnung mit dem Publikum, den architektonischen und akustischen Verhältnissen und dem eigenen Ausdruckswillen entsprechend verfeinert. Das Wort «Improvisation» wird der musikalischen Aufgabenstellung aber nicht gerecht. Wir sind eher Diener, Buttler, ja das Servicepersonal, das den Abend zurückhaltend zum Gelingen bringen soll.

zentralplus: Ist das Wirken als Kollektiv typisch für Stephan Eicher? Sie scheinen nicht der Musiker zu sein, der im Stillen seine Stücke schreibt.

Eicher: Es hat vielleicht mehr mit der Einsamkeit nach 106 Automaten-Solo-Konzerten zu tun. Der technische und logistische Aufwand hinter den Kulissen wurde so gross, dass es für mich hiess, alleine zu reisen: alleine vor das Publikum zu treten, danach alleine ein Restaurant, das nach 23.30 Uhr noch etwas Warmes und Feuchtes serviert, aufzusuchen, um danach einen einsamen Schlüssel an einer verlassenen Hotelrezeption an mich zu nehmen und alleine die Hotelzimmer-Türe zu öffnen … dies eineinhalb Jahre lang.

Dazwischen passierte das Attentat auf das von meinem Konzertveranstalter betriebene Bataclan und alles Unaussprechbare. Für uns Musiker und Publikum ist seither nichts mehr so wie vor dem 13. November 2015 in Paris. Diese Erfahrungen haben mich tief bewegt. Dazu die panikhafte Situation im oberen Management der Musikindustrie. Das alles hat zu spannenden Diskussionen mit Simon Baumann, Rainier Lerikolais und anderen «Polstergrüpplern» geführt und letztlich zur Gründung dieses Kollektivs.

zentralplus: Wie viel am Polstergruppe-Auftritt ist Improvisation, wie viel vorgegeben?

Eicher: 3 dl Vorgegebenes, 5 dl improvisiert, 2 dl Zufall und eine Tasse Glück braucht es schon für den Abend.

«Es wäre toll, wenn wir auch in Luzern das Hotel und Restaurant durch die Haupttüre verlassen könnten … it’s up to you.»

zentralplus: Es wird dunkel sein im Neubad: Wollen Sie beim Auftritt nicht gesehen werden?

Eicher: Das Publikum hat sowieso meistens die Augen geschlossen, so können wir bei Beleuchtung, Bühnenbild, Make-up und exquisiten Designer-Abendroben sparen. Am Abend wird es Couverts geben, in die man Geld für die Musiker, Proben, Reisen, Übernachtungen, Essen etc. legen darf. Das Publikum entscheidet, was ihm der Abend wert war, bis jetzt klappte das schon viermal. Es wäre toll, wenn wir auch in Luzern das Hotel und Restaurant durch die Haupttüre verlassen könnten … It’s up to you.

zentralplus: Geht es auch darum, dass der Sound im Zentrum steht, ohne Ablenkung?

Eicher: Darum, dass das Publikum in seinen eigenen inneren Film abtaucht. Wir würden gerne bald einmal in Basel mit mikrodosiertem LSD experimentieren. Also, Hoffmann-Roche-Ciba-Dingsbums, meldet Euch!

zentralplus: Können Zuhörer überhaupt zuhören, ohne zu sprechen oder aufs Handy zu schauen?

Eicher: Unser Publikum kann das!

zentralplus: Wie hat das bisher in Arles und Bern funktioniert?

Eicher: Bis auf einen Moment in Arles, der mich etwas aus dem Konzept geworfen hatte, ging dies vortrefflich. Hier die Geschichte des nicht so guten Parts: Ich spiele leidlich Rhodes-Piano – dies aber mit viel Herz! –, da wird jede Unaufmerksamkeit zum Desaster. Im Publikum wurde es plötzlich unruhig, Ellbogen stupsten andere Körperteile an, es wurde sogar getuschelt und nach 20 Sekunden war wieder Ruhe. Ich war doch etwas irritiert, da wir gerade einen ungemein poetischen, musikalischen Bogen am Entwerfen waren. Erst am Ende des Konzertes sprachen alle vom unglaublichen Moment, als 50 in Formation fliegende Flamingos im Tiefflug über die Szenerie geflogen seien. Wie Sie sehen, das Publikum weiss besser als wir, um was es geht.

Ein Ausschnitt des Konzerts vom Juli 2016 in Arles:

 

zentralplus: Sie haben das Projekt mit dem Schlagzeuger Simon Baumann angefangen, wie kam es dazu?

Eicher: Simon und ich haben während mehr als zwei Jahren Europa und vor allem Frankreich mit meinem 2012er-Album «L’envolée» bespielt. Wir fanden uns immer wieder in fundamentalen Fragestellungen verstrickt: Was soll Musik? Was ist Publikum? Wo hört das eine auf, wo beginnt das andere? Muss das so sein? Wie geht man mit dieser brutalen Krise der Digitalisierung in unserem Beruf um? Und vor allem: Macht Sinn noch Sinn und muss alles Sinn machen? Es sind Themen, die wir zusammen mit dem Publikum und anderen unerschrockenen Musikern wie Rainier Lericolais, Martin Gallop, Mario Batkovic, Stephan Lakatos, dem Literaten Pedro Lenz und für Luzern nun mit Heidi Happy und dem Chor Molto Contabile erörtern möchten.

«Durch den Humor habe ich eine ‹Bombenentschärfungs›-Quelle gefunden.»

zentralplus: Sie machten kürzlich den Link zu Ihrer 80er-Jahre-Band Grauzone – was sind die Parallelen?

Eicher: Wir hatten an unserer Performance in der Dampfzentrale Marco Repetto als Gast. Er war zusammen mit dem Bassisten GT und meinem Bruder Martin Gründungsmitglied der Grauzone. Wir sind gerade daran, die Rechte der Aufnahmen wieder in die Nähe der Band zu bringen und fanden es amüsant, nach gut 30 Jahren wieder zusammen auf einer Bühne zu stehen.

zentralplus: Wie beziehen Sie eigentlich das ausgemusterte Hallenbad mit seiner speziellen Akustik in ihre Klangcollage mit ein?

Eicher: Wir haben den Ort vor gut einem Monat besucht und arbeiten seit Wochen eng mit dem Neubad-Team zusammen. Und wir haben das Glück, am Tag zuvor den ganzen Raum zur Verfügung zu haben, um ihn zu «lernen». Hoffentlich reicht diese Vorbereitung, um dem Abend gerecht zu werden.

Zum Konzert gibt es auf 10 Stück limitierte, handgemachte Plakate des Grafikers Filip Erzinger:

 

zentralplus: Wie man hört, soll auch der Humor nicht zu kurz kommen an Ihren Auftritten – wie wichtig ist das?

Eicher: Wenn ich gestresst bin, habe ich durch Humor eine «Bombenentschärfungs»-Quelle gefunden. Er ist, nach der Musik, meine Lieblingssprache, wenn es darum geht, zu mehreren Menschen gleichzeitig zu sprechen.

zentralplus: Letzte Frage: Wieso ist Die Polstergruppe ein A-Moll-Akkord?

Eicher: Es gibt eine lange und eine kurze Antwort, hier die lange: Weil man eine Kugel nicht umkippen kann.

So sah es in Arles aus, das Neubad müssen Sie sich dazu denken.

So sah es in Arles aus, das Neubad müssen Sie sich dazu denken.

(Bild: zvg)

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