Gesellschaft

«Ich habe meine Lebenskraft in Taschentücher masturbiert»
So prägte die Pornosucht das Leben von Maurice

  • Lesezeit: 9 min
Maurice (31) aus Zug war mehr als 15 Jahre lang süchtig nach Pornos. (Symbolbild: Adobe Stock)
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Maurice (31) aus Zug war mehr als 15 Jahre lang süchtig nach Pornos. (Symbolbild: Adobe Stock)

Wie ist das, süchtig nach Pornos zu sein? Beim 31-jährigen Maurice verging in 15 Jahren kein Tag, an dem er keinen Sexfilm geschaut hat. Wut, Trauer und Probleme – er verdrängte alles. Und wenn er eine Frau traf, so ging der Porno in seinem Kopf bereits los …

«Manchmal sass ich abends hin und zog mir Pornofilm nach Pornofilm rein. Ich bin auf dieser Dopaminwelle geritten. Und weil ich wusste, dass diese Welle mit meinem Orgasmus vorbei ist, liess ich die Erregung immer wieder abschwellen. Und wieder ansteigen. Bis zu vier Stunden lang.»

Das erzählt uns Maurice, der eigentlich anders heisst, am Telefon. Maurice war jahrelang süchtig nach Pornos. Seit vier Monaten ist er nun «clean», wie er selbst sagt. Maurice erzählt erstaunlich offen und reflektiert über seinen Pornokonsum. Und darüber, wie dieser sein Leben prägte. Keine Frage geht ihm zu nahe.

Mit 13 Jahren das erste Mal einen Porno gesehen

An seinen ersten Porno kann er sich noch gut erinnern. Er war 13 Jahre alt, als sein Kollege mit einer Diskette bei ihm zu Hause aufkreuzte. Das seien «spannende Filme», die sie sich ansehen müssten, meinte dieser. Wie die nackten Frauen und Männer darin aussahen und in welchen Positionen sie Sex hatten, dass weiss Maurice heute natürlich nicht mehr. Wohl aber, was es in ihm ausgelöst hat. Schliesslich war es das erste Mal, dass er eine nackte Frau sah: «Es war unglaublich faszinierend.» Als sein Kollege nach Hause ging, sah sich Maurice den ganzen Film nochmals an – mit dem Unterschied, dass er nun dazu masturbierte.

«Seit da hat mich das Ganze nicht mehr losgelassen …» Es war seine sexuelle Lust, die geweckt war. Die Neugierde, die er damit befriedigen konnte. Und da war dieses Gefühl von Dominanz, das Maurice genoss. Diese Macht, Sex mit diesen Frauen zu haben in seinem Kopf. Sie zu benutzen. Weil sie ja nicht echt sind. Weil er so seine Bedürfnisse befriedigen konnte, ohne Rücksicht auf andere nehmen zu müssen. Um Mädchen anzusprechen, war er zu schüchtern.

Weder die Eltern noch die Schule hätten ihn aufgeklärt. Die Pornos zeigten Maurice alles, was er wissen wollte. «Dazu kam, dass man auf dem Pausenplatz diese Filme umherreichte. Man war irgendwie cool und gehörte dazu. Für einen Jungen, der es schwer hatte, in einer Gruppe Anschluss zu finden, war es ein Segen, etwas gefunden zu haben, mit dem man bei den anderen Jungs punkten konnte.»

Mit 16 Jahren gings mit den Pornos richtig los

Zuerst schaute Maurice vielleicht einmal wöchentlich Sexfilme. Nicht, weil er nicht mehr wollte. Vielmehr, weil er nur einmal in der Woche an den PC durfte. Manchmal flog er auf bei seiner Mutter. Wenn der PC mit Viren befallen war beispielsweise. Seine Mutter meinte dann nur, er solle es lassen. Abgehalten hat dies Maurice natürlich nicht.

Drei Jahre später kriegte er seinen eigenen Laptop. Mit dem Pornokonsum ging es dann so richtig los. «Mit etwa 16 Jahren habe ich zehn Jahre lang keinen Tag ausgelassen, an dem ich keinen Porno geschaut habe.» Manchmal verschanzte er sich auch während der Arbeit mit seinem Smartphone auf dem WC, um in die virtuelle Sexwelt abzutauchen.

Wut, Trauer, Angst – alles gipfelte im Pornokonsum

Die Pornos waren sein Ventil. Seine Flucht. Vor dem Alltag, dem Job, den er eigentlich nie richtig mochte. Anstatt dass sich Maurice um seine Probleme kümmerte und sein Leben aktiv in die Hände nahm, verschanzte er sich täglich in seinem Zimmer, guckte Pornos. «Mit wenigen Klicks war ich wieder unglaublich glücklich. So hatte ich nie den Drang, die Baustellen in meinem Leben wirklich anzugehen. Ich verspürte schlicht keine Notwendigkeit, hatte ich doch dieses Tool, das mich innert Sekunden in ekstatische Zustände bringen vermochte.»

«Die Frau vor mir hat nicht so gestöhnt, sich nicht so geräkelt wie die Frauen im Film. Und ich konnte nicht eine halbe Stunde rammeln so wie der Mann im Film.»

Die virtuelle Welt gab Maurice das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Er musste sich nicht anpassen, sich nicht verstellen und konnte einfach mal genau das machen, was er wollte.

Gleichzeitig hat ihn das aber vor seinen Emotionen distanziert. Wut, Angst und Trauer – Gefühle, die Maurice damals gar nicht richtig kannte. «Ich habe nie gelernt, diese auszuhalten oder adäquat damit umzugehen.» Diese Gefühle haben ihn immer mehr überfordert. «Das hat mich sehr vor mir selbst distanziert, ich lebte nur im Kopf.»

Übersexualisiert und verunsichert

Maurices Pornokonsum hat auch unglaublich viel Einfluss auf sein reales Sexleben. Bevor er mit etwa 15 Jahren das erste Mal Sex mit seiner damaligen Freundin hatte, hatte er schon stundenlang Pornos konsumiert. «Ich hatte ein Bild von Sex, wie er zu sein hat. Und dann war das erste Mal Sex ganz anders. Die Frau vor mir hat nicht so gestöhnt, sich nicht so geräkelt wie die Frauen im Film. Und auch ich konnte nicht eine halbe Stunde rammeln wie der Mann im Film.»

Klar wusste er, dass das im Film fiktiv ist. Sex nach Drehbuch eben. Aber ein Teil in ihm konnte die Pornos und die Realität nicht voneinander unterscheiden.

«Der Frau im Bildschirm war es egal, wie es um meine sexuelle Performance stand. Sie nannte mich – unabhängig wie gut ich tatsächlich war – einen geilen Hengst.»

Die Folge: Leistungsdruck, Erektionsstörungen und Orgasmusprobleme. «In meinem Kopf hatte ich in allen möglichen Positionen Sex, bis ich vor meiner Freundin keinen mehr hochkriegte. Jedes Mal Sex liess mehr Unsicherheit zurück», sagt Maurice. «Und das stundenlange Konsumieren von perfekten Frauen in perfekten Stellungen führte dazu, dass reale Frauen mit ihren individuellen Eigenheiten und vermeintlichen Makeln mich gar nicht mehr richtig scharf machen konnten.»

Die sexuelle Frustration habe ihn stark zweifeln lassen. «Ich fühlte mich nicht gut genug, nicht männlich genug. Ich definierte meinen Wert über meine sexuelle Performance und die war nicht kongruent mit diesem Ideal, welches ich in meinem Kopf hatte.»

Die Beziehungen zu Frauen waren nur oberflächlich

Auch nach seiner ersten Freundin pflegte er Beziehungen zu Frauen – allerdings nur oberflächlich. Wirklich auf jemanden einlassen habe er sich nie können. So hat er auch nie mit einer Frau über seinen Pornokonsum oder die Erektionsstörungen gesprochen. «Sex mit Frauen habe ich aber nie viel gehabt. Es war einfacher, einen Porno zu konsumieren. Dafür musste ich keinen Aufwand betreiben. Und ich riskierte keinen Korb.»

Und auch die eigenen Selbstzweifel spielten keine Rolle mehr. «Der Frau im Bildschirm war es egal, wie es um meine sexuelle Performance stand. Sie nannte mich – unabhängig wie gut ich tatsächlich war – einen geilen Hengst.»

Mit der Zeit wurde Maurices Bedürfnis, Frauen im echten Leben kennenzulernen, kleiner. «Nachdem ich masturbiert habe, war die Lust, Frauen kennenzulernen und mit ihnen Sex zu haben, weg.»

«Notgeil» sei er aber immer gewesen. «Immer wenn ich unterwegs eine Frau angetroffen habe, fiel mein Blick sogleich auf ihre Brüste, ihren Schritt. Der Porno im Kopf ging schon los …» Wirkliche Gespräche mit Frauen zu führen, sei praktisch nicht möglich gewesen. «Im Kopf liefen ständig Sexszenen mit dieser Frau. Unabhängig davon, ob ich ich begehrenswert fand oder nicht. Mein Gehirn war völlig reizüberflutet und der Umgang mit dem weiblichen Geschlecht stets mit Gefühlen der Unsicherheit und Scham verbunden.»

Etwas in ihm habe gewusst, dass dies nicht gut für ihn ist. Und trotzdem konnte er nicht widerstehen. Diese Diskrepanz führte zu Schamgefühlen und einer sozialen Phobie, wie Maurice sagt. Auch mit Männern hatte er Mühe, tiefere Gespräche zu führen. So waren denn auch seine Freundschaften sehr oberflächlich.

Viele Versuche, mit den Pornos aufzuhören, scheiterten

Unzählige Male versuchte Maurice, mit den Pornos aufzuhören. Vergeblich. Das Verlangen danach, seine Spannungen mit nur wenigen Klicks zu entladen, war viel stärker. Bis er damit begonnen hat, tiefer zu graben. «An die Wurzel des Problems», wie es Maurice nennt. «Jedes Mal wenn ich wieder das Verlangen spürte, Pornos zu schauen, habe ich versucht, mir über meine Emotionen klar zu werden, die dahinterstehen.

Maurice hat versucht, sich diesen Gefühlen zu stellen und sie zu verarbeiten. Und nicht wie all die Jahre zuvor in die Pornowelt zu flüchten. Es ist unglaublich nötig, dass ich das endlich mache.»

«In einer oversexten Welt muss man sich rechtfertigen, warum man keine Pornos mehr schauen möchte.»

Seither klappt es ganz gut mit dem Verzicht. Mittlerweile ist Maurice seit vier Monaten «clean», wie er selbst sagt. «Es ist unglaublich viel Ruhe eingekehrt, wenn ich nun auf Frauen treffe.» Keine nackte Haut, nach der er sich sogleich wieder sehnt. Kein Kopfkino mehr. «Ich habe realisiert, dass häufig Wut dahintersteht, und dass ich mich eigentlich nach Liebe und Geborgenheit sehne. Und ich diese Frustration mit den Pornos versucht habe zu stillen. Dies zu erkennen, war der erste Schritt aus der Sucht.» Jetzt könne er sich auf andere Menschen besser einlassen. Dadurch, dass er sich seinen Gefühlen gestellt hat, fühle er sich «verbundener mit sich selbst», aber auch mit anderen.

Und nun ist sie doch spürbar am Telefon. Die Angst, wieder rückfällig zu werden. Und dass er auch heute noch teilweise mit einem geringen Selbstwertgefühl zu kämpfen hat. «Vier Monate im Vergleich zu 17 Jahren sind nichts. Ich fühle mich manchmal als ziemlicher Looser. Während meine Freunde die letzten Jahre an ihrer Persönlichkeit gearbeitet haben, sich ein Business aufgebaut und eine Familie gegründet haben, habe ich dagesessen und meine Lebenskraft in Taschentücher masturbiert. Diese unzähligen verpassten Chancen in meinem Leben machen mich heute unglaublich wütend.»

Er will anderen helfen

Maurices Meinung nach hatten die Pornos also einen unglaublichen Einfluss auf sein Leben und seine Psyche. Diagnostiziert wurde die Sucht bei ihm aber nie. Das erste Mal stolperte Maurice bei einer Internetsuche über diesen Begriff. Dies, nachdem Ärzte bei ihm eine Depression diagnostiziert haben und für Maurice ein Aufenthalt in einer Psychiatrie folgte.

Einmal habe er dort auch angesprochen, dass er wahrscheinlich pornosüchtig sei. «Der Psychiater ging gar nicht auf mich ein. Ich fühlte mich nicht ernstgenommen und alleingelassen. Ich habe allgemein das Gefühl, Pornosucht geniesst in dieser Welt nicht die nötige Ernsthaftigkeit, die es verdient hätte.»

Maurice will selber aktiv werden. In Zug baut er derzeit eine Selbsthilfegruppe auf. Eine Rechenschaftsgruppe, wie er es nennt. Der 31-Jährige glaubt, dass es viele gibt, die sich nicht bewusst seien, dass ihr Konsumverhalten kontraproduktiv sei.

«Doch in einer oversexten Welt muss man sich rechtfertigen, warum man keine Pornos mehr schauen möchte. Als Süchtiger ist es schwierig, davon loszukommen.» Er ist überzeugt, dass es Betroffenen hilft, sich in einem geschützten Rahmen auszutauschen. Über die sexuelle Frustration und seine Sucht. Und dabei ernst genommen zu werden.

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