Sport
Zugs Meistermacher kehrt in seine Stadt zurück

Warum Simpson den EVZ-Captain «Cam» taufte

Zugs Meistermacher Sean Simpson (vorne) kehrt als Berater von Fribourg in den Fokus des Schweizer Eishockeys zurück. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Sie haben jahrelang beim EV Zug zusammengearbeitet und mit der Schweiz 2013 WM-Silber geholt: Sean Simpson (59) hat als Cheftrainer der schönen Karriere von Zug-Captain Raphael Diaz Starthilfe geleistet. Am Freitag kehrt Simpson als Berater von Fribourg an die gegnerische Bande zurück.

Aus den Augen haben sie sich nie verloren, auch wenn sie schon ein paar Jahre nicht mehr beruflich miteinander zu tun hatten. Aber sie sind sich in Zug bisweilen über den Weg gelaufen und haben stets die Gelegenheit ergriffen, alte Zeiten zu neuem Leben zu erwecken. «Wir schätzen uns sehr und amüsieren uns jeweils köstlich über Geschichten aus vergangenen Tagen», sagt Raphael Diaz.

Schliesslich haben sie gemeinsam auch viel erlebt. Als Sean Simpson 2003 aus der höchsten Liga Deutschlands nach Zug zurückkehrte, war beim EVZ nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Fünf Jahre zuvor hatte der englisch-kanadische Doppelbürger den Verein zum erstmaligen Gewinn der Meisterschaft geführt und den Klub am Ende der darauffolgenden Saison verlassen.

Aber Zug war kein Titan mehr in der Liga wie noch in den Jahren des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Spätestens mit der öffentlichen Brandmarkung der damaligen Leistungsträger André Rötheli, Patrick Sutter, André Künzi und Dino Kessler als EVZ-«Viererbande» im Jahr 2001 begann der sportliche Kriechgang.

Simpson erkannte das Talent von Diaz

Just in die Zeit von Simpsons zweitem Engagement als Cheftrainer endete der Aufstieg eines der grössten Talente, das der EVZ bislang herausgebracht hatte. «Er war mein erster Coach bei den Profis überhaupt. Ich war 17 und kurvte noch mit einem Gitter vor dem Gesicht herum», erinnert sich Diaz. «Simpson hat mich mit dem damaligen Nachwuchschef Leo Schumacher ausgebildet, er hat mir Vertrauen geschenkt und mich von Anfang an regelmässig eingesetzt.»

Die gemeinsame Zeit beim EVZ, die 2008 endete, war dadurch gekennzeichnet, dass es Simpson gelang, den Verein seines Herzens sportlich zu stabilisieren und schrittweise wieder an die Elite des Landes heranzuführen. Schon zum damaligen Zuger Team gehörte übrigens auch der in diesen Tagen und Wochen rekonvaleszente Stürmer Fabian Schnyder.

Spitzname von einer Schauspielerin entlehnt

Die ersten Schritte im Profi-Sport brachten Diaz eine Anekdote ein, über die er mit Simpson noch immer gerne lacht. «Als ich erstmals das Büro des Cheftrainers im damaligen Herti-Stadion betrat, rief er mir zu: ‹Hey Cameron› in Anlehnung an die gleichnamige US-Schauspielerin und brüllte schallend drauflos.» Von da an war Diaz, der Sohn eines Spaniers und einer Schweizerin, getauft. «Im Team riefen mich alle nur noch ‹Cam›.»

Sean Simpson war sein erster Förderer – heutzutage verkörpert Raphael Diaz seinen Stammverein EVZ. (Bild: Daniela Frutiger/freshfocus)

Heute ist das nicht mehr so, Diaz ist inner- und ausserhalb des EV Zug eine angesehene Persönlichkeit geworden. Der spielstarke Verteidiger bestritt über 200 Spiele in der National Hockey League in Übersee, holte 2018 ein zweites Mal WM-Silber mit der Nationalmannschaft und ist als Captain so etwas wie die Personifizierung des EVZ.

Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. «Simmer», wie sein früherer Förderer in Hockey-Kreisen gerufen wird, nenne ihn heute als einer der wenigen noch immer Cam. «Und er ist auch noch stolz darauf, mir diesen Spitznamen verpasst zu haben», erzählt Diaz.

Der glänzende Unterhalter

Simpson erreichte mit seinem Wesen und Wirken als Hockey-Lehrer den Zenit, als er 2010 nach zwei erfolgreichen Saisons bei den ZSC Lions den Job von Ewig-Trainer Ralph Krueger bei der Schweizer Nationalmannschaft erbte. Der Erfolg stellte sich später bei Lokomotive Jaroslawl in der KHL (2014), bei den damaligen Kloten Flyers (November 2014 bis zur Vertragsauflösung 2016) und den Adlern Mannheim (2016 bis Dezember 2017) nicht mehr ein.

Simpson kehrte ein paar Monate nach seiner Entlassung nach Zug zurück. In diesem Kanton hatte er schon Jahre zuvor ein Haus für sich und seine Familie erworben, hier fühlt er sich zu Hause.

«Simmer ist ein extrem ehrgeiziger Fachmann, der Eishockey mit jeder Faser liebt und lebt.»

EVZ-Captain Raphael Diaz

Während der EVZ seine Heimspiele in der letzten Saison austrug, war Simpson gelegentlich in der Zigarrenbar im neu errichteten Wohnquartier an der Strasse gegenüber der Bossard-Arena anzutreffen. Dort präsentierte sich der Mann, von dem die Öffentlichkeit das Trugbild eines grimmigen Zeitgenossen im Kopf hat, in seiner Lieblingsrolle als glänzender Unterhalter. Simpson hat einen grossartigen Sinn für Humor. Er braucht nun wirklich nicht runter in den Keller zu steigen, um wieder mal herzhaft zu lachen.

Simpson erfindet sich neu

Seit dem 20. Oktober dieses Jahres steht der gewiefte Taktiker wieder in Lohn und Brot auf höchster Stufe im Schweizer Eishockey. Der Job als Berater, den er an der Seite von Fribourgs Sportchef und Cheftrainer Christian Dubé ausfüllt, mag aussergewöhnlich sein.

Aber er gibt Simpson die Chance, sich im Herbst seiner Trainer-Karriere neu zu erfinden. Er braucht nicht mehr die Hauptlast der sportlichen Verantwortung zu tragen. Als Cheftrainer konnte er, gefangen in den Emotionen nach einem Wettkampf, jeweils aufbrausend und ungeniessbar werden, wenn ihm eine Frage in den falschen Hals geriet. Als Berater hingegen kann Simpson bis zum Saisonende seine entspannte Seite ins Schaufenster stellen.

«Simmer ist ein extrem ehrgeiziger Fachmann, der Eishockey mit jeder Faser liebt und lebt. Darum ist es richtig cool, eine solche Persönlichkeit wieder zurück an der Bande im Schweizer Eishockey zu haben», findet Diaz.

Als Simpson mit seiner Arbeit in Fribourg anfing, setzte es zunächst zwei Niederlagen für den damaligen Tabellenletzten ab. Doch jüngst wendete sich das Blatt: Gegen die mit dem EVZ meistgenannten Titelanwärter Lausanne und Bern resultierten zwei Siege.

Cam Diaz sagt: «Ich freue mich sehr auf das Wiedersehen mit Simmer in unserem Stadion», um gleich anzumerken: «Aber die Punkte bleiben in Zug.»

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