Songs über die Liebe – oder den Mississippi
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Lia Ray zieht mit ihrer Gitarre und ihren Songs die Zuhörer in den Bann. (Bild: Laura Livers)

Gratis ist nicht wertlos: Junge Musiker geben Gas Songs über die Liebe – oder den Mississippi

5 min Lesezeit 09.07.2016, 19:07 Uhr

Die Grillparty ist organisiert, die Gäste eingeladen, die Lichterketten aufgehängt. Fehlt nur noch die Live-Musik? Die Zuger Musikerbörse [email protected] schafft Abhilfe. zentralplus fragt die Organisatoren, wie das Ganze funktioniert, warum die Musiker keine Gage nehmen, und besucht ein kleines feines Konzert.

Die Musikerbörse der Jugendanimation Zug (JAZ) hat es es sich zum Auftrag gemacht hat, jungen Zuger Musikern zwischen 13 und 25 Jahren Auftrittsmöglichkeiten in privatem Rahmen zu vermitteln. Dies unter dem Namen [email protected] (siehe Kasten unten).

Um diese Plattform bekannt zu machen, organisiert das JAZ drei öffentliche Konzerte im Raum Zug pro Jahr, wie vergangenen Freitagabend.

Diesmal spielt das Wetter voll mit

Musste das erste Konzert der Saison noch aus wettertechnischen Gründen abgesagt werden, spielte das Wetter jetzt mit. Die Restaurants sind bis auf den letzten Platz gefüllt und hinter der Vogelvolière am Gärbiplatz steht ein Bus mit einer Pop-up-Bar. Links davon ein roter Teppich mit Mikrofonständer und Boxen, davor bunte Stühle mit Tischen, inmitten von zwei Boccia-Gruppen.

«Gerade für junge Musiker ist es oft schwierig, ihre Musik ausserhalb des Bekanntenkreises publik zu machen.»
Patrik Lehmann, einer der Initiatoren der Musikbörse

Kurz nach 20 Uhr betritt Lia Ray mit ihrer Gitarre die Bühne. Die junge Singer-Songwriterin spielt knapp 40 Minuten ihre selbstgeschriebenen Lieder über die Liebe, und hie und da ein Cover. Lia ist schon seit drei Jahren Mitglied der Plattform. Für sie sei diese der perfekte Einstieg gewesen, erzählt sie. Sie treffe andere Musiker und sei dadurch Teil der Szene. So lange sie in Zug bleibe, werde sie auf jeden Fall weiterhin [email protected] spielen, fügt sie hinzu.

Vom Zugersee an den Mississippi

Um 21 Uhr folgt die Band «R we Alone?». Mit Steelguitar, der Stimme eines Whiskey trinkenden Südstaatlers und dem Sonnenuntergang im Rücken führen die zwei Musiker das Publikum durch die brütende Hitze am Mississippi, singen von Geisterstädten und schlechten Entscheidungen.

Schönes Stimmungsbild beim Auftritt der Band «R we Alone?».

Schönes Stimmungsbild beim Auftritt der Band «R we Alone?».

(Bild: Lea Livers)

Geistig sind wir in den Südstaaten, fasziniert vom Riesenfluss Mississippi, träumen von der grossen weiten Welt. Physisch sitzen wir am kleinen, nicht minder schönen Zugersee. Die Stühle sind mittlerweile voll besetzt, genau wie die Parkbänke und Mauern dahinter. Immer wieder bleiben Leute stehen oder setzen sich hin, um in dieser warmen Sommernacht der Musik zu lauschen.

Lehmann, hinter der Bar, erklärt den Gästen unermüdlich das Konzept von [email protected] und verteilt Flyer. Auch das gehöre zu seinem Auftrag, erklärt er. Wenn er eine Gelegenheit sehe, eine Band zu vermitteln, dann müsse er die packen. Es sei schon öfters vorgekommen, dass Bands so gebucht worden seien, einmal sogar vor Ort nach dem Konzert.

Spontaner Auftrag

Kurz nach 22 Uhr ist der Spuk vorbei – länger reicht die Bewilligung nicht. Ein befreundeter Künstler bucht «R We Alone?» spontan für eine Terassen-Jam-Session. Er habe Bier im Kühlschrank, verrät er augenzwinkernd und die Band nimmt dankend an.

Friedliche Abendstimmung beim Auftritt der Band «R we Alone?».

Friedliche Abendstimmung beim Auftritt der Band «R we Alone?».

(Bild: Lea Livers)

Bereits diesen Samstag spielen sie das nächste [email protected] an einem Hausfest am See. Das Tolle an den Konzerten sei, dass man zwar nie wisse, wo man lande. «Aber weil der Rahmen so intim ist, werden die Konzerte immer unvergesslich», erzählt Raffael Casaulta. Letzten Winter habe er im Wald für zehn wildfremde Menschen ein Konzert gegeben, während auf dem Feuer ein Fondue gekocht wurde. «Solch eine Atmosphäre gibt es in einem Club nicht. Ich sehe das Konzept als Win-Win-Situation – ich als Musiker sammle Erfahrung und Publikum, und meine Gastgeber bekommen ein Privatkonzert.» Musik gehöre nicht nur in grosse Hallen, sondern auch auf Wohnzimmersofas und Balkone, kurz: in den Alltag.

Das nächste öffentliche [email protected] findet bei gutem Wetter am 5. August beim Hirschgehege am Alpenquai statt.

Die alternative Zuger Musikbörse: Chance, um bekannter zu werden

Ziel der Plattform [email protected] ist es, lokale Musik einem breiten Publikum zugängig zu machen. Offizielle Auftrittsmöglichkeiten gäbe es zwar in Zug – wie die Industrie 45 oder die Galvanik. «Diese Lokalitäten aber sprechen meist ein spezifisches Publikum an, sodass es gerade für junge Musiker oft schwierig ist, ihre Musik ausserhalb des Bekanntenkreises publik zu machen», sagt Patrik Lehmann als einer der Initiatoren im Gespräch mit zentralplus.

Auf der Webseite finden sich Porträts verschiedenster Formationen, mit Hörbeispielen, Kontaktangaben und Informationen, zu welchen Anlässen sich das Konzert anbieten könnte, wie zum Beispiel eine Geburtstagsparty oder eben ein Grillfest. Verstärker und Mikrofone können direkt beim JAZ ausgeliehen werden, alles Weitere muss mit den Musikern direkt verhandelt werden.

Idealerweise, erzählt Patrik Lehmann weiter, schaue sich jemand diese Webseite an, sucht sich einen Musiker oder eine Musikerin aus und nimmt direkt Kontakt auf. Bei Bedarf oder Fragen stehe das JAZ aber für beide Seiten zur Verfügung.

Dienstleistungen statt Geld

Das Besondere an diesem Konzept ist die Bezahlung. So sollen die Musiker nicht in Form einer Gage bezahlt werden, sondern mit Leistungen. Auf der Webseite finden sich verschiedenste Vorschläge dazu, wie Bandraum-Staubsaugen, Haare schneiden für die Musiker, Flyergestaltung oder eine Einladung zum Essen.

Auf die Nachfrage hin, ob denn dieses Prinzip des «Gratis-Spielens» nicht die Musik abwerte, winkt Lehmann ab. Die Idee sei, dass die finanzielle Situation des Gastgebers nicht als Ausschlusskriterium fungieren soll. Denn auf die Idee, Live-Musik für ein Fest zu organisieren, folgt meist der Gedanke an die Kosten, was dazu führen könne, dass gar nicht erst versucht werde, diese Idee umzusetzen.

Kollekte oder mit Zehnernoten garnierte «Merci»-Stängeli

Zudem sei es nicht so, dass Geld an solchen Anlässen tabu sei. Es wird sowohl den Gastgebern wie auch den Musikern empfohlen, eine Kollekte aufzustellen. Es sei auch schon vorgekommen, dass eine Band am Schluss eine Schachtel «Merci» als Dankeschön bekommen habe, deren Schokoladenstängel mit Zehnernoten umwickelt gewesen seien. Bei grösseren Veranstaltungen wie Hochzeiten oder Quartierfesten wird gleich von Anfang an darauf hingewiesen, dass in solch einem Falle eine fixe Gage angebracht ist – [email protected] sei für kleine Rahmen gedacht, also Feste mit 5 bis 15 Gästen.

 

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