So hält die Digitalisierung das Kleintheater auf Trab
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Fabienne Mathis ist Projektleiterin der «digitalen Bühne» des Kleintheaters Luzern. (Bild: ens)

Digitale Spielpläne als Schritt in theatrales Neuland So hält die Digitalisierung das Kleintheater auf Trab

5 min Lesezeit 02.10.2021, 20:00 Uhr

Das Kleintheater Luzern rüstet sich für die Zukunft: Seit einem halben Jahr beschäftigt es sich mit neuen digitalen Formaten. Die 29-jährige Fabienne Mathis gestaltet das Projekt «Digitale Bühne» als Kulturmanagerin wesentlich mit.

Wir erinnern uns zurück: Als am 16. März 2020 der Bundesrat schweizweit die «ausserordentliche Lage» ausgerufen hat, haben auch die Theater ihre Türen geschlossen. Lange blieb die Zukunft ungewiss und so auch, wann die Türen letztlich wieder geöffnet werden dürften.

Knapp eineinhalb Jahre später zeigt sich ein ähnliches Bild. Aber – und das ist wohl der grösste Unterschied zu damals – eines mit Perspektiven. Seit diesem Tag X hat sich in der Theaterwelt viel verändert. Eine, die die Entwicklungen in der Theaterbranche beobachtet und mitgestaltet, ist Fabienne Mathis, Projektleiterin der «digitalen Bühne» des Kleintheaters Luzern.

«Was wäre, wenn sich das Geschehen von der Bühne des Kleintheaters Luzern plötzlich in eine völlig neue Welt hineinbegeben würde und sie ein Publikum in nur einem Augenblick in einen völlig neuen Raum transportieren könnte?», fragt Fabienne Mathis die Teilnehmerinnen eines Workshops des Kleintheaters zum Thema Virtual Reality.

Die ungewisse Zukunft des Theaters

Das Kleintheater Luzern führt in den kommenden Monaten in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern (HSLU) und weiteren Expertinnen Workshops zum Thema «Wie die Digitalisierung in der Theaterbranche genutzt werden kann» durch. Dieses Transformationsprojekt wird vom Kanton Luzern wesentlich mitunterstützt. Im Fokus steht dabei nicht nur die Reaktion auf die lange leergebliebenen Theatersäle, sondern auch eine Integration neuer digitaler Möglichkeiten. Aber gehen wir zurück in den Theatersaal.

«Wie könnten diese neuen Räume aussehen? Hätten sie überhaupt noch etwas mit dem realen Theater gemein?», fragt Fabienne Mathis. «So unterschiedlich wie ihre Bilder im Kopf und die damit verbundenen Gefühle, wenn sie den Theaterraum hinter sich lassen, so ungewiss sind die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben.» Und so in etwa müsse man sich die Zukunft des Theaters vorstellen. «Genau wissen wir es nicht. Und genau darin liegt das Besondere: in der Neugier mit solchen Bildern und Emotionen zu experimentieren.» Mathis erhofft sich aber noch mehr von der virtuellen Realität. 

Fünf Projekte werden unterstützt

 «Durch die gezielte Förderung virtueller oder allgemein digitaler Formate möchten wir den Spielplan erweitern und auch ein diverseres Publikum ansprechen», erklärt Mathis die Beweggründe für das neue Hybrid-Angebot des Kleintheaters. Wer zu diesen Zielgruppen gehören kann, soll sich in den nächsten Monaten zeigen. «Zurzeit wissen wir, wer unser Saal-Publikum ist. Wer unser Online-Publikum sein könnte, gilt es für uns noch zu erkunden.»

«Die Theater- und Tanzschaffenden lernen, welche Arbeiten sie selbst realisieren und wo sie in Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und Know-how kreativ werden könnten.»

Fabienne Mathis, Projektleiterin «Digitale Bühne», Kleintheater Luzern

Egal ob Informatiker, Game-Designerinnen, Schauspieler oder Dramaturginnen: Sie alle erhalten die Möglichkeit, während den Workshops in die Welt der Digitalisierung im Theater einzutauchen und sich an eigenen Projekten zu versuchen, die physische und virtuelle Welt miteinander zu verbinden. «Nächsten Frühling werden die ausgewählten fünf Projekte von uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützt», sagt Mathis.

Für die Umsetzung des Projekts erhalten die Gewinner die Möglichkeit, den bereits fertig produzierten virtuellen Raum des Kleintheaters Luzern für eigene Produktionen zu nutzen und auf Know-how des «Immersive Research Center» sowie der «Research Group Visual Narrative» der Hochschule Luzern und zurückzugreifen.

Anders als in einem Theatersaal fallen unter anderem Raummieten für virtuelles Theater zwar gänzlich weg, dennoch ist bei der Produktion oft mit höheren Kosten zu rechnen. Deshalb ist das Kleintheater auch auf Sparring-Partner wie die HSLU angewiesen. Zwar reduziert sich eine Produktion für die Zuschauerin beispielsweise auf ein Virtual Reality Headset, doch sind die Aufwände für Produktion und Equipment mit ebenso hohen Kosten verbunden wie bei regulären Theaterproduktionen.

Neue Welten und neue Emotionen

Auch deshalb ist dieser Austausch mehrerer Interessensgruppen im Workshop zentral. «Hier lernen die Kunstschaffenden nicht nur den Umgang mit neuen digitalen Möglichkeiten, sie erhalten gleichzeitig auch ein Gefühl dafür, welche Arbeiten sie selbst und welche sie in Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen kreativ umsetzen müssen», sagt Mathis. Obwohl die Digitalisierung des öffentlichen Raumes bereits seit längerem in der Gaming-Szene bekannt ist, gibt es in Bezug auf Theater und Digitalisierung noch viel Entwicklungsspielraum. 

Spätestens im Sommer 2022 will das Kleintheater eine erste Bilanz zu den Erfahrungen ziehen. Mathis erhofft sich während dieser Monate, dass auch Synergien genutzt werden. Auch weil sich diese in Bezug auf den sich sehr schnell wandelnden Bereich digitaler Technologien als wertvoll herausstellen. Umso wichtiger sei es, dieses Know-how rund um die digitalen Formate zu teilen. Die Produktion im digitalen und virtuellen Raum hat aber auch Vorteile: Durch die Vereinbarkeit zwischen den verschiedenen Räumen empfindet der Mensch räumliche Nähe plötzlich anders, manchmal auch emotionaler. Vor allem dann, wenn virtuelle und physische Welt miteinander verbunden werden.

«In der Theaterbranche werden sich neue Berufsfelder entwickeln.»

Fabienne Mathis

Das ist auch der Mehrwert, den sich das Kleintheater durch das hybride Angebot erhofft. Auch wenn sich die Lage hinsichtlich Corona entspannt hat, werde das digitale Angebot künftig den Möglichkeiten des Hauses entsprechend weiter ausgebaut werden. «Das Theater hat sich ebenfalls weiterentwickelt. Es wäre nun falsch zu glauben, diese Entwicklung gehe mit dem Ende der Pandemie zu Ende. Ich bin mir sicher, dass sich in der Theaterszene neue Berufsfelder entwickeln», bilanziert Mathis.

Natürlich müsse man den Zuschauern auch die Zeit lassen, sich zuerst an die Idee zu gewöhnen, eine Live-Performance nicht zwingend in einem Theatersaal vor Ort zwischen 20 bis 22 Uhr zu erleben. «Die möglichen Theatererlebnisse sind aber genauso beziehungsweise auf eigene Weise emotional, selbst wenn die derzeitige ‹digitale Bühne› noch ganz am Anfang stehe.»

So sieht der virtuelle Raum des Kleintheaters Luzern aus:

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