Vom Traktor an die Trommel

Zehn Liter Bier pro Tag: So erlebt Luzerner Nati-Fan die EM

Symbolbild: Die Fans der Schweizer Nati peitschen ihre Mannschaft nach vorne. (Bild: Cyriac Schnyder/SFV)

Die Schweizer Nati darf bei ihren EM-Spielen auf die lautstarke Unterstützung Tausender Fans zählen. Den Takt gibt ein Trommler aus dem luzernischen Hohenrain an. Gegenüber zentralplus erzählt er von seinem strapaziösen Aufenthalt in Deutschland.

«Gegen die Deutschen wirds ein 1:1 geben», tippt Filip U. Doch insgeheim hofft der Trommler der Schweizer Fankurve, der seinen richtigen Namen nicht online lesen will, im letzten Spiel der Gruppenphase auf drei Punkte.

Chancen rechnet er sich auch auf einen Sieg auf den Rängen aus. Gegen die Schotten seis «verdammt schwierig» gewesen. Weil deutlich mehr Schotten im Stadion waren. Und wegen derer Singfreudigkeit. Die Deutschen schätzt der 22-Jährige weniger laut ein.

Angetrunkene Fans singen lauter

Der Hohenrainer blickt vor dem Spiel gegen Deutschland auf bewegte Tage zurück. Auf das geglückte Auftaktspiel gegen Ungarn etwa. 12’000 Schweizerinnen sollen im Stadion gewesen sein – und das 3:1 gefeiert haben. «So gut war die Stimmung gefühlt seit Jahren nicht mehr», schwärmt U., «das war Hühnerhaut pur, unbeschreiblich.»

Der Lärmpegel in der Fankurve, da ist sich U. sicher, hätte auch mit dem Alkoholpegel korreliert. Weil viele Fans schon gut angetrunken im Stadion angekommen seien, sei die Stimmung besser gewesen als etwa bei einem Nati-Spiel unter der Woche auf der Luzerner Allmend.

Im Anfang war der FCL

Nach einer durchzechten Woche mit – wie er selbst vorrechnet – zehn Litern Bier pro Tag hat U. langsam genug vom Alkohol. Am Montag reise er nach Hause – und werde für ein Weilchen nichts mehr trinken, wie er versichert. Dann würden auf der Rechnung fürs Zmorge mit einem Kumpel auch nicht mehr 37 Kölsch stehen.

Als Filip U. zum ersten Mal ein Fussballstadion von innen gesehen hat, trank er noch Sirup. Mit fünf nahm ihn sein Götti mit an einen FCL-Match. Seither ist er regelmässig auf der Allmend anzutreffen.

Zu Hause vor dem Fernseher, erinnert sich U., hätte er als kleiner Bub auch die Länderspiele der Schweizer Nati verfolgt – und sei schon damals äusserst nervös auf dem Sofa herumgerutscht.

Vom Traktor an die Trommel

Wenn der Hohenrainer nicht am FCL-Match ist oder der Schweizer Nati hinterherreist, besucht er die Berufsschule und macht die Lehre zum Landwirt. Der gelernte Maurer soll dereinst den Hof der Familie übernehmen. Dort hilft er heute schon regelmässig aus.

Angepackt hat U. auch, als der Verein Fankurve Schweiz damit begann, die Stimmung an den Spielen der Schweizer Nationalmannschaft zu orchestrieren. Trotz Megafon wollte dies aber nicht so recht gelingen. U. beobachtete die Szenerie, als er vor vier Jahren mit Freunden zum ersten Mal ein Nati-Spiel besuchte. Und ging auf die bald etwas frustrierten Männer zu. «Ihr braucht einen Trommler, sonst wird das nichts», habe er ihnen gesagt.

Beim nächsten Match stand U. an der Trommel. Er hatte als Kind Schlagzeugunterricht genommen und spielte jahrelang in der Guuggenmusig Burgschränzer Honeri. Dass die Fankurve Schweiz endlich einen Trommler hatte, sorgte für Begeisterung. «Mir wurde ein Bier nach dem anderen spendiert», erzählt U.

Mit Stucki und den Schotten im Pub

So dürfte es auch Christian Stucki ergangen sein, als er nach dem Unentschieden zwischen der Schweiz und Schottland in einem Kölner Pub einkehrte. Dort lieferten sich Filip U. und seine Freunde mit schottischen Fans ein von Fangesängen begleitetes Gelage – dem sich auch der Schwingerkönig von 2019, Christian Stucki, angeschlossen hatte.

Die im Pub angestimmten Lieder – es waren dieselben, welche die Fans der Schweizer Nati schon vor zehn Jahren angestimmt hätten. Neue, komplexere Lieder einzuführen, sei schwierig, erklärt U. «Anders als beim FCL, wo dieselben Leute Woche für Woche ins Stadion pilgern und fast alle, die in der Kurve stehen, mitsingen, fehlt bei der Nati die Konstanz.»

So sorgten beim Testspiel gegen Estland, das wenige Wochen vor der EM in der Swissporarena stattfand, rund hundert eingefleischte Nati-Fans für etwas Stimmung. Vom Rest sei wenig bis gar nichts gekommen, so U.

Keine Pyrotechnik im Stadion – aber ein Lied darüber

Doch wer nicht nur Augen und Ohren für das Spiel auf dem Rasen hat, sondern gern auch mal beobachtet, was auf den Rängen passiert, dürfte im Repertoire der Nati-Fans ein neues Lied entdeckt haben. In Deutschland als eine der inoffiziellen EM-Hymnen seit Wochen in aller Munde, erklingt der Ballermann-Hit «Pyrotechnik (ist doch kein Verbrechen)» nun auch aus den Kehlen der Schweizer Fussballfans.

Doch gezündet werde bei Spielen der Schweizer Nationalmannschaft nie. «Viele Fans hätten dafür wohl wenig Verständnis», sagt U. Bei den Fanmärschen zündeten Mitglieder der Fankurve Schweiz aber immer wieder Fackeln und Rauch.

Doch nicht nur hinsichtlich der Verstösse gegen das Sprengstoffgesetz unterscheidet sich die Fankurve Schweiz von Kurven wie derjenigen des FC Luzern, wo die Ultras das Sagen haben. Auch das Alter der tonangebenden Fans sei höher, so U. Familienväter nähmen ihre Kinder mit in die Kurve, es sei ein ganz anderes Miteinander.

Die Schweizer Nati und der Patriotismus

Das Miteinander wird auch durch den Patriotismus gestärkt. «Wenn du die Schweiz nicht feierst, fährst du wahrscheinlich auch nicht an einen Nati-Match. Bisschen Patriotismus braucht es dafür wohl schon», sagt Filip U. Doch auch für den Lokalpatriotismus hat es an der EM in Deutschland Platz. So hofft U., dass der im FC Luzern ausgebildete Ardon Jashari noch zu Einsatzminuten kommen wird.

Ob Jashari – wie schon an der WM in Katar – auch an der EM in Deutschland zum Einsatz kommen wird, ist derzeit noch unklar. (Bild: instagram.com/ardonjashari)

Klar ist: Damit U. nach dem Deutschland-Spiel nochmals zu Einsatzminuten kommt, muss die Schweiz in den Viertelfinal kommen. Denn den Achtelfinal verpasst er, weil seine Freundin ihn in die Ferien eingeladen hat. So bleibt für die mit der Schweizer Nati mitgereisten Fans zu hoffen, dass sie auch ohne ihren Trommler im Takt und somit die Chancen für einen Sieg auf den Rängen intakt bleiben.

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Filip U., Trommler und Fan der Schweizer Nati
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