So ist es, mit Exit freiwillig in den Tod zu gehen
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Selber entscheiden, wann man aus dem Leben scheidet: Exit hilft dabei. (Bild: hae)

Zahl der Freitodbegleitungen steigt So ist es, mit Exit freiwillig in den Tod zu gehen

4 min Lesezeit 29.06.2019, 16:22 Uhr

Weltweit gibt es nur an wenigen Orten die Möglichkeit, sich in den Freitod begleiten zu lassen. So in der Schweiz. In Luzern entschieden sich letztes Jahr 46 Menschen dafür. In Zug waren es 20. Aber: Dürfen wir über den eigenen Tod selber bestimmen?

Hans* ist 65, er ist Chef eines kleinen Handwerkerunternehmens. Er hat vier Kindern das Leben geschenkt, die Welt bereist und war stets zufrieden. Aber zuletzt musste er ein halbes Jahr gegen den Krebs in seinem Hirn kämpfen: Chemotherapien, Bestrahlungen, Medikamente – starke Schmerzen und tagelanges Dahindämmern. Und er sagt: «Ich hatte in letzter Zeit kaum mehr einen sorgenlosen Tag.» 

Seit zehn Jahren ist Hans Mitglied bei Exit, der Vereinigung für humanes Sterben, die seit mehr als 35 Jahren in der Schweiz besteht und mittlerweile über 120’000 Mitglieder hat. Tendenz: zunehmend. Weil viele Schweizer wie Hans sagen: «Ich will in einer Extremsituation selber entscheiden können, wann ich aus dem Leben scheide.» 

Und jetzt ist für Hans so eine Situation: Die Krankheit führt zum sicheren Tode, Schmerzen und Belastung für sein familiäres Umfeld nehmen zu, inzwischen bereitet ihm sein Leben kaum mehr Freude. Also rafft Hans sich mit letzter Mühe auf und lässt Exit die notwendigen Abklärungen durchführen.

«Ich vegetiere nur noch dahin. Ich mag nicht mehr.» 

Hans

Er sagt ein letztes Mal, was er in den Wochen zuvor mit schwacher Stimme immer wiederholt hatte: «Was soll ich hier noch, verladen mit Morphium? Ich vegetiere nur noch dahin. Ich mag nicht mehr.» 

Seine engsten Familienmitglieder und sein Geschäftsnachfolger sitzen an einem sonnigen Sommertag in seinem Garten um das improvisierte Sterbebett von Hans. Er trinkt einen letzten geliebten Mojito, seine Partnerin lässt ihn an einer Havanna-Zigarre schmauchen, sie hält ihn zärtlich umschlungen. Aus der Stereoanlage singt Edith Piaf «Non, je ne regrette rien». Nein, Hans bereut nichts. 

«Adieu, ihr Lieben.»

Hans

Ein letztes Mal lächelt er. Er flüstert: «Adieu, ihr Lieben.» Dann trinkt Hans den Plastikbecher mit dem Schlaf- und Narkosemittel aus, den die Freitodbegleiterin ihm reicht. Und dann haucht Hans sein Leben aus: Kaum hat er ein Magenberuhigungsmittel und dann das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital getrunken, weicht die Farbe förmlich aus seinem Körper. 

Polizei kommt in Begleitung eines Amtsarztes

Hans wird bleich, sein Kopf sinkt zur Seite, seine Haut wird schnell kalt und fahl. Die kleine Freundesrunde weint, singt gemeinsam Lieder und wünscht ihm das Beste. Als sein Herz aufgehört hat zu schlagen, erscheint die benachrichtigte Polizei in Begleitung eines Amtsarztes zur so genannten Legalinspektion. Dabei wird geprüft, ob alles im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften abgelaufen ist.

Freitodbegleitung und Exit

Wenn Menschen zu sehr leiden, ziehen sie manchmal das Sterben vor. Exit unterstützt Mitglieder in ihrem Selbstbestimmungsrecht am Lebensende. In der Schweiz ist Freitodhilfe legal, sofern sie nicht aus selbstsüchtigen Gründen erfolgt und gewisse weitere Bedingungen erfüllt. Mehr Infos gibt es hier.

Darf man das, freiwillig den Todeszeitpunkt bestimmen, wird mancher Leser sich jetzt fragen. Religion, Ethik, das Gewissen und die innere Einstellung kämen da manch anderem in die Quere, sich so wie Hans zu entscheiden. Und: Was geschieht mit der Seele von Hans? Was ist das für eine Welt, in der sich immer mehr Menschen entscheiden, freiwillig aus dem Leben zu scheiden? 

Berechtigte Fragen. Tatsache ist, dass in einer modernen Welt, in der die Selbstbestimmung vielen Menschen wichtig ist, auch die Zahl der Mitglieder von Exit und anderen Sterbehilfeorganisationen wachsen. Zudem leisten unter anderem Dignitas, Ex International und LL Exit professionell Suizidhilfe, weit über die Landesgrenzen hinaus.

In England sagt man «Going to Switzerland», wenn vom Sterbetourismus in unserem Land die Rede ist. Dieser Sterbetourismus hat bereits in die Weltliteratur Einzug gehalten: so etwa bei Daniel Kehlmann in «Ruhm», Martin Walser in «Ein sterbender Mann» oder bei Michel Houellebecq in «Karte und Gebiet». 

Was geschieht mit der Seele von Hans? Fragen nach der Bestattung bleiben.

Was geschieht mit der Seele von Hans? Fragen nach der Bestattung bleiben.

(Bild: flickr/panuhorsmalahti)

Für Ausländer kostet die Freitodbegleitung rund 10’000 Franken, wie der Zürcher Journalist Matthias Ackeret in seinem Buch «Die Glückssucherin» vorrechnet. Exit als nicht gewinnorientierter Verein begleitet nur Mitglieder mit Schweizer Pass oder mit Wohnort in der Schweiz; für sie ist eine Begleitung nach drei Jahren Mitgliedschaft kostenlos. 45 Franken kostet die Mitgliedschaft im Jahr.

905 Exit-Begleitungen im 2018

Unter anderem weil die Lebenserwartung in der Schweizer Bevölkerung wächst und damit die Wahrscheinlichkeit von schweren Krankheiten grösser wird, sind in den vergangenen Jahren auch die Zahlen der Freitodbegleitungen bei Exit gestiegen. Insgesamt haben bei Exit im letzten Jahr 905 Freitodbegleitungen stattgefunden, 2017 waren es erst 734. 

«Exit hat rund zwei Dutzend Vollzeitstellen, dazu kommen 40 ausgebildete Freitodbegleitpersonen, die in einem Auftragsverhältnis mit dem Verein stehen», wie Muriel Düby, Kommunikationsmitarbeiterin bei Exit Deutsche Schweiz, erklärt. 66 Menschen gingen letztes Jahr in unserer Region mit Exit in den Tod, 46 im Kanton Luzern, deren 20 waren es in Zug. 

Als im vergangenen Jahr ein 104-jähriger lebensmüder Australier in die Schweiz kam, wurde sein Gang in den Tod am 10. Mai 2018 von den Medien mit Verständnis behandelt. Nicht nur das: Zwei Volksinitiativen gegen Sterbehilfeorganisationen wie etwa im Kanton Zürich, wurden mit rund 80 Prozent jeweils bachab geschickt. Man ist froh, dass Staat und Kirche nicht auch beim Sterben ein Wort mitreden.

«Gibt es denn einen schöneren Tod?»

Hans› Partnerin

Auch Hans wollte das so, und wie eine Mehrheit wollte er unbedingt zu Hause sterben, in seinem geliebten Garten. «Ich will nicht an Maschinen angeschlossen verenden», das hatte seine Partnerin immer wieder gehört. Gegen Schluss immer öfter. 

Sie war bei dem Tod ihres geliebten Hans sehr traurig. Aber auch froh. «Er war für uns beide kaum mehr auszuhalten. Aber am Schluss kam alles gut. Er konnte in Frieden gehen. Mit sich. Und mit uns an seiner Seite. Gibt es denn einen schöneren Tod?»

* Name geändert.

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