Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Steinenstrasse: Kultquartier fürchtet sich vor Aufwertung
  • Gesellschaft
  • Wohnen
Das berühmte Wandgemälde in der Steinenstrasse. (Bild: Screenshot Google Maps )

Wird Luzerner Ateliergasse zum chiquen Quartier? Steinenstrasse: Kultquartier fürchtet sich vor Aufwertung

5 min Lesezeit 27.01.2017, 19:03 Uhr

Einem kultigen Quartier drohen Veränderungen: Das Haus an der Steinenstrasse 3 wurde kürzlich verkauft, der neue Besitzer wird renovieren – die Mietverhältnisse wurden gekündigt. Wird die für Kunstateliers und bunte Kleinläden berühmte Strasse bald zum Hochpreisquartier?

Sie ist Teil der grossen Diskussion um bezahlbaren Wohnraum: die Steinenstrasse. Sie ist ein Unikum der Stadt Luzern, das Nebenquartier zur Zürichstrasse ist preiswert, zentral und gilt mit seinen kleinen Boutiquen, Werkstätten und Ateliers als noch immer erschwingliches Schmuckstück.

Jetzt geht aber die Angst um, dass sich das ändert. Die Bewohner fürchten eine Gentrifizierung, denn: In der Steinenstrasse 3 hat der Besitzer gewechselt und nun wird das Haus totalsaniert. Und sobald sogenannte «Renditeobjekte» einst erworben und saniert sind, besteht Gefahr: Die Mieten werden sehr viel teurer.

Unterstütze Zentralplus

Für einen Ort wie die Steinenstrasse würde dies grosse Veränderungen bedeuten, denn heute ist das Quartier ein Wohnort für Künstler und Handwerker (hier geht es zu unserer Reportage). Aktuell wird bereits um ein Grossprojekt im Quartier gestritten: Die Lion Lodge und das Masala an der Zürich- und Steinenstrasse sollen abgerissen und neu aufgebaut werden. Es sind dort mehrere Einsprachen hängig – auch da hat man Angst vor dem «Monsterklotz» (zentralplus berichtete).

Gratis Gebäudeschätzungen angeboten

Nun also lässt der neue Besitzer die Steinenstrasse 3 renovieren, die Mieter müssen sich etwas Neues suchen. Dabei vermittelte das Immobilienbüro Engel und Völkers aus Kriens den Käufer an den vorhergehenden Besitzer. Anwohner bestätigen nun, von Engel und Völkers kontaktiert worden zu sein. Dabei wurde nachgefragt, ob man sein Haus verkaufen wolle. Sogar Angebote für kostenlose Gebäudeschätzungen habe man erhalten. Ist dies der Anfang vom Ende der Steinenstrasse, wie man sie kennt?

So sehen die kleinen Boutiquen in der Steinenstrasse heute aus.

So sehen die kleinen Boutiquen in der Steinenstrasse heute aus.

(Bild: pze)

«Es ging alles sehr schnell»

Das befürchtet beispielsweise Jeanine Ueberschlag. Sie wohnt momentan an der Steinenstrasse 3. Ihre Wohnung ist im Obergeschoss, im Parterre betreibt sie ein Atelier – «einen Kreativraum» für sie. Sie hat am Donnerstag die Kündigung erhalten. «Es ging alles sehr schnell», sagt Ueberschlag. Sie seien über den Käuferwechsel informiert worden und bald darauf habe der neue Besitzer ihr verlauten lassen, dass saniert werde. Jetzt ist Ueberschlag auf der Suche nach einer neuen Wohnung und einem neuen Atelier. Es sei aber sehr schwer, wieder etwas in der Preislage zu finden.

Um die Preise etwas einzuordnen: Im Stadtkreis Zürichstrasse und Hochwacht, in welchem sich die Steinenstrasse befindet, zahlt man für eine Zweizimmerwohnung im Schnitt 1010 Franken. Dies ist 60 Franken unter dem Schnitt für eine Mietwohnung am rechten Seeufer. Die Mietpreise an der Steinenstrasse 3 liegen noch einmal deutlich unter diesem Betrag.

«Es ist schade, wenn jemand das Haus kauft, der nicht versteht, dass das hier eine spezielle Ecke von Luzern ist.»

Jeanine Ueberschlag, Mieterin Steinenstrasse 3

Für Ueberschlag ist klar, dass die Mieten an der Steinenstrasse 3 steigen werden: «Der Preis wird sicher um einiges nach oben gehen. Sonst würde sich die Renovation nicht auszahlen.» Dies sei bedauerlich, denn die Steinenstrasse sei noch ein Ort, an dem es günstigen Wohnraum gebe. «Es ist schade, wenn jemand das Haus kauft, der nicht versteht, dass das hier eine spezielle Ecke von Luzern ist.»

«Die Wohnungen werden erschwinglich bleiben»

Etwas weniger ernst sieht René Grüter die Entwicklung. Er betreibt ein Geschäft für Elektro-, Beleuchtungs- und Telefoninstallationen an der Steinenstrasse. Er kennt das Haus, auch von innen. «Ich habe selber zwei Jahre in der Nummer drei gewohnt.» Er sagt: «Das Haus war sehr sanierungsbedürftig. Es ist Zeit, dass man das macht. Die sanitären Anlagen sind Jahrzehnte alt.»

Grüter ist nicht beunruhigt über eine drohenden Gentrifizierung: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier Luxuswohnungen entstehen.» Der Standort sei zwar zentral, aber es habe keine Parkplätze und die Wohnungen werden nur durch eine Sanierung auch nicht grösser. «Ich denke, die Wohnungen werden erschwinglich bleiben», so Grüter.

Steinenstrasse

Die Steinenstrasse ist ein Quartier mit hohem Identitätsfaktor.

(Bild: pze)

Ateliers sollen bleiben – zu bezahlbarem Preis

Käuferin der Immobilie ist die GG Real Estate AG mit Sitz in Baar. Auf Nachfrage bestätigt man, dass die Immobilie totalsaniert werde, dies sei aber nötig. Während dieser Sanierung sei das Wohnen im Haus unmöglich, dafür müsse das Haus leer sein. Die Mieter seien darüber bereits im Dezember orientiert worden. Man wolle ihnen aber genügend Zeit für die Suche nach etwas Neuem geben, die Sanierung werde erst im August beginnen.

Luxuswohnungen gebe es keine, die Mieten sollen erschwinglich bleiben. Man wolle auch weiterhin Ateliers anbieten im Erdgeschoss – der Charakter der Strasse sei also nicht in Gefahr. Das Immobilienunternehmen bestätigt, die jetzigen Mieter auf Wunsch hin informieren zu wollen, wenn die Sanierung abgeschlossen sei. Auch hätten sie mehrere Anfragen zur Miete des Ateliers von Handwerkern aus dem Quartier. Auch diese würden alle notiert und nach Abschluss der Arbeiten informiert.

Die Immobilie sei eine Gelegenheit gewesen, man plane momentan aber keine weiteren Hauskäufe im Quartier. Man wolle das Haus wieder herrichten: auch äusserlich. Dazu sei man in Kontakt mit einem Architekten. Man will bald eine Baubewilligung einholen. Diese könnte noch gewisse Hindernisse bieten, da das Haus in einer baulichen Schutzzone steht – und die Nachbarn in der Steinenstrasse das Recht auf Einsprachen durchaus zu nutzen wissen (Stichwort: Lion Lodge).

Sorgen der Anwohner bleiben

Die Sorgen bei den Bewohnern scheint die GG Real Estate aber nur teilweise beschwichtigen zu können. Die Mietpreise verändern sich durch eine Sanierung zwangsweise – wie, das lässt sich aber nicht sagen. Auch Jeanine Ueberschlag ist klar: Auch wenn man nicht genau wisse, wie es mit dem Haus weitergehe, «die Tendenz in dieser Strasse muss man genau beobachten».

Die Aussage der Immobilienfirma, dass die Ateliers bleiben und die Mietpreise eher tief bleiben sollen, kann als Zugeständnis an die Steinenstrasse gewertet werden. Werden die Mieten aber trotzdem deutlich erhöht, so würde sich das Mieterklientel der Wohnungen und Ateliers verändern – und damit auch der Charakter der Strasse.

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare