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Spiess-Hegglin hisst ihre Segel bei den Piraten
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Die ehemalige Co-Präsidentin Jolanda Spiess (rechts hinten) an einer Parteiversammlung der Alternative – die Grünen Zug im Mai 2015. Sie zieht jetzt die Piraten als neue politische Heimat vor. (Bild: mbe.)

Ist Ex-Kantonsrat Urheber der Satire? Spiess-Hegglin hisst ihre Segel bei den Piraten

4 min Lesezeit 5 Kommentare 08.01.2016, 16:34 Uhr

Jolanda Spiess ist per Ende Jahr aus ihrer Partei ausgetreten. Dies, obwohl sich die Grünen in der Zwischenzeit vom satirischen Beitrag distanzierten, der sich über K.o.-Tropfen lustig machte. Spiess vermutet einen Ex-Kantonsrat als Urheber der Satire und will nun bei den Piraten eine Frauensektion gründen.

Am Freitagmorgen haben die Alternative – die Grünen offiziell über den Parteiaustritt von Jolanda Spiess informiert. «Wir bedauern die Ereignisse, die zu ihrem Rücktritt geführt haben», schreibt die ALG. Man hoffe mit ihr, «dass Ungerechtigkeiten aufgedeckt würden».

Doch wer damit gerechnet hatte, dass sich Jolanda Spiess nun aus der Politik zurückziehen würde, hat die Rechnung ohne sie gemacht. Die Kantonsrätin wird vielleicht bald als erste Piratin im Zuger Kantonsparlament sitzen. Jolanda Spiess bestätigte auf Anfrage der Pendlerzeitung «20 Minuten», dass es Gespräche zwischen ihr und der Piratenpartei gegeben hat. «Für mich war es bereits seit Längerem ein Thema, dass ich mich den Piraten anschliessen könnte.»

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Noch mehr Witze

Grüne machen sich über Jolanda Spiess lustig im «Bulletin» vom Dezember 2015. Neben der zitierten Äusserung gibt es noch mehr Anspielungen. «Für die Zugisierung gewisser Medien genügen ein paar Damenslips», heisst es da. Vor sechs Wochen hatte Spiess medienwirksam eine Slip-Sammelaktion durchgeführt (zentral+ berichtete).
Gegen Ende der Kolumne heisst es zudem: «Frau J.S. aus O. bei Z. war aber trotzdem nicht zufrieden. An Tele Züri erging der Twitter-Befehl: «Schickt bitte nächstes Mal nicht mehr den Praktikanten nach Zug.» Nicht wenige in Zug würden gerne Frau J. nach Züri schicken.

Im November hätten erste Gespräche stattgefunden. Ein Beitrittsgesuch habe sie mangels Zeit noch nicht eingereicht. Sie hat auch schon Ideen, was sie bei der bisher von angehenden Juristen und Computerfreaks dominierten Kleinstpartei, die nicht im Kantonsrat vertreten ist, Nützliches tun könnte. Sie will eine Frauen-Untersektion gründen.

Kommentar war Tüpfelchen auf dem i

Der Austritt bei den Grünen habe sich hingegen schon seit Längerem abgezeichnet. Spiess-Hegglin: «Der Kommentar im Parteiblatt war dann aber das Tüpfelchen auf dem i.» Obwohl das vergangene Jahr für die ALG wie für Spiess gemäss der Pressemitteilung eine «sehr schwierige Zeit» war, fanden gewisse Leute das lustig. Denn im vierteljährlich erscheinenden Bulletin machten Grüne über Jolanda Spiess-Hegglins Unglück Witze.

Die Partei habe sich auf ihre Kosten über K.o.-Tropfen lustig gemacht. Die Politikerin hatte Anfang 2015 den Verdacht geäussert, mit solchen Tropfen an der Landammannfeier betäubt und anschliessend vergewaltigt worden zu sein. Nachweisen liessen sich die Tropfen zwar nicht. Doch was damals genau passierte, ist bis heute nicht restlos geklärt. Bisher amüsierte sich vor allem die SVP über das Thema, namentlich Parteipräsident und Bundesratskandidat Thomas Aeschi (zentral+ berichtete).

Die K.o.-Tropfen werden im «Bulletin» vom Dezember 2015 nur einmal genannt, in der satirischen Kolumne «Frontal» auf der letzten Seite. Die Bemerkung steht nicht in Zusammenhang mit Spiess-Hegglin. Der anonyme Verfasser schreibt über eine andere Politikerin: die neu gewählte SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher und ihre Attacken gegen SP-Nationalrat Tim Guldimann. «Da sind K.o.-Tropfen unnötig – eine Überdosis Magdalena reicht», heisst es in der Kolumne.

«Da sind K.o.-Tropfen unnötig – eine Überdosis Magdalena reicht.»

Das Bulletin des alternativen Zug

«Bestandteil der Vergewaltigungskultur»

Jolanda Spiess bestätigt, dass die Bemerkung ihren Schritt zum Parteiaustritt beschleunigt hat. «Es sind auch viele andere Sachen vorgefallen», sagt sie. Dennoch war die Anspielung im Bulletin für Spiess-Hegglin der Moment, um mit den Grünen endgültig zu brechen. «Witze über K.o.-Tropfen sind Bestandteil der Vergewaltigungs-Kultur», sagt sie dazu.

Spiess verdächtigt Stuber

Die satirische Kolumne im Bulletin stammt gemäss Spiess vom ehemaligen ALG-Kantonsrat Martin Stuber. Bestätigen lässt sich diese Information nicht. Martin Stuber war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Es ist aber kein Geheimnis, dass Spiess und Stuber das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben. Jolanda Spiess sagt zentral+, diese Bemerkung im Bulletin sei die Retourkutsche für die Kantonsratswahlen 2014. Und sie plaudert aus dem Nähkästchen: Damals habe Stuber angekündigt, nicht mehr zu kandidieren, wenn sie nochmals antrete. Sie kandidierte, Stuber trat daraufhin zurück. Offiziell mit der Begründung, «man soll auf dem Zenit zurücktreten». «Er hatte wohl Angst, dass ich ihm Stimmen wegnehme und er ein schlechteres Wahlresultat als ich erreicht», sagt die nun parteilose Zuger Politikerin.

Grünen-Chefin distanziert sich

Die Parteileitung distanziert sich derweil vom K.o.-Tropfen-Witz. Barbara Beck-Iselin: «Diese Bemerkung bedaure ich. Das ist nicht die Art und Weise, wie wir kommunizieren und mit eigenen Mitgliedern umgehen.» Das sei, auch als Satire, nicht witzig und unnötig, fügt Beck-Iselin hinzu. Wer den Artikel geschrieben hat, dazu will sie nicht äussern und verweist an die Redaktion.

Bulletin unabhängig von der Partei

Das «Bulletin des alternativen Zug» wird von einem Verein herausgegeben und hat eine vierköpfige Redaktion. Sie besteht aus Natalie Chiodi, Jonas Feldmann, Hansjörg Glauser und Lorenzo Martinoni. Die vier Mitglieder funktionierten als Team, einen Chef oder eine Chefin gibt es nicht. Jonas Feldmann teilte zentral+ mit: «Wir haben gemeinsam beschlossen, dass wir keinen Kommentar abgeben möchten.» Persönlich, fügt er hinzu, wünsche er sich, keine weiteren Berichte über die Vorfälle von vor einem Jahr mehr lesen zu müssen. Das Bulletin hat sich hohe ethische Ziele gesetzt, darunter beispielsweise den Einsatz für soziale Gerechtigkeit, den Schutz von sozial Benachteiligten oder die Gleichwertigkeit von Rasse und Geschlecht.

Wird die grüne Partei eventuell intervenieren wegen eines allfälligen Imageschadens? «Wir stehen in Kontakt mit der Redaktion», sagt Barbara Beck-Iselin. Auch wenn sie den K.o.-Tropfen-Witz persönlich daneben findet, kann sie eine leise Kritik an ihrer ehemaligen Co-Präsidentin Jolanda Spiess nicht unterdrücken. Sie ist allerdings sehr diskret formuliert. In der ALG-Pressemitteilung vom Freitag heisst es nämlich, man danke Jolanda Spiess für ihre Arbeit, die sie bis Ende 2014 geleistet habe. Und wo bleibt das vergangene Jahr? «Es handelt sich nicht um einen Schreibfehler», sagt die Grünen-Präsidentin, «2015 hat sie nicht gearbeitet.»

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5 Kommentare
  1. Samuel Kneubühler, 14.01.2016, 23:24 Uhr

    Ich finde es schade, Herr Stuber, dass Jolanda Spiess geht. Den letzten Satz Ihres Kommentars hätte ich mir gespart. Es ist nie gut wenn ein fähiges Mitglied einer Partei und eines politischen Gremiums geht, gehen muss, sich zum gehen genötigt fühlt. Jetzt ist sie in einer nicht ganz ernstzunehmenden, aber ebenfalls sympathischen Partei. Ob sie dort glücklich wird, mag ich zu bezweifeln.

  2. Markus Mathis, 13.01.2016, 12:01 Uhr

    Doch, Martin Stuber, ich habe die “Bulletin”-Analyse über das alternative Wahldesaster sehr wohl gelesen. Die Wortwahl “profitieren” verrät, dass der relativ Erfolg der SP nicht unbedingt mit Sympathie gesehen wird. Wer die Aktivitäten der Alternativen über die Jahre mitverfolgt, weiss das.

    Macht nichts. “Schuld sind immer die andern” ist als Motto nicht nur bei den Alternativen, sondern im ganzen politischen Spektrum beliebt. Auch bei der SP hat man es nach dem Debakel vor 4 Jahren bemüht. Eine Studie aus dem Kanton Zürich hatte die Wanderung von Wählerstimmen weg von der SP hin zu Grünen festgestellt. Das passte gut für den eigenen Kanton.

    Grundsätzlich sind die Alternativen, wie damals auch die SP (die einen Teil der Lektion gelernt hat), auf dem Holzweg. Man gewinnt Wahlen nur mit geeigneten Köpfen – Proporzwahlen mit vielen attraktiven Köpfen. Dass die Alte Garde der Alternativen keine, wenige, oder ungeeignete Politiker der neuen Generationen richtig aufgebaut und nachgezogen hat, ist schade, aber nicht die Schuld der Anderen. Das sei ganz ohne Häme festgestellt. Dass Spiess-Hegglin nun als Kronprinzessin weggebrochen ist, ist angesichts ihrer politischen und rhetorischen Fähigkeiten, die sie früher gezeigt hatte, aus Sichts des ganzen Kantons Zug bedauerlich.

  3. Martin Stuber, 10.01.2016, 20:28 Uhr

    Zum Glück gibt es in dem Artikel einen Link auf die besagte Ausgabe des Bulletins!
    So kann sich jedeR selber ein Bild machen (Seite 4). Und wird dabei feststellen, dass Markus Mathis die Wahlanalyse, die der Politologe Philippe Koch und ich gemeinsam erarbeitet haben, wohl gar nicht wirklich gelesen hat. Die SP z.B. bekommt eigentlich sogar ein Kompliment, weil sie es geschafft hat, geschickt von der Situation, in welche die ALG geraten ist, zu profitieren.
    Inhaltlich widerspiegelt die Analyse im wesentlichen das, was an einer Mitgliederversammlung anfangs Dezember sich als allgemeiner Konsen herausgeschält hatte. Die ALG nimmt die Wahlniederlage im Oktober sehr ernst und ist zum Glück in der Lage, dies im Kollektiv ruhig und sachlich fundiert zu diskutieren.
    Die Piraten würden sich über einen Parteiwechsel von Herrn Mathis sicherlich freuen.
    @ Gregor Bruhin: Jolanda ist ja jetzt nicht mehr bei der ALG. Das machts erträglicher…

  4. Gregor R. Bruhin, 10.01.2016, 13:42 Uhr

    @Martin Stuber:
    Politik ist halt auch bei der ALG ein undankbares Geschäft. Du hast ja Jolanda als Stadtratskandidatin 2014 hoch angepriesen in den von dir mitfinanzierten APG-Plakaten. Nun gibt sie dir den Schuh. Das Leben ist nicht fair – auch nicht bei denen die absolute fairness erreichen wollen 🙂

  5. Markus Mathis, 08.01.2016, 22:25 Uhr

    kommen mir die Zuger Grün-Alternativen vor wie die CVP in alten Zeiten oder die SVP in neuen. Scharfe soziale Kontrolle und ein Kampf mit allen Mitteln um die interne Hackordnung.

    Martin Stuber hat im “Bulletin” ja auch die Schuldigen für die grün-alternative Wahlniederlage bei den Herbst-Wahlen gefunden: Prügelknaben waren wie üblich die SP, daneben auch und vor allem Jolanda-Spiess Hegglin.

    Bei schlechten Verlierern gilt: Schuld sind immer die andern.

    Und die Piratenpartei wird ein immer sympathischerer Haufen…