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Stadtplanerin über den Durchgangsbahnhof: «Es wird zuerst unbequem»
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Die Fläche von acht Fussballfeldern wird auf den Gleisfeldern frei: Was soll dort passieren? (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Mehr Platz in der Stadt Luzern Stadtplanerin über den Durchgangsbahnhof: «Es wird zuerst unbequem»

4 min Lesezeit 1 Kommentar 25.09.2019, 05:01 Uhr

Wenn die Züge dereinst unterirdisch in Luzern einfahren, werden die oberirdischen Gleisflächen nicht mehr gebraucht. Sie werden frei für das nächste grosse Kapitel in der Luzerner Stadtgestaltung. Was das für die Quartiere und den Bahnhofplatz bedeutet, sagt die Stadtplanerin im Interview.

Die Turnschuhe seien geschnürt, sagte Deborah Arnold am Dienstag vor den Medien. Die Co-Leiterin der Luzerner Stadtplanung hat eine ebenso reizvolle wie ambitionierte Aufgabe vor sich: Ein Gebiet in der Grösse der Luzerner Altstadt an zentraler Lage will neu geplant werden (zentralplus berichtete).

Wenn in Luzern der Tiefbahnhof gebaut ist, werden riesige Gleisflächen nicht mehr gebraucht und für die künftige Stadtplanung frei. Die Züge verkehren dann unterirdisch in zwei Richtungen: Unter dem See hindurch mit Kurs nach Zug und Zürich. Und via einen neuen Neustadttunnel Richtung Bern/Basel (siehe Plan unten).

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Zwar ist der Zeithorizont weit: Bis 2040 soll der Durchgangsbahnhof voraussichtlich gebaut sein. Aber die Stadtplanung ist schon jetzt getrieben von diesem komplexen Grossprojekt. Darum beantragt der Stadtrat über 3 Millionen Franken für die nötigen Ressourcen.

Wie die Flächen tatsächlich genutzt werden, ist momentan noch völlig offen. In einer Testplanung sollen verschiedene Teams Zukunftsbilder entwickeln, wie der Bahnhof und seine Umgebung zur Mobilitätsdrehscheibe der Zukunft werden können. Was heisst das für die innerstädtische Mobilität? Welche neuen Siedlungen sind denkbar? Und wie können neue Freiräume gesichert werden?

Die Stadtplanerin Deborah Arnold spricht im Interview über den bevorstehenden Quantensprung.

Durch zwei Tunnel wird der künftige Durchgangsbahnhof erschlossen: Richtung Zürich und Richtung Bern/Basel.

zentralplus: Lässt das Projekt Durchgangsbahnhof das Herz der Stadtplanerin höherschlagen oder kommt Nervosität auf?

Deborah Arnold: Wir haben Freude, diese spannende Aufgabe anzugehen. Es ist eine einmalige Chance für die Stadtentwicklung. Wir dürfen in grosszügigeren Dimensionen als üblich denken, weil neue Flächen zur Verfügung stehen. Ich habe ein junges Team und bin zuversichtlich, dass wir diese Herausforderung über eine lange Zeitdauer gemeinsam meistern werden.

zentralplus: Sie wollen nicht einfach die frei werdenden Areale neu bebauen, sondern die Innenstadt ganzheitlich neu denken. Wieso ist das wichtig?

Arnold: Es handelt sich um ein grosses Gebiet mit vielfältigen Themen, die zu bearbeiten sind. Es ist wichtig, dass wir diese nun nicht einzeln angehen, sondern dass man Mobilität, Siedlung und Freiraum miteinander plant. Wir müssen uns zuerst überlegen, welche Nutzung und welche Funktionen in Zukunft an welchem Ort sinnvoll sind.

«Wir denken für das Jahr 2040 und wissen noch nicht, welche Entwicklungen auf uns zu kommen.»

zentralplus: Und erst dann werden Sie entscheiden?

Arnold: Ja, zuerst klären wir das Was und Wo. So machen wir uns zum Beispiel Gedanken, welche öffentlichen Einrichtungen es braucht. Nicht, dass wir am Schluss merken, dass wir zwar Wohnungen und Arbeitsplätze gebaut haben, aber vielleicht noch Schulen oder ein WC-Häuschen bräuchten.

Deborah Arnold, Leiterin der Luzerner Stadtplanung, im Innenhof der Stadtverwaltung.

zentralplus: Es brauche Vorstellungsvermögen, das weiter geht als üblich, sagten Sie. Gleichzeitig wollen Sie keine Luftschlösser bauen. Ist das kein Gegensatz?

Arnold: Das ist die grosse Herausforderung. Wir denken für das Jahr 2040 und wissen noch nicht, welche Entwicklungen auf uns zukommen. Die Testplanung bietet den Rahmen, dass verschiedene Szenarien aus fachlicher Sicht seriös geprüft werden. Wichtig ist, dass man Abhängigkeiten früh erkennt. Es ist nicht das Ziel, schon am Anfang alles definitiv festzulegen. In Anbetracht des Zeithorizonts muss man auch Spielraum offen lassen.

So geht’s weiter
  • 24. Oktober 2019: Das Stadtparlament entscheidet über den Sonderkredit von 3,16 Millionen Franken und das weitere Vorgehen
  • 10. Dezember 2019: Öffentliche Informationsveranstaltung zum Durchgangsbahnhof mit Stadträtin Manuela Jost, Regierungsrat Fabian Peter und weiteren Verantwortlichen der Stadt und der SBB (Hochschule Luzern Wirtschaft, Zentralstrasse 9, Luzern)
  • Frühling 2020: Start der Testplanung über die künftige Nutzung der Gleisareale
  • Herbst 2020: Öffentlicher Mitwirkungsprozess mit Betroffenen, Politik, Wirtschaft
  • Herbst 2021: Entwicklungskonzept über die künftige Nutzung der Areale und weiterer politischer Prozess
  • 2023: Bau- und Auflageprojekt Durchgangsbahnhof
  • 2030: Baustart
  • 2040: Inbetriebnahme

zentralplus: Auch wenn es noch weit weg ist: Wo wird sich das Gesicht der Stadt am meisten verändern?

Arnold: Sichtlich verändern wird sich die Situation mit dem Baubeginn ab 2030 vor allem durch die Bauinstallationen. Es wird also zuerst einmal etwas unbequem für alle. Wir sind gefordert, Ersatzlösungen zu finden. Dies ist die grosse Chance für echte Veränderungen, sei es zum Beispiel am Bahnhofplatz.

zentralplus: Die Trennung der Neustadt durch das heutige Gleisfeld wird wegfallen. Wie wird das den Charakter der Quartiere prägen?

Arnold: Die Trennung bleibt, aber der Einschnitt könnte schmaler werden und zusätzliche Übergänge werden realistischer. Mit der Testplanung wollen wir auch prüfen, wie die Quartiere optimal an den Bahnhof angebunden werden und ob es Möglichkeiten gibt, die Quartiere links und rechts der Gleise besser zu verbinden.

zentralplus: Haben Sie eine Vision im Kopf, wie Luzern in 20 Jahren – nach der zehnjährigen Bauzeit des Durchgangsbahnhofs – aussehen wird?

Arnold: Die Vision orientiert sich an den Zielen, die wir präsentiert haben. Ich stelle mir etwa unter Entflechtung vor, dass der Bahnhof nicht mehr nur ein Hauptportal hat, sondern weitere attraktive Zugänge von der Neustadt oder vom Tribschenquartier her. Zudem soll der Bahnhof als moderne Mobilitätsdrehscheibe im Stadtzentrum funktionieren – mit guten Umsteigemöglichkeiten und vielfältigen Nutzungen.

Riesige Areale im Zentrum von Luzern werden frei, wenn die SBB die Gleisareale nicht mehr benötigen.

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1 Kommentare
  1. karl, 25.09.2019, 14:54 Uhr

    Für was ein Milliarden-Durchgangsbahnhof, der wenn es gut geht in 50 Jahren fertig ist. Siehe Zürich, seit den 80-gern bauen und wursteln die am Bahnhof… Baut endlich unterirdisch bis nach dem Gütschtunnel, dann über die Reuss, da hat es Platz, 2 Stränge für Zürich, 4 Richtung Norden ,M alters, Bern. Manchmal denke ich, es wird da ein Problem gemacht wo keines ist, Luzern hatte ja nicht mal eine zweite Variante bereit, als in Bern die ehemalige Bundesrätin Doris Leuthard danach fragte.