Ausschreitungen rund um Heimspiele des FC Luzern

FCL konsterniert, Politik aktiviert, Winiker dezidiert

Die Polizei erwartete den Fanmarsch der St. Galler am Bundesplatz mit einem Grossaufgebot. Dennoch kam es zu massiven Ausschreitungen. (Bild: Leserreporter)

Die Politik wird in Bälde über Massnahmen gegen die Gewalt rund um Heimspiele des FC Luzern diskutieren. Die Ausschreitungen vom Samstag zwischen rivalisierenden Fans von Luzern und St. Gallen dürften die Debatte massgeblich beeinflussen.

Es war ein von Gewalt überschattetes Fussballspiel. Das 1:1 täuschte darüber hinweg, dass es an diesem Abend durchaus Verlierer gegeben hat. Die Szenen am Bundesplatz, wo sich Fans des FC St. Gallen und des FC Luzern gegenseitig mit Pyros und Böllern, Steinen, Flaschen und Dosen beworfen haben, schockieren selbst Szenekenner und Kurvengänger (zentralplus berichtete).

In einer öffentlichen Stellungnahme distanziert sich der «Dachverband 1879», das Sprachrohr der Kurve in St. Gallen, von den «absolut indiskutablen Fackelwürfen» aus dem eigenen Lager. Gleichzeitig sammeln die Fans aus der Ostschweiz Material, das Verletzungen, die der «massive Mitteleinsatz» der Luzerner Polizei ausgelöst hat, dokumentieren soll. Gemäss einer Augenzeugin soll das Tränengas weit über den Bundesplatz hinaus wirksam gewesen sein.

Paul Winikers lauter Abgang

Der abtretende Sicherheitsdirektor des Kantons Luzern, Paul Winiker, meldete sich hernach mit markanten Aussagen zu Wort. Für ihn sei unverständlich, dass es trotz der Sanktionen, welche die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) vergangene Woche gegen die Fans des FC Sion getroffen hat (zentralplus berichtete), zu den Ausschreitungen in Luzern gekommen sei. Über Winikers Forderung, jetzt hart durchzugreifen, berät die KKJPD am Dienstag.

«Die Politik muss das Heft nun in die Hand nehmen.»

Adrian Nussbaum, Luzerner Mitte-Kantonsrat

Doch lange wird Winiker sich nicht mehr mit der Fangewalt befassen müssen. Für den SVP-Politiker übernimmt überraschenderweise nicht sein Parteikollege Armin Hartmann, sondern Ylfete Fanaj von der SP (zentralplus berichtete). Sie wird dem Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD) vorstehen und somit auch an den Sitzungen der KKJPD teilnehmen. Doch Winiker scheint entschlossen zu sein, die letzten paar Wochen seiner Amtszeit zu nutzen und im Rahmen der KKJPD repressive Massnahmen gegen Fussballfans zu treffen. Auch Kollektivmassnahmen wie die Sperrung des Fansektors gehörten da ebenfalls dazu, wie er gegenüber dem «Regionaljournal Zentralschweiz» sagte.

Kantonsrat schaltet sich ein

Doch nicht nur Paul Winiker und die KKJPD wollen das Problem mit einem Massnahmenkatalog in den Griff bekommen. Auch die Mitte-Partei beackert das emotionale Thema seit mehreren Monaten intensiv. So machte sie ihre Drohung wahr, eine Volksinitiative gegen Fangewalt zu lancieren, nachdem der Regierungsrat nach Meinung der Mitte zu zögerlich auf Vorkommnisse der Vergangenheit reagiert hat (zentralplus berichtete).

Damit aber nicht genug: Im Namen der Mitte-Partei wandte sich Adrian Nussbaum mit einem Vorstoss vom 20. März im Kantonsrat an die Luzerner Regierung. Er findet: «Die Politik muss das Heft nun in die Hand nehmen.» Die Stossrichtung ist dieselbe wie bei der möglichen Initiative: Mit verschiedenen Massnahmen soll das Problem der Fanausschreitungen rund um die Heimspiele des FC Luzern gelöst werden.

Mitte will Vertrag mit FCL künden

Konkret möchte die Mitte die Vereinbarung zwischen dem JSD des Kantons Luzern und dem FCL neu aufsetzen. Der bestehende Vertrag aus dem Jahr 2015 solle «sofort» gekündigt und neu ausgehandelt werden. Der FC Luzern solle künftig die gesamten Sicherheitskosten übernehmen und aktiver zur Sicherheit rund um seine Heimspiele beitragen. Bis zur Neuaufsetzung der Vereinbarung solle dem FCL zumindest bei Hochrisikospielen die Bewilligung entzogen werden.

Der Massnahmenkatalog umfasst folgende Punkte: Als Erstes fordert Nussbaum die Einführung personalisierter Tickets. Eine Forderung, die seit Längerem im Raum steht und unter anderem auch von Mitte-Ständerätin Andrea Gmür befürwortet wird. Der FCL hingegen war sich sicher: Das Problem der Fangewalt ausserhalb der Stadien werde mit personalisierten Tickets nicht gelöst (zentralplus berichtete).

FCL soll 100 Prozent der Sicherheitskosten übernehmen

Zudem soll ein Massnahmenkonzept erarbeitet werden, um Vorfälle im Stadion – zum Beispiel das Abbrennen pyrotechnischen Materials – zu sanktionieren. Bei Hochrisikospielen sollten Gästefans nur zugelassen werden, wenn der Gastclub sich dazu verpflichte, die Kosten zu tragen, welche die Gästefans verursachten. Dafür solle im Vorfeld der Gastclub eine Depotgebühr entrichten. Auch für Sachbeschädigungen der eigenen Fans solle der Gastclub finanziell aufkommen. Andernfalls seien Fanmärsche nicht zu bewilligen.

«Die vertraglich vereinbarte Entschädigung ist aus Sicht unseres Rates angemessen und entspricht den rechtlichen Vorgaben.»

Luzerner Regierungsrat

Der Regierungsrat antwortet auf den Vorstoss wie folgt: Als Reaktion auf die massiven Sachbeschädigungen der FCB-Fans vom 4. März (zentralplus berichtete), wo auch die Polizei in Kritik geraten war (zentralplus berichtete), seien Massnahmen zur Bekämpfung der Gewalt rund um die Heimspiele des FCL ergriffen worden. Mit diesen Massnahmen wolle der Regierungsrat die Probleme in den Griff kriegen. Wenig zielführend sei hingegen die Kündigung und Neuaushandlung der Vereinbarung zwischen FCL und dem Kanton.

FCL übernimmt bereits 80 Prozent der Sicherheitskosten

Denn der FCL, so argumentiert der Regierungsrat, komme bereits heute für 80 Prozent der Sicherheitskosten rund um seine Heimspiele auf. Gekoppelt ist die Vereinbarung aus dem Jahr 2015 mit einem Bonus-Malus-System. Kurz und knapp erklärt, zahlt der FCL weniger, wenn nichts passiert. Er zahlt mehr, wenn es zu Ausschreitungen oder Sachbeschädigungen kommt. Der Regierungsrat erklärt: «Die vertraglich vereinbarte Entschädigung ist aus Sicht unseres Rates angemessen und entspricht den rechtlichen Vorgaben.»

Hingegen begrüsst der Regierungsrat die Debatte rund um konkrete Sicherheitsmassnahmen, die sich teilweise mit dem vom Regierungsrat und der KKJPD ausgearbeiteten Massnahmenkatalog decken. Er winkt jedoch bei der Forderung nach einer Depotleistung seitens des Gastclubs ab: «Für die Verknüpfung einer präventiven Depotleistung des Gastclubs mit der Bewilligung von Fanmärschen oder Gästesektoren gibt es keine rechtlichen Grundlagen.»

Massnahmen der KKJPD sind sofort umsetzbar

Die KKJPD hat in Zusammenarbeit mit der Swiss Football League (SFL) in einem 150-seitigen Expertenbericht analysiert, wie der Fangewalt künftig entgegengewirkt werden soll (zentralplus berichtete). Die Experten empfählen vorrangig deeskalative, präventive Massnahmen. Repression solle erst dann zum Zug kommen, wenn die Prävention nichts nütze. Bis zur Umsetzung der im Expertenbericht aufgezeigten Lösungsansätze in der Saison 2024/2025 habe die KKJPD basierend auf der bereits bestehenden gesetzlichen Grundlage des Hooligan-Konkordats eine Übergangslösung ausgearbeitet, so der Regierungsrat weiter.

Im oben erwähnten Fall der Sion-Fans kam diese ein erstes Mal zum Zug. Mit der Schliessung der Fankurven des FC St. Gallen und des FC Luzern in den zwei verbleibenden Super-League-Partien könnte sie ein zweites Mal zum Einsatz kommen.

FCL soll künftig für Fanmarsch verantwortlich sein

Die auf der Übergangslösung der KKJPD basierenden Massnahmen des Regierungsrats bestehen zum einen darin, dass der FC Luzern als Veranstalter künftig für den Hin- und Rückweg der Gastfans zur Swissporarena verantwortlich ist. Der Heimclub muss sich um die Organisation des Transports kümmern. Falls das aufgrund der Transportkapazitäten der Verkehrsbetriebe Luzern nicht möglich ist, was am vergangenen Samstag der Fall war, muss er die notwendigen Bewilligungen für einen Fanmarsch beibringen oder einen Car-Transport organisieren. Ferner muss der FC Luzern dafür besorgt sein, bei einem Fanmarsch allfällige Verunreinigungen umgehend zu beheben.

Die Bewilligungsbehörde ist im Fall des Kantons Luzern die Polizei. Diese hat schon heute auf Grundlage des Hooligan-Konkordats und der Rahmenbewilligung für die Heimspiele des FCL die Möglichkeit, im Gästesektor personalisierte Tickets einzuführen, Sektoren zu schliessen, Geisterspiele zu erlassen oder Spiele gar ganz abzusagen. Bereits nächste Saison wird die Luzerner Polizei bei Hochrisikospiele die Auflagen entsprechend verschärfen.

«Obwohl auch Fans des FC Luzern an den Ausschreitungen beteiligt waren, zeigen Videoaufnahmen eindeutig, dass die Aggressionen auf dem Rückmarsch durch Fans des FC St. Gallen ausgelöst worden sind.»

Stefan Wolf, FCL-Präsident

Um die Clubs stärker in die Verantwortung zu ziehen, sind Videocalls geplant. Dabei sollen Clubverantwortliche von den Sicherheitsbehörden via Videocall kontaktiert werden, wenn Fans des betreffenden Clubs Probleme verursachen. Der Club darf dann vorschlagen, mit welchen Massnahmen seine Fans bestraft werden sollen. Das letzte Wort haben aber weiterhin die Behörden.

Konsternation bei FC Luzern

Das Parlament wird sich in den kommenden Wochen mit der Antwort des Regierungsrats befassen. Ob es von der Kündigung der Vereinbarung des Kantons mit dem FCL absieht, wird sich zeigen. Derweil herrscht beim Fussballclub Konsternation. Über die Vorkommnisse vom Samstag und die Sicherheitsmassnahmen, die nun die Politik diskutiert, hat zentralplus mit FCL-Präsident Stefan Wolf gesprochen.

«Der FC Luzern ist skeptisch, ob solche Kollektivstrafen nach solchen massiven Ausschreitungen die gewünschte Wirkung erzielen.»

Stefan Wolf, FCL-Präsident

«Wir sind erschüttert und bestürzt über die Vorkommnisse rund um das Heimspiel des FC Luzern. Die Bilder vom Bundesplatz und vom Bahnhof machen sprachlos», sagt Wolf. Der FC Luzern distanziere sich von jeglicher Gewalt und hoffe, dass es den verletzten Personen schnell wieder besser gehe. Weiter sieht Wolf sich und den FCL in der Pflicht, mit allen Beteiligten Lösungen zu finden – insbesondere für die An- und Abreiseproblematik der Gästefans. Denn: «Obwohl auch Fans des FC Luzern an den Ausschreitungen beteiligt waren, zeigen Videoaufnahmen eindeutig, dass die Aggressionen auf dem Rückmarsch durch Fans des FC St. Gallen ausgelöst worden sind.»

Skeptisch gegenüber Blocksperre

Dass die Probleme mit Blocksperren respektive der Schliessung einzelner Stadionsektoren gelöst würden, bezweifelt Wolf: «Der FC Luzern ist skeptisch, ob solche Kollektivstrafen nach solchen massiven Ausschreitungen die gewünschte Wirkung erzielen. Elemente, die wie am Samstag nur mit dem Ziel nach Luzern gereist sind, solche Ausschreitungen zu provozieren, können allenfalls vom Stadionbesuch abgehalten werden, ob sie sich dann aber nicht in der Stadt aufhalten, muss leider bezweifelt werden.»

Dass der FCL neuerdings die An- und Abreise der Gästefans verantworten soll, ist für Wolf hingegen nichts Neues. «Denn der FC Luzern ist bereits jetzt in der Pflicht, die An- und Abreise der Gästefans zu ermöglichen und zu verantworten.»

Trotz öffentlichen Drucks: FCL hält am Dialog fest

Während die Mitte und die Polizei die Repressionskeule schwingt, bleibt Stefan Wolf besonnen. Der FC Luzern befinde sich mit allen involvierten Parteien in einem ständigen Dialog zu diesem Thema und erachte dies auch zukünftig als entscheidendes Element bei der Bewältigung der offensichtlichen Probleme, die in Luzern vorhanden seien.

Wie die Fans des FC Luzern die Lage beurteilen, ist unklar. Während sich ein Grossteil von den Ausschreitungen am Samstag distanziert, zeigen sich andere wiederum kritisch gegenüber der Polizeiarbeit. Die zentrale Frage, die im Raum steht: Warum wurden die gemäss Angaben der Polizei bereits vor dem Spiel für äusserst aggressiv befundenen Fans des FC St. Gallen auf dem Rückweg dennoch direkt am FCL-Fanlokal Zone 5 am Bundesplatz vorbeigeführt?

Die Polizei begründete im «Regionaljournal Zentralschweiz», sie habe den öffentlichen Verkehr am Bahnhof nicht lahmlegen wollen. Zudem hätten sich viele Passanten im Gebiet der Alternativroute via Werkhofstrasse und Inseli befunden. Eine schwierige Güterabwägung.

Verwendete Quellen
  • Vereinbarung zwischen dem JSD und FCL aus dem Jahr 2015
  • Bericht im «SRF Regionaljournal Zentralschweiz»
  • Medienmitteilung der Swiss Football League
  • Mitteilung des Dachverbands 1879
  • Postulat im Kantonsrat von Adrian Nussbaum, die Mitte
  • Antwort des Regierungsrats auf das Postulat von Adrian Nussbaum
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