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Steinhausen als Vorzeigemodell für Schweizer Asylpolitik
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Am Steinhauser Weihnachtsmarkt verkauften die Asylsuchenden selbst gemachte Dekorationen. (Bild: zvg)

Erste Einblicke in Lernwerkstatt für Asylsuchende Steinhausen als Vorzeigemodell für Schweizer Asylpolitik

5 min Lesezeit 05.02.2019, 11:50 Uhr

Seit dem letzten Jahr gibt es in Steinhausen eine Lernwerkstatt, in der sich Asylsuchende handwerklich betätigen und gleichzeitig ihre Sprachkenntnisse verbessern können. Exklusiv für zentralplus gewährt die Durchgangsstation Steinhausen Einblick in ein Projekt, das in der Zentralschweiz, wenn nicht sogar schweizweit einzigartig ist.

Für die Asylsuchenden, die dem Kanton Zug vom Bund zugewiesen werden, ist die Durchgangsstation Steinhausen, in der zurzeit rund 75 Personen wohnen, die erste Anlaufstelle. «Was hier passiert, ist entscheidend für den weiteren Verlauf der Integration», sagt der Bereichsleiter der kantonalen Durchgangsstation Thomas Roth.

Nach Möglichkeit würden die Asylsuchenden sieben bis zwölf Monate in der Unterkunft bleiben, bevor sie dann in Phase zwei in andere kantonale Einrichtungen oder Wohnungen mit reduziertem Betreuungslevel umziehen, erklärt Roth. «Während ihrer Zeit hier in der Durchgangsstation Steinhausen versuchen wir, den Bewohnern die schweizerischen Lebensverhältnisse näherzubringen.» Dafür ist im letzten Jahr eine Basis-Lernwerkstatt in der Durchgangsstation eröffnet worden. Sie soll die berufliche und sprachliche Integration fördern.

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Folge der neuen Aslypolitik des Bundes

Die Werkstatt wurde auf Grundlage der Neustrukturierung im Asylwesen geschaffen. Diese hat das Schweizer Stimmvolk im Juni 2016 angenommen und beschleunigt ab diesem Jahr die Asylverfahren. Daraus resultiert, dass Personen mit Bleiberecht sofort Integrationsmassnahmen in Anspruch nehmen können – verbunden mit der Hoffnung, dass sie somit schneller erwerbstätig sind. 

Die Durchgangsstation Steinhausen von aussen. 2024 soll hier ein Neubau eröffnet werden.

Die Durchgangsstation Steinhausen von aussen. 2024 soll hier ein Neubau eröffnet werden.

(Bild: lef)

Der Sozialpädagoge Thomas Roth leitet seit zweieinhalb Jahren die Durchgangsstation in Steinhausen. Vorher hat er unter anderem im stationären Justiz- und Massnahmenvollzug und auch im Bereich der stationären Kinder- und Jugendbetreuung gearbeitet.

«Auf die Perspektivlosigkeit können wir mit einer sinnvollen Beschäftigung antworten.»

Thomas Roth, Bereichsleiter Durchgangsstation

«Um den Asylsuchenden eine stärker geregelte Tagesstruktur zu geben, war ein intensiveres Beschäftigungsprogramm dringend notwendig», so Roth. Ausserdem müsse den Bewohnern geholfen werden, sich zu orientieren: «Die bisher langen Wartezeiten auf den Asylentscheid führten zu Perspektivlosigkeit und Ungewissheit, auf die wir mit einer sinnvollen Beschäftigung antworten mussten.»

Thomas Roth erklärt weiter: «Wir haben einen Doppelauftrag: Unterbringung und Integration.» Für eine erfolgreiche Integration müsse man die Asylsuchenden animieren und dazu befähigen, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb sei auch die intensive Arbeitsintegration seiner Meinung nach ein zentrales Thema. «Das muss schon in der Durchgangsstation anfangen und nicht erst ein Jahr später», so Roth.

Im Atelier können sich die Bewohner künstlerisch betätigen.

Im Atelier können sich die Bewohner künstlerisch betätigen.

(Bild: zvg)

Die neue Basis-Lernwerkstatt biete den richtigen Rahmen für die gesellschaftliche Eingliederung. Der Leiter der Durchgangsstation Thomas Roth erklärt: «Die Grenzen zwischen Beschäftigung und Integration sind in der Werkstatt fliessend.»

«Die meisten Bewohner können weder lesen noch schreiben»

Titus Rüedi, Leiter Arbeitsagogik, meint: «Meines Wissens nach sind wir die erste Durchgangsstation in der Schweiz, die ein solches Angebot hat.» Die Arbeiten seien sehr niederschwellig, da die meisten Bewohner weder lesen noch schreiben können, so Rüedi. «Darum nimmt hier die Sprachförderung eine wichtige Rolle ein, die Unterrichtssprache ist Schriftdeutsch.» Für den eigentlichen Deutschunterricht gehen die Asylsuchenden aber weiterhin nach Zug ins alte Kantonsspital.

Den Bau der Basis-Lernwerkstatt nahmen die Asylsuchenden zusammen mit dem Betreuungsteam selber in die Hand.

Den Bau der Basis-Lernwerkstatt nahmen die Asylsuchenden zusammen mit dem Betreuungsteam selber in die Hand.

(Bild: zvg)

Die Asylsuchenden können in der Werkstatt mit Holz, Metall und Farbe arbeiten. «Wir machen zum Beispiel Kerzenhalter oder Handyständer aus Holz, aber auch Dekorationen, die wir am Weihnachtsmarkt in Steinhausen verkaufen konnten», sagt Titus Rüedi und fügt an, «aber es ist klar, dass wir nicht produzieren müssen.» Es gehe um den Lern- und Integrationsprozess und darum, herauszufinden, wo die individuellen Stärken der Bewohner liegen, sagt der Leiter der Werkstatt.

Der studierte Journalist in der Werkstatt

So gebe es auch handwerklich unbegabte Personen, die nicht in der Werkstatt, sondern bei einer anderen Arbeit aufblühen: «Wir hatten vor einiger Zeit einen studierten Journalisten aus dem arabischen Raum, der mit den Werkzeugen einfach nicht zurechtkam.»

Rüedi führt weiter aus: «In Absprache mit ihm konnte er sich in der Werkstatt als Bindeglied zwischen Betreuern und Bewohnern einbringen, da wir auf seine Sprachressourcen zurückgreifen konnten.» Dies habe dazu geführt, dass der gut ausgebildete Asylbewerber wie ausgewechselt und sehr motiviert gewesen sei.

«Sie erzählen mir plötzlich, dass sie in ihrem Heimatland Bäcker oder Koch waren.»

Titus Rüedi, Leiter Arbeitsagogik

«Das sind die Erfahrungen, die ich hier in der Werkstatt mache. Die Leute öffnen sich durch die Arbeit», meint Rüedi, «sie erzählen mir plötzlich von ihrem Heimatland, dass sie zum Beispiel Bäcker oder Koch waren.» Viele Frauen, aber auch Männer, würden dann in der Küche oder im hauseigenen Gemüsegarten mit anpacken.

Wieder andere würden die künstlerische Arbeit bevorzugen, erklärt Rüedi. Im Atelier, die an die Basis-Lernwerkstatt angehängt ist, können sich die Bewohner auf eine kreative Art betätigen. «Wir haben Weihnachtskarten gemalt und an die Freiwilligen des Kantons verschickt», sagt Titus Rüedi.

Im letzten Jahr renovierten die Bewohner die Treppe des Hauses.

Im letzten Jahr renovierten die Bewohner die Treppe des Hauses.

(Bild: zvg)

Es werde ganz bewusst versucht, Arbeiten zu verrichten, die der Unterkunft und letztendlich auch den Bewohnern zugute kommen. «Die Tische für unser Sitzungszimmer haben die Asylsuchenden selber repariert, vom Dreck befallene Wände im Garten wurden von den Bewohnern mit dem Hochdruckreiniger geputzt und wir haben unsere Treppe selber geschliffen und renoviert.»

20’000 Franken für den Umbau

Mit diesen internen Arbeiten könne auch Geld gespart werden. Ein weiteres Beispiel sei die Werkstatt selber, die von den Betreuern und den Asylsuchenden zusammen aufgebaut werden konnte. «Der Bau der Basis-Lernwerkstatt hat den Kanton 20’000 Franken gekostet», wie Stationsleiter Thomas Roth erklärt.

2024 soll eine neue Durchgangsstation auf dem gleichen Areal an der Zugerstrasse in Steinhausen entstehen. Sobald mit dem Bau begonnen wird, soll die Unterkunft für rund ein Jahr ins alte Kantonsspital in Zug verlegt werden.

Einblicke in die Durchgangsstation in Steinhausen:

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