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So wohnen Zuger – mit Einhörnern und virtuellen Welten
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(Bild: slam)

Auf der Suche nach Identität in Zuger Wohnungen So wohnen Zuger – mit Einhörnern und virtuellen Welten

6 min Lesezeit 01.08.2016, 04:48 Uhr

Willkommen bei den Zugern. Drei Personen stellen sich und ihre Wohnungen vor. Nach 500 Jahren Stadtentwicklung gibt’s hier so einige interessante Wohnungen zu entdecken. Von einem geheimen Platz, Expats und Menschen auf der Durchreise: So wohnen und gestalten Zuger ihre Lebensräume.

Wie leben Zuger heute und was sagen ihre Häuser über sie aus? Auf der Suche nach Identität und Baukultur trifft man in den Wohnungen der folgenden drei Personen auf Geschichtsträchtiges, Geheimnisvolles und Futuristisches. Vor allem aber treffen wir auf Gastfreundschaft und verschiedene Facetten einer neuen Identität.

Sicht auf den heutigen Casinoplatz mit dem alten Lindenbaum

Sicht auf den heutigen Casinoplatz mit dem alten Lindenbaum

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(Bild: slam)

 

Timon Sager – Gamedesigner, Virtual Reality Spezialist

WG über 4 Stockwerke, ca. 120 m2

Auf die Frage, wieso er und seine Mitbewohner so gerne in diesem Haus wohnen würden, antwortet Timon Sager wie aus der Kanone geschossen: «Wegen der Terrasse. Jeder, der hierherkommt, vergisst die Zeit und will darauf am liebsten übernachten.» In seiner WG lebt man für den Sommer und die Abende mit Freunden auf der rund acht Quadratmeter grossen Terrasse mit Sicht auf das Theater Casino Zug und den See.

Insider der Altstadt kennen ihn noch als «Lindenplatz». Das sind allerdings wenige: «Kaum ein Zuger ausserhalb dieser Stadtmauern kennt ihn noch, unseren Lindenplatz», verrät Vermieter Karl Müller, der den 1987 ersetzten Lindenbaum heranwachsen sah. Die beste Sicht darauf hat man dank beim Umbau eingesetzten Fenstern, die einstmals kleinere Schiessscharten zum Schutz der Anwohner waren.

«Dieses Haus, das ist mein Herzblut.»

Eigentümer Karl Müller

Einen Steinwurf entfernt könne man nun, ein halbes Millennium später, friedlich bei der Badi Seeliken baden und sich sonnen, wenn es auf der Terrasse zu heiss wird, meint Sager. Auch den Garten vor dem Haus pflegen die WG-Kumpels pflichtbewusst, dem Eigentümer zuliebe. Hier lebt man in und ums Haus, aber vor allem im Sommer. Aus dem vor rund zwei Jahrzehnten noch einzigen Kachelofen des Hauses in der mit Holz ausgekleideten Stube wurde nach dem Einzug der WG kurzerhand eine Bar für eisgekühlte Cocktails.

Das Haus an der Grabenstrasse 48 liegt direkt zwischen der Liebfrauenkapelle und dem «Kanonenhaus» und wurde kurz nach 1500 in die südliche Befestigungsmauer mit seinen Schiessscharten hineingebaut. Damals wurde die dritte, wesentlich weiter gefasste Stadtmauer errichtet. Die Altstadt konnte nach der Seekatastrophe von 1435 nur über den Graben, die heutige Grabenstrasse, hinaus ausgeweitet werden und erlebte eine Vergrösserung um das Dreifache.

Wohnzimmer mit Fenster zum alten «Lindenplatz»

Wohnzimmer mit Fenster zum alten «Lindenplatz»

Einst war noch die alte Ringmauer zu sehen, an die das Haus angebaut wurde. Fenster wurden ausgebrochen und die Mauer erhöht. Der älteste bekannte Besitzer war 1747 der Kapellensigrist Beat Jakob Keiser. Für Schiessscharten hatte spätestens dieser, aber auch der Fischer, der später hier gewohnt habe, keine Verwendung mehr gehabt. Das Haus erhielt dann seinen heutigen Verputz und die Läden wurden mit Farbe bemalt.

Alte Fassade: Früher Schiessscharten in der Stadtmauer, heute richtige Fenster

Früher Schiessscharten, heute richtige Fenster

(Bild: Amt für Denkmalschutz)

Der Eigentümer erinnert sich noch, wie der Brunnen vor dem Haus unterirdisch einer Quelle entsprang, bis diese beim Umbau des Platzes umgeleitet wurde. Auch die nahe gelegene Kupferschmiede profitierte vom durchsichtigen Gold, das vom Zugerberg herbeifloss. «Dieses Haus, das ist mein Herzblut», so Müller, der heute in Steinhausen lebt. Für ältere Menschen sind die engen Treppen im Haus nur noch bedingt nutzbar.

Timon Sager beschäftigt sich heute vor allem mit virtuellen Welten und Spieledesign. Der riesige Bildschirm für die Darstellung virtueller Welten steht vor dem Fenster mit Sicht über das alte «Wöschhüsli»: «Ein krasserer Kontrast in und um dieses Haus wäre nicht denkbar», ist sich Timon bewusst, aber «das ist auch gut so.» Das Tor aus der Altstadt und seiner Vergangenheit ist eben auch das Tor in eine neue Zukunft.

Elisabeth M.Wahlzugerin und Hausfrau

85 m2 Wohnfläche, 2. bzw. 3. Stockwerk, ca. 1500

Hier wird man freundlich empfangen, denn die Wohnung steht auch auf AirBnB offen für Durchreisende. Und wird dazu schon mal tage- oder wochenweise vermietet. Die Britin, die uns die Tür öffnet, entschuldigt sich für die vielen Stufen bis zur Wohnung. Sie beschäftigt sich neben der täglichen Arbeit als Hausfrau in ihrer Freizeit leidenschaftlich mit Interior Design und hat zwei Kinder in London, die sie oft besuchen. Ihre Tochter habe ihr Interesse für Ästhetisches wohl von ihr vermacht bekommen, verrät sie uns zufrieden lächelnd. Sie studiere darum auch Mode an der renommiertesten Schule in der britischen Hauptstadt. Elisabeths bevorzugter Stil: eine Mélange aus Traditionell und Zeitgenössisch. Und so ist die Maisonette-Wohnung an der Oberen Altstadt mit Seesicht und Ausblick auf das Zuger Wahrzeichen, den Zytturm, auch eingerichtet.

«Als mein Mann beim Blick aus dem Fenster mit funkelnden Augen die Segelboote auf dem See sah, wusste ich, ich kann nichts mehr dagegen tun: Die Wohnung war gekauft.»

Elisabeth M., Wahlzugerin

 

Warme Farben und viel Holz – typisch Altstadt

Warme Farben und viel Holz – typisch Altstadt

(Bild: slam)

Vom oberen Stockwerk sieht man über die Dächer der Unteraltstadt hinweg auf den offenen See. Die Familie pendelt zurzeit zwischen dieser Liegenschaft, einem Haus in Zürich und einem in England hin und her. Auch sonst sind die Eigentümer viel auf Reisen, wenn sie nicht gerade im Seeliken nebenan schwimmen gehen, draussen in der Natur spazieren oder golfen.

Sicht aufs Zuger Wahrzeichen, den Zytturm

Sicht aufs Zuger Wahrzeichen, den Zytturm

(Bild: slam)

Auch diverse Wassersportarten gehören nicht nur zu Elisabeths Hobbys: «Als mein Mann beim Blick aus dem Fenster mit funkelnden Augen die Segelboote auf dem See sah, wusste ich, ich kann nichts mehr dagegen tun: Die Wohnung war gekauft», meint Elisabeth lachend. In Zug gefalle es auch ihr am besten, gesteht die Wahlzugerin dann doch. Die Vermietung der Wohnung für Durchreisende ist für die Britin in Muss: «Es wäre schade, so eine schöne Wohnung während der Zeit, die sie leersteht, nicht zu teilen.»

Viel Glas trennt die beiden Stöcke. Und lässt Licht durchsickern. Trotzdem wirkt die Wohnung auf gewisse Art und Weise wenig belebt, vielleicht geprägt durch das Pendeln des Expat-Paars und der wechselnden Bewohnerschaft auf der Durchreise.

 

Samantha Heller – Industrie-/Interior-Designerin

75 m2, 2. Stockwerk, BJ: 50er-Jahre

Die ruhige Adresse an der Zugerstrasse ist für 1200.– Franken selten erschwinglich für hiesige Verhältnisse. Dank der Kunstwerke der gelernten Industriedesignerin und der von Grund auf selbst renovierten Wohnung wirkt sie stilistisch individuell – eine Mischung aus zeitgenössischen und Retro-Elementen.

Heller schätzt vor allem die qualitative Handarbeit sowie das dafür verwendete, hochwertige Material besonders. «Holz wirkt als Werkstoff auch nach Jahrhunderten noch lebendig und verkörpert viele Erinnerungen», schwärmt sie.

«Mein Urgrossvater baute dieses Haus in den 50er-Jahren, ich gehöre also der vierten Generation an, die hier wohnt», sagt Heller. Dass das Haus für ihre Familie besonders solide gebaut wurde, weiss Heller als ausgebildete Schreinerin zu schätzen. Offenbar haben die soliden Wände aber auch Nachteile: «Unser Nachbar hat sich schon beklagt, dass er nichts von uns höre, obwohl wir oft auch bis spätabends Besuch haben.» Der selbst gebaute Torbogen im Schlafzimmer beweist ihr handwerkliches Können.

Das Wohnzimmer der Designerin

Das Wohnzimmer der Designerin: mit Einhorn an der Wand

(Bild: slam)

Von Mustern hält Heller nicht mehr viel: «Lieblingsmuster sollte man durch die ganze Wohnung durchziehen oder ganz weglassen», fährt sie fort. Im Moment befasst sie sich vor allem mit Interior Design, da dieses Metier für sie eher alltägliche Freuden in das Leben der Menschen bringe. Der Markt dafür sei aber in Zug besonders hart umkämpft, etwa wie der Immobilienmarkt. Mit solider, realer Bausubstanz und Kunst hat das wiederum nichts mehr zu tun.

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