So funktioniert der Luzerner Strassenstrich
  • Gesellschaft
  • Arbeiten
  • Freizeit
Die Frauen im Ibach kommen nicht nur aus anderen Städten. Viele, die ihre Dienste hier anbieten, kommen aus Luzern. (Bild: istockphoto)

Einblicke in das Geschehen im Ibach So funktioniert der Luzerner Strassenstrich

4 min Lesezeit 2 Kommentare 08.11.2014, 15:46 Uhr

Ihr Job ist gefährlich: Zwischen 14 und 20 Prostituierte stehen in der Nacht an der Stadtgrenze von Luzern im Industriegebiet Ibach. Wer steht da? Und wer kommt? Ein Einblick in die Welt des Strassenstrichs.

Verdrängt an den Rand der Gesellschaft hat sich im Ibach der Strassenstrich etabliert. Eine fremde Welt mit eigenen Regeln. Exotisch. Gefährlich. Doch wie funktioniert der Luzerner Strassenstrich überhaupt? zentral+ hat die Antwort in einschlägigen Foren gesucht und mit Experten gesprochen. Ein Einblick.

Woher kommen die Prostituierten?

Etwa die Hälfte der aktuell rund 14 Sexarbeiterinnen stammt aus anderen Kantonen. Viele wohnen in Olten. «Ein Teil dieser Sexarbeiterinnen nimmt sich gemeinsam ein Taxi, um nach Luzern zu kommen», weiss Birgitte Snefstrup, Leiterin des Projekts «Hotspot», einer professionellen Beratungsstelle für die Sexarbeiterinnen im Gebiet Ibach. Andere Frauen würden von Männern nach Ibach gefahren. Von Zuhältern? «Dazu kann ich nichts sagen. Ich kenne die Beziehung untereinander nicht.»

Auch aus der Stadt Luzern kommen Frauen ins Industriegebiet an der Stadtgrenze. Die Zahl der Arbeiterinnen variiert täglich zwischen 14 und 20. «Die Zahl der Sexarbeiterinnen im Ibach hat seit dem tragischen Tötungsdelikt abgenommen», weiss Snefstrup. Am 21. September wurde die Leiche einer Bulgarin im Vierwaldstättersee gefunden (zentral+ berichtete). Die 36-jährige Prostituierte arbeitete auf dem Strassenstrich in Ibach, wo sie auch zuletzt gesehen wurde.

Woher kommen die Freier?

«Dank der Baustelle und Umleitung weiss ich als Berner jetzt, wo der Strassenstrich Ibach ist», schreibt ein User in einem einschlägigen Forum. Dieser und weitere Einträge zeigen: Die Szene der Freier ist heterogen. Ein grosser Teil kommt aus anderen Kantonen, aus anderen Städten. Oder aus einem anderen Land. Regelmässig und oft kommt ein Freier gar aus Frankreich nach Luzern. Der Stammkunde nimmt den Weg einer bestimmten Frau wegen auf sich. Überraschend: «Auch der Anteil an Luzernern ist gross», klärt Snefstrup auf.

Wo ist der Ort des Geschehens?

Nachdem sich Freier und Prostituierte über Preis und Leistung einig sind, kommt die schwierigste Frage: Das Wo? Gesetzlich sind die Möglichkeiten beschränkt. Denn wird der Akt auf öffentlichem Grund wie Parkplätzen ausgeübt, müssen die Freier mit einer Busse wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses rechnen. Immer vorausgesetzt sie werden von der Polizei erwischt. Und die patrouilliert im Gebiet mehrmals pro Nacht.

Die Verunsicherung in der Szene ist gross und immer wieder Thema in Sex-Foren. «Was macht die Polizei dort und muss ich da Bedenken haben?», will etwa der User «Western» wissen. Nicht selten schlagen die Sexarbeiterinnen einen Platz vor. Seit kurzem hat die Stadt beim Werkhof einen Verrichtungsplatz eingerichtet.

Die Kosten

Eine offizielle Preistabelle gibt es nicht. Vielleicht gerade deshalb ist der Preis in den Foren immer wieder Thema. Erfahrungen werden ausgetauscht: Wer macht was für wieviel? «Ihre Preisvorstellung: 50 Blasen 80 Bumsen. Ich: Was kostet alles mit 69? Sie: 100 – ich nein danke. Wie viel willst denn zahlen? Ich: 50 Franken, sie ok», beschreibt ein User die Situation in Luzern. Es zeigt den harten Kampf um das Einkommen der Frauen. Das Verhandlungsgeschick der Frau sowie Angebot und Nachfrage haben ebenso einen Einfluss auf die Preise wie das aktuelle Wetter.

Snefstrup und ihre Beraterinnen haben den Sexarbeiterinnen geraten, die Preise untereinander abzusprechen und zu vereinheitlichen. Das funktioniert im Grossen und Ganzen ziemlich gut, wie der Blick in die Foren zeigt. Aber es gibt auch Ausnahmen. So schreibt etwa der User «Thailover»: «Es gibt Zeiten, da bieten die Girls Französisch für 30 Franken an – zum Beispiel früh morgens, wenn es saukalt ist oder regnet.»

Wer steht da?

Auf dem Luzerner Strassenstrich stehen zurzeit vorwiegend Frauen aus drei Nationen. Neben zwei, drei Schweizerinnen halten sich Bulgarinnen und Ungarinnen in etwa die Waage. Die Frauen sind zwischen 18 und 35 Jahre alt. Nur wenige allerdings ganz jung. «Viele der ausländischen Sexarbeiterinnen haben in ihrem Heimatland Kinder. Sie arbeiten hier, um für ihre Familie sorgen zu können», erklärt Snefstrup.

Anders die Motive der zwei, drei Luzernerinnen. Sie switchen jeweils zwischen dem Drogenstrich an der Baselstrasse und dem Strassenstrich im Ibach. «An der Baselstrasse stehen meistens zwischen fünf und zehn Girls an einem Abend. Sobald es dunkel wird, zirka ab 22 Uhr wirst du fündig», erklärt ein User am 25. Juni diesen Jahres in einem Forum. Mit dem Geld finanzieren sie sich Drogen. Obwohl mit dem neuen Reglement über den Strassenstrich der Strichplatz an der Baselstrasse seit 2012 nicht mehr legal ist, existiert er noch im kleinen Rahmen.

Wie gross ist der Anteil an Stammgästen?

Wie gross die Zahl der Stammgäste ist, ist nur schwer zu eruieren. Eine Schätzung des Vereins Lisa an der ersten Mitgliederversammlung ging von rund fünf Prozent aus. Stammgäste seien auch bei den Frauen gern gesehen. «Für die Sexarbeiterinnen sind Stammgäste besser und sicherer», sagt Snefstrup. Die Stammkunden werden bei den Sexarbeiterinnen geschätzt. Nicht selten werden sie von den regelmässigen Freiern anschliessend zum Essen in ein Fastfoodlokal eingeladen.

Was wird geboten?

Ein Strassenstrich ist auf das schnelle Geschäft aus. Aussergewöhnliche Wünsche sind wegen der Rahmenbedingungen schlicht nicht möglich. «Das Flirten fällt weg. Das Geschäft wird auf ein Minimum reduziert», erzählt Snefstrup. Die Dienstleistungen beschränken sich meist auf Sex und orale Befriedigung. Nicht immer wird Wert auf Verhütung gelegt. Sex wie auch Oralverkehr ist mit Aufpreis auch ohne Kondom möglich, wie in Foren zu entnehmen ist. Zum Akt selber will und kann sich Snefstrup nicht äussern. Nur soviel: «Die Nachfrage nach unseren Kondomen waren bei den Frauen immer sehr gross.»

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

2 Kommentare
  1. Roger Baldinger, 11.11.2014, 15:57 Uhr

    Es ist Gut dass mal etwas über dieses heisse Thema mitgeteilt wird.
    Es kann auch zum Schutz der Prostituierten,wie auch als wichtige Info für zukünftige Freier gelten wenn man mal etwas genauer darüber Bescheid weiss.

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.