Stapi Karl Kobelt: «Wir freuen uns über diesen Zuzug»
  • Wirtschaft
Die Stadt Zug freut sich auf zusätzliche Steuereinnahmen, in Winterthur dagegen ist das Wehklagen gross.

Medizinaltechnik-Firma kommt nach Zug Stapi Karl Kobelt: «Wir freuen uns über diesen Zuzug»

5 min Lesezeit 27.06.2020, 05:00 Uhr

Die Firma Zimmer Biomet wird ihren Firmensitz definitiv von Winterthur nach Zug verlegen. Für die Stadt Winterthur ist das eine bittere Pille. Zug hingegen freut sich auf zusätzliche Steuereinnahmen – und den Zuzug von 130 Mitarbeitenden.

«Zug kriegt den Hals nicht voll. Der Wegzug wird uns Winterthurer Normalverdiener wohl ein paar hundert Franken Einkommenssteuern jährlich kosten, dafür werden die Zuger Reichen noch mehr entlastet.» Das schrieb Mitte Februar ein ehemaliger «Tagesanzeiger»-Journalist auf Twitter, als bekannt wurde, dass das Winterthurer Medizinaltechnik-Unternehmen Zimmer Biomet seinen Firmensitz nach Zug verlagern wird.

Bald ist es nun so weit: «Der Umzug ist für Mitte des zweiten Halbjahres 2020 geplant», erklärt Zimmer-Biomet-Sprecherin Anke Peters. «Derzeit liegen wir mit den Vorbereitungen gut im Zeitplan.» Die neuen Räumlichkeiten des Medizinaltechnik-Unternehmens befindet sich im Opus Zug am Zählerweg 4 in Zug.

Winterthur verliert wichtige Steuereinnahmen

Des einen Freud ist des anderen Leid. «Dass die obersten Kader der Zimmer Biomet GmbH nach Zug abwandern, ist für Winterthur eine bittere Pille», sagt auf Anfrage Michael Künzle (CVP), der Stadtpräsident von Winterthur. «Die Zimmer Biomet GmbH ist eine der grössten Arbeitgeberinnen in unserer Stadt und zahlt hier auch Steuern. Wir verlieren nicht nur 130 Arbeitsplätze, sondern auch einen grösseren Betrag an Steuereinnahmen, den wir hätten brauchen können.»

«Kleiner Kanton kann sich tiefe Steuern leisten»

«Das Beispiel Zimmer Biomet zeigt, wie problematisch der Steuerwettbewerb ist», sagt die Zürcher Nationalrätin Marionna Schlatter (Grüne). Ein kleiner Kanton mit hohen Wohnkosten wie Zug könne sich tiefe Steuern leisten.

Der Kanton Zug verdränge mit seinen hohen Preisen Wenigverdienende und könne so die Sozialkosten tief halten. Dadurch könne er die Steuern tief halten. Für eine Stadt wie Winterthur funktioniert die gleiche Strategie nicht. «Darum bräuchte es auf nationaler Ebene Regeln, um dieses Race-to-the-Bottom im Steuerbereich zu vermeiden», fordert Schlatter.

 «Wir freuen uns über diesen Zuzug»

Wie sieht man das auf der anderen Seite, bei der Stadt und dem Kanton Zug? Die Stadt Zug ist von Seiten der Kontaktstelle Wirtschaft des Kantons Zug über den Firmenzuzug informiert worden. Involviert sei man aber nicht gewesen, erklärt Stadtpräsident Karl Kobelt. «Wir freuen uns über diesen Zuzug, hatten wir doch in der jüngeren Vergangenheit auch Wegzüge zu verzeichnen.»

Dass man in Winterthur nun wenig erfreut sei, könne er nachvollziehen. Kobelt fügt aber an: «Das Einvernehmen in unserem Land basiert auf gemeinsamen Werten und ist durch den Steuerwettbewerb nicht gefährdet. Dies umso weniger, als der Wirtschaftskanton Zug namhafte Beträge in den nationalen Finanzausgleich zahlt und die Schweiz als ganzes Land dem härter werdenden internationalen Standort- und Steuerwettbewerb ausgesetzt ist.»

Kanton Zug verneint aktiven Einfluss

«Wir freuen uns über jeden Zuzug, der nachhaltig Arbeitsplätze und Wertschöpfung in den Wirtschaftsraum bringt», erklärt auch die Zuger Volkswirtschaftsdirektorin Silvia Thalmann. Der Kanton Zug nehme bei Umzügen innerhalb der Schweiz jedoch keinen aktiven Einfluss auf die Standortwahl. «Firmen entscheiden selber, wo sie sich niederlassen wollen. Und so gibt es auch immer wieder Firmen, die den Kanton Zug verlassen.»

Das Gentlemen’s Agreement laute, dass die Kantone unter sich grundsätzlich keine Firmen abwerben würden. Der Kanton Zug halte sich an diese Abmachung.

«Dass dieser Umzug in Winterthur zu Diskussionen führt, ist verständlich. Gleiches ist auch in Zug passiert, als in Folge einer Übernahme der Wegzug von Shire mit über 500 Arbeitsplätzen nach Zürich bekannt wurde.»

Höchste Gewinnsteuersätze der Schweiz

Kurt Schmidheiny ist Professor für Ökonomie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel. Er sagt, der Umzug von international mobilen Firmen wie Zimmer Biomet sei für ihn «nicht ganz überraschend».

Nach der Umsetzung der Reform der Unternehmensbesteuerung (STAF) gehöre der Kanton Zürich nun zu den Kantonen mit den höchsten Gewinnsteuersätzen der Schweiz. Mittelfristig könne sich dies der Kanton Zürich nicht leisten. Firmen würden in andere Kantone abwandern. Zimmer Biomet sei nun einfach ein Zeichen dieser Wanderung.

Angeheizter Steuerwettbewerb: Zug profitiert

Die STAF habe zu einer Runde von starken Steuersenkungen geführt und den Steuerwettbewerb angeheizt. Das werde teilweise durch den Finanzausgleich kompensiert. Der Kanton Zug werde in Zukunft mehr und Zürich weniger einzahlen müssen. «Aber ja, man kann sich die Frage stellen, ob nicht die Bundessteuer auf Firmengewinne erhöht werden sollte, wenn sich die Kantone so stark nach unten konkurrenzieren. Der Grad an Zentralisierung muss laufend neu ausgehandelt werden», findet Schmidheiny.

«Ego-Mentalität gefährdet den Zusammenhalt»

Deutlich die Worte von Ueli Mäder, emeritierter Soziologie-Professor der Universität Basel. Der Steuerwettbewerb treibe die Spirale nach unten, die Kantone würden sich gegenseitig unterminieren. «Und locken so ein paar Reiche und Unternehmen an, die nach persönlichem Gewinn streben, Preise für wichtige Güter hochtreiben und das Auskommen für mittlere Einkommen gefährden. Auch, weil sich Mittel für soziale Infrastrukturen verknappen.»

Ueli Mäder bringt das Ganze in einen grösseren Kontext. Unsere Gesellschaft sei stark ökonomisiert. Sie forciere die Konkurrenz. Und akzeptiere, dass sich die einen auf Kosten von andern durchsetzen. Das sei kurzfristig gedacht. «Die Ego-Mentalität optimiert allenfalls private Vorteile. Sie gefährdet aber den sozialen Zusammenhalt. Wir müssen uns wieder mehr fragen, was wirklich wichtig und sinnvoll für alle ist.» Vielleicht trage die Erfahrung mit Corona dazu bei, die soziale Verantwortung zu stärken, fügt Ueli Mäder an.

130 neue Stellen in Zug

Anke Peters, Kommunikationsverantwortliche der Zimmer Biomet erklärt, man werde bis zu 130 Mitarbeitende auffordern, ihren Arbeitsplatz nach Zug zu verlegen. In den Überlegungen für einen Standortwechsel des Hauptsitzes seien verschiedene Aspekte berücksichtigt worden. «Der Kanton Zug bietet unserer Organisation zahlreiche Vorteile: Er ist bekannt als ein Zentrum für die Pharma- und Medizinaltechnikindustrie, das hochqualifizierte Arbeitskräfte aus aller Welt anzieht. Wir gehen zudem davon aus, dass Zimmer Biomet in Zug von einem positiven ökonomischen Geschäftsumfeld profitieren wird.« Klar scheint, dass auch Steuerfragen bei diesem Wechsel eine entscheidende Rolle spielten.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.