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Spinni-Areal: Baar erhält einen neuen Ortsteil
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Ehemalige Spinnerei an der Lorze, heute Gewerbepark. (Bild: mam )

Gemischte Nutzung mit Hunderten neuen Wohnungen Spinni-Areal: Baar erhält einen neuen Ortsteil

4 min Lesezeit 15.06.2019, 14:00 Uhr

Das riesige Areal der ehemaligen Spinnerei an der Lorze soll umgenutzt und teilweise neu überbaut werden. Wann, steht noch nicht fest. Aber sicher ist, dass sich viele Baarer über die Entwicklung des Gebietes freuen – und Verkehr, Siedlungsplanung und Wohnanteil viel zu diskutieren geben.

Früher war es der industrielle Stolz von Baar und zeitweise die allergrösste Textilfabrik der Schweiz: Die Spinnerei an der Lorze. Sie wurde 1854 errichtet, 1994 durch den streitbaren Unternehmer Adrian Gasser geschlossen und ist seither ein Shopping- und Büropark mit bunter Nutzung und wechselnden Mietern.

Als die Spinnerei im 19. Jahrhundert am Ostrand von Baar erbaut wurde, entstand ein ganz neuer Ortsteil, der weitere Industriebetriebe nachzog – zum Beispiel die heute noch bestehende Brauerei in Baar. Nun soll sich dieses Ereignis wiederholen und Baar-Ost erhält ein neues Quartier. Denn die neuen Grundeigentümer – laut Grundbuch die Patrimonium Anlagestiftung aus Baar und die Vermögensverwaltungsfirma GAM Investments aus Zürich – wollen das Gelände umnutzen und bebauen. Irgendwann in näherer Zukunft.

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«Grosses Wohlwollen»

Ein Informationsanlass der Gemeinde Baar zusammen mit den Investoren von Patrimonium stiess am Mittwoch auf grosses Interesse: Über 150 Leute besuchten ihn und löcherten die Verantwortlichen mit Fragen – denn das Spinni-Gelände ist nicht nur gross, sondern in Baar auch mit vielen Emotionen verbunden.

FDP-Gemeinderat Jost Arnold, der Bauchef von Baar, spricht von einer guten Stimmung und «grossem Wohlwollen», das dem Projekt entgegengebracht wurde. Es werde sehr geschätzt, dass die Einwohner bereits jetzt, zu einem sehr frühen Stadium, über die Absichten von Patrimonium orientiert würden. Zumal es noch kein konkretes Bauprojekt gibt.

Soviel ist bekannt: Das historische Ensemble der Spinnerei aus dem Jahre 1903 soll erhalten bleiben. Aber die zusammenhängende Reihe der voluminösen Anbauten zur Langgasse hin – die hässlich und nicht geschützt sind – kommen weg und werden durch Neubauten ersetzt.

Hotel, Freizeit, Kultur

Von besonderem Interesse ist auch der riesenhafte Parkplatz mit über 500 Abstellplätzen sowie eine Wiese zur ehemaligen Arbeitersiedlung an der Lorze hin – die im Richtplan als Siedlungsgebiet vorgesehen ist. Hier würde der grösste Teil des neuen Quartiers entstehen.

«In Anbetracht des Mehrwerts für die Aufzonung ist ein Anteil von nur 12 Prozent für preisgünstige Wohnungen zu tief.»

André Guntern, ALG, Baar

Bis 2016 gehörte das Gebiet, das im Jahr 2015 an die jetzigen Investoren verkauft wurde, zur reinen Arbeitszone. Neu ist eine gemischte Nutzung möglich. Die Gemeinde und die Investoren sprechen von einem geplanten Wohnanteil von 35 Prozent und 35 Prozent Arbeitsfläche – der Rest soll Freizeit und Kultur gehören. Auch ein Hotel ist vorgesehen. 

Bevölkerung hat das letzte Wort

Laut Patrimonium-CEO Christoph Syz soll nicht allen Mietern gekündigt werden, und auch Unternehmen, die in den Anbauten eingemietet sind, hätten Interesse bekundet, auf dem Areal zu bleiben – namentlich der Sportfachmarkt Decathlon. 

Ein Zürcher Ingenieurbüro wird nun für Patrimonium sechs Architekturteams beauftragen, in einem Studienverfahren ein Richtprojekt zu erarbeiten. Dieses soll Grundlage für konkrete Pläne sein. Zonenplanänderungen und ein neuer Bebauungsplan werden dann dem Stimmvolk zur Genehmigung vorgelegt.

Alterswohnungen mit Service

Wann dies der Fall sein wird, ist offen. «Es handelt sich um ein höchst sensibles Gelände», sagt Arnold. Denn nicht nur die alte Spinnerei ist denkmalgeschützt, sondern auch die nahe gelegene ehemalige Arbeitersiedlung ist ortsbildgeschützt. Dies hat einen Einfluss auf Höhe, Form und Nutzung der benachbarten Neubauten.

«Ich bin aber zuversichtlich, dass auf dem Gelände eine schöne Sache entsteht – die dem Wohl der Bevölkerung dient», sagt Arnold. Und erwähnt, dass auf dem Areal auch preisgünstiger Wohnraum und Alterswohnungen mit Service entstehen soll.

Das Spinni-Areal mit dem geschützten Fabrikgebäude in der Mitte.

Das Spinni-Areal mit dem geschützten Fabrikgebäude in der Mitte.

(Bild: google maps)

Sorge um Läden

Wie jede Chance zur Neugestaltung ist auch diese mit Herausforderungen verbunden, die jetzt schon absehbar sind. Für den Gemeinderat ist dies etwa der Wunsch, dass neues Gewerbe und Läden im Langgass-Quartier um die Spinnerei herum jene im Dorfkern nicht zu stark konkurrenzieren, wie Arnold antönt.

«Die Auswirkungen von ‹Baar-Ost› werden weit über das Spinni-Areal hinaus sehr gross sein.»

André Guntern

Dann ist da noch der zusätzliche Verkehr, der durch ein neues Quartier entsteht. «Die Auswirkungen von ‹Baar-Ost› werden weit über das Spinni-Areal hinaus sehr gross sein», sagt etwa André Guntern, der nicht nur Vizepräsident der Alternativen – die Grünen Baar ist, sondern auch Raumplaner.

Besserer ÖV in Baar-Ost

Diesbezüglich sei vor allem die Gemeinde gefordert. Sie müsse sich Gedanken machen – und Lösungen parat haben – wie das ganze neue Quartier an das Zentrum von Baar angebunden werde. «Bewohnern und Beschäftigten soll es einfach gemacht werden, das Zentrum mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Velo zu erreichen», sagt Guntern. Denn die Entlastung von Baar durch die Tangente solle nicht gleich wieder durch neuen, hausgemachten Verkehr zunichtegemacht werden.

Für Guntern hat die Entwicklung des Spinni-Areals «grosses Potenzial». Wahrscheinlich werden über 250 neue Wohnungen entstehen – die im notorisch von Wohnungsnot geplagten Agglomerationsgebiet von Zug hoch willkommen sind. «Doch in Anbetracht des Mehrwerts für die massive Aufzonung ist ein Anteil von nur 12 Prozent für preisgünstige Wohnungen sicher zu tief», kritisiert Guntern die vorläufigen Pläne. «Mit einem höheren Anteil könnte es gerade für junge Familien einfacher sein, in Baar bezahlbaren Wohnraum zu finden.» 

Spinnerei-Obligation aus dem Jahre 1895.

Spinnerei-Obligation aus dem Jahre 1895.

(Bild: Wikipedia)

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