Stadt winkt ab: Luzern wird nicht zum Kleingastro-Eldorado
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Nicht schlecht, dieser Arbeitsort am See: Die «Buvette» auf dem Inseli. (Bild: cha)

Wirte wehren sich vehement gegen Sonderbehandlung Stadt winkt ab: Luzern wird nicht zum Kleingastro-Eldorado

5 min Lesezeit 18.01.2018, 19:03 Uhr

Foodtruck, Kaffeemobil oder ein Glacestand: Kleine Gastrounternehmen kommen in der Stadt Luzern nicht so leicht zu einer Bewilligung für einen öffentlichen Standort. Dem will die SP Abhilfe schaffen und fünf Plätze für kreative Kleinbetreiber freigeben. Doch der Stadtrat hegt Zweifel – stösst die Tür aber ein Stück weit auf. Und erhält von den Wirten Rückendeckung.

Mit einer Kaffeemaschine auf dem Velo die Passanten mit Cappuccino und Espresso versorgen: Das war die Idee der beiden Luzerner hinter «Kaffeekranz». Doch die jungen Betreiber erhielten keine Bewilligung für einen Standort – und kritisierten die Behörden für ihre restriktive Praxis (zentralplus berichtete).

Solch kreativen Jungunternehmern das Leben erleichtern, genau das ist der Plan der SP/Juso-Fraktion im Stadtparlament. Claudio Soldati und Yannick Gauch verlangten mittels Postulat, dass Kleinstunternehmen aus dem Gastrobereich einfacher zu einer Bewilligung kommen. Den beiden schwebten auch schon konkrete Plätze vor: So sollten am Luzernerquai, der Bahnhofstrasse, in der Neustadt, am linken Seeufer und im Bereich Tribschen-Langensand jeweils Abschnitte für sie freigegeben werden (zentralplus berichtete).

Keine neuen Treffpunkte

Doch daraus wird nichts. Denn die gut gemeinte Idee stösst beim Stadtrat auf Skepsis. Er lehnt es ab, für die fünf Standorte interessierte Gastrounternehmer zu suchen. «Das mag restriktiv wirken – und das sind wir tendenziell auch», sagt Stadtrat Adrian Borgula (Grüne), «aber wir wollen keine Übermöblierung und Übernutzung des öffentlichen Grundes.»

«Wir wollen keine Lawine lostrampen, sodass plötzlich 30 Kaffeevelos unterwegs sind.»

Adrian Borgula, Stadtrat Luzern

Luzern registriere sehr viele Anfragen für Verpflegungsstände, denen der Stadtrat aber oft «wenig speziell innovative-kreative Ansätze» abgewinnen könne, wie es in der Antwort auf das Postulat heisst. Die meisten konzentrierten sich auf «konsumfertige Glaces, Sandwiches, Salate, Säfte, Shakes, Crêpes, Süssigkeiten, Kalt- und Heissgetränke, asiatisch geprägte Schnellverpflegung bis hin zu Klassikern wie Fondue, Raclette und Grillgüggeli», schreibt der Stadtrat.

Kurzum: Oft handelt es sich um kommerziell ausgerichtete Geschäfte. «Die meisten wollen auf den Theaterplatz oder in die Altstadt – dort, wo viele Leute unterwegs sind, aber eben auch ohnehin schon viele Nutzungen vorhanden sind», sagt Borgula. Deshalb erteilt die Stadt bislang sehr zurückhaltend Bewilligungen.

Dennoch kommen mobile Stände vor allem während Anlässen – beispielsweise der Fasnacht, dem Luzerner Fest oder dem Blue Balls – zum Zug. Dass hingegen ein Sandwich-Verkäufer oder ein Kaffeemobil einen Sommer lang eine Dauerzusage bekommen hat, gab es laut Borgula bisher nicht. «Wir wollen keine Lawine lostrampen, sodass plötzlich 30 Kaffeevelos unterwegs sind.»

SP-Präsident Claudio Soldati, Stadtrat Adrian Borgula und Gastro-Präsident Patrick Grinschgl (von links).

SP-Präsident Claudio Soldati, Stadtrat Adrian Borgula und Gastro-Präsident Patrick Grinschgl (von links).

(Bild: zvg)

Anders ist es natürlich auf privatem Grund, wo die Stadt nicht mitreden kann. So stand letzten Sommer beispielsweise erstmals eine Gelateria auf dem ideal gelegenen Theaterplatz.

Wirte wollen gleich lange Spiesse

Die Gefahr, überrannt zu werden, ist aber nur ein Grund für die Zurückhaltung gegenüber dem SP-Vorschlag, speziell Start-Ups zu fördern. «Wir müssen alle rechtsgleich behandeln, eine Sonderbehandlung für Klein- und Kleinstunternehmen ist nicht praktikabel», begründet Adrian Borgula. 

«Ein grösseres Unternehmen kann genauso innovativ sein wie ein Ein- oder Zwei-Mann-Betrieb.»

Patrick Grinschgl, Präsident Gastro Region Luzern

Noch deutlichere Worte findet der städtische Gastroverband. «Es ist absurd, das an der Grösse eines Unternehmens aufzuhängen», sagt Patrick Grinschgl, Präsident des Wirteverbandes Gastro Region Luzern. «Ein grösseres Unternehmen kann genauso innovativ sein wie ein Ein- oder Zwei-Mann-Betrieb.»

Die Branche ist einer Lockerung der Praxis aber keineswegs abgeneigt, versichert Grinschgl. «Allerdings brauchen alle gleich lange Spiesse, sodass nicht die etablierten Betriebe auf der Strecke bleiben.» Zwingend wäre laut Grinschgl, dass mobile Stände ebenfalls Toiletten anbieten und ihren Abfall selber entsorgen müssten. Denn genau diese Auflagen müssten Restaurants heute ohne Wenn und Aber erfüllen. «Auf der Terrasse darf man keinen Zapfhahn aufstellen oder ein Spanferkel braten, ohne dass die Behörden reklamieren.»

SP-Präsident sieht keine Probleme

Eine Sonderbehandlung für Kleinstunternehmen – das sieht SP-Präsident Claudio Soldati anders. «Ein Restaurant verliert keine Kunden, wenn jemand unterwegs etwas konsumiert. Das ist ein anderes Klientel.» Deshalb könne er die Sorge der Wirte nur begrenzt nachvollziehen.

«Ein Restaurant verliert keine Kunden, wenn jemand unterwegs etwas konsumiert.»

Claudio Soldati, SP-Präsident

Dass der Stadtrat nicht explizit eine Ausschreibung für die vorgeschlagenen fünf Standorte machen will, bedauert Soldati zwar, kann es angesichts des Aufwandes und der Kosten aber verstehen. Zuletzt haben die Vergabe der Marktstände sowie der Taxiplätze solch aufwendige Verfahren bedingt.

Im Grossen und Ganzen ist Soldati mit der Antwort des Stadtrates zufrieden. «Er hat erkannt, dass die Nachfrage vorhanden ist und die Stadt Jungunternehmern nicht im Weg stehen sollte.» 

Stadt will im Einzelfall liberal entscheiden – und Gastromarkt prüfen

Denn der Stadtrat ist durchaus gewillt, flexibler zu entscheiden. Zurzeit läuft ein umfassendes Projekt namens «Konzept Stadtraum», das alle Plätze der Stadt analysiert. «Es kann durchaus sein, dass wir zum Schluss kommen: Auf diesem Platz könnten wir zwei Dauerbewilligungen für wirklich innovative Angebote ausstellen», sagt Borgula.

«Zu behaupten, wir würden keine Innovationen zulassen, ist nicht zutreffend.»

Adrian Borgula, Stadtrat Luzern

Das gehe man nun aber Schritt für Schritt an. Auch die Idee eines eigenen Marktes für innovative Gastroangebote – ähnlich wie ein Street Food Festival – wird geprüft. Eine Anpassung des Reglements brauche es dafür aber nicht. Das Postulat der SP/Juso-Fraktion nimmt der Stadtrat deshalb teilweise entgegen.

Zudem betont er, dass bereits heute Ausnahmen gewährt werden. «Zu behaupten, wir würden keine Innovationen zulassen, ist nicht zutreffend», sagt Borgula. Als Beispiel nennt er etwa die Buvetten auf dem Inseli oder am Reusszopf sowie das «Streat Food Festival» an der Lindenstrasse, wo sich jedes Jahr kreative Köche präsentieren können.

Dazu kommt: Immer mehr Restaurants expandieren auf die Trottoirs und Plätze vor ihren Türen, beispielsweise beim Helvetiagärtli. Inzwischen zählt Luzern rund 140 Betriebe der sogenannten Boulevard-Gastronomie, die ebenfalls den öffentlichen Raum nutzen (zentralplus berichtete).

Das Streat in der Lindenstrasse (Bild: Micha Eicher)

Das Streat in der Lindenstrasse (Bild: Micha Eicher)

So oder so: Über die Bücher muss der Stadtrat ohnehin. Denn die restriktive Praxis im Umgang mit dem öffentlichen Grund hat schon früher für Kritik gesorgt, allerdings von der anderen Seite. Die Bürgerlichen boxten im November 2017 – gegen den Willen des Stadtrates – eine Motion durch, die ein liberaleres Reglement verlangt. Der zuständige Stadtrat Adrian Borgula kritisierte damals, dass der Vorschlag zu wenig konkret sei. Doch die Kritik verhallte und der Stadtrat muss nun einen Vorschlag erarbeiten. Wie der im Detail aussieht, ist indes noch offen.

Entsprechend hofft der SP-Präsident nun auf die Unterstützung der rechten Ratsseite für sein Postulat. «Wir haben nun einen konkreten Vorschlag, wie man Unternehmen unterstützen kann», sagt Claudio Soldati. «Da erwarte ich, dass sich die Bürgerlichen nicht dagegen wehren.»

Das Stadtparlament entscheidet voraussichtlich am 1. Februar über den Vorstoss. Das letzte Wort ist wohl noch nicht gesprochen.

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