Stadt Zug setzt sein Roboterkind  als Butler ein
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Kann nicht erkranken: Kolin, der neue Butler im Zuger Stadthaus. (Bild: mam)

Immun gegen die Seuche und zum Chatten bereit Stadt Zug setzt sein Roboterkind als Butler ein

4 min Lesezeit 3 Kommentare 19.04.2021, 11:55 Uhr

Wer in Zug aufs Amt muss, trifft seit Kurzem am Eingang auf Kolin. Der kleine Roboter will helfen – und nebenbei einen Wettbewerb gewinnen.

Da ist er wieder: Der schüchterne, kleine Kerl, der ein bisschen zappelt, wenn man ihn anspricht, aber sonst stumm aus schwarzen Augenhöhlen starrt: Kolin, das Roboterkind. Seit rund einer Woche steht er im Eingangsbereich des Zuger Stadthauses, noch vor dem eigentlichen Empfang. Hier wartet er auf Leute, die einen Termin mit der Verwaltung vereinbart haben und die ihm einen QR-Code zeigen wollen.

Eigentlich kann das 1,20 grosse und 38 Kilo schwere Männchen schon sprechen, versichert Nicolas Lemaitre, der sich bei der Stadt Zug um Kolin kümmert. In Zusammenarbeit mit der Softwarefirma SAP wurde ihm nämlich einen Chatbot implementiert. Freilich kann er nur auf die Anliegen der Besucher eingehen, für die er trainiert wurde. Für alles andere – etwa, wenn er um die Lieferung einer Pizza gebeten wird – sollte er höflich auf seine menschlichen Arbeitskollegen am Empfang verweisen.

«Einige Kinderkrankheiten hat er noch.»

Nicolas Lemaitre, Projekt Kolin, Zug

Das Erbe des Stiers

Unser joviales Hallo überfordert ihn jedoch merklich. Unsicher glimmen in den Augenhöhlen zwei kleine rote Kameralämpchen. Liegt es daran, dass man mit einem Roboter nicht wie mit einem Hund sprechen sollte? «Einige kleine Kinderkrankheiten hat er noch», sagt Lemaitre.

Es ist der zweite Einsatz des dritten uns bekannten Kolins. Der erste, Peter mit Vornamen, starb 1422 als Zuger Landammann auf dem Schlachtfeld von Arbedo. Der zweite, Hauptgewinn am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2019, wurde vor gut einem Jahr geschlachtet. 1,5 Tonnen männliche Schönheit nützten dem viereinhalbjährigen Muni nichts – er wurde zu aggressiv (zentralplus berichtete).

Pandemie macht Plan zunichte

Kolin, das künstliche Kind, stand damals bereits im Einsatz. Als Maskottchen in der Bibliothek Zug war er seit 2019 Sinnbild für die Smart-City-Ambitionen der Stadt und sollte den Kindern die in die Bibliothek kamen, die Möglichkeiten der Robotik praktisch erläutern (zentralplus berichtete).

Die nächste Mission des Dreijährigen fiel der Pandemie zum Opfer. Im vergangenen Herbst hätte er im Rahmen der Sonderschau Smart-City Zug an der Zuger Messe auftreten sollen. Doch diese wurde abgesagt.

Zu teuer zum rumstehen

Für Kolin ist das Coronavirus keine Gefahr. Wurde er deshalb an die Türe des Stadthauses gestellt, um die lebendigen Mitarbeitenden des Empfangs durch seine Arbeit zu schützen? «Natürlich ist es ein praktischer Nebeneffekt, dass der Kontakt mit Kolin berührungslos erfolgt», sagt Lemaitre. Doch man habe es einfach schade gefunden, die rund 20’000 Euro teure Hardware ungenutzt im Büro stehen zu lassen.

In seiner neuen Funktion als städtischer Butler hat man für ihn eine sinnvolle Aufgabe gefunden. Denn zu Stosszeiten drängen zahlreiche Besucher ins Stadthaus. Um neun Uhr morgens etwa beginnen zahlreiche Sitzungen. Ausserdem wollen Bürger Baugesuche einsehen, Ungeduldige warten mit diversen Anliegen darauf, dass Ihnen das Empfangspersonal Aufmerksamkeit schenkt.

Mitgefühl mit Kind

Kolin, das Kind, benachrichtigt die Verwaltungsangestellten, dass ihre Gäste eingetroffen sind, wenn sie ihm den QR-Code zeigen, den sie vorher per Email erhalten haben, und er entlastet so den Empfang.

Es gehe darum, auf spielerische Weise das Potenzial des Serviceroboters auszuprobieren, sagt Lemaitre. Er gibt zu, dass dies nicht bei allen auf breite Zustimmung stosse. Vielleicht hat man dem Modell Pepper der französischen Firma Aldebaran Robotics und der japanischen Softbank Mobile, welches seit sieben Jahren auf dem Markt ist, auch deshalb kindhafte Züge verpasst. Ein unförmiger Automat, ein Cyborg oder ein Robocop würden kaum so fürsorgliche Gefühle auslösen wie der unbeholfene Kolin.

Kolin bringt Zug aufs Podest

Wie auch immer: Wir sinnieren darüber, warum der schneeweisse Roboter ausgerechnet Kolin heisst. Klar: dies steht für ein berühmtes Zuger Geschlecht. Aber die Farbe Weiss hat so überhaupt nichts mit kohlenschwarz zu tun – mit dem «Choli», auf den sich der Name bezieht. Ein Blick ins historische Lexikon hilft weiter. Peter Kolin (gest. 1422) war der Sohn des Heinrich Weiss. Kolin, das Kind bringt die Namensgebung  wieder ins Lot.

Und nicht nur das: Mit seinem Einsatz als städtischer Butler nimmt Zug auch an einem Innovationswettbewerb von SAP teil. Zwar sei es noch nicht klar, welchen Platz man belegen werde, sagt Lemaitre. Aber es zeichne sich ab, dass Zug mit dem Roboterkind Kolin aufs Podest komme.

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3 Kommentare
  1. Marc Mingard, 21.04.2021, 02:29 Uhr

    Ich empfehle ein paar Folgen Black Mirror.
    Der Digitalisierungswahn wird langsam unerträglich.

  2. mebinger, 19.04.2021, 13:01 Uhr

    Unsere Gesellschaft sinkt immer tiefer.Zwischenmenschliches wird zur Gefahr. Schade, dass ich erst 60 bin, wäre ich schon 90, müsste ich diese Gesellschaft nicht mehr lange ertragen

    1. Ueli, 20.04.2021, 10:12 Uhr

      Die Zukunft kommt – ob sie wollen oder nicht, Herr mebinger. Technologische Innovationen sind hier, um uns zu unterstützen. Und wer weiss, vielleicht schätzt man die Damen und Herren hinter den Bürotresen sogar noch mehr, nachdem man mit ‹Kolin› Kontakt hatte.

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