Teil 1: St. Galler Fans kritisieren Luzerner Polizei

Knapp an Massenpanik vorbei: Eskalation am Bundesplatz

Im Nachgang zu den Ausschreitungen am Bundesplatz gehen die Erzählungen der St. Galler Fans und die der Luzerner Polizei stark auseinander. (Bild: Symbolbild: Adobe Stock)

Im Nachgang des FCL-Heimspiels am 20. Mai kam es am Bundesplatz und an der Zentralstrasse zu heftigen Ausschreitungen. Aus Sicht der Gästefans aus St. Gallen trägt die Luzerner Polizei eine Mitschuld am Ausmass der Eskalation. Die Polizei weist die Kritik zurück. Dieser erste Teil des Artikels dreht sich um die Vorgänge am Bundesplatz. Teil 2 folgt im weiteren Verlauf des Tages.

Es sind happige Vorwürfe, die Fans des FC St. Gallen gegen die Luzerner Polizei erheben. Unverhältnismässig sei der Einsatz am 20. Mai gewesen. Nur durch ein Wunder sei es an der Zentralstrasse nicht zu einer Massenpanik gekommen.

Doch der Reihe nach. Weil bereits im Vorfeld der Partie zwischen dem FCL und dem FCSG klar war, dass die Fans aus der Ostschweiz zahlreich anreisen würden, reichte der FC Luzern bei der Stadtverwaltung für die Gästefans ein Gesuch um Bewilligung eines Fanmarsches ein. Denn: Die VBL kann den Transport grösserer Fangruppen vom Bahnhof Luzern zum Stadion auf der Allmend aus logistischen Gründen nicht stemmen. Der Fanmarsch wurde bewilligt.

Bereits vor Ankunft der St. Galler in Luzern kam es in Wil SG zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fanlagern. Die St. Galler Fanarbeiterin Fabienne Fernandes sagt: «Die Fanarbeit St. Gallen hat die Stimmung als aufgeheizt wahrgenommen.» Doch die Erzählungen dazu, wie und wieso sich die Eskalation am Bundesplatz und in der Zentralstrasse abspielte, gehen auseinander.

Zum Anfang decken sich die Aussagen

Nach dem Spiel begaben sich die rund 1’600 Fans des FC St. Gallen zu Fuss zurück zum Bahnhof Luzern. «Wir wurden getrieben wie eine Viehherde. Vom Stadion bis zum Bahnhof», lautet ein Vorwurf der St. Galler Fanorganisation «Dachverband 1879». Auf dem Rückweg zum Bahnhof sei es zu Sachbeschädigungen und Sprayereien gekommen, teilte die Polizei ihrerseits mit (zentralplus berichtete). Via Tribschenstrasse und Langensandbrücke gelangte der Fanmarsch der St. Galler zum Bundesplatz, wo sich auch die Zone 5, das Fanlokal der FCL-Fans, befindet. Im Nachgang erklärte die Luzerner Polizei, weshalb sie auch künftig an dieser Route festhalten werde (zentralplus berichtete).

«Wir verurteilen den Fackelwurf aufs Gröbste. Das war der Auslöser.»

Vertreter der St. Galler Fanorganisation «Dachverband 1879»

Bis zur Ankunft der ersten Ostschweizer am Bundesplatz decken sich die Aussagen der Luzerner Polizei mit den Schilderungen zahlreicher St. Galler Augenzeugen sowie der St. Galler Fanorganisation «Dachverband 1879». Vor der Zone 5 standen die FCL-Fans, auf der Langensandbrücke die FCSG-Fans und dazwischen die Polizei. Eine Fackel flog aus dem St. Galler Block über die Polizisten hinweg mitten in die Menge der FCL-Fans hinein. Dann eskalierte die Situation.

Teil 1.1: Situation am Bundesplatz aus Sicht des «Dachverband 1879»

Vor dem Aufeinandertreffen der Fans hätten sich mehrere Hundert Luzerner Fans hinter der Polizei in Position gebracht und vermummt, erzählt ein Vertreter des «Dachverband 1879» am Telefon. «Uns wurde zudem im Verlauf des Spiels schon mitgeteilt, dass die Polizei mit Gummischrot und Tränengas am Bundesplatz parat stehe. Es war quasi angerichtet», fährt der Fan fort. Zugegen war auch ein St. Galler Polizist, der die St. Galler Fans wie üblich nach Luzern begleitete. Er war offenbar der Meinung, die Konfrontation sei absehbar gewesen. Die Luzerner Polizei hätte genug Zeit gehabt, den Bundesplatz zu räumen, bevor die St. Galler Fans diesen überhaupt betraten.

«Zu einer Auseinandersetzung gehören immer zwei – und in diesem Fall leider drei.»

St. Galler Fan zum übermässigen Einsatz von Gummischrot der Luzerner Polizei

Darüber, warum es zur Eskalation kam, bezieht der «Dachverband 1879» klar Stellung: «Wir verurteilen den Fackelwurf aufs Gröbste. Das war der Auslöser.» Gleichzeitig bezeichnet der Fan die Reaktion der Luzerner Polizei als «absolut unverhältnismässig».

Teil 1.2: Situation am Bundesplatz aus Sicht St. Galler Augenzeugen

Ein St. Galler Augenzeuge soll ebenfalls mittendrin gewesen sein, als es am Bundesplatz knallte. Es sei bekannt, dass die Luzerner Polizei immer besonders aggressiv reagiere. «Ich glaube, dass es derart eskaliert ist, weil die Polizei so aggressiv auf Unschuldige losgegangen ist. Sie hätte niemals wahllos in die Menge schiessen dürfen», schreibt der Fan. Er resümiert: «Zu einer Auseinandersetzung gehören immer zwei –  und in diesem Fall leider drei.»

Dass es am Bundesplatz wüst zu- und herging, zeigt das Video eines zentralplus-Leserreporters. Doch Augenzeugen zufolge soll es auch am hinteren Ende des Fanmarsches zu unschönen Szenen gekommen sein. Während sich der harte Kern der Szene im Normalfall an die Spitze des Fanmarsches begibt, befinden sich im hinteren Teil meist Familien, Kinder und Betrunkene, die aufgrund ihres Alkoholpegels nicht mehr wirklich gut vorankommen.

Ein weiterer St. Galler Augenzeuge erzählt, wie er ebendort auf die Polizei zugegangen sei. «Ich habe gefragt, ob Eltern mit Kindern zurück über die Langensandbrücke gehen dürfen – raus aus dem Hagel aus Fackeln, Wurfgegenständen und Gummischrot.» Schroff sei die Antwort ausgefallen. «Kinder sind mir egal», soll ein Polizist gesagt haben. «Noch ein Schritt oder Wort und ich schiesse auf Sie», ein anderer. Der unfreundliche, grobe Umgang mit Familien und anderen friedlichen Fans findet in den Augenzeugenberichten immer wieder Erwähnung.

Ein weiterer Fan erlebte im hinteren Teil des Fanmarsches offenbar Ähnliches: «Bei uns waren viele aufgelöste Frauen und Familien, die dem Ganzen aus dem Weg gehen wollten.» Jedoch habe die Luzerner Polizei sie weiter Richtung Bundesplatz gedrängt, wo Gummischrot und Pyros herumgeflogen seien, so der Fan weiter. «Dabei wurde per Megafon gedroht, auf uns völlig Unschuldige würde geschossen, wenn wir nicht spurten.»

Gummischrot: umstritten und im Ausland verboten

Der «Dachverband 1879» bestätigt: «Als es eskaliert ist, wollten sich Familien mit Kindern hinten raus retten.» Doch es habe keinen Fluchtkorridor gegeben: Nirgends hätten sie sich schützen können, so die Schilderung der Fanorganisation. «Von hinten wurde Druck auf die Menschenmenge ausgeübt. Es ist auch von hinten in die Menge geschossen worden.»

«Der Vorwurf der besonders aggressiven Luzerner Polizei kommt regelmässig von Personen, die rund um Fussballspiele Gewalt ausüben.»

Christian Bertschi, Kommunikationschef der Luzerner Polizei

Mehrere St. Galler Fans, die sich als «gemässigt» oder «unbeteiligt» bezeichnen, berichten von Gummischrotverletzungen – auch im Gesicht. Selbst Kinder sollen von Gummischrot getroffen worden sein. Ein Fan findet zwar, dass die Polizei gezwungen war, hart einzugreifen, um die beiden Fanlager zu trennen. Doch darf der Einsatz von Gummischrot generell kritisch betrachtet werden. So schrieb Augenärztin Anna Fierz in einem Brief an die «Schweizerische Ärztezeitung»: «Das hierzulande verwendete Gummischrot weist eine beträchtliche Streuung auf, weshalb es nicht möglich ist, Augenverletzungen zuverlässig zu vermeiden.» In mehreren europäischen Ländern, so auch in Österreich und den meisten deutschen Bundesländern, ist Gummischrot denn auch verboten.

Teil 1.3: Situation am Bundesplatz aus Sicht der Luzerner Polizei

Mit den St. Galler Vorwürfen konfrontiert zentralplus die Luzerner Polizei. Christian Bertschi, Kommunikationschef der Luzerner Polizei, weist den Vorwurf der Unverhältnismässigkeit zurück. «Der Einsatz am Spiel des FC Luzern gegen den FC St. Gallen war aus unserer Sicht verhältnismässig – wie übrigens auch bei anderen Spielen.»

Die Aussage, die Luzerner Polizei agiere jeweils besonders aggressiv, lässt er so nicht gelten. «Dieser Vorwurf kommt regelmässig von Personen, die rund um Fussballspiele Gewalt ausüben und sich nicht an die Regeln halten können.» Auch am 20. Mai seien die Aggressionen keinesfalls von der Luzerner Polizei ausgegangen. «Wir mussten auf die Angriffe der Fans reagieren, um die Ordnung wiederherzustellen. Dies ist der gesetzliche Auftrag der Polizei», erklärt Bertschi.

Dass die Polizei nach dem Fackelwurf sofort wahllos und unentwegt in die Menge geschossen haben soll, bestreitet Bertschi: «Vor dem Mitteleinsatz gab es mehrmals mündliche Abmahnungen via Megafon.» Der Mitteleinsatz habe sich nur gegen gewalttätige Personen gerichtet. Einerseits habe die Polizei in Notwehr gehandelt, denn sie sei mit Pyromaterial, Flaschen und Steinen beworfen worden. «Anderseits wollten die Ordnungskräfte die Fanlager aufgrund ihres beispiellosen Verhaltens voneinander fernhalten.»

Wegweisung der FCL-Fans ohne Erfolg

Doch wieso liess die Polizei den Bundesplatz vor Ankunft der St. Galler nicht räumen? Christian Bertschi erklärt: «Die Luzerner Polizei appellierte an die Luzerner Fans, den Platz sofort zu verlassen.» Diese hätten sich standhaft geweigert, den Anweisungen Folge zu leisten. Die Polizei habe hernach auf Deeskalation gesetzt und sich gegen eine polizeiliche Räumung entschieden. «Denn für eine Räumung des Bundesplatzes hätten Zwangsmittel eingesetzt werden müssen, was die Stimmung zusätzlich angeheizt hätte», so Bertschi.

Auf die Vorwürfe, die Polizei habe Unbeteiligte in den Brennpunkt der Ausschreitungen getrieben, kontert Bertschi: «Durch das Verhalten der gewaltbereiten Fans wurde eine Gefahrenlage für unbeteiligte Personen geschaffen. Ziel der Luzerner Polizei war es, die Ausschreitungen möglichst rasch beenden zu können und die Fans rasch und unversehrt zum Extrazug zu geleiten.» Und fügt an: «Aufgrund der andauernden Aggression, die vonseiten der St. Galler Fans an den Tag gelegt wurde, stand eine deeskalierende Strategie nicht mehr zur Disposition.»

«Von hinten schoss die Polizei mit Gummischrot und Wasserwerfern in die Menge, links war die Häusergruppe, rechts ein ‹Speerspitzenzaun› und vorne die Menschenmasse.»

St. Galler Fan beschreibt die Situation an der Zentralstrasse

Dass am hinteren Teil des Fanmarsches in die Menge geschossen worden sei, bestreitet Bertschi. Auch von der rüpelhaften Kommunikation einiger Polizisten gegenüber Familien distanziert sich der Kommunikationschef: «Dies entspricht nicht unseren Werten.»

Teil 2 dieses Artikels erscheint im weiteren Verlauf des Tages. Im Fokus stehen werden dort die Ereignisse in der Zentralstrasse, wo gemäss einigen Fans des FC St. Gallen beinahe eine Massenpanik ausgebrochen ist.

Verwendete Quellen
  • Augenzeugenberichte zahlreicher Fans des FC St. Gallen
  • Telefonat und schriftlicher Austausch mit einem Mitglied der St. Galler Fanorganisation Dachverband 1879
  • Telefonat und schriftlicher Austausch mit Fabienne Fernandes, Sozialarbeiterin der Fanarbeit St. Gallen
  • Schriftlicher Austausch mit Christian Bertschi, Chef Kommunikation und Prävention der Luzerner Polizei
  • Artikel in der «Schweizerischen Ärztezeitung»
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