So kämpfen die einzigen linken Gemeindepräsis im bürgerlichen Luzern
  • Politik
Cyrill Wiget (links) und Beat Züsli treffen im Büro des Luzerner Stadtpräsidenten aufeinander.

Doppelinterview mit Beat Züsli und Cyrill Wiget So kämpfen die einzigen linken Gemeindepräsis im bürgerlichen Luzern

14 min Lesezeit 10.12.2016, 12:00 Uhr

Beide haben Geschichte geschrieben: Beat Züsli ist der erste Luzerner SP-Stadtpräsident und seit 100 Tagen im Amt. Der Krienser Cyrill Wiget wurde 2015 zum ersten Grünen Gemeindepräsidenten Luzerns gewählt. Und das in einem bürgerlich dominierten Kanton. Im Doppelinterview erzählen sie über ihre spezielle Rolle, Erwartungen ihrer linken Wähler und Freud und Leid in der Zusammenarbeit mit der rein bürgerlichen Regierung.

Der Kanton Luzern ist eine bürgerliche Hochburg. SP und Grüne haben mit ihren 23 Sitzen im 120-köpfigen Kantonsrat in der Regel nichts zu melden. Die Regierung besteht aus fünf Bürgerlichen, die Bevölkerung stimmt bürgerlich. Ein bürgerliches Eldorado. Könnte man meinen.
 
Doch ausgerechnet in der grössten und drittgrössten Luzerner Gemeinde sitzen zwei Linke auf dem Thron. Seit diesem September stellt in der 80’000 Einwohner zählenden Stadt Luzern die SP mit Beat Züsli (52) den Stadtpräsidenten. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Und seit Mitte 2015 steht den 27’000 Kriensern mit Cyrill Wiget (51) erstmals ein Grüner Gemeindepräsident vor. Wiget ist zudem der erste Grüne Gemeindepräsident der ganzen Zentralschweiz.

Und weil Beat Züsli auch noch seit 100 Tagen im Amt ist, bat zentralplus die beiden linken Hoffnungsträger zum Doppelinterview. Züsli erschien im klassischen Architektenlook: schwarz. Wiget zog sich zwar fürs Interview extra einen Anzug über – seine durch die Velofahrt verstrubbelten Haare (schon fast ein Markenzeichen) waren ihm dann aber wurst. Im energiesparend beheizten Zimmer des Luzerner «Stapis» (gefühlte 16 Grad warm) entspann sich schnell ein angeregtes Gespräch.

zentralplus: Sie beide haben Geschichte geschrieben. Was bedeutet Ihnen diese historische Fussnote persönlich?

Beat Züsli: Ganz klar, das war für meine Partei eine wichtige Wahl, ein wichtiges Signal. Für mich selber war sie aber weniger bedeutend als die Wahl in den Stadtrat. Als Stadtpräsident bin ich noch stärker für die Gesamtstadt zuständig und muss Verantwortung für alle übernehmen.

Die SP feiert in der Kulturbeiz «Meyer» am Bundesplatz. Parteipräsident Claudio Soldati gratuliert dem neuen Stadtpräsidenten Beat Züsli (Bild: Jakob Ineichen).

Juni 2016: Die SP feiert in der Kulturbeiz «Meyer» am Bundesplatz. Parteipräsident Claudio Soldati gratuliert dem neuen Stadtpräsidenten Beat Züsli (Bild: Jakob Ineichen).

Cyrill Wiget: Bei mir haben 2015 Bevölkerung, Einwohnerrat und Verwaltung relativ pragmatisch auf meine Wahl zum Gemeindepräsidenten reagiert. In der politischen Landschaft aber fiel dies durchaus auf. Schon damals, 2004, als ich als erster Grüner überhaupt in den Gemeinderat gewählt wurde, hat das Wellen geworfen. Die Aufregung legt sich zwar jeweils schnell wieder. Für meine Partei war meine Wahl jedoch schon wichtig, da die Grünen zuletzt eine schwere Zeit hatten.

Cyrill Wiget herzt nach Bekanntgabe seiner Wahl als Gemeindepräsident seine Frau.

August 2015: Cyrill Wiget herzt nach Bekanntgabe seiner Wahl als Gemeindepräsident seine Frau.

(Bild: bra)

zentralplus: Spüren Sie auch Druck von Ihren Parteien, speziell erfolgreich zu sein? Sollten Sie in drei respektive vier Jahren nicht viel erreicht haben und/oder abgewählt werden, könnte sich das negativ auf die Grünen respektive die SP abfärben.

Züsli: Ich merke schon spezielle Erwartungen, dass sich nun etwas verändern müsse. Etwa, dass die Stadt eine sozialere, ökologischere Politik betreiben soll.

zentralplus: Können Sie diesen Erwartungen gerecht werden?

Züsli: Ich bin zuversichtlich, dass das gelingt. Ich habe bereits in meiner kurzen Zeit als Stadtrat einige kleinere Dinge in diese Richtung bewirken können. Meine Themen, die mir wichtig sind, kann ich gut einbringen – ohne  dass es deswegen innerhalb des Stadtrates zu einem Kurswechsel kommt. Schliesslich hat sich durch meine Wahl an der parteipolitischen Zusammensetzung des Stadtrates nichts geändert. Jedoch hat es durch die Wahlen diesen Frühling im Parlament eine Verschiebung gegeben. Die SP konnte um zwei Sitze zulegen. Damit haben SP, Grüne und GLP in ökologischen und verkehrspolitischen Fragen eine Mehrheit. Das wird man sicher noch merken.

Wiget: Nach 12 Jahren als Gemeinderat war ich für meine Partei keine Überraschung mehr: Die wissen, wo ich stehe. Deshalb habe ich auch keine überhöhten Erwartungen nach meiner Wahl zum Gemeindepräsidenten gespürt.

«Das Gemeindepräsidium ist von Vorteil für eine eher kleine Oppositionspartei, wie wir es in Kriens sind.»

Cyrill Wiget, Gemeindepräsident Kriens

zentralplus: Cyrill Wiget, Sie wurden bei der Ersatzgemeinderatswahl 2015 allerdings nur mit elf Stimmen Vorsprung auf Matthias Senn gewählt. Müssen Sie sich nicht doppelt anstrengen, um 2019 wieder gewählt zu werden?

Wiget: Das Gefühl habe ich nicht. Bei den Gesamterneuerungswahlen im Frühling 2016 wurde ich ja klar als Gemeindepräsident bestätigt. Das hat mich gefreut. Natürlich will ich etwas bewegen und die Aufbruchstimmung nutzen, aber ich weiss, dass es für Veränderungen auch Zeit und Geduld braucht.

So sieht der Krienser Gemeinderat aus: Matthias Senn (links, FDP), Franco Faé (CVP), Cyrill Wiget (Grüne), Lothar Sidler (CVP) und Judith Luthiger (SP).

So sieht der Krienser Gemeinderat aus: Matthias Senn (links, FDP), Franco Faé (CVP), Cyrill Wiget (Grüne), Lothar Sidler (CVP) und Judith Luthiger (SP).

(Bild: zVg)

zentralplus: Haben Sie als Gemeinde- resp. Stadtpräsident viel mehr Macht und Einfluss als Ihre Exekutivkollegen?

Züsli: Wir haben im Stadtrat derzeit eine spezielle Konstellation. Denn wir sind seit dem Rücktritt von Stefan Roth Mitte September bis zum Amtsantritt von Franziska Bitzi Staub im Frühling nur zu viert. Aber wir wollen die Situation nicht ausnutzen und nun alles durchdrücken, was ohne CVP eventuell nicht möglich wäre. Das Parlament würde das sowieso wieder korrigieren. Ich habe innerhalb des Stadtrates gleich von Beginn weg auf diesen Punkt hingewiesen. Sonst verstehe ich das Präsidium nicht als spezielle Machtposition. Man hat die Aufgabe, das Gremium zusammenzubringen und zu schauen, dass man effizient und gut die Geschäfte behandelt. Wichtig ist mir auch eine gute Gesprächskultur. Speziell am Präsidium ist sicher die Vertretung der Geschäfte gegen aussen.  

Der neue Stadtrat (von rechts): Martin Merki, Franziska Bitzi Staub, Beat Züsli, Manuela Jost und Adrian Borgula. Ganz links Stadtschreiber Toni Göpfert.

Der neue Stadtrat (von rechts): Martin Merki, Franziska Bitzi Staub, Beat Züsli, Manuela Jost und Adrian Borgula. Ganz links Stadtschreiber Toni Göpfert.

(Bild: jal)

Wiget: Ich sehe das mit dem Einfluss ein bisschen anders. Meiner Meinung nach ist das Präsidium für die Partei, bei mir also für die Grünen, durchaus wichtig. Das Präsidium ist von Vorteil für eine eher kleine Oppositionspartei, wie wir es in Kriens sind. Auf diese Weise werden wir stärker wahrgenommen und haben mehr Einfluss, um mitzugestalten.

Züsli: Stimmt, dieser Punkt trifft zu. Die Wirkung für die Partei ist sicher da. Ich werde ja nun das Aushängeschild sein für die städtische SP.

zentralplus: Sie beide sind links, fast gleich alt und politisieren schon lange. Wie gut kennen Sie sich eigentlich?

Züsli: Wir kennen uns schon sehr lange. Aber eher aus beruflichen Gründen. So habe ich zum Beispiel schon seit 1997 die Gemeinde Kriens im Energiebereich beraten.

Beat Züsli ist Experte für Energiefragen.

Beat Züsli engagiert sich als Architekt speziell im Energiebereich.

(Bild: zVg)

Wiget: Wir hatten auch einen Auftrag mit E-Bikes zusammen. Beats berufliches Engagement liegt mir als Grüner natürlich nahe. Auch deshalb habe ich mich sehr über die neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit gefreut.

zentralplus: Cyrill Wiget, wie stark müssen Sie teilweise Ihre Parteizugehörigkeit und Ihre politische Überzeugung als Grüner über Bord werfen, etwa wenn der Gesamtgemeinderat eine ganz andere Richtung einschlagen will als Sie?

Wiget: Dieser Rollentausch ist tatsächlich recht anspruchsvoll, auch wenn ich mich nicht verbiege. Unter dem damaligen Gemeindepräsidenten Paul Winiker konnte ich als Vorsteher des Departements Umwelt, Sicherheit und Verkehr meine ökologischen Überzeugungen kräftig einfliessen lassen. Dies im Wissen, dass bei der Besprechung innerhalb des Gesamtgemeinderates sich diese Projekte wieder jeweils etwas «eingemittet» haben. Jetzt, als Gemeindepräsident, muss ich mehr vermitteln. Ich möchte ein Präsident für alle Krienser sein.  Im Gremium muss ich verhindern, dass sich jemand übergangen fühlt.

zentralplus: Welche Faktoren – Leistungsausweis, Persönlichkeit, Umstände – waren Ihrer Meinung nach für Ihren Wahlsieg verantwortlich?

Züsli: In der Stadt war das sehr stark den Umständen geschuldet. Ich masse mir nicht an, zu glauben, dass meine Wahl nur wegen meiner Person geklappt hat. Das hatte auch etwas mit meinem Vorgänger und mit dem Erstarken der SP zu tun. Vier Jahre vorher blieb Ursula Stämmer ja gegen Stefan Roth chancenlos. Deshalb hat man heutzutage als Bisheriger auch etwas weniger Sicherheit. In St. Gallen wurde auch soeben eine Bisherige abgewählt. Vor 10 bis 15 Jahren waren Abwahlen eher eine Seltenheit.

Wiget: Auch bei mir war die Ausgangslage speziell und hat sicher zum Wahlsieg beigetragen. So wird die Gemeinde Kriens tendenziell immer urbaner und nähert sich in ökologischen und sozialen Fragen der Haltung von urbanen Zentren der Schweiz an. Mit meiner Person hatte das nicht so viel zu tun. Was mir jedoch geholfen hat, ist sicher meine etwas hemdsärmlige, kontaktfreudige Art. (lacht)

zentralplus: Es gibt eine spannende Parallele zwischen Ihnen – Sie sind beide Unternehmer. Es gibt zwar linke Unternehmer in der Politik, aber nicht so viele. Sind Sie als Unternehmer bis weit ins Mitte-Lager womöglich wählbarer als etwa Staatsangestellte?

Züsli: Das ist durchaus möglich. Auch, weil wir durch unsere jahrelange Arbeit viele Kontakt zu Leuten aus Wirtschaftskreisen hatten. Diese Unterstützung habe ich bei meiner Wahl gemerkt – auch wenn sich einige öffentlich nicht dazu bekannt haben.

Wiget: Ich glaube auch, dass das wichtig war. Das Unternehmerische hat in der Bevölkerung eine sehr hohe Akzeptanz. Ich wehre mich allerdings etwas dagegen. Ein Unternehmer ist nicht unbedingt ein besserer Mensch. Aber wenn man als Unternehmer mit der Gesellschaft in Kontakt ist, hat man Vorteile, das ist so.

Cyrill Wiget, hier auf einem Foto aus den 80er-Jahren, gilt mit seiner Firma Velociped als Pionier in Sachen Velos.

Cyrill Wiget, hier auf einem Foto aus den 80er-Jahren, gilt mit seiner Firma Velociped als Pionier in Sachen Velos.

(Bild: Emanuel Ammon)

zentralplus: Ein Unternehmer muss schlank und effizient arbeiten, sonst droht die Pleite. Beim Staat, heisst es oft, dauert alles länger, Effizienz steht nicht an oberster Stelle.

Wiget: Ich wehre mich gegen das Image der Verwaltung, die sich viel Zeit für alles nehmen kann und um 17 Uhr die Lichter löschen. Das ist heute einfach nicht mehr so. Man kann auch als Mitarbeiter auf der Gemeindeverwaltung nicht mehr auf einen Job auf Lebenszeiten hoffen.

Züsli: Was in der Öffentlichkeit angetönt wird – Firmen sind viel effizienter als Verwaltungen –, stimmt für mich überhaupt nicht. Ich nehme hier in der Stadt eine sehr gute Arbeit wahr. Man kann zudem eine Stadt wie Luzern nicht wie eine Firma führen. Da gibt es grosse Unterscheide, etwa dass das Parlament mitspricht. Das kann den ganzen Prozess stark beeinflussen und manchmal auch verlangsamen.

Beat Züsli (links) und Cyrill Wiget im Büro des Luzerner Stadtpräsidenten.

Beat Züsli (links) und Cyrill Wiget im Büro des Luzerner Stadtpräsidenten.

(Bild: lwo)

zentralplus: Beat Züsli, Sie sind seit bald 100 Tagen im Amt: Wie läuft’s?

Züsli: Ich hatte einen sehr guten Einstieg. Allerdings auch einen etwas steilen Start mit der Salle Modulable. Die letzte und massgebende Debatte dazu im Kantonsrat fand gleich zu Beginn meiner Amtszeit statt. Sonst spüre ich eine gewisse Neugier im Sinne von: «Was sagt jetzt der Züsli beispielsweise über Wirtschaftspolitik?» Diese Offenheit freut mich. Wegen meines beruflichen Hintergrundes fällt es mir vielleicht leichter, mit diesen Leuten zu kommunizieren. Ich habe noch keinen Tag in diesem Amt bereut (lacht).

zentralplus: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit dem rein bürgerlichen Luzerner Regierungsrat?

Wiget: Das ist eine gefährliche Frage (lacht). Der Regierungsrat ist für uns ein wahnsinnig wichtiger Sparringspartner. Ich setze mich stark dafür ein, dass wir uns als Gemeinde besser eingeben und besser zusammenarbeiten können. Aber vieles läuft noch nicht optimal. Verkehrspolitisch etwa hat die Regierung noch zu wenig realisiert, dass man im innerstädtischen Bereich, zu dem ich auch Kriens zähle, eine andere Verkehrspolitik machen muss als auf dem Land. Also mehr öV, Velo- und Fussgängerförderung. Finanzpolitisch fehlt mir etwas der rote Faden. Eine Politik, wo etwas mal abgemacht wird und dann Geltung hat für einige Zeit. Als Gemeinde sollten wir langfristig planen können. Ständig werden Abmachungen wieder über den Haufen geworfen.

Züsli: Diese Zusammenarbeit mit dem Kanton ist für mich ein zentrales Thema. In den Bereichen Kultur oder Bildung etwa sind wir sehr stark miteinander verbunden. Da haben wir manchmal das Gefühl, dass wir in der Stadt als bloss eine von 83 Gemeinden behandelt werden. Aber die Stadt hat einen anderen Anspruch und muss anders behandelt werden. Andererseits weiss ich aus dem Kantonsrat auch, dass man die Stadt manchmal als überheblich wahrnimmt. Das hilft uns auch nicht. Wir müssen hier künftig partnerschaftlicher agieren.

zentralplus: Ist die Zusammenarbeit mit der Regierung schwieriger geworden, seit dort kein Linker mehr sitzt?

Wiget: (lacht) Im Wahlkampf hatte man das Gefühl, es mache einen gewaltigen Unterschied aus, ob ein Linker in diesem bürgerlichen Gremium sitzt oder nicht. Das war eine bewusste Übertreibung. Ich verstehe aber tatsächlich den Plan, die Vision, dieser Regierung nicht. Auf mich wirkt vieles etwas planlos. Die alte Konstellation hat für mich eher nachvollziehbarere Entscheide gefällt, die auch eine gewisse Gültigkeit hatten. Das hatte aber wohl nicht nur mit der einen Linken zu tun.

Züsli: Ich habe schon den Eindruck, dass gerade soziale Themen nicht oder zu wenig stark miteinbezogen werden. Die entsprechenden Themen verschwinden deswegen nicht, dringen aber auf anderen Wegen, etwa durch Verbände oder Parteien, in die Öffentlichkeit. Das hängt sicher mit der neuen Zusammensetzung zusammen. Dort fehlt nun eine wichtige Stimme.

Wiget: Das stimmt sicherlich, das wollte ich nicht abstreiten.

«Die Umsetzung des KP17 wird die Streichung von vielen Stellen zur Folge haben, die für die Zusammenarbeit mit den Gemeinden wichtig wären.»

Beat Züsli, Luzerner Stadtpräsident

zentralplus: Am Montag entscheidet der Kantonsrat über das Riesensparpaket KP17, den AFP und das Budget. Welche Punkte daraus sind für die Stadt und Kriens besonders bedeutsam?

Züsli: Aus städtischer Sicht sind wir in ganz verschiedenen Bereichen sehr stark betroffen, mit beträchtlichen Folgen. Etwa im Zweckverband Grosser Kulturbetrieb (zentralplus berichtete). Die Korrekturen durch die Gemeinden machten das KP17 etwas erträglicher (zentralplus berichtete). Was ich schwierig finde, ist, dass es keine Perspektiven gibt: Wie geht es danach weiter im Kanton? Störend finde ich zudem Aussagen wie: Dem Kanton geht es schlecht und der Stadt gut, also soll sich die Stadt nicht so anstellen. Sehen Sie: Wir haben in der Stadt eine Pro-Kopf-Verschuldung von etwa 2000 Franken pro Person – und der Kanton eine von 750 Franken. Grosse Bedenken habe ich auch betreffend der 40 Millionen Franken, die der Kanton via «Organisationsentwicklung» sparen will (zentralplus berichtete). Das wird die Streichung von vielen Stellen zur Folge haben, die für die Zusammenarbeit mit den Gemeinden wichtig wären.

Wiget: Uns geht’s ja tatsächlich viel schlechter als der Stadt. Wir verlangen einfach, dass sich die Rahmenbedingungen nicht verschlechtern. Wir wären aus dem Schneider, wenn zum Beispiel 2013 die Liegenschaftssteuer nicht abgeschafft worden wäre. Zudem reden wir ständig nur davon, Geldflüsse zu verschieben. Meistens so, dass am Ende die Gemeinden verlieren. Damit lösen wir keine Probleme, sondern befassen uns nur mit uns selber.

«In dieser rigiden Sparphase, in der wir nun stecken, ist keine Innovation mehr möglich. Das wird uns einholen.»

Beat Züsli, Luzerner Stadtpräsident

zentralplus: Der Finanzdirektor nennt für die finanzielle Entwicklung des Kantons mitunter nachvollziehbare Gründe: Der Kanton wird wirtschaftlich erfreulicherweise immer stärker. Er erhält deswegen aber viel weniger Geld aus dem Neuen Finanzausgleich (NFA), was schwer vorauszuberechnen ist.

Züsli: Was mich vor allem beschäftigt, ist etwas, das wir erst in fünf oder zehn Jahren sehen werden: In dieser rigiden Sparphase, in der wir nun stecken, ist keine Innovation mehr möglich. Das wird uns einholen. Das müssten Stadt, Kanton und Gemeinden angehen können.

Wiget: Das ist ein wichtiger Punkt. Heutzutage können wichtige Grossprojekte, etwa im Verkehrsbereich, nur mit Geldern vom Bund realisiert werden. Doch dazu braucht es immer entsprechende Agglomerationsprogramme. Diese müssen schlau aufgegleist werden – nur fehlt’s dazu wegen der Sparerei beim Kanton und den Gemeinden oft an Ressourcen und Personal. Das holt uns ein.

zentralplus: Ist Ihre Wahl – zwei Linke als Präsidenten der grössten und drittgrössten Luzerner Gemeinde – Teil einer Entwicklung im Kanton Luzern? Wird es bald mehr linke Gemeindepräsidenten geben oder war das reiner Zufall? 

Wiget: Mir geht’s mehr um die politische Kultur. Es ist mir wichtig, dass die Politik die grossen Chancen erkennt, vom Wunsch vieler Menschen nach modernen Städten mit viel Grün, mit Kultur, mit Velowegen, allgemein hoher Aufenthaltsqualität und grünem Umland. Das sind hochspannende Visionen, die sich mit meinen Idealen decken.

Züsli: Da unterscheide ich zwischen Hoffnung und Erwartung (lacht). Ich hoffe schon, dass es weiter in diese Richtung geht. In anderen Städten ist es so. Aber das hängt am Schluss wieder sehr stark von kommunalen Konstellationen ab.

Aus Nidwalden und Basel in Luzern an die Spitze

Wie Stadtrat Adrian Borgula ist auch Beat Züsli gebürtiger Nidwaldner: Er wurde 1963 in Beckenried geboren, seit 1994 lebt er in Luzern. Züsli wohnt mit seiner Partnerin Kathrin Krammer, die er vor Kurzem geheiratet hat, im Sternmatt-Quartier. Er hat einen Sohn aus erster Ehe. Züsli ist Architekt und hat sich vor seiner Wahl während 20 Jahren mit einem eigenen Büro auf energiesparendes Bauen und Sanieren spezialisiert.

Von 1998 bis 2009 sass Beat Züsli für die SP im Grossen Stadtrat, von 2015 bis Mitte 2016 war er Kantonsrat. Am 5. Juni besiegte er im Kampf ums Stadtpräsidium den amtierenden «Stapi» Stefan Roth klar. Beat Züslis Amtsantritt als Bildungsdirektor und Stadtpräsident war der 1. September 2016.

Cyrill Wiget ist in Liestal geboren und hat Theologe studiert. 1988 hat er in Kriens parallel zu seinem Job als Religionslehrer seine Velofirma Velociped aufzubauen begonnen. 1996 wurde er für die Grünen ins Krienser Gemeindeparlament gewählt. 2004 hievte ihn die Bevölkerung als ersten Grünen Krienser Gemeinderat in die Exekutive. Dort übernahm er das Departement Umwelt, Sicherheit und Verkehr. Nach der Wegwahl von SVP-Gemeindepräsident Paul Winiker in die Luzerner Regierung wurde er 2015 der erste Grüne Gemeindepräsident der Zentralschweiz.

Wiget ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Nebst dem Gemeinderatsamt leitet er weiterhin seine Velofirma mit rund 25 Mitarbeitern.

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