Speed-Dating: Drei Single-Frauen suchen im Neubad ihren Traumprinzen
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Speed-Dating – ein Bewerbungsverfahren? (Bild: ida)

Ein Selbstversuch: zehn Dates in einer Stunde Speed-Dating: Drei Single-Frauen suchen im Neubad ihren Traumprinzen

6 min Lesezeit 03.03.2018, 13:04 Uhr

Einsame Herzen bei klirrender Kälte? Da will das Neubad Abhilfe schaffen und lud am Freitag zum Speed-Dating. Drei Single-Frauen hoffen auf prickelnde Flirts im ehemaligen Schwimmbad. Der Beginn einer grossen Liebe? Ein Selbstversuch. 

«Hey! Na, was treibt denn dich zum Speed-Dating im Pool?», fragt mich ein Kandidat. Ich lache, möchte nicht auffliegen und entscheide mich für die unverfängliche Variante. «Mal sehen, wie das halt so ist», sage ich.

Die Stimmung im Pool ist offenherzig. Die Kandidaten sehen sich tief in die Augen, checken das Gegenüber ab. Von einigen Tischen vernimmt man schallendes Gelächter, an anderen Tischen lächelt man sich schüchtern an. Unvoreingenommen setzt man sich an den nächsten Tisch, betrachtet das neue Gegenüber.

Die Suche nach der grossen Liebe: keine einfache Sache in unserer schnelllebigen Gesellschaft. Die Sprüche in der Bar sind immer dieselben. Gernervt verdrehen so einige ihre Augen. Kein Wunder, greift man auf Smartphone und Co. zurück und hofft, durch wenige Klicks den Mann oder die Frau fürs Leben zu finden.

Doch wieso sollte man sich nicht einmal nach klassisch alter Manier beim Speed-Dating versuchen? «Kein emotionsloses Swipen auf dem Smartphone mehr. Keine kalten und einsamen Nächte auf Datingseiten vor dem PC, auf der angestrengten Suche nach Gleichgesinnten», verspricht das Neubad. Drei Single-Frauen wagen das Experiment, einen Versuch ist es wert. Ohne grosse Erwartungen machen wir uns auf den Weg.

Mut antrinken

Wir stehen im Pool des Neubads, nachdem wir uns an der Bar bereits ein wenig Mut angetrunken haben. Und damit sind wir nicht die einzigen – durfte man doch bereits bei der Anmeldung für das Speed-Dating schreiben, ob man ein Bier oder ein Glas Wein bevorzuge.

«Was fragt man da eigentlich so?» Die 23-jährige Martina ist etwas irritiert und weiss nicht so recht, was sie erwartet. Im Pool blicken wir auf zehn Tische, auf jedem steht eine Kerze und ringsum je zwei Stühle. Zehn arrangierte Flirts – zeitlich limitiert auf je fünf Minuten. Aus den Lautsprechern erklingt Hip-Hop-Musik. Mit einem mulmigen Gefühl setze ich mich auf einen freien Stuhl.

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Ein Fettnäpfchen zu Beginn

Am ersten Tisch sitzt Kandidat Lorenzo. Er lächelt mich an und gibt den Startschuss für das Gespräch: «Und, wie heisst du?» Die üblichen Fragen werden gestellt und abgehakt: Beruf, Hobbys – und was man an einem Speed-Dating denn «so verloren» habe. Wir sind bereits mitten im Gespräch, als erst der Ton erklingt, der den Flirt eigentlich eröffnen sollte.

Es gleicht zu Beginn mehr einem Bewerbungsgespräch – aber irgendwie braucht es das auch. Nach der Aufwärm-Phase, in der wir uns immer wieder angelächelt haben, tauen wir langsam auf und stellen persönlichere Fragen.

«Sorry, wie alt bist du eigentlich?», frage ich ihn, als mir einfällt, dass ein eigentlich wichtiges Kriterium bis anhin noch ungeklärt ist. «Wie alt schätzt du mich denn?», kontert er. «Plus-minus 25», antworte ich, was sich als Fettnäpchen enthüllt, ist mein Gegenüber doch bald 37 Jahre alt: «Ups.» Erneut lachen wir uns an, jedoch weiss ich, dass es mit dem Alter nicht so ganz passt.

Nun diskutieren wir über Glaube und Religion. Bald driften wir ins Thema Tod ab, ist mein Gegenüber doch Pfleger in einem Altenheim und wird ständig mit dem Tod konfrontiert. Interessantes Gespräch – jedoch für einen ersten Flirt vielleicht etwas gar eigenartig

Der Gong erklingt und es ist Zeit, einem neuen Gesprächspartner in die Augen zu blicken. «Hat mich gefreut», sage ich. «Bis später», erwidert er. Wir werden sehen …

Tarnung aufgeflogen

Der nächste Herr grinst mich an: «Hey, wir kennen uns doch!» Ich lächle, schwelge in Erinnerungen und höre mich erneut fragen: «Sorry, wie ist dein Name schon wieder?» Die Aussage, dass man sich immer zweimal im Leben trifft, stimmt wohl. Ob es wohl ein drittes Mal gibt? «Wahrscheinlich stolpern wir uns mal wieder in einer Bar über den Weg.»

Beim nächsten Gesprächspartner gehe ich in die Offensive, denn optisch ist er eigentlich genau mein Typ. Also: Weg vom üblichen Fragenkatalog, hin zur Politik: «Und du, was hast du bei No-Billag abgestimmt?» Liebe heisst ja, auf einer Wellenlänge zu sein. Politische Ansichten – vielleicht ein Auswahlkriterium? «Aha, du bist also diejenige, die eine Reportage über das Speed-Dating hier schreibt», meint dieser Kandidat darauf lachend.

Undercover zu sein kann ich nun vergessen, ist meine Tarnung doch aufgeflogen. Doch immerhin habe ich nun eine plausible Erklärung dafür, weshalb ich an diesem Tisch sitze. Gefunkt hat es hier nicht – was vielleicht auch ein wenig dem unterschiedlichen politischen Standpunkt zu verschulden ist.

Neben den Bewerbern gibt’s auch Philosophen

Neben den gängigen Fragen trifft man jedoch auch auf die Philosophen. «Was ist dein grösster Traum?», will ein 24-Jähriger wissen. Ganz schön überrumpelt, nach den vorhergehenden Standardfragen. «Glücklich sein und Tag für Tag das machen zu können, was ich auch möchte. Die Welt sehen», meine ich. «Etwas kitschig, sorry», füge ich lachend hinzu. «Macht nichts, bei mir sieht es gleich aus.» Wir lächeln uns an.

Die Herrenrunde ist nun zum Ende gekommen. Nachdem ich an den ersten vier Tischen einem Mann gegenübertreten durfte, muss ich nun mit Frauen vorlieb nehmen. Wir sprechen über Vorstellungen vom perfekten Mann und darüber, dass wir eigentlich alle wissen: dass wir beim Speed-Dating wohl kaum nach dem Traumprinzen fündig werden. 

«Ich habe mich mit der Zeit ab mir selbst gelangweilt.»

Selina, Kandidatin beim Speed-Dating

«Ich habe mich mit der Zeit ab mir selbst gelangweilt», meint die 25-jährige Selina am Ende des Speed-Datings. Es sei ein immer wiederkehrender Kreislauf: Zehnmal sagen, wie man heisst. Zehnmal sagen, wie alt man ist, und zehnmal sagen, was man so tut.

«Es hat einfach nichts gepasst»

Was das Speed-Dating gezeigt hat: Innert Sekunden fühlt man sich bei seinem Gegenüber wohl – oder eben nicht. Es gibt die Gespräche, in denen dich der Gong, der das Ende ankündigt, inmitten eines angeregten Gespräches herausreisst. Oder man ertappt sich bei einigen Gesprächspartnern dabei, wie der Blick der Augen den Sekundenzeiger der Uhr verfolgt.

Und wie sich herausstellt, hat auch der eine Mann, der uns mit seinen philosophischen Fragen imponiert hat, allen die gleichen Fragen gestellt. Schön für ihn, hat er ja jetzt so gute Vergleichsmöglichkeiten. Dumm gelaufen jedoch, wenn sich das eine Gespräch, das man speziell in Erinnerung behalten hat, als eine Endlos-Schleife mit anderen Frauen entpuppt. Wir nehmen’s jedoch gelassen und schmunzeln darüber. Denn irgendwie ist das ja auch Sinn und Zweck eines Speed-Datings.

Die drei Single-Frauen verlassen das Neubad – ohne die Nummer eines Traumprinzen ergattert zu haben. «Es hat halt einfach nichts gepasst», meint Martina und zuckt ihre Schultern. Viel Auswahl hatten wir auch nicht, standen uns nur vier Kandidaten zur Verfügung. Frustriert sind wir keineswegs, gingen wir auch ohne grossen Erwartungen ans Speed-Dating. Vielleicht sind wir halt auch ein bisschen arg wählerisch.

Mehr Spass, als bei Tinder durch die Profile zu swippen, hat es jedoch allemal gemacht. Und ein Blick zur Bar zeigt, dass sich wohl das eine oder andere Pärchen beim Speed-Dating gefunden zu haben scheint.

Heiss begehrte Plätze: Das Speed-Dating im Neubad lockte viele Interessenten an.
Heiss begehrte Plätze: Das Speed-Dating im Neubad lockte viele Interessenten an.

 

(Bild: ida)

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