Sozialhilfe: Viele schämen sich, «aufs Amt» zu gehen
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Taxifahrerinnen, Angestellte auf Kurzarbeit, Kulturschaffende und Selbständigerwerbende driften jetzt mit am meisten in die Sozialhilfe ab. (Bild: Jenö Gösi/AURA)

Warum in Kriens nicht selten Tränen fliessen Sozialhilfe: Viele schämen sich, «aufs Amt» zu gehen

7 min Lesezeit 1 Kommentar 28.07.2021, 04:59 Uhr

Was heisst es für einen Menschen, wenn er sich eingestehen muss, dass er es finanziell nicht schafft, über die Runden zu kommen? Das wollte Cornelia Lorenz herausfinden. Die Sozialarbeiterin hat dies am Beispiel der Sozialdienste Kriens erforscht – und dabei gemerkt, dass lange Wartezeiten ein Problem sind.

Der Gang aufs Sozialamt ist wohl für alle Betroffenen schwierig. Nicht selten ist er mit Scham verbunden. Oftmals ist es das «Letzte, was man wollte». Doch was genau heisst es für diese Menschen, sich eingestehen zu müssen, ihre Existenz nicht mehr selbst sichern zu können? Wie ist der Gang aufs Sozialamt für sie wirklich?

«Der Blick auf die Sozialhilfe aus der Perspektive der Betroffenen ist meiner Meinung nach bisher zu kurz gekommen», sagt Cornelia Lorenz, die seit mehreren Jahren als Sozialarbeiterin auf verschiedenen Sozialdiensten arbeitet. Im Rahmen ihrer MAS-Arbeit an der Hochschule Luzern – am Departement Soziale Arbeit hat sie untersucht, wie Betroffene das Aufnahmeverfahren erleben. Dies am Beispiel der Sozialdienste Kriens, wo Cornelia Lorenz als Leiterin des Ressorts Sozialberatung arbeitet.

Coronabedingter Anstieg ist noch zu erwarten

Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft. Bis Ende 2022 rechnet sie schweizweit mit 57’800 zusätzlichen Sozialhilfebezügern. Ganz so schlimm wie anfänglich prognostiziert wird es wohl nicht kommen. So sagte der stellvertretende Geschäftsführer der Skos kürzlich gegenüber der «NZZ am Sonntag», dass man die Schätzung im Herbst nach unten korrigieren werde.

«Manchmal wirkt die Frage: ‹Was ist denn passiert, dass Sie jetzt bei mir sind?› wie ein Türöffner.»

Cornelia Lorenz

Den prognostizierten massiven Fallanstieg in der wirtschaftlichen Sozialhilfe aufgrund Corona hat man im Gegensatz zu anderen Gemeinden in Kriens bisher nicht beobachten können. Hingegen haben die Fälle der Abklärungen zugenommen und zeigen sich zunehmend komplexer. Und sicher kann noch keine Entwarnung gegeben werden. Denn ein coronabedingter Anstieg ist noch zu erwarten. Dies, wenn Betroffene in vorgelagerten Sozialversicherungen wie beispielsweise bei der Arbeitslosenversicherung ausgesteuert werden. Die Arbeitslosentaggelder sichern die Existenz der Betroffenen im Normalfall während maximal zwei Jahren. Erst nach dieser Zeit besteht ein Anspruch auf Sozialhilfe. «Ein Anstieg der Sozialhilfebeziehenden erfolgt daher mit der entsprechenden Verzögerung», so Lorenz.

Hohe Nachfrage nach Erstgesprächen

Die Sozialarbeitenden kamen dennoch an ihre Grenzen. Beim ersten Lockdown im März letzten Jahres mussten sie eine hohe Nachfrage an Erstgesprächen bewältigen. 60 Krienserinnen und Krienser suchten damals während eines Monats aufgrund finanzieller Engpässe den Kontakt zu ihnen. «Ähnlich war es im Februar dieses Jahres, als Gastronomie, Coiffeursalons, Nagel- und Tattoostudios ihre Arbeit niederlegen mussten. Wieder waren rund 50 Anfragen während eines Monats zu bewältigen.»

Männer haben mehr Mühe, Sozialhilfe zu beziehen

In einer Gesellschaft, in der Individualität und Selbstbestimmung grossgeschrieben werden, bedeutet Hilfe durch andere anzunehmen, für viele ein Verlust von Autonomie und Kontrolle. Fast jedem zweiten fällt es deswegen schwer, sich bei den Sozialdiensten zu melden. Den meisten ist es unangenehm, Sozialhilfe zu beziehen – für Männer noch mehr als für Frauen.

«Oft höre ich in solchen Gesprächen von Betroffenen, dass es ihnen sehr unangenehm ist, hier sein zu müssen.»

Im Rahmen der Befragung gaben 71 Prozent der befragten Männer an, dass es für sie unangenehm ist, Sozialhilfe zu beziehen. Bei den Frauen waren es 28 Prozent. «Viele Männer haben wohl den Anspruch an sich, stark sein zu müssen, auf Hilfe von anderen nicht angewiesen zu sein», sagt die 48-Jährige. Finanzielle Abhängigkeit werde mit Status- oder Gesichtsverlust oder dem Gefühl, versagt zu haben, gleichgesetzt. Anders sei es bei den Frauen. «Frauen haben weniger Mühe, sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren und fremde Hilfe anzunehmen.»

Nicht selten fliessen auf dem Sozialamt Tränen

Wer Sozialhilfe bezieht, muss sämtliche vom Sozialdienst verlangten Unterlagen einreichen. Informationen über die finanzielle, gesundheitliche, persönliche und familiäre Situation müssen preisgegeben werden. «Wer Sozialhilfe beantragt, hat kein Anrecht mehr auf Privatsphäre. Durch die Beanspruchung finanzieller Leistungen verlieren Betroffene ihre Unabhängigkeit», sagt Cornelia Lorenz.

Wie das für Sozialhilfebezüger ist, spürt sie auch in den Gesprächen. «Oft höre ich in solchen Gesprächen von Betroffenen, dass es ihnen sehr unangenehm ist, hier sein zu müssen. Und dass sie eigentlich gar keine Sozialhilfe wollen, es sich nur um eine vorübergehende Überbrückung handelt.» Da brauche es seitens Sozialarbeitenden Empathie und Verständnis. «Manchmal wirkt die Frage: ‹Was ist denn passiert, dass Sie jetzt bei mir sind?› wie ein Türöffner. Oft fliessen in solchen Momenten Tränen.»

Lange auf ein Gespräch bei den Sozialdiensten warten ist ein Problem

Die im Rahmen der MAS-Arbeit befragten Sozialhilfebeziehenden stellten den Sozialdiensten Kriens insgesamt ein gutes Zeugnis aus. So äusserten sich die Befragten positiv über die Beratung sowie die Fachlichkeit und Kompetenz der Sozialarbeitenden. Nicht aber bezüglich der Wartezeiten. 25 von 55 Befragten meinten, dass sie lange auf einen Termin zum Erstgespräch warten mussten. «Dass Betroffene zum Teil lange auf ein Erst- oder Aufnahmegespräch warten müssen, ist in meinen Augen wirklich ein Problem», sagt Cornelia Lorenz.

«Dass Betroffene zum Teil lange auf ein Erst- oder Aufnahmegespräch warten müssen, ist in meinen Augen wirklich ein Problem.»

Cornelia Lorenz

Denn Studien und auch ihre eigene Befragung zeigten: Die meisten wollen sich erst dann helfen lassen, wenn die Probleme bereits sehr gross sind. So warten sie im Durchschnitt bis zu 100 Tage, bis sie sich aufs Sozialamt wagen. Müssen sie dann noch auf das Erstgespräch warten, können sich die oft mehrfach problematischen Lebenslagen weiterhin verschlimmern. «Für Sozialarbeitende wird es dann ebenfalls schwieriger, weil Probleme komplexer werden und sich die Situationen von Betroffenen oft derart verschlimmert haben, dass es sofortige Interventionen benötigt – wie beispielsweise bei der Obdachsicherung.»

Doch: Warum kommt es denn überhaupt zu Wartezeiten? «Die Anzahl von Erstgesprächen schwankt zwischen 25 und 60 pro Monat», erklärt Cornelia Lorenz. «Die personellen Ressourcen sind demgegenüber aber relativ fix.» Das heisst: Es können nicht spontan mehr personelle Ressourcen geschaffen werden, weil externe Einflüsse zu einem Anstieg der Ratsuchenden auf den Sozialdiensten führen. Ausserdem ist eine Personalaufstockung politischen Prozessen unterworfen, die nicht von einem Tag auf den anderen umgesetzt werden kann. Deswegen kommt es zu Wartezeiten. Auch bei den eigentlichen Aufnahmegesprächen gibt es ähnliche Schwankungen. Die Anzahl variiert von 8 bis 21 pro Monat.

In Kriens wurden Stellen aufgestockt

In ihrer Arbeit schreibt Cornelia Lorenz, dass es notwendig sei, im Bereich der Erst- und Aufnahmegespräche bei den Sozialdiensten Kriens Stellen aufzustocken. In diesem Frühling hat der Krienser Stadtrat ein positives Zeichen gesetzt und einer befristeten Stellenaufstockung zugestimmt, um die Spitzenbelastungen brechen zu können, die vermutlich durch Corona entstanden sind.

«Oberstes Ziel in der Sozialhilfe muss es sein, die Menschen zu befähigen, sich wieder aus der Abhängigkeit des Staates zu begeben.»

Cla Büchi, Stadtrat und Sozialvorsteher

Gemäss Aussagen des Stadtrates und Sozialvorstehers Cla Büchi hat die hohe Arbeitsbelastung in der Sozialarbeit – zum Teil wegen fehlenden personellen Ressourcen – in den letzten zwei Jahren zu Häufungen an gesundheitlichen Arbeitsausfällen geführt. Der Anstieg der Falllast durch Corona hat die Situation der Arbeitsbelastung noch akzentuiert, so Büchi.

Sozialarbeitende brauchen genügend zeitliche und personelle Ressourcen

Darum sollen die befristeten Stellenaufstockungen auch dazu dienen, einerseits die gesundheitlichen Ausfälle zu kompensieren. Und anderseits dazu, die Arbeitsbelastung der Sozialarbeitenden auf das Niveau des anzustrebenden Mengengerüsts von 80 Fälle auf 100 Stellenprozente zu reduzieren.

«Oberstes Ziel in der Sozialhilfe muss es sein, die Menschen zu befähigen, sich wieder aus der Abhängigkeit des Staates zu begeben», schreibt Cla Büchi. «Dies ist aber nur zu erreichen, wenn die Sozialarbeitenden die dafür erforderlichen zeitlichen sowie personellen Ressourcen haben.» Eine durch die Stadt Winterthur in Auftrag gegebene Studie hat aufgezeigt, dass mit der Einhaltung eines angemessenen Mengengerüsts (80/100) mehr Menschen wieder aus der Sozialhilfe geführt werden konnten und sich für die Stadt Winterthur dadurch massiv tiefere Sozialhilfekosten ergaben.

Sollte die von der Skos prognostizierte Fallzunahme durch Corona tatsächlich eintreten und sich auch auf die Sozialdienste Kriens auswirken – so müsste man wohl bezüglich weiterer Stellenaufstockungen nochmals über die Bücher.

Die Sozialarbeiterin Cornelia Lorenz.

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1 Kommentare
  1. Michel von der Schwand, 28.07.2021, 09:51 Uhr

    Vielleicht sollten sich aber auch die Mitarbeitenden gewisser Ämter eine gehörige Portion Empathie verabreichen. Nirgends wird Macht über andere Menschen so stark ausgeübt. Frei nach der Kernkompetenzen eines aufrechten Schweizer Patrioten: Auf diejenigen, welche ganz unten sind, gehörig drauf treten, so dass diese unten bleiben. Von wegen Befähigen!

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