«So etwas habe ich noch nie erlebt»
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Viele Brunnen und Wasserhahnen sind zur Zeit ausser Betrieb – es fehlt an Quellwasser. (Bild: Jolanda Brunner)

Extreme Trockenheit führt zu Trinkwassermangel «So etwas habe ich noch nie erlebt»

5 min Lesezeit 2 Kommentare 12.11.2015, 05:13 Uhr

An vielen Orten in Zug und Luzern gibt es jetzt schon kein Trinkwasser mehr. Der baldige Wintereinbruch könnte die Situation noch mehr verschärfen. Die ungewöhnliche Trockenheit stellt viele Gemeinden vor grosse Probleme. In einem Luzerner Dorf muss schon bald für die ganze Bevölkerung Wasser per Tankwagen geliefert werden.

Wasser aus dem Hahn: Eine Selbstverständlichkeit in unseren Breitengraden. Die Schweiz gilt als Wasserschloss Europas, hier sprudelt das kühle Nass das ganze Jahr und ohne Unterbruch aus den Brunnen. Und zu Hause kann jeder zu jeder Zeit so viel brauchen, wie er will. Zudem ist das Wasser hierzulande von hoher Qualität. Vor allem dort, wo Wasser aus einer Quelle bezogen wird. In den ländlichen Kantonen Zug und Luzern beziehen besonders viele Haushalte ihr Wasser aus Quellfassungen. Sogar aus den Stadtluzerner Hähnen fliesst ein Drittel Quellwasser.

Seit drei Monaten ohne eigenes Wasser

Doch genau das ist nun das grosse Problem: Die aussergewöhnliche Trockenheit, welche seit bald einem halben Jahr herrscht, lässt viele Quellen versiegen. Längst schon sind zahlreiche Bauernhöfe mit eigenen Quellen ohne Wasser – sie müssen per Tankwagen Trinkwasser anliefern lassen.

«Die Feuerwehr hat auch schon Wasser auf gewisse Höfe gebracht.»

André Rust, Walchwilerberg ZG

So etwa auf dem Walchwilerberg im Kanton Zug: Die «Chäs-Hütte Rust» muss sogar schon seit drei Monaten Wasser herankarren. «Wir brauchen etwa 8000 Liter Wasser am Tag», sagt André Rust von der Chäshütte, «normalerweise nutzen wir das Wasser aus unseren Privatquellen. Im Moment bringen die aber schätzungsweise nur knapp dreissig bis vierzig Prozent der üblichen Leistung.» Das Wasser kauft er von der Wasserversorgung der Korporation Walchwil – für den Transport kann Rust den Milchtankwagen nutzen, den er auch für die Käserei braucht.

Trotzdem, die tägliche Fahrt zur Wasserversorgung ist Mehrarbeit. «Wir sind nicht ans normale Wassernetz angeschlossen, dafür sind wir zu entlegen», sagt Rust. Es gäbe auch andere Höfe in der Umgebung, die wegen der Wasserknappheit mit Wasser beliefert werden müssen, sagt Rust. «Die Feuerwehr hat auch schon auf gewisse Höfe Wasser gebracht.»

Erhöhte Lagen besonders betroffen

Auch im Kanton Luzern ist Wasser vielerorts knapp. Betroffen sind vor allem Gemeinden und Liegenschaften, welche an erhöhter Lage sind. So sind beispielsweise im Entlebuch und im Luzerner Seetal diverse Bauernhöfe auf Wasserlieferungen angewiesen. In der Gemeinde Hitzkirch bestätigt Gemeindeschreiber Benno Felder, dass mehrere abgelegene Höfe Wasser zuliefern müssten.

«Unsere Quellen haben praktisch keinen Einlauf mehr.»

Pius Stöckli, Gemeindeschreiber Hohenrain LU

In Hohenrain hat man zwar noch genug Wasser, dies aber vor allem, weil man mit Hochdorf einen Verbund hat und den Bedarf zurzeit mit Grundwasser deckt. «Unsere Quellen haben praktisch keinen Einlauf mehr», sagt Gemeindeschreiber Pius Stöckli. Besonders dramatisch ist es im Dorf Lieli, das zur Gemeinde Hohenrain gehört. Brunnenmeister Franz Stutz spricht von einer noch nie dagewesenen Situation. «Normalerweise bezieht Lieli in den Wintermonaten alles Trinkwasser über Quellen. Aber nun kommt immer weniger.» Die Trockenheit sei aussergewöhnlich. «Seit Mai gab es praktisch keine grösseren Niederschläge mehr. So etwas habe ich noch nie erlebt», so der Brunnenmeister.

Ausnahmezustand in Lieli

Die Waldquellen, welche für rund 200 Haushalte Wasser liefern, werden laut Stutz schon bald versiegen. «Dann müssen wir mit Tankwagen Wasser fürs ganze Dorf hinaufkarren.» In zehn bis vierzehn Tagen werde dies nötig sein, schätzt er. Das werde eine ziemlich teure Angelegenheit, fügt er an. Deshalb hat die Gemeinde ein Schreiben an alle Haushalte geschickt, in dem die Bevölkerung zum sparsamen Umgang mit Wasser angehalten wird.

«Es müsste vierzehn Tage lang regnen, damit sich die Quellen wieder füllen.»

Franz Stutz, Brunnenmeister Hohenrein/Lieli

Sorgen macht sich der Brunnenmeister vor allem für die kommenden Wintermonate. «Wenn es einwintert, wird es an vielen Orten prekär», warnt er. Wenn die Böden einmal gefroren sind, dringt kein Wasser mehr in die Tiefe. Die Trockenheit kann also bis weit in den Frühling hinein andauern. «Es müsste vierzehn Tage lang regnen, damit sich die Quellen wieder füllen.»

In der Stadt sprudelt es ohne Probleme

Wie akut der Wassermangel im Kanton Luzern ist, weiss niemand so genau – die Wasserversorgung ist Aufgabe der Gemeinden, der Kanton hat deshalb keine Kenntnisse über allfällige Notstände. «Wir messen den Grundwasserstand, der ist zurzeit eher tief, die Lage ist aber noch nicht kritisch», bestätigt Werner Göggel, Abteilungsleiter Gewässer der Dienststelle Umwelt und Energie.

Wenig Sorgen muss man sich in der Stadt Luzern machen: Die EWL liefert das Trinkwasser für die Stadt und einzelne Nachbargemeinden. Das Wasser stammt zu je einem Drittel aus Quellen am Pilatus-Nordhang und dem Gebiet der Rängg, dem Grundwasser im Tal der Kleinen Emme in Littau und Malters und aus dem Vierwaldstättersee. Beim Quellwasser sei zwar ein leichter Rückgang des Wassers spürbar, dies sei jedoch keine aussergewöhnliche Situation, bestätigt Sprecherin Nicole Reisinger. So kommt der Stadt Luzern für einmal der Ruf als «Regenloch der Schweiz» nicht ganz ungelegen.

«In Luzern ist eine solche Niederschlagsarmut sehr selten»

Wie trocken ist und war es eigentlich tatsächlich in den letzten Monaten? Gemäss Meteo Schweiz fielen zwischen Juli und Oktober am Messstandort Luzern 297 Millimeter Regen. Im langjährigen Durchschnitt sind es in diesen vier Monaten 480 Millimeter. «Gefallen sind also nur 62 Prozent der normalen Menge», sagt Stephan Bader, Abteilung Klima vom Bundesamt für Meteorologie. «So wenig Niederschlag von Juli bis Oktober gab es hier letztmals im Jahr 1991 mit 273 Millimeter, also vor einem Vierteljahrhundert.» In den Jahren dazwischen erreichten die Mengen jeweils deutlich höhere Werte. Sie lagen zwischen 367 und 728 Millimetern.

Extrem war es 1949

«Am Messstandort Luzern ist eine solche Niederschlagsarmut während der Periode Juli bis Oktober sehr selten», so Bader. Seit Messbeginn vor 152 Jahren habe es nur sieben Perioden zwischen Juli und Oktober mit Niederschlagsmengen von unter 300 Millimetern gegeben (siehe Grafik). Extrem war das Jahr 1949: Gefallen sind damals nur 232 Millimeter.

 
Gemäss Stephan Bader geht die Trockenheit weiter: «Der November lieferte in Luzern bisher gar keinen Niederschlag. Der vom Freitag auf Samstag erwartete Regen dürfte nur wenige Millimeter bringen, und bis zum 20. November zeigen die Vorhersagemodelle für Luzern nur minimalen Niederschlag.»

 

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2 Kommentare
  1. Ines G. Biss, 12.11.2015, 17:14 Uhr

    Wasser aus Quellfassungen wird fast immer entkeimt. Grundwasser längst nicht immer.

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  2. Martin Häfliger, 12.11.2015, 09:56 Uhr

    Schauen sie sich doch einmal Satelliten-Bilder der betroffenen Gemeinden an (Lieli, Hohenrain, usw.). Da sind jede Menge Swimmingpools – und jedes von ihnen wurde im trockenen Jahrhundertsommer mit bestem Trinkwasser bis an den Rand gefüllt. Sollen sie doch das erstmal saufen! Abgesehen davon ist es offensichtlich: da haben einige Gemeinden grosse Eigenheimsiedlungen aus dem Boden gestampft und die Infrastruktur über Jahre nicht angepasst. Das «Problem» ist letzten Endes hausgemacht – mein Mitleid hält sich in engen Grenzen…

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