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So werden im Worst Case 220 Corona-Infizierte betreut
  • Gesellschaft
220 Betten stehen in der Turnhalle des Schweizer Paraplegikerzentrums. Im Bild: Peter Jurt, der Leiter des Medical Centers in Nottwil. (Bild: ida)

Rundgang im Medical Center Nottwil So werden im Worst Case 220 Corona-Infizierte betreut

5 min Lesezeit 3 Kommentare 06.04.2020, 13:52 Uhr

Auf dem Areal des Schweizer Paraplegikerzentrums in Nottwil wurde ein Notfallzentrum errichtet. Jetzt könnten hier 220 Corona-Infizierte betreut werden, wenn die Spitäler überlastet sind. Ein Szenario, das hoffentlich nie eintritt.

Es ist keine gewöhnliche Pressekonferenz: Referenten, Journalistinnen und Fotografen – alle mit Mundmasken. Die Hände zuvor desinfiziert. Von Stuhl zu Stuhl mindestens zwei Meter Abstand.

Wir sind im Hotel Sempachersee, nicht unweit des Schweizer Paraplegikerzentrums. Um sich gegen die Cornavirus-Welle zu wappnen, hat der kantonale Führungsstab hier im Auftrag des Gesundheits- und Sozialdepartements des Kantons das Medical Center Luzern auf dem Areal des Schweizer Paraplegiker-Zentrums in Nottwil errichtet. Für den Notfall. «Ziel ist es, dass Luzern auch im schlimmsten aller möglichen Fälle jedem Patienten ein Bett und eine adäquate Pflege anbieten kann», sagt Vinzenz Graf, Stabschef des kantonalen Führungsstabs.

Für welche Corona-Erkrankten ist das Medical Center gedacht?

Doch wie funktioniert das Notfallzentrum in Nottwil und wie sieht’s darin aus? Peter Jurt, der Leiter des Betriebs des Medical Centers, nimmt uns auf einen Rundgang mit. In einer Kolonne laufen wir quer durch die grosse Anlage des Paraplegikerzentrums, zum Haupteingang, wo die Patienten in Empfang genommen werden.

Patienten werden grundsätzlich von den Spitälern ins Medical Center überwiesen. Es sind Corona-Erkrankte, die soweit genesen sind – aber noch nicht nach Hause können. Etwa, weil sie zu Hause niemanden haben, der sie unterstützen und pflegen könnte. Patienten, die «in ihren letzten Tagen zur vollständigen Genesung» stecken, so Jurt. Also keine Patienten, die kritisch krank sind oder beatmet werden müssen.

In einer Loge werden die Personalien der Patienten überprüft. 24 Stunden am Tag ist sie besetzt. Der Patient gibt seine Krankenakte ab. Nun wird er von einer Betreuungsperson abgeholt, die den Patienten den Weg bis zum Bett zeigt.

Wie wird ein Patient zum Bett gebracht?

Obwohl schon jetzt alle Besucher blaue Mundmasken tragen – noch deutlicher wird der Ernst der Sache, als wir aufbrechen, um ins Innere zu treten. Wir durchqueren den Haupteingang, vorbei an Loge und dem Warteraum für Patienten. Auf dem Weg zur Turnhalle eröffnet sich durch ein Fenster ein Blick ins Innere: Kleine, kahle Betten sind aneinandergereiht, die zuvor in Zivilschutzanlagen und Notspitälern waren.

So sehen die Betten aus. (Bild: ida)

Und das mitten in einer Sporthalle. Stille herrscht, als wir eintreten. Da wo sonst Fussball gespielt und am Reck geturnt wird, stehen nun 220 Betten bereit. Auf Festbänken sind sie montiert, weil sie sonst zu tief stehen würden. Alles durchnummeriert, sodass das Pflegepersonal, aber auch der Patient die Übersicht behält – und jeder sein Bett auch wieder findet.

Von A bis Z – alles ist eine gut organisierte Improvisation, wie auch Jurt sagt. Das hier dereinst 220 Corona-Infizierte liegen, weil die Akutspitäler völlig ausgelastet sind? Eine Situation, die man sich nie wünschen würde.

220 Betten stehen derzeit bereit in der Turnhalle auf dem Areal des Schweizer Paraplegikerzentrums. (Bild: ida)

Was passiert, wenn ein Patient instabil wird?

Beatmungsgeräte sehen wir keine. Dominik Utiger, Geschäftsleiter des Betriebs des Medical Centers und praktizierender Arzt, erklärt, dass man eng mit dem Paraplegikerzentrum zusammenarbeite, das nur wenige Meter entfernt ist. Jederzeit könne man auf ein Notfall- und Intensivstationsteam zurückgreifen. Denn auch er weiss, dass es beim Coronaviurs «leider nicht so selten» der Fall sei, dass sich der Gesundheitszustand der Patienten wieder verschlechtere.

Das SPZ hat seinen Akutbereich in den letzten Wochen schrittweise geleert. Rund 20 Plätze stehen nun auf der Intensivstation bereit sowie 30 Beatmungsplätze. Corona-Patienten sollen so «sehr schnell und unkompliziert» weitergegeben werden können, wenn die medizinische Grundversorgung nicht mehr ausreicht.

Wie viel Personal steht im Einsatz?

Ärzte, Pflegefachleute und Unterstützungspersonal von Zivilschutz und Militär stehen im Medical Center im Einsatz. Dominik Utiger rechnet mit mindestens 140 medizinischen Betreuungspersonen pro Tag, aufgeteilt in drei Schichten. Rund 30 Betreuer kommen pro Schicht dazu, die nicht aus dem medizinischen Bereich sind. Peter Jurt erklärt, dass ein unterstützender Betreuer aus Zivilschutz oder Armee sich um rund fünf Patienten kümmern wird.

Dominik Utiger, Geschäftsleitung Betrieb des Medical Centers. (Bild: ida)

Das Personal darf nur mit Schutzausrüstung in die rote Zone. Nach der Arbeit muss diese entsprechend ausgezogen werden – selbst die Socken. In der grünen Zone dürfen die privaten Kleider wieder angezogen werden. Auch die Schuhe müssen desinfiziert werden, wie Jurt ergänzt.

Warum so rudimentär?

Das Medical Center macht einen rudimentären Eindruck. Nicht so, wie wir uns ein Spital vorstellen. Nicht zuletzt schürt es auch Angst, die kahlen Betten zu sehen, eng zusammengepfercht in der Turnhalle. «Wenn wir über Medizin reden, denken wir immer über unsere Standards nach, das, was wir gewohnt sind», sagt Dominik Utiger. «Das hier ist eine Notlösung für ganz prekäre Krisenzeiten.»

In Krisen hat man nicht mehr Fachleute als im zivilen Leben zur Verfügung. Und genau das sei die grosse Herausforderung. Utiger sagt, dass viele Menschen engagiert seien. «Um gemeinsam das zu organisieren, was wir alle lieber nie erleben wollen. Aber wir sind bereit.»

Auch er selbst hat gemischte Gefühle. Man habe hier frühzeitig reagiert, hat eine Spitalgrundstruktur auf die Beine gestellt, die «im absoluten Notfall zur Verfügung steht». Utiger fährt fort: «Wenn man so einen Pandemiegipfel in der Schweiz erleben würde, wird das wahnsinnig schwer.» Wir hätten die Bilder aus anderen Ländern vor Augen. Bilder, die man lieber gleich wieder verdrängen will. «Etwas, das wir nie erlebt haben in den letzten 70 Jahren und auch nie erleben möchten.»

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3 Kommentare
  1. Kaufmann, 07.04.2020, 15:38 Uhr

    Niemand wünschen wir eine positive Ansteckung oder eine Einweisung ins Spital, auch Boris Jonson nicht! Es ist sehr gut zu wissen, dass genügend Plätze zur Verfügung stehen. Es scheint schon, dass wir genügend Betten hätten, aber bei den Medikamenten gibt es einige offene Fragen.
    Wir hoffen, dass die Disziplin von ALLEN erhalten bleibt und mit Antipanik- Aktivitäten nicht untergraben wird.

  2. Paul Bründler, 06.04.2020, 15:42 Uhr

    Ich bin ja kein Hellseher und es ist bestimmt gut, genügend Kapazitäten zu schaffen, aber ich verfolge die Zahlen für den Kanton Luzern nun seit vielen Tagen.
    Die Zahl der Intensivpflege-Bedürftigen ist in den letzten Tagen zurückgegangen und liegt heute bei 6 Patienten (sechs!) im ganzen Kanton. Insgesamt sind 61 Corona-Patienten hospitalisiert. Diese Zahl ist mehr oder weniger konstant geblieben.
    In den Spitälern wird Däumchen gedreht aus Langeweile.
    Sollten wir nicht langsam den Panik Modus verlassen?

    1. rennaw LAZY, 07.04.2020, 17:30 Uhr

      Sollten wir nicht langsam den Panik Modus verlassen?
      Ja genau, diese Panikmache bringt so viele Zeitgenossen zum ventilieren.
      Da treiben die Medienschaffenden, getreu wie sie dies am MAZ gelernt haben, mit ihren reisserischen Artikeln die Bevölkerung und Politiker vor sich her.
      Mit den besten Grüssen und „Gsuuuund bliiibeeee“ au im Chopf
      LAZY

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