Sport
Fussball-WM findet ohne Schweizer Schiris statt

Ein Entlebucher wandert auf den Spuren von Meier und Busacca

Der Entlebucher hegt das Ziel, einst in die Fussstapfen des ehemaligen Schiedsrichters Massimo Busacca zu treten.

(Bild: ens)

Urs Schnyder gehört zu den talentiertesten Schiedsrichtern des Landes. Er wird vom Verband so aufgebaut, dass er einst – endlich wieder – die Schweizer Fahne an einem grossen Turnier hochhalten könnte. Die WM in Katar hat der Entlebucher noch nicht im Blickfeld. Dafür hat er eine klare Meinung zum Videobeweis.

Lässig nippt Urs Schnyder in einem Berner Café in der Nähe des Bahnhofs an einer Limonade. Beim ersten Blick auf den 32-Jährigen lässt wenig auf seinen zweiten Beruf neben jenem als Gymnasiallehrer schliessen.

Seine Bewegungen sind galant. Wenn er spricht, wählt er die Worte mit Bedacht. Erst nach einer gewissen Zeit merkt man, dass der Beruf auch auf das Verhalten abgefärbt hat. Denn: Urs Schnyder ist seit dem 1. Januar 2018 Fifa-Schiedsrichter.

Auf die Idee, sich der Schiedsrichterei zu widmen, kam Schnyder ungewollt, nachdem er sich das Kreuzband riss. «Ich wollte dem Fussball erhalten bleiben und wechselte auf die andere Seite.»

Schnyder: «Zuerst habe ich mich als Spielleiter gemeldet. Mein Stammverein FC Escholzmatt-Marbach hat mich dann direkt für einen mehrtägigen Kurs in der Lenzerheide angemeldet.» Als er später das offizielle gelbe Schiedsrichter-Trikot sah, war er überrascht und dachte zugleich: «Na los, einen Versuch ist es wert.»

«Die älteren Herren haben überhaupt nicht das gemacht, was ich wollte.»

Urs Schnyder, Luzerner Fifa-Schiedsrichter

Sein erstes Spiel leitete er 2002. Schnyder erzählt: «Das war an einem Grümpelturnier in Escholzmatt.» Er lächelt, als er sich zurückerinnert: «Die älteren Herren haben überhaupt nicht das gemacht, was ich wollte.» Und schiebt mit einem Schmunzeln nach: «Eigentlich hätte ich nach diesem Desaster aufhören müssen.»

<p>Urs Schnyder schaut sich die Szene zwischen Basels Ajeti und YBs Sanogo genauer an.</p>

<p>Urs Schnyder schaut sich die Szene zwischen Basels Ajeti und YBs Sanogo genauer an.</p>

(Bild: Facebook / FC Basel)

Nach dreissig Spielen endlich angekommen

Zusammen mit sechs weiteren Schweizern darf der gebürtige Escholzmatter hie und da an ein internationales Spiel. Trotz seiner 38 Einsätze in der höchsten Schweizer Liga, so richtig angekommen fühlte er sich erst nach dem dreissigsten Super-League-Spiel.

«Am Gymnasium ist der Umgang mit den Schülern einfacher, weil es mehr Leitplanken gibt.

Urs Schnyder, Luzerner Fifa-Schiedsrichter

Um in der höchsten Schweizer Liga zu pfeifen, reicht es nicht, nur die Namen der Spieler zu kennen. Wichtig ist auch, dass man die Charaktere akzeptiert und auf sie eingeht. «Das ist in meinem Beruf als Gymnasiallehrer nicht anders.» Auch dort habe er 22 Schüler mit unterschiedlichen Eigenschaften in den Klassen, auf die Schnyder adäquat reagieren muss.

Allerdings moniert der Escholzmatter: «Am Gymnasium ist der Umgang mit den Schülern einfacher, weil es mehr Leitplanken gibt. Im Fussball muss ich oft situativ reagieren und instinktiv entscheiden.»

Der richtige Umgang mit Kritik

Dadurch entstünden zwangsläufig auch Fehler, über die später am Stammtisch oder in den Medien diskutiert wird. «In meinen ersten Spielen habe ich die Bewertung meiner Leistungen regelmässig gelesen.» Das hat sich inzwischen geändert. «Früher haben mich negative Kommentare regelrecht destabilisiert. Heute gehören sie für mich dazu.»

«Ich ordne der Schiedsrichterei alles unter. Vermutlich habe ich auch deshalb noch nicht die richtige Partnerin gefunden.»

Urs Schnyder, Luzerner Fifa-Schiedsrichter

Hagelt es trotzdem Kritik, geht der 32-Jährige auch einmal in einem Gourmet-Restaurant essen oder spielt Gitarre in seiner Band «Preamp Disaster». So kommt er auf andere Gedanken. Und auch Schnyders Umfeld wisse inzwischen, wie sie vor oder nach einem wichtigen Spiel mit ihm umgehen müssen.

«Ich ordne der Schiedsrichterei alles unter und muss mich fokussieren können. Vermutlich habe ich auch deshalb noch nicht die richtige Partnerin gefunden», sagt er.

Neben dem Fokus ist auch die Vorbereitung bei einem Schiedsrichter zentral. Und diese benötigt Zeit und vor allem Verständnis.

Seiner Musikband «Preamp Disaster» widmet Urs Schnyder einen grossen Teil seiner Freizeit:

 

Dass er für die Schiedsrichterei lebt, merkt man, als Urs Schnyder von einer kürzlich stattgefundenen Spielszene erzählt: «Sions Kasami rang in einem Zweikampf St. Gallens Tranquillo Barnetta nieder – im Stile eines Schwingers. Als ich pfiff, sahen mich die beiden zuerst aggressiv, hinterher ratlos an.» Dann habe er instinktiv zu lachen begonnen, woraufhin auch die beiden «Schwinger» mit einstimmten.

Der Traum von der Champions-League-Hymne

Solche Momente und die Leidenschaft für den Fussball sind für Schnyder der tägliche Antrieb, sich weiterzuentwickeln und wie jeder Fussballer von der Champions-League-Hymne zu träumen. «Daraus mache ich kein Geheimnis. Irgendwann möchte ich ein Spiel in der Champions League pfeifen.» Bis es soweit ist, liegt noch viel Arbeit vor Schnyder.

«Erfahrung ist in unserem Beruf das A und O.»

Urs Schnyder, Luzerner Fifa-Schiedsrichter

Seit Massimo Busacca hat kein Schweizer Schiedsrichter den Sprung aufs internationale Parkett geschafft. Die Gründe dafür sind vielfältig. Schnyder: «Der Abgang von Busacca kam 2010 sehr überraschend. Es gab keinen Zögling hinter Busacca, den man auf Seiten des SFV und der Swiss Football League rechtzeitig hätte fördern können.»

Weil damals die Strukturen fehlten. Mit der Halbprofessionalisierung machte man Anfang des Jahres einen ersten Schritt in diese Richtung.

Auch wenn der Schweizerische Fussballverband unlängst das Ziel formulierte, für die Weltmeisterschaft 2022 einen Schweizer Schiedsrichter zu stellen, lässt sich Schnyder damit Zeit. Anders als bei den Fussballern, die mit zunehmenden Alter auch ihre Leistungsfähigkeit einbüssen, ist es bei Schiedsrichtern umgekehrt. «Erfahrung ist in unserem Beruf das A und O.»

Sie ist umso wichtiger, weil sich nicht nur der Fussball ständig weiterentwickelt, sondern auch die Qualität der Schiedsrichter besser werden muss.

Die Thematik «Videobeweis»

Eine grosse Hilfe sieht Schnyder auch im Videobeweis. «Heute ist es nur den Spielern und Schiedsrichtern verwehrt, sich eine Spielszene nochmals anzusehen. Zu Hause kann man ganz einfach auf Wiederholung klicken oder sich die Spielszenen aus verschiedenen Perspektiven von den Kameras zeigen lassen.» Das könne man als Schiedsrichter nicht, worunter letztlich auch der Fairplay-Gedanke leidet, sagt Schnyder.

Schnyder weiss aber um die Problematik, dass angesichts des Einsatzes eines Videoassistenten die Emotionen und der Spielrhythmus verloren gehen. Er plädiert deshalb, nur bei Toren, Abseits und klaren Fouls den Videobeweis anzuwenden. Zu solchen Aktionen zählt er beispielsweise das Hands-Tor von Argentiniens Maradona an der WM 1986. In allen anderen Fällen soll der Entscheid beim Schiedsrichter liegen.

Bis Schnyder an einer Endrunde pfeifen wird, dauere es noch sechs Jahre, sagt er. Dann ist Schnyder 38 Jahre alt und im besten Schiedsrichter-Alter. Just dann, stünde auch die EM vor der Tür.

Schnyders Ziel? Einmal in die Fussstapfen der legendären Schweizer Schiedsrichter Urs Meier und Massimo Busacca zu treten.

Neben der Schiedsrichterei arbeitet Urs Schnyder im 50%-Pensum als Gymnasiallehrer in Bern.

Neben der Schiedsrichterei arbeitet Urs Schnyder im 50%-Pensum als Gymnasiallehrer in Bern.

(Bild: ens)

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