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So urchig klingt die wahre Zuger Mundart
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Wir haben Christian Muche am Landsgemeindeplatz in Zug zum Kaffee getroffen. Er steht neben einem Plakat des Chriesimärts. (Bild: mbe. )

Schon mal von Bämsel und Baringel gehört? So urchig klingt die wahre Zuger Mundart

7 min Lesezeit 09.07.2017, 17:10 Uhr

Christian Muche hat sich ein spezielles Thema für seine Maturaarbeit ausgesucht: die Mundart der Stadt Zug. Er landete einen Treffer und erhielt die Bestnote an der Kanti Zug. Der 20-Jährige hat bei dieser Arbeit viel gelernt über die Zuger – und reagiert heute auf gewisse Wörter allergisch.

Mundart ist etwas Selbstverständliches, sie schafft Nähe, die jüngere Generation schreibt sich SMS, vielleicht sogar Liebesbriefe in Dialekt. Doch die Beschäftigung mit der sprachlichen Basis, der Theorie, ist doch eher etwas Trockenes.

Vor allem für einen Jugendlichen. Der Zuger Gymnasiast Christian Muche hat sich dennoch ans Thema gewagt. Warum? «Unser Lehrer forderte uns einmal auf, einen deutschen Satz ins Schweizerdeutsche zu übersetzen. Da kamen die verschiedensten und abenteuerlichsten Varianten heraus», sagt der frischgebackene Maturand und lacht.

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Die Fragestellung seiner Arbeit lautete deshalb: Wie viel Zuger Dialekt sprechen die Zugerinnen und Zuger überhaupt noch?

Dringend 60 Zuger gesucht

Als Inspiration und Basis dienten ihm dabei die Arbeiten zum Zuger Dialekt des Lehrers Hans Bossard aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Was Muche gereizt hat, war der Kontakt mit den Menschen. «Ich wollte keine theoretische Arbeit schreiben.»

Um herauszufinden, wie viele Zuger Einwohner eigentlich noch Mundart verstehen und sprechen, hat er nämlich eine Umfrage geplant: 60 Personen wollte er finden und mit ihnen einen selbst verfassten Fragebogen durchgehen. Bedingung für die Beteiligung war, dass man in der Stadt Zug lebte. Man musste aber nicht hier geboren sein.

«Nur zwei Eritreer wollten mit mir reden. Zweieinhalb Stunden suchte ich Teilnehmer.»
Christian Muche

Er ging zum See, weil er dort mehr Zuger vermutete als am Bahnhof. Der Gymnasiast machte dabei die bittere Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. «Beim Wort Umfrage liefen viele gleich weg», sagt er.

Aufs Wort Umfrage reagieren viele allergisch

«Nur zwei Eritreer wollten mit mir reden. Nach zweieinhalb Stunden fand ich dann endlich ein Ehepaar, das Auskunft geben wollte.» Das Wort «Maturaarbeit» funktionierte besser, um die Leute zu bewegen, anzuhalten und Muche einmal zuzuhören. Doch so kam er nicht weiter, merkte er.

Einige Personen hätten dann versprochen, eine E-Mail an ihre Bekannten zu schicken. Ausserdem habe er selbst noch einen Brief an seine Nachbarschaft im Rütliquartier geschrieben. Innerhalb von zwei Monaten interviewte er so 60 Zugerinnen und Zuger. «Bei den Jüngeren ging es zirka 25 Minuten, bei den Älteren brauchte ich zirka eine Stunde. Es war sehr interessant.»

 

Anspruchsvoller Fragebogen

Seine Umfrage bestand aus mehreren Teilen: Im ersten Teil mussten die Teilnehmenden die Bedeutung von Zuger Dialektwörtern erklären. Der Korporationsbürger Xaver Keiser mit Jahrgang 1934 hatte sie aufs Tonband gesprochen, und Christian Muche spielte sie vor (Beispiele, wie das tönt, hören Sie in den Audiofiles. Auf oranges Symbol klicken).

Dann musste man Dinge auf Bildern benennen, für die es eigene Mundartwörter gibt. Die Bedeutung bestimmter Redewendungen zu erklären, war ein weiterer Teil und im vierten Teil sollte man mit Dialektwörtern die Handlung auf zwei Bildern erklären. Ganz schön knifflig also.

Beispiele gefällig? Der Gymnasiast legte den Befragten zum Beispiel Ausdrücke vor wie Bämsel, Baringel und Linger. Laut Lehrer Bossard waren die Wörter schon 1950 rar. So nannte man früher in Zug den Pinsel, die Aprikose und das Lineal. Gebräuchlicher ist eher noch die Nydle für den Rahm oder die Zäine für einen zweihenkligen Korb (Wäschekorb).

 

Ausgestorbene Ausdrücke

Das Ergebnis von Muches Umfrage erstaunt wenig: Die jüngeren Zuger kennen den ursprünglichen Zuger Dialekt fast nicht mehr. Ein Beispiel: Unter den ältesten Befragen (Jahrgänge 1926 bis 1960) nannten 7 von 16 Teilnehmern eine «Pfütze» in korrektem Zugerdeutsch «Gunte». Je jünger die Teilnehmenden, desto weniger kannten die Befragten diesen Ausdruck noch, bei der Kindergruppe war es noch einer von elf.

«Das bestätigte ein Phänomen, dass statt der Mundartausdrücke hochdeutsche Wörter eingesetzt und diese etwas an den Klang des Dialekts angepasst werden.»
Christian Muche

Doch Muche hat noch etwas anderes herausgefunden: Neun von elf Kindern nannten die Pfütze, angelehnt ans Hochdeutsche «Pfutzä». «Das bestätigte ein Phänomen, dass statt der Mundartausdrücke hochdeutsche Wörter eingesetzt und diese etwas an den Klang des Dialekts angepasst werden», sagt Muche.

Besser sah es beim Ausdruck «Zäine» aus (für einen zweihenkligen Korb/Wäschekorb). Den kennen und nutzen in der ältesten Gruppe 16 von 16 Personen. Auch die jüngere Generation nutzt das Wort aktiv.

 

Schriftsprache beeinflusst Mundart stark

Muche verweist in seiner Maturaarbeit, die übrigens die Bestnote an der Kanti Zug erhielt, auf den Sprachforscher Peter Dalcher. Dieser kam schon 1990/91 zum Schluss, dass der Dialekt der Kinder unter dem starken Einfluss der Schriftsprache steht. Zum Beispiel wird das vom Schriftdeutschen abgeleitete Wort «Summersprosse» doppelt so viel benutzt wie der Dialektausdruck «Merzefläcke».

Praktisch ausgestorben ist auch das Wort «Heustöffel». So nannte man ursprünglich die Heuschrecke. Doch das wusste, unabhängig vom Alter, bei Muches Umfrage niemand mehr. Heute ist der «Heugümper» in der Mundart gebräuchlich.

Zys und Zeis

Geht man aus Zug hinaus, gibt es zwischen den Ortschaften feine Nuancen bei der Mundart. Den Zins nennt man in Zug «Zys». Die Chamer sprechen hingegen vom «Zeis». Und im Ägerital «schnyts». Die Chamer nennen sich bekanntlich selber die «Chomer».

Christian Muche hat viel Neues über Zug gelernt bei seiner Arbeit. Fasziniert oder vielmehr überrascht hat ihn, dass Wörter, die zu Lehrer Bossards Zeiten noch in Gebrauch waren, einfach verschwunden sind.

 

Heugümper statt Heustöffel

Und dass andere wie der Heugümper sich an ihrer Stelle durchgesetzt haben. Oder dass Sprache sich ständig verändert und nichts Fixes ist. Sein Fazit ist nicht, dass man die Zuger Mundart wieder beleben muss, was ja auch kaum möglich ist. «Aber es wäre wenigstens nützlich, die Ausdrücke zu verstehen, wenn man mit einem älteren Menschen spricht», sagt der Jugendliche.

Der Gymnasiast ist durch seine Arbeit ausserdem ein wenig zum Lokalpatrioten geworden. Dies, obwohl er selbst – sein Vater stammt aus Deutschland, seine Mutter ist Solothurnerin – einen nicht so einfach zu verortenden Dialekt spricht.

«Butter» und «Pfärd»

Dennoch ist Christian Muche hellhöriger bei gewissen Ausdrucksweisen geworden: «Wenn ich zum Beispiel heute Butter statt Anke höre oder Pfärd statt Ross, dann frage ich mich persönlich, ob noch von einer dialektalen Entwicklung die Rede sein kann. Gibt es überhaupt noch den einen Dialektausdruck für ein bestimmtes Wort?»

Doch in nächster Zeit wird Muche weder die Zuger Mundart noch das Deutsche vermissen. Er wird nämlich bald nach Costa Rica aufbrechen, um Spanisch zu lernen. Dann geht’s mit der Freundin auf eine Südamerika-Reise. Später steht die Rekrutenschule an, und 2018 plant er ein BWL-Wirtschaftsstudium in St. Gallen.

Wie gut verstehen Sie Zugerdeutsch? Schreiben Sie uns.

Bämsel?
Baringel?
Nydle?
Zäine?
Haag?
Huure?
Bölle?
Heustöffel?
Bütschgi?
Gunte?
Manne?

Das sind alles Ausdrücke aus Christian Muches Matura-Arbeit.

Aber es gibt natürlich noch viel mehr davon. Wir haben das Wörterverzeichnis von Hans Bossards «Zuger Mundartbuch» von 1962 ein wenig durchstöbert. Wissen Sie zum Beispiel, was das heisst? 1. Abgänts? 2. Abguu? 3. Lädi? 4. Ausdrücke für spezielle Menschen: en Zhinderfüür; en Muggelituuser oder auch Tuggelimuuser (sic!); en Glörimek oder auch Plagööri; en Mutti; en Graadusne.

Auflösung: 1. Abfall, 2. Ekel, 3. Latz für Kinder; 4. armer Schlucker; Duckmäuser; Schwätzer; unfreundlich wortkarger Mensch; unverblümt offener Mensch.

Der Kanton Zug ist ein sprachliches Trümmerfeld

Christian Muche hat sich mit dem Stadtzuger Dialekt beschäftigt. Wodurch charakterisiert sich dieser? Am Anfang des 20. Jahrhunderts besass die Stadt Zug, die damals eher noch als «Landstädtchen» zu bezeichnen war, einen besonderen eigenen Dialekt, der dem schwyzerischen stark ähnelte – und sich von demjenigen der umliegenden Gemeinden unterschied. Dies stellte Hans Bosshard anno 1946 fest.

Als die Einwohnerzahl sich jedoch wegen der Industrialisierung durch Zuwanderung verdreifachte, während sich die einheimische Bevölkerung «um mehr als die Hälfte verminderte», beeinflusste dies den damaligen Zuger Dialekt stark, so Bossard.

Wenn man den ganzen Kanton analysiert, gibt es den allein selig machenden Zuger Dialekt nicht. Man kann den Kanton Zug deshalb auch als «sprachliches Trümmerfeld» bezeichnen (zentralplus berichtete). Je nach Ecke des Kantons hat der Zuger Dialekt eine leicht andere Färbung und richtet sich nach dem jeweiligen Nachbarkanton aus, also nach Luzern, Schwyz, dem Aargauer Freiamt oder Zürich.

Die Zuger Mundart war auch ein Thema in der Zuger Veranstaltungsreihe «First Friday». Am Freitag hat Christian Muche zusammen mit dem Zuger Dichter Max Huwyler, der auch im Literaturblog von zentralplus schreibt, ein Generationengespräch zum Thema Mundart in den Räumlichkeiten von Doku-Zug geführt.

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