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So klingt eine Stradivari-Geige, die Jahrzehnte im Banksafe lag
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Daniel Dodds beim Spielen auf der «Sellière»-Stradivari. (Bild: ida)

Neue Geige für die Festival Strings Lucerne So klingt eine Stradivari-Geige, die Jahrzehnte im Banksafe lag

4 min Lesezeit 12.02.2019, 15:44 Uhr

Die Festival Strings Lucerne hat allen Grund, sich zu freuen: Ihnen wurde exklusiv eine Stradivari-Geige angeboten. Den Kauf möglich machte eine Luzerner Stiftung. Für den Gebrauch der millionenteuren Geige ist gar eine Art Leasingvertrag nötig.

Von blauem Samt umgeben liegt die «Sellière»-Stradivari-Geige in ihrem Kasten. Die Geschichte der 300-jährigen Geige ist spektakulär. Deren Besitz geht bis ins 18. Jahrhundert zurück – Vorbesitzer war unter anderem das spanische Königshaus. Über Umwege fand sie den Weg in die Schweiz, die letzten 40 Jahre schlummerte sie in einem Schweizer Banksafe.

Zweite Stradivari für die Festival Strings Lucerne

Wie kam’s dazu? 100 Jahre lang war die Stradivari Teil einer Sammlung des österreichischen Industriellen Theodor Hämmerle. Dessen Nachkommen in Argentinien entschieden sich dagegen, die Geige dem Höchstbietenden auf dem Markt zu übergeben. Denn Stradivari-Geigen werden heutzutage wie grosse Kunstwerke gehandelt, von Auktion zu Auktion werden deren Werte übersteigert.

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Die Nachkommen kontaktierten kurzerhand Hans-Christoph Mauruschat, den Orchesterdirektor der Festival Strings Lucerne. Hier war man zwar am Kauf der Stradivari-Geige interessiert, verfügte jedoch nicht über die nötigen finanziellen Mittel. Den Kauf ermöglichte schliesslich die Luzerner Stiftung Monika Widmer. Über den Kaufpreis wird zurückhaltend informiert. Er bewege sich im tiefen einstelligen Millionenbereich und somit tiefer, als wenn man sie über den Markt erworben hätte, heisst es auf Seiten von Hans Züsli, Präsident der Stiftung Monika Widmer.

Glücklich kann sich die Festival Strings Lucerne nun schätzen, eine zweite Stradivari-Geige in ihrem Besitz zu haben. «Wir sind jetzt sehr luxuriös ausgestattet, wahrscheinlich eines der am besten ausgestatteten europäischen Kammerorchester», so Mauruschat.

Nun kommt Daniel Dodds, Konzertmeister und künstlerischer Leiter der Festival Strings «eine grosse Ehre» zuteil, wie er selbst sagt. Denn er darf die Geige einspielen.

Ein verwöhnter Daniel Dodds

«Eigentlich bin ich verwöhnt», so Dodds. Die Stradivari-Geige klinge klar, kräftig und edel und sei hell in der Farbe. Schnell greift er dann auch zum Unikat, bringt sie zum Erklingen – und scheint für einen Moment die Welt um sich herum zu vergessen. «Ich freue mich riesig, auf diesem Instrument zu spielen», so Dodds. «Es ist das Höchste für alle Geiger, auf einer Stradivari spielen zu dürfen.» Es sei eine Art Konversation – nur statt mit einem Menschen mit einem Instrument. «Was ich von der Geige zurückbekomme, ist wahnsinnig positiv. Ich glaube, das wird das Publikum auch spüren.»

Die Streichinstrumente, mit denen er bis anhin gespielt habe, kenne er in- und auswendig. Jede funktioniere anders, er müsse mit der neuen Violine erst vertraut werden. Kann man von einer Geige, die man gut kennt, gelangweilt werden? «Nein», stellt Dodds klar. «Ich bringe mein Interesse in das Instrument – eine gute Geige kann dieses Interesse zurückspiegeln.» Und die beiden Stradivaris würden sich einen Konkurrenzkampf liefern, ist er überzeugt.

So klingt die neue Stradivari-Geige, gespielt von Daniel Dodds:

Eine Art Leasingvertrag für die Geige

Damit die neue Geige nicht nur bestaunt, sondern gespielt werden darf, ist eine Art Leasingvertrag nötig. Die Monika-Widmer-Stiftung hat dazu mit der Festival Strings Lucerne einen Gebrauchsleihevertrag abgeschlossen, diese wiederum schliesst einen solchen mit dem Solisten ab, der die Stradivari-Geige spielen wird.

Im Vertrag sei nicht geregelt, wie oft die Geige gespielt werden müsse und wie oft davon bei Konzerten in Luzern. Wohl aber, wie man zu dem Instrument schauen müsse und wie man dazu Sorge trage.

Geige wurde geröntgt

Die «Sellière»-Stradivari-Geige wurde um 1680 gebaut. Der renommierte Zürcher Geigenbauer Johannes G. Leuthold hat die «Sellière»-Stradivari nach modernsten wissenschaftlichen Methoden untersucht und attestiert dieser einen «aussergewöhnlich guten Zustand». Für diese Analyse wurden unter anderem Methoden aus der Medizinaltechnik angewendet. Sprich, die Geige wurde auch geröntgt, wie Leuthold erklärt.

«Einmalig an dieser ‹Sellière›-Stradivari ist, dass sie in einer Übergangsphase des Geigenbauers Antonio Stradivari entstanden ist», so Leuthold. «Stradivari hat in dieser Periode noch nach seinem eigenen Stil gesucht und ist noch stark von seinem Lehrmeister Nicolò Amati beeinflusst.» Und dies sähe man der Geige nur schon ästhetisch an. Trotzdem widerspiegele sich bereits die eigene Persönlichkeit Stradivaris in der Geige. Wie weit sich diese jedoch im Klang des Instruments manifestiere, sei sehr subjektiv, so Leuthold.

«Fast museal, also fast perfekt», sagt Hans-Christoph Mauruschat zum Zustand der Geige. «Es gibt kaum Instrumente der weltweit rund 600 Stradivari-Geigen, Bratschen und Celli, die noch diesen Erhaltenszustand aufweisen.» Denn schliesslich sind die Instrumente auch schon um die 300 Jahre alt.

Respekt vor der Stradivari

Mit Samthandschuhen wird die teure Stradivari dennoch nicht angefasst: «Ich muss mich ja trauen», meint Daniel Dodds lachend. «Angst ist nicht dabei, aber Respekt und eine grosse Anerkennung.» Erstmals für die Öffentlichkeit erklingen wird die Geige Anfang März im Wiener Konzerthaus, am 7. März im Luzerner KKL.

Johannes G. Leuthold fügt an: «Ich glaube, dass jemand, der eine Stradivari-Geige spielt und diese wiedererweckt, das Instrument bis zu einem gewissen Punkt auch formt.» Wenn Leuthold von einem Konzert spricht, spricht er von einer gesamtenergetischen Thematik: Zwischen Raum, den Menschen, die darin sitzen, dem Solisten und der Geige entstehe eine Symbiose. Um diese wahrzunehmen, müsse man längst kein esoterisches Weltbild verfolgen.

Hans-Christoph Mauruschat (Orchesterdirektor der Festival Strings Lucerne), Daniel Dodds (Konzertmeister und künstlerischer Leiter) mit der «Sellière»-Stradivari und Patrick Troller, Präsident der Stiftung Festival Strings Lucerne.

Hans-Christoph Mauruschat (Orchesterdirektor der Festival Strings Lucerne), Daniel Dodds (Konzertmeister und künstlerischer Leiter) mit der «Sellière»-Stradivari und Patrick Troller, Präsident der Stiftung Festival Strings Lucerne.

(Bild: Fabrice Umiglia/Festival Strings Lucerne)

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