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«Solche Absagen können wir uns nicht oft leisten»
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Benedikt von Peter, Intendant des Luzerner Theaters (Bild: Ingo Hoehn)

Theater stoppt Stück – der Intendant erklärt «Solche Absagen können wir uns nicht oft leisten»

4 min Lesezeit 10.05.2017, 16:53 Uhr

Das Luzerner Theater zieht die Handbremse und kippt ein Stück kurz vor der Premiere aus dem Programm. Grund: Die Qualität genügt nicht. Wieso wurde das Stück eines externen Regisseurs so spät gestoppt? Intendant Benedikt von Peter sagt, wie es so weit kommen konnte.

Aus heiter wurde ernst: Die Slapstick-Collage «Immer weiter, dann wird’s heiter» hätte am Donnerstag in der Box des Luzerner Theaters Premiere gehabt. Doch nun dies: Zwei Tage vor der Premiere ziehen die Verantwortlichen die Handbremse, das Stück wurde kurzerhand aus dem Programm gekippt (zentralplus berichtete). Aus «künstlerischen Gründen», hiess es in der knappen Mitteilung von Dienstagabend. Das Stück habe «nicht die Qualität erreichen können, die wir dem Luzerner Publikum bieten möchten».

Regie führte der erfahrene Theatermann Dominique Müller, es wäre seine erste Produktion am Luzerner Theater gewesen. Man kennt den Schauspieler, Autor und Regisseur etwa von Arbeiten für Ohne Rolf, Dominic Deville oder Viktor Giacobbo. Müller will sich zum Entscheid des Theaters nicht äussern, dafür nimmt Intendant Benedikt von Peter Stellung.

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zentralplus: Herr von Peter, man bekommt das Gefühl, da hätte der böse Intendant ein Machtwort gesprochen und die Aufführung in letzter Minute abgeblasen. War’s so?

Benedikt von Peter: Es war insgesamt ein zäher Prozess über mehrere Wochen. Das gesamte Team hat sich bemüht und gerungen, es gab verschiedene Eskalationsstufen. Mal gab es grünes Licht, dann rotes, dann wieder grünes … Wir haben bis zuletzt versucht, das Stück auf tragende Füsse zu stellen, aber am Montag haben wir gesehen, dass es nicht zu schaffen ist. Deshalb haben wir am Dienstag kommuniziert, das Stück aus dem Programm zu nehmen.

zentralplus: Was gab letztlich den Ausschlag?

von Peter: Es gab unglaublich schöne Szenen, aber der Boden hat gefehlt, der das alles zusammenhält. Darum haben wir zusammen mit der Schauspieldramaturgie, mit Regisseur Dominique Müller und den Darstellern so entschieden. Wir versuchten zuerst, die Premiere hinauszuschieben auf den zweiten oder dritten Aufführungstermin, aber das war aus Termingründen nicht möglich.

Stück «Immer weiter …»

«Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler, ein Opernsänger und ein Jazz-Bassist machen sich auf, eine neue Zivilisation zu gründen. Das fröhliche Reich des Schein und Spiels, wo die Gesetze von Gesellschaft und Natur nicht mehr gelten, sondern Lachen die einzige Währung ist», hiess es im Stückbeschrieb zu «Immer weiter, dann wird’s heiter». Es hätte am Donnerstag, 11. Mai, Premiere gehabt in der Box des Luzerner Theaters, acht weitere Aufführungen waren geplant. Bereits gekaufte Eintrittskarten können an der Billettkasse zurückgegeben werden. Die Abonnenten wurden persönlich benachrichtigt. Neben den Ensemblemitgliedern war auch der Bassist Fabian Gisler (u.a. bei Rusconi) beteiligt.

Die angetönte «Übernahme» findet im Rahmen der Heimspiele statt: Die Freie Szene übernimmt am Samstag, 27. Mai, während 24 Stunden das Luzerner Theater.

zentralplus: Aber wieso kam die Absage erst so spät?

von Peter: Es haben alle wie verrückt gearbeitet, damit das Stück funktioniert. Es ist wie bei einer Komposition, die Teile müssen sich zusammenfügen, das hat hier nicht geklappt. Was aber nicht heisst, dass alle Teile schlecht waren. Wir sind einfach nicht zu einer Qualität gekommen, die wir gegen Geld zeigen wollten.

zentralplus: Wäre das Stück mit mehr Zeit noch bühnenreif geworden?

von Peter: Vielleicht, es wäre definitiv besser geworden.

zentralplus: Haben denn die Kontrollen versagt?

von Peter: Nein, das Risiko besteht immer, wenn man selber ein Stück entwickelt und nicht Produktionen einkauft. Das ist in jedem Betrieb so, der selber produziert, es geht nicht immer gut. Obwohl es eine kleine Produktion in der Box mit nur neun Aufführungen gewesen wäre, wollen wir keine halbe Qualität zeigen.

zentralplus: Aber trotzdem ist viel Arbeit vergebens passiert.

von Peter: Das ist bei jedem Unternehmen so, die Risiken sind in der Kalkulation eingeplant. Es geht nicht um viel Geld. Es war wenig Material nötig und die Kostüme kamen aus dem Fundus. Abgesehen vom Musiker Fabian Gisler waren alle Beteiligten feste Ensemblemitglieder, sie hatten Verständnis für den Entscheid.

«Natürlich, alle sind frustriert – es ist traurig und hart.»

zentralplus: Aber frustrierend muss es trotzdem sein?

von Peter: Natürlich, alle sind frustriert, es ist auch traurig und hart, wenn man sechs Wochen an etwas arbeitet und miteinander ringt. Das ist wie eine Amputation.

zentralplus: Wie hat Regisseur Dominique Müller reagiert?

von Peter: Wie gesagt, der Entscheid fiel einvernehmlich und wir haben das gemeinsam durchgezogen. Klar, es ist nichts Schönes für ihn.

«Immer weiter, dann wird’s heiter»: aus dem Trailer.

«Immer weiter, dann wird’s heiter»: aus dem Trailer.

(Bild: zvg)

zentralplus: Erhielten Sie Reaktionen von Zuschauern auf die Absage?

von Peter: Nur wenige. Es haben Abonnenten angerufen und sie fanden es stark, dass wir so reagierten und kommunizierten. Es ist klar, wir wollen Qualität liefern und können uns solche Absagen natürlich nicht oft leisten.

zentralplus: Wird es wieder eine Carte blanche für einen externen Regisseur geben?

von Peter: Der Abend sollte leicht und unterhaltend werden, mehr Comedy als andere Produktionen, das ist ein Risiko, weil es ein schwieriges Genre ist. Wir haben das Stück selber geschrieben und entwickelt, dazu haben wir erfahrene Leute geholt. Aber es war ein Wagnis, wie immer, wenn man von null beginnt.

«Wir laufen schon seit letztem Oktober auf der Felge.»

zentralplus: Ende Mai geben Sie das Haus für 24 Stunden ganz aus der Hand: Die Freie Szene «übernimmt» das Haus. Ist da das Risiko noch grösser?

von Peter: Das ist was ganz anderes, das wird für alle die totale Überforderung sein (lacht). Aber es ist unkuratiert, wir wollen da nicht bestimmen, was gut und schlecht ist. Die künstlerische Verantwortung liegt nicht bei uns, sondern bei den einzelnen Formationen. Wir übernehmen nur die Organisation, und die wird hart.

zentralplus: Die Saison neigt sich dem Ende zu, Sie haben der Crew viel zugemutet. Ist die Absage auch Ausdruck einer Überlastung?

von Peter: Wir laufen eigentlich schon seit letztem Oktober auf der Felge (lacht). Aber wir sind immer noch motiviert und glücklich. Es war eine Ausnahmespielzeit, aber auch wahnsinnig erfolgreich. Wir kennen uns im Team immer besser, es sind so viele neue Leute dabei in der Leitung und im Ensemble. Für uns war das letztlich ein wichtiges Erlebnis.

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