So wohnen Herr und Frau Luzerner
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Mo Henzmann mit Büsi in ihren vier Wänden. (Bild: jav)

Mo Henzmann fotografiert im Intimen So wohnen Herr und Frau Luzerner

4 min Lesezeit 19.11.2017, 12:21 Uhr

In fremde Wohnungen spienzeln – Inneneinrichtung, Kunst, Fotos und Erbstücke begutachten – das macht Spass. Fotografin Mo Henzmann hat aus der Neugier ein Projekt gemacht. Zu persönlich? Nicht doch. Die Luzerner öffnen bereitwillig ihre Türen.

Was gehört bei einer Einladung zum «Znacht» in den eigenen vier Wänden stets dazu? Selbstverständlich die obligate Wohnungsführung. Eine Eigenart der Schweizer Gastgeberkultur.

Die Luzerner Fotografin Mo Henzmann geht noch einen Schritt weiter. Für ihr Projekt Zimmer53 fotografiert sie Wohnungen und ihre Bewohner.

Spiegel, Schädel, Figürchen – verwinkelte und historische Räume, ganz spartanisch oder voller Krimskrams – die Bilder lassen sich sehen. Denn Henzmann sucht sich ihre «Opfer» ganz genau aus.

Bei Carmen und Luki sind die Wände voll mit Erinnerungen von gemeinsamen Erlebnissen.

(Bild: Mo Henzmann)

Im Gelben Haus fing alles an

Zimmer53 gibt es seit 2012. Doch erst seit diesem Jahr sind die Bilder online in einem Blog zu finden. «Ich hatte erst an eine Ausstellung gedacht oder ein Buch», erklärt Henzmann. Doch die Vorstellung war ihr zu abgeschlossen. «Ich will, dass das Projekt endlos weitergehen kann.»

Angefangen hat alles in der Küche des Wohn- und Ateliergebäudes Gelbes Haus. Dort entdeckt Henzmann während einer Auftragsarbeit ein Foto ihres kochenden Grossvaters. Das Foto war durch eine Zwischennutzung im ehemaligen Haus ihres Grossvaters in den Besitz eines Studenten und durch ihn ins Gelbe Haus gelangt. Der Name Zimmer53 hat sich aus dieser Geschichte entwickelt: Aus der Hausnummer ihres Grossvaters mit der Zimmerbezeichnung des Gelben Hauses.

Das Foto an der Küchenwand des Gelben Hauses zeigt Mo Henzmanns Grossvater in seiner Küche in Emmen.

Das Foto an der Küchenwand des Gelben Hauses zeigt Mo Henzmanns Grossvater in seiner Küche in Emmen.

(Bild: Mo Henzmann)

Der ursprüngliche Auftrag im Gelben Haus war vage formuliert und Henzmann wusste nicht, sollte sie Menschen, Räume, Dinge oder das Haus als Ganzes in den Fokus setzen. «So begann ich einfach zu fotografieren, was mich interessierte. Und ich konnte nicht mehr damit aufhören», sagt die 44-jährige Fotografin. Ihre Neugier, Menschen und ihre Wohnungen zu dokumentieren, war geweckt. «Für mich war klar: Das will ich machen und ich will damit nicht vor der Tür des Gelben Hauses aufhören.»

Bald darauf habe sie angefangen, nach Menschen zu suchen, die ihre Wohnung zeigen wollten. «Erst kamen gute Freunde dran. Durch sie wurden mir andere Leute vermittelt. Ich kam mit der Kamera in Wohnungen von Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.»

Carmen und Luki waren sofort von der Idee begeistert.

Carmen und Luki waren sofort von der Idee begeistert.

(Bild: Mo Henzmann)

Wer zensiert?

Doch sind Herr und Frau Schweizer nicht viel zu verschlossen für ein solches Projekt? Wer lässt gerne eine Fotografin in seinen privaten Rückzugsort? «Ich bin immer wieder erstaunt, wie offen die Leute sind. Alles wird offengelegt. Meist bin ich die, welche zensiert – dass ich intime Dinge wie beispielsweise Medikamente, die im Bad stehen, nicht zeige.» Sie wolle niemanden blossstellen, keine heimlichen Aufnahmen machen. «Es geht nicht um Voyeurismus.»

Luki: «Ich als Innenarchitekt hätte die Wohnung gerne reduziert und architektonisch inszeniert. Doch unser Leben ist zu bunt, spannend und vielseitig, was sich in der Wohnung mit gemeinsamen Erinnerungsstücken, Bildern und Lebhaftem aus unserem Alltag widerspiegelt.»

Luki: «Ich als Innenarchitekt hätte die Wohnung gerne reduziert und architektonisch inszeniert. Doch unser Leben ist zu bunt, spannend und vielseitig, was sich in der Wohnung mit gemeinsamen Erinnerungsstücken, Bildern und Lebhaftem aus unserem Alltag widerspiegelt.»

(Bild: Mo Henzmann)

Was interessiere, sei der Mensch und nicht seine Geheimnisse, aber auch nicht bloss die Innenarchitektur. «Es geht nicht um Ästhetik, sondern um Authentizität.» Daher sei immer die Mischung aus Porträts und Stillleben wichtig.

Sie komme der Person durch ihre Wohnung näher: «Die Räume und die Sachen erzählen mir etwas über ihre Besitzer und Bewohner. Ich lerne die Menschen während des Fotografierens ihrer Wohnung besser kennen.»

Luki rasierte sich.

Luki rasiert sich.

(Bild: Mo Henzmann)

Viele freuen sich sehr über das Interesse an ihrem Zuhause, weiss Henzmann. Und wenn sie erklärt, dann wird auch klar, weshalb. Die Leute richten sich mit viel Liebe zum Detail ein, suchen Kunst und Möbel, tolle Lampen, Designerstücke oder Trouvaillen zusammen und dann sieht es kaum jemand.

Mo Henzmann

Mo(nika) Henzmann lebt mit ihrem Mann, den zwei Kindern und den zwei Katzen in Ebikon. Arbeitet die freischaffende Fotografin nicht an Zimmer53, erledigt sie Aufträge wie Firmenauftritte, Portraits oder auch mal Reportagen.

Doch es gehe auch beim Wohnen um Selbstinszenierung. «Mit der Einrichtung ist es wie mit Kleidung, Schmuck oder Tattoos: Man zeigt sich, wie man gerne wahrgenommen werde, und dabei schimmere viel vom Charakter und den eigenen Interessen durch. 

Inszenierung auch in den Bildern

Auch in den Fotos kommt oft die Inszenierung durch. Plötzlich hätten die Leute eine Perücke auf dem Kopf oder eine Maske vor dem Gesicht. «Ich warte meist auf den Moment, in welchem so etwas passiert. Denn erstaunlicherweise sind viele Menschen dann viel mehr bei sich. Wenn sie sich verkleiden, inszenieren, werden sie mehr sich selber, sind weniger gehemmt.» 

Gemeinsames Malen mit Mo Henzmanns Kindern.

(Bild: Mo Henzmann)

Oft würden die Besuche schnell sehr freundschaftlich und gemütlich, erzählt Henzmann. «Ich werde dabei auch öfters bekocht.» Manchmal sind auch Henzmanns Kinder mit dabei. Unangenehme Momente habe sie bis jetzt noch nie erlebt. Doch bisher habe sie sich auch eher in einer Subkultur bewegt – dem sogenannten Luzerner Kulturkuchen. In zwölf Wohnungen durfte sie dabei bereits mit ihrer Kamera auf Tuchfühlung gehen. Fünf weitere habe sie angefragt, ungefähr zehn weitere im Kopf.

Neugier als Antrieb

Mo Henzmann selbst lebt eher minimalistisch. «Persönlich hab ich lieber wenige Dinge, dafür welche, die mir wichtig sind. Ich mag keine Wegwerfartikel.» Doch würde sie ihre reduzierte Einrichtung ebenfalls auf Zimmer53 präsentieren? «Offen dafür, unsere Wohnung zu zeigen, wäre ich. Aber das müsste jemand anderes fotografieren. Mir würde hier die Neugierde fehlen, welche die Arbeit ausmacht.»

Die beiden kamen gerade aus der Dusche.

Die beiden kamen gerade aus der Dusche.

(Bild: Mo Henzmann)

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