So meistert eine Baarer Institution für Menschen mit Behinderung die Coronakrise
  • Gesellschaft
Die Schwächsten der Gesellschaft könnten derzeit noch mehr in die Einsamkeit getrieben werden, befürchtet eine Fachorganisation für Menschen mit Behinderungen. (Symbolbild: Adobe Stock)

Stiftung Zuwebe hatte schon positiv Getestete So meistert eine Baarer Institution für Menschen mit Behinderung die Coronakrise

4 min Lesezeit 15.11.2020, 11:52 Uhr

Für einige Menschen mit Behinderungen ist die Coronakrise noch schwieriger als für andere. Manche verstehen durch die Maske das Gegenüber nicht. Andere können gar nicht nachvollziehen, weshalb sie eine Maske tragen müssen. Wir haben bei der Stiftung Zuwebe nachgefragt, wie sie mit der Pandemie umgeht.

Die Corona-Krise ist für alle eine schwierige und herausfordernde Zeit. Die Schwächsten der Gesellschaft trifft es umso härter. Sie könnten derzeit noch mehr in die Einsamkeit getrieben werden, befürchtet Pro Infirmis, eine Fachorganisation für Menschen mit Behinderungen.

Gerade für Menschen, die Probleme haben, die Corona-Regeln überhaupt zu verstehen, sei die Coronakrise «eine fast nicht zu bewältigende Herausforderung», schreibt Pro Infirmis in einer Mitteilung. «Menschen, denen die neue Realität mit Abstandhalten, Unsicherheit auf allen Ebenen und fragiler werdenden Unterstützungssystemen zu viel wird, wissen nicht mehr weiter. Sie verzweifeln und ziehen sich zurück.»

Auch in der Zuwebe wurden Bewohnende positiv getestet

Das Thema Alleinsein kam in letzter Zeit auch in der Baarer Stiftung Zuwebe aufs Tapet. Hier arbeiten und leben Menschen mit Beeinträchtigungen.

In den letzten Wochen wurden mehrere Personen positiv auf das Coronavirus getestet. Auch Wohngruppen mussten deshalb unter Quarantäne gestellt werden, schreibt Sprecherin Jeannine Lütolf. Die Stimmung während dieser Zeit sei aber grundsätzlich gut gewesen. Die Bewohnerinnen blieben während der Quarantäne nicht untätig. Sie bepinselten zum Beispiel einen Stuhl, probierten ein neues Rezept aus und bauten ein Holzhaus. «Trotz Virus, Abstand und Masken spürten wir ein sehr grosses Miteinander», so Lütolf.

Besuchsstopp war eine «sehr emotionale Zeit»

Während der ersten Welle mussten Mitarbeiter mit Beeinträchtigung bestimmter Arbeitsangebote zu Hause bleiben. Gerade für Menschen, die alleine wohnen, sei das eine schwierige Situation gewesen. Um die Menschen abzulenken und aufzumuntern, haben Fachpersonen Arbeitsaufträge zu ihnen geschickt und regelmässig mit ihnen telefoniert.

«Die ausgelassene Stimmung an dem Tag, an dem die Bewohnerinnen und Bewohner zum ersten Mal nach drei Monaten wieder zu ihren Angehörigen durften, war unbeschreiblich.»

Jeannine Lütolf, Stiftung Zuwebe

Auf Anordnung des Kantons Zug musste auch der Wohnbereich während dieser Zeit geschlossen werden. Die Bewohnerinnen durften keine Besuche mehr empfangen. «Es war eine sehr emotionale und herausfordernde Zeit», so Lütolf. Um die Zeit zu überbrücken, erhielten die Wohngruppen Tablets, dank denen sie per Videotelefonie mit ihren Angehörigen in Kontakt bleiben konnten.

Doch die digitale Kommunikation ersetzt bekanntlich nicht die Realität. Das zeigte sich, als die Besuchsregeln gelockert werden durften. «Die ausgelassene Stimmung an dem Tag, an dem die Bewohnerinnen und Bewohner zum ersten Mal nach drei Monaten wieder zu ihren Angehörigen durften, war unbeschreiblich und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.»

Maskenpflicht: Autisten ausgenommen

Auch die Maskentragepflicht ist für einige Menschen mit Behinderungen schwieriger. Einige können wegen motorischen Einschränkungen keine Masken an- und abziehen. Autisten könnten wegen einer Maske in Angst und Panik geraten, warnt Inclusion Handicap, der Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz. Oder bei einem akuten Krampfanfall wie Epilepsie könnte eine Maske das Erstickungsrisiko erhöhen.

In der Stiftung Zuwebe gilt eine generelle Maskenpflicht im Arbeits- und Wohnbereich. Grundsätzlich würden sich alle sehr gut daran halten, schreibt Lütolf. Aber auch bei ihnen haben manche Schwierigkeiten damit, die Maske korrekt an- und abzuziehen. Gerade Personen mit einer schlechten Feinmotorik.

Für Hörbehinderte besonders schwierig

«Für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung ist das Thema rund um das Coronavirus sehr abstrakt», fährt Lütolf fort. «Man sieht das Virus nicht, man fühlt sich nicht krank und doch muss man bei der Arbeit eine Maske tragen.» Das fordert das Fachpersonal der Stiftung Zuwebe immer wieder. Sie erklären Sachverhalte auf einfache Weise und leisten quasi Übersetzungsarbeit.

«Für Menschen mit einer Hörbehinderung ist die Situation auf jeden Fall sehr schwierig und kann auch frustrierend sein.»

Für andere ist die Situation noch schwerer, denn durch die Maske können sie das Gegenüber nicht verstehen. Menschen mit einer Hörbehinderung können keine Lippen mehr lesen. «Für sie ist die Situation auf jeden Fall sehr schwierig und kann auch frustrierend sein», meint Lütolf. In der Stiftung Zuwebe versucht man, vermehrt mit Gebärden oder Texten zu arbeiten. Wenn es die Abstandsregeln erlauben, ziehen sie beim Sprechen die Maske ab und zeigen so ihr Gesicht.

Ungewissheit schlägt aufs Gemüt

Das Schwierige an der jetzigen Situation sei, dass niemand weiss, wie lange die Krise andauert. «Diese Ungewissheit ist im Betrieb schon spürbar und schlägt gewissen Personen auf das Gemüt», so Lütolf. Dennoch sei sie immer wieder beeindruckt, wie gut und gewissenhaft ihre Leute die Situation meistern.

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