Stadt Luzern enthüllt den Leidensweg des Kino Capitol
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1976 wurde im Kino Capitol Sylvester Stallones Klassiker «Rocky» gezeigt. (Bild: Stadtarchiv / Fotograf unbekannt, ca. 1976 (F2a/STRASSEN/ZENTRALSTRASSE 45))

Von Pioniergeist und «unsittlichen» Aufführungen Stadt Luzern enthüllt den Leidensweg des Kino Capitol

5 min Lesezeit 3 Kommentare 12.10.2021, 20:01 Uhr

In die Luzerner Kinos kehrt langsam wieder Leben ein. Eine weitere Krise scheint überstanden. Und es waren deren einige, wie ein Rückblick der Stadt Luzern zeigt. Mit der Reihe «Ans Licht geholt» beschäftigt sie sich aktuell mit dem Kino Capitol. zentralplus zeigt dir eine Chronik über italienischen Pioniergeist, «sittlich anstössige» Tanzaufführungen und viel Liebe zum Film.

Während der Corona-Pandemie verschwanden die Kinos fast aus unserem Bewusstsein. Mittlerweile erwachen sie allmählich wieder aus dem Dornröschenschlaf, nicht zuletzt auch dank Ian Flemings Geheimagent James Bond. Das gilt auch für die Lichtspielhäuser der Leuchtenstadt. Denn im Kino Capitol am Bundesplatz läuft der 25. Einsatz von 007 derzeit in drei von sechs Sälen.

Bond und Kino sind eine ziemlich krisensichere Langzeitbeziehung. Fast scheint es, dass es ohne den einen das andere nicht geben könnte. Und doch: Als der Ur-Bond 1962 das Licht der Welt erblickte, war das Capitol bereits ein «alter Hase» im Kinogeschäft, wie ein bebilderter Rückblick der Stadt Luzern beweist.

Unter dem Namen «Ans Licht geholt» beleuchtet sie in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv mittels Bildstrecken die Geschichte hinter stadtbekannten Gebäuden. In der aktuellen Ausgabe steht das blue cinema Capitol im Vordergrund.

Für 50 Rappen ins Kino

Reisen wir also zurück in eine Zeit, als sich die Preise einer Eintrittskarte zwischen 50 Rappen und 3 Franken bewegten: ins Jahr 1928. In der Stadt Luzern machen Handzettel die Runde. Darauf angekündigt: ein weiteres «Grand Cinema». Der Name gibt Aufschluss darüber, wer hinter dem Unterfangen steht, denn knapp acht Jahre davor wurde das «Grand Cinéma Moderne» an der Pilatusstrasse eröffnet (zentralplus berichtete) – von den Gebrüdern Morandini aus Italien.

Die Morandini waren bedeutende Akteure im Luzerner Kinowesen und eröffneten 1908 mit dem «Kinematograf Pathé» an der Pilatussstrasse 34 das erste Lichtspielhaus in der Stadt – unter einigen Mühen, denn der Stadtrat und der Regierungsrat waren von dieser neumodischen Technologie alles andere als angetan. Nach dieser ersten Eröffnung schossen jedoch in den Folgejahren in der ganzen Stadt weitere Kinos aus dem Boden. In einigen davon hatten auch die Morandini ihre Finger im Spiel, ihr nächster grosser Streich sollte aber das neue Kino am Bundesplatz sein.

Bei der Ankündigung und selbst bis zur Baueingabe 1930 war das neue «Grand Cinéma» noch namenlos. Auf dem Baueingabeplan von 1930 stand provisorisch noch «Colosseum Kino» – in Anlehnung an den halbrunden Anbau, der in der Stadt später den Übernamen «Cervelat-Palast» erhalten würde – ob wegen der Form oder der Farbe ist nicht bekannt – und den Bundesplatz bis heute prägt.

Betrieb war der Polizei zu «unsittlich»

Bis an der Zentralstrasse 45 allerdings die Projektoren angeworfen wurden, zogen noch ein paar Jahre ins Land. Denn ganz geschmeidig lief der Bau des Gebäudes nicht. Teuerungen und Budgetüberschreitungen sorgten dafür, dass die Bauarbeiten zeitweilig gar eingestellt werden mussten.

Am 9. Februar 1932 war es dann so weit und das «Grand Cinéma Capitol» – so der offizielle Name – wurde von den Gründerbrüdern höchstpersönlich mit einem Harmonika-Ständchen auf der Kinobühne eröffnet. Der erste Film flackerte am folgenden Wochenende, dem 13. Februar, über die Leinwand – eine «musikalische Filmkomödie» aus Deutschland mit dem Titel «Der kleine Seitensprung», wie der damaligen Programmkarte zu entnehmen ist.

Im Capitol wurden damals nicht nur Filme gezeigt, die Räumlichkeiten dienten auch als Schauplatz für Varieté-Vorstellungen, was stellenweise für Empörung sorgte. Wie ein Schreiben der Stadtpolizei aus dem Jahr 1938 belegt, wurden die Vorstellungen der «Revue Folies Bergère» wegen Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit verboten. Dies, weil sich die französische Tanztruppe nicht an die Vorschriften über «Bekleidung und Kostümierung» hielt und damit «grossen sittlichen Anstoss» erregte.

Aus eins mach sechs

Bis in die 1990er-Jahre blieb das Capitol – analog zum Moderne – ein klassisches Einsaalkino. Aber eines mit beachtlichen Ausmassen. Ganze 1’128 Personen fanden im Saal und auf dem Balkon Platz, somit zählte das Capitol lange Zeit zu den grössten Kinosälen der Schweiz.

Bei einem Umbau wurde aus dem einzelnen Saal schliesslich ein Multiplexkino. Der Balkon wurde aufgeteilt und bildet heute die kleineren Säle 2, 3 und 4. Im Untergeschoss wurden mit den Sälen 5 und 6 noch weitere Räumlichkeiten eingebaut, in denen heute auch 3D-Filme abgespielt werden können. Gesamthaft bietet das Kino inzwischen Platz für rund 860 Personen.

Das «Grand» ist weg, das «Cinéma» bleibt

Wir sind zurück in der Gegenwart. Das Kino Capitol gibt es immer noch, hat einen Weltkrieg, diverse Inhaber und eine ganze Bandbreite von Kinoflauten überstanden. Und den Autor als langjährigen Mitarbeiter. Der Glanz früherer Tage ist allerdings etwas verblichen.

Heute findet sich das Kino zwischen einer Dönerbude und der Capitol-Bar und läuft unter dem Namen blue cinema Capitol, ganz ohne «Grand Cinéma». Auch den Tearoom, der einst im ersten Obergeschoss zum Verweilen einlud, gibt es nicht mehr, er dient mittlerweile als Bürofläche für eine Personalberatung. Ob das Kino schadlos aus der Pandemie herauskommen wird, muss sich zwar noch zeigen, aber wie beim Kollegen Bond scheint auch in der Luzerner Kinolandschaft noch nicht alles Pulver verschossen zu sein.

Die Bilder aus den Frühjahren des «Grand Cinéma Capitol» wurden vom Stadtarchiv Luzern im Hinblick auf den Welttag des audiovisuellen Erbes am 27. Oktober veröffentlicht.

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3 Kommentare
  1. mvonrotz, 14.10.2021, 10:45 Uhr

    Tolle Reportage – man hätte vielleicht noch den Luzerner Kino «Pionier» Egger kurz erwähnen können :-). Meine ersten Kontakte mit dem Capitol waren die Kinder-Vorstellungen am Mittwoch Nachmittag. Der erste richtige Film an den ich mich erinnere ist eine Reprise von «Ben Hur» so Ende 70er Jahre.

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  2. Heinz, 13.10.2021, 10:26 Uhr

    …und in den 60er Jahren waren auch Konzerte im Capitol. Ich sah damals den jungen Udo Jürgens live auf der Bühne. „Merci Chérie“ war sein Hit. Sein Autogramm habe ich noch immer😊.

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  3. Bürkli, 13.10.2021, 09:10 Uhr

    Ich liebe eure Beitragsserie mit alten Fotos aus Luzern. Einfach spannend zu sehen, wie die Stadt früher aussah.

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