Sonderfall Zug: Ein einig Volk von Autofahrern
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Den hohen Anteil an Personenwagen bekommt man in der Stadt Zug zur Rushhour besonders deutlich zu spüren. (Bild: bic)

Nationaler Spitzenreiter in Sachen Auto Sonderfall Zug: Ein einig Volk von Autofahrern

4 min Lesezeit 3 Kommentare 08.02.2021, 17:00 Uhr

Zug ist durch und durch ein Autokanton. Seit Jahren trägt er den Titel als Kanton mit dem höchsten Motorisierungsgrad der Schweiz. Nur: Ist das im Sinne des Kantons? Und welche Entwicklung schwebt der Zuger Regierung vor? Die Antworten darauf werfen noch mehr Fragen auf.

Dass die Zuger ein inniges Verhältnis zu ihren Motorfahrzeugen haben, ist hinlänglich bekannt. Dennoch ist es erstaunlich, dass ein so zentral gelegener und gut erschlossener Kanton wie Zug selbst Bergkantone wie das Wallis oder das Tessin deutlich abhängt, wenn es um den Motorisierungsgrad der Bevölkerung geht.

Wie stark das Gefälle zwischen Zug und dem Rest der Schweiz ist, belegen die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Erklären können sie das Phänomen allerdings nicht.

Deutlicher Abstand zum Rest der Schweiz

Mitte 2020 zählte der Bund im Kanton Zug rund 89’000 Personenwagen. Das bedeutet, dass pro 1’000 Einwohner 698 Personenwagen vorhanden sind – Platz 1 in der Schweiz. Dahinter folgen Schwyz (651) und das Wallis (648). Der Schweizer Durchschnitt liegt bei 541. Der Bund illustriert den Motorisierungsgrad der Kantone jährlich mittels einer interaktiven Karte:

Die Entwicklung des Motorisierungsgrades im Kanton Zug zeigt denn auch nur in eine Richtung: nach oben. In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl Autos pro 1’000 Einwohner um genau 100 angestiegen – von 598 auf 698:

Regierung verweist auf Bevölkerungswachstum

Während andere Kantone und insbesondere Städte den Anteil an Personenwagen im Verkehr zu drosseln versuchen, scheint dies im Kanton Zug nicht der Fall zu sein oder zumindest nicht Früchte zu tragen.

Ist dieser stetige Anstieg im Sinne der Zuger Regierung? Baudirektor Florian Weber (FDP) beantwortet die Frage nicht direkt: «Der Motorisierungsgrad ist eine Verhältniszahl zwischen der Anzahl Fahrzeugen und der Bevölkerung. Der klare Anstieg des Motorisierungsgrades im Kanton müsste deshalb auch im Verhältnis zur Bevölkerungsentwicklung beurteilt werden», argumentiert Weber stattdessen.

«Der Regierungsrat setzt sich eine energieeffiziente Mobilität mit möglichst wenig CO2-Emissionen zum Ziel.»

Florian Weber, Baudirektor Kanton Zug

Tatsächlich ist die Zuger Bevölkerung in den vergangenen zehn Jahren deutlich gewachsen. 2010 zählte der Kanton 113’105 Personen. 2019 waren es 127’642. Das ist ein Anstieg um 14’537 Personen. Nur: Die Anzahl Autos ist in derselben Zeit deutlich stärker angestiegen. 2010 waren 66’963 Personenwagen in Zug zugelassen, 2019 waren es bereits 86’373. Das ist ein Anstieg um 19’410 Personenwagen.

Anders formuliert: Welche Entwicklung wünscht sich die Zuger Regierung? «Der Regierungsrat setzt sich, gemäss dem ‹Energieleitbild Kanton Zug 2018›, bis 2035 eine energieeffiziente Mobilität mit möglichst wenig CO2-Emissionen zum Ziel», sagt Weber. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Tatsache, dass Zug die höchste Quote an rein elektrisch betriebenen Fahrzeugen hat. Zug ist tatsächlich nationaler Spitzenreiter bei der E-Mobilität – mit einem Anteil von genau 2 Prozent (zentralplus berichtete).

Ist das ÖV-Angebot attraktiv genug?

Beim steigenden Motorisierungsgrad der Zuger muss man unweigerlich den Blick auf das ÖV-System richten. Falls eine Umverlagerung auf den ÖV schon bestehen sollte, scheint sie nicht zu funktionieren. Weber hält dagegen, dass Passagierzahlen in Bahn und Bus durchaus stetig angestiegen sind. Zwischen 2007 und 2017 sind sie von rund 22,4 Millionen auf knapp über 30 Millionen Passagiere gestiegen. Dies belegen Zahlen der kantonalen Statistikstelle, die Regierungsrat Florian Weber zentralplus vorlegt.

Dennoch scheint die Zuger Bevölkerung von einem konsequenten Umstieg auf den ÖV abzusehen. An einer mangelnden Attraktivität des bestehenden ÖV-Angebots liege es nicht, betont Baudirektor Weber. Die genannte Entwicklung der Passagierzahlen belege, dass das ÖV-Netz «durchaus attraktiv ist und jährlich mehr davon Gebrauch gemacht wird». «Nur in Randgebieten und peripheren Lagen sind auch ÖV-Güteklassen der mittleren und geringen Erschliessung zu finden.»

Mobilitätskonzept kommt noch 2021

Einen Grund für diesen aussergewöhnlich hohen Motorisierungsgrad können Weber und die Zuger Regierung zentralplus nicht nennen. Und auch die Ziele scheinen, angesichts der hier aufgeführten Antworten, eher vage zu sein. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Kanton über kein echtes Mobilitätskonzept verfügt. In einem solchen müssten genau solche Ziele transparent definiert werden.

Nun wurde ein solches Konzept aber erarbeitet, wie auf der Website der Baudirektion zu lesen ist. Demnach soll «Anfang 2021» die Freigabe für die nächsten Schritte erfolgen, sprich eine Richtplananpassung in die öffentliche Mitwirkung gehen. Ziel ist es, das Mobilitätskonzept im kantonalen Richtplan zu verankern. Baudirektor Weber bestätigt, dass man damit, trotz Covid-19-Einschränkungen, nach wie vor auf Kurs sei. «Die öffentliche Mitwirkung soll im März/April 2021 starten.»

Anschliessend wird der Regierungsrat die Richtplananpassung dem Kantonsrat zum Beschluss vorlegen. Dies sollte noch in diesem Jahr der Fall sein. Spätestens dann muss die Regierung die Karten auf den Tisch legen und aufzeigen, wie der Kanton verkehrstechnisch in die Zukunft gehen soll.

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3 Kommentare
  1. kritischer_Zuger, 11.02.2021, 10:05 Uhr

    Nun Ja – ich würde vorschlagen, sich dochbitt ersteinmal die ÖV Verbindungen anzuschauen – bevor ein solcher Artikel geschrieben wird. Insbesondere die Fahrpläne, welche das Äegerital betreffen
    ( Linie 1 ) oder die Randgemeinden im allgemeinen (Alosen, Morgarten, Allenwinden usw) –
    Die Situation in (Ober- und Unter-) Ägeri ist nämlich die folgende – Sie wohnen am Berg oder in den neuen Siedlungsgebieten – SUPER – 2 bis 3 km bis zur Bushaltestelle – ergo – Sie nahmen das Auto.

    Sonderfall Walchwil – nach MIllionenschwerer Sanierung der Bahnstrecke –
    S-Bahn Anbindung = Klasse und wird als Supererfolg gefeiert !!!!
    ABER- wenn man im Oberdorf wohnt – 2-3 km zur Bahnstation – also bleibt man direkt im Auto und fährt direkt weiter …..Denn der Ortsbus (Linie 26) fährt nur Morgens und Abends zu den Stosszeiten…
    Also – ich denke, solange die Zuger Verkehrsbetriebe keine besseren Verbindungen aufbauen können (oder wollen 😉 ), bei der prekären Finanzaustattung des Kantons wird dies wohl auch noch in 20 Jahren so bleiben – ‚Bunte‘ Politiker hin – oder her- es ändert nämlich nichts an der Tatsache das VIELE auf das Auto angewiesen sind.

  2. Peter, 08.02.2021, 19:39 Uhr

    Vielleicht sind auch nur die 4,5 und 6. Autos das Problem. Die fahren ja dann nicht auf der Strasse. Da hilft auch eine Strategie wenig.

  3. Nicolas Roth, 08.02.2021, 19:00 Uhr

    Der Kanton hat hier gar nichts zu planen oder zu richten. In einem freien Kanton hat jeder die freie Wahl, wie er sich fortbewegen will: per Bahn, Auto, Velo oder zu Fuss. Die entsprechende Infrastruktur ist vorhanden, die gefahrenen Distanzen sind aufgrund der Kleinheit des Kantons sowieso kurz. Es besteht absolut keine Notwendigkeit für ein „CO2-armes“ Mobilitätskonzept. Sonst soll der Herr Baudirektor aus Walchwil bitte vorangehen und auf seinen B…-SUV verzichten (einen solchen fährt er nämlich) und per Bahn zur Arbeit fahren.

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