Sport
Luzerns Cupfinaltrumpf und Publikumsliebling

Frei Schnauze: Wie FCL-Goalie Marius Müller der wurde, der er ist

Der Lautsprecher in einem leisen Team: FCL-Goalie Marius Müller brüllt vor den Augen von Teamkollege Simon Gretber und YB-Offensivspieler Marvin Spielmann heraus, was ihm missfällt. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

Überdurchschnittliches Talent, unbedingter Siegeswille und unmissverständliche Ansagen: Nicht alles wurde Marius Müller (27) in die Wiege gelegt. Der mit einem Vertrag bis 2022 ausgestattete Goalie ist der einzige FCL-Spieler, der im aktuellen Kader unersetzbar ist. Vor dem Spiel seines Lebens am Pfingstmontag in Bern sagt er: «Wir holen den Pott nach Luzern.»

Er hat ihm imponiert, der legendäre Oli Kahn. Also lief Marius Müller in seiner Jugendzeit gerne mit dem Trikot des deutschen Welttorhüters herum. Bayerns achtfacher Meistergoalie stand für starke Leistungen und Brandreden. «Du kannst dich aber nur hinstellen und deine Meinung sagen, wenn die Leistung stimmt. Sonst machst du dich lächerlich», weiss Marius Müller und erinnert sich mit einem Schmunzeln daran, dass Oli Kahn bei einem TV-Interview immer in die rechte obere Ecke der Kamera geschaut habe.

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Auch Marius Müller hat sofort geliefert und das jahrelange Goalieproblem vergessen gemacht, als der Hesse im Sommer 2019 beim FCL anheuerte, seiner ersten Karrierestation im Ausland. Und er hat in einer Mannschaft von Leisetretern sofort Verantwortung übernommen. Er ist so etwas wie ein «Oli Kahn light» für den FC Luzern geworden.

Im heiligen Zorn vor die TV-Kamera

Für nationales Aufsehen sorgte Marius Müller mit seiner Persönlichkeitsstruktur kurz vor der letzten Weihnacht. Nach dem 1:2 in Lausanne marschierte der FCL-Goalie in heiligem Zorn vor die TV-Kamera und fragte: «Habt ihr nur einen guten Schiedsrichter in der Schweiz?» Er kritisierte bis zu sieben Fehlentscheide in kürzester Zeit und regte sich darüber auf, dass die Spielleiter gleich mit gelben Karten um sich werfen würden, wenn er sich beschwere.

«Ich wollte klarmachen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen.»

FCL-Goalie Marius Müller

Gleich zu Beginn dieses Jahres wurde das von der Liga gegen ihn eingeleitete Verfahren eingestellt. Gut vier Monate später sagt Marius Müller: «Ich würde es wieder tun, aber eine andere Tonart wählen.»

Dahinter steckt nicht Unbelehrbarkeit, keinesfalls. «Ich sah mich in der Pflicht, mich vor das Team zu stellen. Ich wollte klarmachen, dass wir uns nicht alles gefallen lassen», hält er fest.

Von den Spielleitern in Ruhe gelassen

Um einem Missverständnis vorzubeugen, sagt Marius Müller, dass es nicht in seinem Naturell liege, zu polarisieren. «Aber ich kann in dieser Situation ja nicht Silvan Sidler damit beauftragen, er solle sich jetzt mal vor die Medien hinstellen und einen raushauen.»

Mit den Schiedsrichtern sollte der Luzerner Schlussmann fortan keine Probleme bekommen. Er sei nie auf sein TV-Interview angesprochen worden, sagt Marius Müller. Dass er nicht zur Zielscheibe von Retourkutschen wurde, zeigt auch die Tatsache, dass er an jenem 20. Dezember in Lausanne seine dritte und letzte gelbe Karte in dieser Meisterschaft gezeigt bekam. Das spricht ein Stück weit für die Kritikfähigkeit der Unparteiischen.

«Was einen stört, wird offen gesagt.»

Stattdessen hat Marius Müller positive Reaktionen selbst von Fussballfans, die nicht den FC Luzern im Herzen tragen, auf seine Schiedsrichterkritik erhalten. «Ich wollte nichts erreichen mit meinen Worten, ich habe in diesem Moment nur meine Gedanken fliessen lassen», sagt er.

Eine Begegnung, die alles auf den Kopf stellte

Selbstbewusst sagen, was man denkt: Das hat Marius Müller in der Erziehung von seinem Elternhaus mitbekommen. Und das lebt er mit seiner Frau Vivien und Söhnchen Levi Romeo weiter. «Was einen stört, wird offen gesagt. Da kann es schon mal vorkommen, dass man zehn Minuten schmollt. Aber dann ist gut und weiter geht's», sagt der 27-Jährige.

Den unbedingten Siegeswillen hat er sich hingegen aneignen müssen. Als Jugendlicher sei er nie ehrgeizig gewesen, erzählt Marius Müller, «mir war eher alles ziemlich egal». Sein Vater habe ihn im Wissen darum, wie er funktioniere, jeweils für zwei Aktionen gelobt, aber auch für eine andere kritisiert. Um ihn anzustacheln.

Im Alter von 17 durfte er erstmals mit den Profis von Kaiserslautern mittrainieren, und da kam er in Kontakt mit Deutschlands Goalietrainerlegende Gerry Ehrmann (zentralplus berichtete). Es sollte eine Begegnung werden, die alles auf den Kopf stellte.

Ehrmann packte die Dosenwerfer am Kragen

«Gerry Ehrmann ist wie ein zweiter Vater für mich. Wir stehen nach wie vor in Kontakt», sagt Marius Müller. Es war Ehrmann, der ihm den unbedingten Siegeswillen beibrachte.

Müller wird wohl nie mehr vergessen, wie sein Goalievater schnurstracks eingeschritten ist, als er 2017 von Red Bull Leipzig nach Kaiserslautern zurückgekehrt ist. «Zwei Fans haben mich mit Red-Bull-Dosen beworfen. Gerry Ehrmann las den Müll auf, packte die beiden am Kragen und machte ihnen lautstark klar, dass sie nie mehr dazu in der Lage wären, Dosen zu schmeissen, wenn sie das nochmals täten.»

«Ich will immer gewinnen. Das ist der Grund, warum ich spiele.»

Eine prägende Szene, die Müller zur Persönlichkeit formte. Seither setzt er sich umso mehr für seine Teamkollegen ein. In der Überzeugung, dass «deine Teamkollegen alles für dich machen, wenn du ehrlich bist».

Seither muss Ehefrau Vivien mit seinem Ehrgeiz, immer gewinnen zu wollen, klarkommen. Das gilt selbst fürs Yahtzee, ein Würfelspiel, im privaten Rahmen. «Ich will immer gewinnen. Das ist der Grund, warum ich spiele.» Seine Frau habe ihn deshalb auch schon angefahren, dass sie hier nicht auf dem Fussballplatz seien, erzählt Marius Müller schmunzelnd.

Vor dem Spiel seines Lebens

Am Pfingstmontag spielt er mit den Luzernern um die Cupfinaltrophäe in Bern. Noch nie ist Marius Müller in einem Endspiel gestanden und bezeichnet es darum als «Spiel meines Lebens». Die Zielsetzung ist klar. Er formuliert sie so: «Wir gehen hin, um den Pott für uns und unsere Fans in die Stadt Luzern zu holen.»

Er erzählt, wie sein Trainer Fabio Celestini zu einem psychologischen Trick gegriffen hat: «In unserem Kabinengang hängen Jubelbilder von 1992.» Als letztes steht da ein leerer Rahmen mit der Bezeichnung 2020/21. «Da will ich nächstens unser Bild hängen sehen.»

Frei nach dem Motto: 29 Jahre ohne Titelgewinn sind genug.

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