«So schnell geht das nicht»
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Wäsche der Asylsuchenden in der Waschküche des Salesianums. (Bild: Beat Blättler)

Besuch in der Flüchtlingsunterkunft Salesianum «So schnell geht das nicht»

4 min Lesezeit 12.04.2016, 18:35 Uhr

Anfang März sind Flüchtlinge in das Salesianum gezogen. Dort, an schönster Lage, leben Menschen mit einer schwierigen Vergangenheit. Allerdings nicht unter einfachsten Bedingungen. Privatsphäre? Fehlanzeige. Viel jugendliche Energie? Bestimmt. Liebeleien? Mal sehen.

Es ist ruhig, nur aus der Küche ist Geklimper von Geschirr zu hören. Wir stehen im Aufenthaltsraum des Salesianums, gleich neben der grosszügigen Küche. Das etwas heruntergekommene, aber dennoch prachtvolle Gebäude wird seit März dieses Jahres als Asyl- und Flüchtlingsunterkunft gebraucht.

Jris Bischof, Leiterin des kantonalen Sozialamtes, Mehdi Grond, Leiter der Unterkunft, und Roland Hotz, Leiter Liegenschaften bei der Abteilung Soziale Dienste Asyl, führen eine Gruppe Medienschaffender durch die Räume und erklären, wie der Betrieb funktioniert.

Leben im Salesianum?

Aktuell wohnen 20 Männer und 5 Frauen im Haus. Nachdem das Gebäude längere Zeit leer stand, hauchen die Bewohner dem Haus wieder etwas Leben ein. Obwohl, lebendig wäre anders: Zu sehen ist nicht viel, zu hören – abgesehen von den Geräuschen aus der Küche – auch nicht.

Ein Bewohner bringt die Gemeinschaftsküche wieder auf Vordermann.

Ein Bewohner bringt die Gemeinschaftsküche wieder auf Vordermann.

(Bild: Beat Blättler)

Ab und zu huscht ein dunkelhäutiger junger Mann durch den Raum, grüsst verlegen und verzieht sich wieder. Die Frauen sitzen im zweiten Stock in einem Zimmer und kichern hinter verschlossener Türe. Kaum hören sie die Schritte im Gang, wird es aber ruhig im Zimmer.

Das zeigt: Der Besuch ist etwas unangenehm – für beide Seiten. Wir Journalisten dringen in das Territorium der Menschen dort ein. Etwa so, als ob man eine Wohnung besichtigen geht, die zur Vermietung ausgeschrieben ist – ohne dass die Bewohner dazu etwas zu sagen hätten.

WG-Hotel-Charme

Im Salesianum herrscht ein Charme, der zwischen WG und heruntergekommenem Hotel schwankt. Es ist etwas unpersönlich: Überall stehen die gleichen standardisierten Betten in den Zimmern, derselbe blaue Kasten daneben. Und doch: Da sind farbige Turnschuhe, T-Shirts liegen ordentlich gestapelt auf einer Fensterbank. Neben einem Computer liegt ein beschriebenes Papier aus dem Deutschkurs.

Mehdi Grond, Leiter der Unterkunft Salesianum, im Gespräch mit einem Bewohner.

Mehdi Grond, Leiter der Unterkunft Salesianum, im Gespräch mit einem Bewohner.

(Bild: Beat Blättler)

Zum WG-Charakter tragen auch die Menschen selber bei. Dass unterschiedliche Kulturen, verschiedene Charaktere und Vorstellungen aufeinanderprallen, liegt in der Natur der Sache: Im altehrwürdigen Salesianum wohnen Menschen aus Syrien, Eritrea, Irak, Sri Lanka und Afghanistan.

Gemeinsam hat man hier die Gegenwart, allenfalls die Flucht. Von der Vergangenheit ist aber nichts zu sehen: keine Fotos, keine Möbel, keine verstaubten Porzellanfiguren auf Regalen. Vielleicht ist es auch das, was die Unterkunft so unpersönlich macht.

Lernen, wie der Müll zu entsorgen ist

Die Menschen hier sind in der zweiten Phase des Asylverfahrens. Sie haben eine Zeit in Steinhausen verbracht – dem Erstaufnahmezentrum und Durchgangsstation – und wurden dort auf das Leben in der Schweiz vorbereitet. Sie haben gelernt, eine Waschmaschine zu bedienen, ein Busticket zu lösen oder Müll korrekt zu entsorgen. Jetzt sind sie hier, im schönen Gebäude an guter Lage.

 

Wäsche der Asylsuchenden in der Waschküche des Salesianums.

Wäsche der Asylsuchenden in der Waschküche des Salesianums.

(Bild: Beat Blättler)

Probleme bereite das kaum. Negative Reaktionen aus der Nachbarschaft blieben fast ganz aus, erzählt Jris Bischof. «Und wir haben hier fast keine Unruhen. Klar, wo junge Menschen aufeinandertreffen, da sind Hormone und da fliegen auch mal die Fetzen. Aber das bewegt sich alles im normalen Bereich», so Bischof.

Man glaubt es ihr, so ruhig wie es ist im Gebäude, so zurückhaltend wie sich die Bewohner geben. Und doch ist das erstaunlich, wenn man bedenkt, dass hier kaum einer Privatsphäre hat. Es stehen vier Duschen in einem Waschraum und die Zimmer sind mit zwei bis acht Betten bestückt.

Ein noch leeres Zimmer im Salesianum.

Ein noch leeres Zimmer im Salesianum.

(Bild: Beat Blättler)

Vielleicht trägt auch die Umgebung zur Ruhe im Gebäude bei. Aus den Fenstern hat man einen schönen Blick auf den Zugersee. Hinten bei der Einfahrt blühen Magnolien, laue Luft weht durch offene Türen. Es könnte richtig romantisch sein hier. Gibt es denn auch Liebesgeschichten unter den Bewohnern? Hotz lacht: «Die Menschen sind erst acht Wochen hier. So schnell geht das nicht.»

Der Blick aus dem Zimmerfenster auf den Zugersee: Es ist schön in der Asylunterkunft Salesianum.

Der Blick aus dem Zimmerfenster auf den Zugersee: Es ist schön in der Asylunterkunft Salesianum.

(Bild: Beat Blättler)

Ungewisse Zukunft

Ahmed (Name geändert) steht vor dem Salesianum und raucht. Der Afghane mittleren Alters lächelt scheu und streckt mir sofort die Hand zur Begrüssung entgegen, als ich auf ihn zugehe. Es gefalle ihm gut hier, antwortet er via Übersetzer. Er spricht nur Farsi und ein bisschen Deutsch. «Hallo» und «Grüezi», «Tschüss» und «Danke» etwa. Seit vier Monaten sei er hier. Es sei schön im Salesianum. Wieder lächelt er verlegen.

«Aktuell sind über 40 Prozent der Menschen hier im Arbeitsmarkt integriert.»
Jris Bischof, Leiterin des kantonalen Sozialamtes Zug

Er und viele andere dort kennen ihre Zukunft nicht: Sie warten auf den Entscheid der Asylbehörde. Der Schwerpunkt der Betreuung im Salesianum liegt denn auch auf der Selbstständigkeit, der Beschäftigung oder in einigen Fällen auf der beruflichen Integration. Das ist ein Thema, das Jris Bischof besonders Freude bereitet: «Aktuell sind über 40 Prozent der Menschen hier im Arbeitsmarkt integriert. Das freut uns», so Bischof.

Wie lange sie im Salesianum sein werden, wissen die Menschen nicht. Die Unterkunft ist nur für knapp eineinhalb Jahre zur Zwischennutzung frei. Dann kommen die Menschen wieder an einen anderen Ort, vielleicht in neuer Konstellation.

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