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Spielwiese für Querdenker: Was im neuen Herzstück der «Kunsti» passiert
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Im Raum für Farben wird unter anderem mit Pigmenten experimentiert. (Bild: zvg/Raisa Durandi)

Luzerner Kunsthochschule in Emmen vereint Spielwiese für Querdenker: Was im neuen Herzstück der «Kunsti» passiert

6 min Lesezeit 07.11.2019, 16:38 Uhr

Hier trifft Digitaltechnik auf Traditionshandwerk: Die Luzerner Design- und Kunsthochschule hat den Neubau in der Viscosistadt in Emmen bezogen. Damit sind alle Studienrichtungen erstmals unter einem Dach. Ein Blick ins Herzstück der Luzerner Kreativschmiede.

Nun ist die ehemalige «Kunsti» wieder vereint. Alle 14 Studienrichtungen, sämtliche 800 Designerinnen, Filmer, Künstler und Forscherinnen sowie 200 Mitarbeiterinnen sind in der Viscosistadt in Emmen unter einem Dach. Vorbei sind also die Zeiten, als sich die Kreativschmiede über sechs Standorte in der Stadt Luzern verteilte.

Für Gabriela Christen, die Direktorin der Hochschule Luzern – Design & Kunst, ist das weit mehr als ein symbolischer Akt: «Das ist extrem wichtig für die Zusammenarbeit über alle Disziplinen hinweg.» Kreatives, kooperatives oder interdisziplinäres Arbeiten seien Kompetenzen, die für die nächste Generation von Jobs – die Industrie 4.0 – gefragt seien.

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Fünf Stöcke für Textil, Holz und Metall

Die erste Hälfte der Studentinnen und Mitarbeiter hat sich bereits vor gut drei Jahren im Bau 745 in der Viscosistadt – einer umgenutzten Fabrikhalle – eingenistet und schon ordentlich Leben in die Bude gebracht (zentralplus berichtete). Nun ist auch der Rest gefolgt und hat den angrenzenden Neubau in Beschlag genommen, Ende November wird er offiziell eröffnet (siehe Box).

Herzstück des fünfstöckigen Neubaus mit der glänzenden Aluminiumfassade sind die Ateliers und Werkstätten für Textil, Holz, Metall oder Farbstoffe. «Das ist die DNA der Hochschule», sagt Christen. Schon vor 140 Jahren, als die damalige Kunstgewerbeschule gegründet wurde, stand die Forschung und Herstellung von Gegenständen im Zentrum. Die Materialien, das Textil- und Objektdesign stehen auch heute noch im Vordergrund, immer aber an der Schnittstelle zur digitalen Welt.

Atelier für Textildesign.

Standorte in der Stadt sind Geschichte

Für die älteste Kunsthochschule der Schweiz beginnt mit dem Neubau eine neue Epoche. Der Umzug bedeutet zwar, dass bei den Studierenden beliebte Räumlichkeiten in der Sentimatt im Baselstrasse-Quartier oder in der Rössligasse in der Altstadt aufgegeben wurden und in die Peripherie rutschen – damit wiederfährt den Kunststudenten das gleiche Schicksal wie den Musikstudentinnen, die bald beim Krienser Südpol hausen (zentralplus berichtete).

Wer jedoch die lichtdurchfluteten Arbeitsräume auf gesamthaft 19’000 Quadratmetern besucht, ist augenblicklich neidisch, nicht selbst Kreativ-Student oder -Forschender zu sein. Die Übergänge zwischen den Gebäuden sind fliessend, der Neubau hat die Geschosshöhe der Industriehalle aufgenommen.

Die neue Kunsthochschule in der Viscosistadt mit dem Bau 745 (links) und dem silbernen Neubau. (Bild: zvg/Christian Felber)

Digitale Webstühle

Werfen wir einen Blick in die 13 Werkstätten: Ein Unikum ist etwa der «Raum für Farben», der eine schweizweit einzigartige Sammlung von Pigmenten und Farbstoffen enthält und Teil des Schweizer Materialarchivs ist. Hier werden Farben gemischt, mit natürlichen wie künstlichen Pigmenten experimentiert oder Leinwände aufgezogen.

In der Druckwerkstatt daneben stehen Maschinen für Sieb-, Hoch- und Tiefdruck. Und auch auf Textilien wird gedruckt – analoge Technik trifft auf Lasertechnologie. Tina Moor, Leiterin des Studiengangs Textildesign, zeigt vom Regenschirm bis zum Seidenfoulard verschiedene bedruckte Stoffe.

Und selbst die Weberei mit ihren traditionellen Webstühlen ist an die digitale Welt angeschlossen. Durch die grossen Fenster blickt man zur Nachbarin Monosuisse, wo heute noch industrielle Fäden produziert werden. Die Nähe zur Industrie wird nicht nur im Kopf, sondern auch örtlich gelebt. «Das ist hier keine Nostalgie», sagt Christen mit Blick auf die traditionellen Maschinen. «Hier erhält man das Wissen für die industrielle Produktion. Das Ziel ist, dass man nach dem Studium in die Textilindustrie einsteigen kann.»

Experimentieren in der 3D-Werkstatt.

Legoklötze und Knet

Das interdisziplinäre Denken wird prototypisch im Studiengang «Digital Ideation» gelernt, ein Angebot an der Schittstelle von Informatik und Design (zentralplus berichtete). Ausgerechnet deren Arbeitsraum kommt jedoch komplett ohne Beamer und Computer aus. Dafür: Legoklötze, Knete und Filzstifte. «Create your Dream Study», lädt der Tisch ein.

Etwas überraschend bezeichnet Gabriela Christen die unscheinbaren Küchen als die zentralsten Räume. Es sei ein grosser Wunsch der Studierenden gewesen, dass sie Kochmöglichkeiten erhalten. Gleichzeitig fungiere der Ort als «hybrider Arbeitsraum» und ermögliche neue Formen der Zusammenarbeit, so Christen. Eine Gruppe steckt am Tisch ihre Köpfe und Laptops zusammen und arbeitet an einer Präsentation.

Auch die neuen Küchen werden kreativ genutzt – etwa für Brainstormings.

Insekten werden zu Schmuck

Nun geht’s ins Plastische: In der 3D-Werkstatt wird mit Kunststoffen, Glasuren, Styropor, Bauschaum und allem Möglichen gearbeitet. «Die Materialien sind die Wurzeln des Produktdesigns», sagt Christoph Schindler, Leiter Bachelor Objektdesign.

In den Metall- und Holzwerkstätten stehen schliesslich die groben Maschinen, die zuvor in der Rössligasse und im Sentimatt standen. Nun liegt alles in Schrittdistanz, man muss sich nicht mehr zweimal überlegen, ob sich der Gang in die Werkstatt lohnt. Die Nachbarschaft ermöglicht Begegnungen und Austausch.

Tag der offenen Tür

Am Samstag, 30. November (11–17 Uhr), wird das neue Gebäude der Basler Architekten Harry Gugger Studio eingeweiht. Die Werkstätten und Räume sind dann für die Öffentlichkeit geöffnet.

Info-Tage der Hochschule Luzern – Design & Kunst: Fr, 29. und Sa, 30. November.

Und wer hätte geahnt, dass auch ein Schmuckatelier Teil der Kunsthochschule ist? Eine Gruppe arbeitet an einer Ausstellung für die Design-Tage «DesignSchenken» – Schmuck inspiriert von Insekten. «Insects are forever» – der getragene Schmuck wird zum Statement gegen das Artensterben.

Abgeschirmt vom Fluglärm

Im Keller schliesslich, in akustisch vom Fluglärm über Emmen und vom Tageslicht abgeschirmten Räumen, sind die Filmstudios. Mit einer Art Hörspielstudio, wo verschiedenste Geräusche simuliert und aufgezeichnet werden. Und mit einer Blackbox für Animationsfilme. Ein säuberlich arrangiertes Puppenset steht noch da. Im Green-Screen-Studio werden gerade die Bewegungen eines Menschen im Anzug auf den Computer animiert. Hier in den Filmstudios hat das Analoge schon längst ausgedient.

Die Werkstätten und Ateliers sind rund um die Uhr zugänglich, denn Kreativität kennt keine Bürozeiten. Zudem können sämtliche Einrichtungen von allen Studierenden genutzt werden. Wie heisst es doch in einer Broschüre: «Die Zukunft gehört den Querdenkern und Querdenkerinnen – jenen, die sich trauen, am Bestehenden zu rütteln und mit ihren Ideen die Welt herauszufordern.» Die Basis dafür ist mit dem Neubau jetzt gelegt.

Mehr Bilder aus dem Neubau der Kunsthochschule in der Galerie:

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