«So schreibt man Geschichte»
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Emil Steinberger und seine Frau Niccel amüsieren sich 2015 bei der Ausstellung im Historischen Museum. (Bild: jav)

Emil kommt ins Museum «So schreibt man Geschichte»

5 min Lesezeit 26.03.2015, 15:21 Uhr

Emil Steinbergers Karriere, sein Schaffen und Leben wird im Historischen Museum Luzern ausgestellt. Die Ausstellung beschäftigt sich damit mit einem der «Helden» unserer Epoche und zeigt dabei die Stadt Luzern als eifersüchtige Liebhaberin.

Eine Ausstellung über einen lebendigen Menschen im Historischen Museum Luzern: Eine Seltenheit. Und dass der «Ausgestellte» die Ausstellung gleich selbst beeinflusst und besucht – beinahe unmöglich. Doch Kurator Christoph Lichtin hat sich Emil Steinberger für diese Ausstellung ausgesucht, und in dessen Leben und Schaffen gestöbert.

Zählt der Mensch Emil Steinberger also als Ausstellungsstück? «Ich habe mir solche Gedanken gar nie gemacht», so Lichtin. «Das Historische Museum ist ein Haus voller Helden. Und ein repräsentativer Held unserer Epoche – das ist Emil».

82 Jahre alt ist Steinberger heute. «Es hat auch eine Brutalität, ein so reiches Leben in einige Ausstellungstücke zu packen», so Lichtin. Wichtig sei ihm bei der Ausstellung vor allem die Trennung der Bühnenfigur und der Privatperson Emil Steinberger gewesen, erklärt Lichtin.

Was der Grind so hergibt

Die Mappe zur Ausstellung beinhaltet unzählige Dokumente und Fotografien aus Emils riesigem Archiv. «Wir haben alles auch zeitlich eingeordnet, während der Planungsphase. Dabei mussten wir teilweise auch entscheiden, was wann geschehen ist. Und die Daten gelten ab jetzt», sagt Lichtin und wirft einen Blick zu Steinberger, der aufmerksam lauscht. Dieser bestätigt lachend: «Ich habe akzeptiert.» Mit der Erklärung: «So schreibt man Geschichte», geht es mit der Führung los.

«Wie eine eifersüchtige Liebhaberin kommt mir das Luzern von damals heute vor.»
Christoph Lichtin, Kurator Historisches Museum

Die Ausstellung beginnt mit einer Porträtstudie, die in zwei, drei Stunden entstand, als Emil noch bei der Post arbeitete. Lichtin sieht dieses Fotoshooting als Zeitpunkt, ab wann Emil zu Emil wurde. «Das war ein Moment, in welchem er sein Potential fand, ausprobierte, was dieser ‹Grind› so hergibt.»

Auch Steinbergers Jugend und die Zeit von «Emil vor Emil» hat in der Ausstellung Platz. Dabei findet man Zeugnisse von Steinbergers ersten Bühnenerfahrungen mit Kasperlitheater und als jugendlicher Liebhaber in einem Laientheater. Auch seine ersten Radioversuche als Moderator, welche durch seine lustige und lockere Art nicht nur auf positives Echo stiessen, kann man sich auf dem alten Radio der Familie Steinberger anhören.

Über das «Cabarediesli» in der Zeit, als Luzern eine Cabaret-Hochburg war, von seinen ersten Fernsehauftritten und seiner Arbeit als Grafiker und als Kinobetreiber finden sich Dokumente, Ton- und Filmaufnahmen. «Es sind richtige Trouvaillen darunter», freut sich Lichtin. Etwa die empörten Schlagzeilen der Zeitungen, als sich Steinberger 1993 nach New York absetzte. «Wie eine eifersüchtige Liebhaberin kommt mir das Luzern von damals heute vor», so Lichtin.

VHS und Requisiten

Ein Teil der Ausstellung befasst sich auch mit Emil Steinbergers Auszeit von der Bühne. Von 1987 bis 1993 stand Steinberger nämlich im Hintergrund der Kameras – in dem er rund 150 Werbespots für Marken wie Bico-Matratzen, Melitta-Kaffee oder Fishermans Friends realisiert. Ein Video ab VHS-Kassette zeugt von einem solchen Werbespotdreh. Steinberger erinnert sich: «Die Darstellerin bekam einen Eimer voll Wasser ins Gesicht, und weil sie es wusste, schloss sie ihre Augen immer vorsorglich bereits vorher. Deshalb mussten wir die Szene mehrmals wiederholen, um sie authentisch rüberzubringen. Das hiess Make-up neu, Haare föhnen, Kleidung wechseln – immer und immer wieder.»

«Es kommen viele Erinnerungen wieder hoch.»
Emil Steinberger

Im Ausstellungsteil «Theater» kann man sich hinsetzen und Emil in Aktion auf Grossleinwand betrachten. Beim Gang durch die Ausstellung wird es hier plötzlich still. Emil Steinberger steht ganz ruhig, beobachtet sich selbst in einer anderen Zeit. Sicher fünf Minuten bleiben alle ruhig stehen. Sogar das Knipsen der Kameras hört für einen Moment auf.

Bei seinen Arbeitsdokumenten beginnt Steinberger zu erzählen. «Es kommen viele Erinnerungen wieder hoch.» Ein Notizblock ist auf der einen Hälfte mit Bleistiftgekritzel übersät. «Das war in einer Nummer, in welcher ich als Kellner mit einem Bleistift Notizen machte. Und das hier war der Requisiten-Block.»

Ihm habe es für die Bühne manchmal etwas an Disziplin gemangelt, gibt Emil mit einem Blick auf seine Notizen zu. «Ich wusste jeweils nur etwa 70 Prozent vom geschriebenen Programm auswendig, wenn ich auf die Bühne stieg.» Der Rest habe sich durch Publikumsreaktionen entwickelt.

Was kommt jetzt?

Eine ganze Wand nehmen die unzähligen Projekte Steinbergers ein, in einer grafischen Umsetzung – einem Zeitstrahl.

Der Zeitstrahl endet 2015. «Da fragt man sich doch sofort: Was kommt jetzt?» Und auch diese Frage ist Teil der Ausstellung. An einer Hörstation kann man sich die Antwort von Emil Steinberger auf diese Frage in Ruhe anhören.

Die Ausstellung

Die Sonderausstellung findet vom 27. März bis am 6. September im Historischen Museum Luzern statt. Das Angebot beinhaltet auch Führungen, Theatertouren mit Schauspielern, ein Filmprogramm und Kulinarisches im Rahmen von «Emil. Die Ausstellung».

Mehr Informationen zur Ausstellung finden Sie hier…

Die Recherche für die Ausstellung sei auch für ihn selbst sehr inspirierend gewesen. «Ich gehe ja ab Herbst mit einem neuen Programm auf Tour. Darin sind auch viele alte Sketche enthalten.» Und dafür habe er einige spannende Sachen bei den gemeinsamen Recherchen mit Christoph Lichtin gefunden.

Emil Steinberger bedankt sich zum Schluss bei Lichtin. «Er hat so viel Zeit und Arbeit in die Recherche gesteckt, hat so viel gefragt und nachgehakt.» Über ein Jahr hat sich Christoph Lichtin mit Emil und seinem Leben beschäftigt. «Manchmal fand er Dinge spannend, deren Wichtigkeit für eine Ausstellung ich gar nicht gesehen hätte. Aber ich wusste: Hier drin ist der Plan klar», sagt Emil lachend und zeigt auf Lichtins Kopf.

Und auch seiner Frau dankt Emil rührend. «Wir sind ein Duo. Sie trägt so viel bei, so viel Kreatives und Organisatorisches. Sie unterstützt mich stark, hat auch viel für mich zurückgesteckt. Für das Projekt Emil.» Er bekomme Hühnerhaut, wenn er sich in der Ausstellung alles ansehe und anhöre, so Steinberger. «Auf eine Art höre ich das alles natürlich sehr gerne. Auf eine andere Art ist es aber auch unangenehm.»

Ein paar Einblicke in «Emil. Die Ausstellung» finden Sie hier in unserer Slideshow:

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