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So erklärt der «Nollen-Vandale» seine Zerstörung der Skipiste
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Iten: «Die Leute sind sehr einseitig informiert.» (Bild: mam )

Erst Stroh besänftigte den Unterägerer Bauer So erklärt der «Nollen-Vandale» seine Zerstörung der Skipiste

6 min Lesezeit 1 Kommentar 27.02.2019, 09:57 Uhr

Er läuft nun schon seit 4. Januar und so lange wie seit Jahren nicht mehr: der Skilift Nollen in Unterägeri. Dabei drohte wieder mal Ungemach, weil ein Anwohner die rote Piste zerstörte und eine Strasse freiräumte. Wer ist dieser Mann und warum stört er das rare Wintersportvergnügen der Ägerer?

Er hat es wieder getan. Der Eigenbrötler aus Unterägeri, der am Hang gegen den Nollen hin Pferde züchtet. Anfang Februar pflügte er eine Schneise in die Raindlistrasse, die über die rote Piste des Skilifts Nollen zu seinem Stall führt. Und beschädigte so die Abfahrt.

Die Tat wurde zwar per Zufall bemerkt. Die Skiliftbetreiber aber waren fuchsteufelswild: Denn erstens passierte dies vor drei Jahren, in der letzten schneereichen Wintersaison, schon einmal. Und zweitens stellte die unangekündigte Räumungsaktion ein erhebliches Unfallrisiko für die Skifahrer dar. Die Verantwortlichen vom Skilift, so rapportierte die «Zuger Zeitung», riefen den Verursacher darauf an – aber der nahm das Telefon nicht ab.

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«Bei mir oben war noch nie jemand»

Dies nehmen wir zum Anlass, der Sache auf den Grund zu gehen und den Mann aufzusuchen. Der Pferdezüchter sei «menschenscheu», ein Einzelgänger und nicht leicht zu treffen, sagt ein Bekannter. Wenn man mit ihm rede, dann sage er manchmal einfach nichts, behauptet eine Gewährsperson. Andere sagen, er sei «sehr eigen» – quasi ein «Dorforiginal». Zwar «kein Böser» – aber manchmal, wenn ihn der Hafer steche, dann ticke er einfach aus.

Er hat seinen Stall an der Strasse, welche im Sommer eine öffentlich befahrbare Verbindung zwischen Unterägeri und Walchwil darstellt. Während des Skiliftbetriebs ist sie gesperrt und eine einzige Eisfläche.

Wir steigen auf Skiern hoch und treffen den rund 70-Jährigen beim Füttern seiner Pferde. Als wir uns vorstellen, wird er hellhörig. «Bei mir oben war noch nie jemand», sagt er. «In der Zeitung steht immer nur, was die andern sagen.»

Stein des Anstosses: Iten schaufelte Anfang Februar die Raindlistrasse frei.

Stein des Anstosses: Iten schaufelte Anfang Februar die Raindlistrasse frei.

(Bild: Facebook Sklilift Nollen)

Der Korporationsbürger gehört dem zahlreichsten Geschlecht in Unterägeri an und wird, um die Verwechslung mit einem halben Dutzend Namensvettern im Tal zu vermeiden, bei seinem Sippennamen gerufen. Er ist nicht erpicht auf die volle Namensnennung in den Medien, aber darauf, «dass endlich jemand die Wahrheit schreibt». Also nennen wir ihn einfach Iten.

«Der Iten muss sich immer selber helfen»

«Wir sind nun schon in der dritten Generation hier oben», sagt er. Oft spricht er von sich in der dritten Person. «Doch der Iten muss sich immer selber helfen», sagt er.

Die Wahrheit sei, dass er nun schon seit Jahren Aufwand wegen dem Skibetrieb habe, aber nie auch nur einen Rappen Entschädigung gesehen habe. Wenn im März der Skibetrieb ende, müsse er die Strasse selber freiräumen, falls noch Schnee liege.

«Zum Sturkopf wird man gemacht.»

Pferdezüchter Iten

Iten ist der einzige, der im Winter oberhalb der Piste wirtschaftet. Er hat für seine Pferdezucht einen Traktor mit Schaufel, ausserdem ein kleines Raupenfahrzeug für den Lasttransport, das er «Garettli» nennt. Was er für seine Arbeit braucht, muss er über die Piste tragen. Seinen Geländewagen parkiert er rund 300 Meter entfernt.

Vergleich mit Sattel-Hochstuckli

Das «Garettli» kommt zum Einsatz, wenn der Schnee hart ist, bei Nassschnee sinkt es ein und ist nicht von Nutzen. Die grossen Futterballen für die Pferde, die er einzeln hochbringt, weil er sie nicht lange der Witterung aussetzen will, passen ohnehin nicht aufs «Garettli». Dafür braucht er den Traktor. Der aber kommt nicht über die Strasse, weil Schnee darübergeschoben wurde, um den Geländeeinschnitt für die Piste auszugleichen.

Die Skilift Nollen AG hat die Bewilligung, die Strasse für den Skibetrieb zu sperren. Aber andererseits, sagt Iten, habe er eine Winterfahrerlaubnis. Diese bestehe seit altersher für Anrainer, um Holzstämme abzutransportieren.

Im Skigebiet Sattel-Hochstuckli würden ausserdem ebenfalls Fahrzeuge die Piste queren, sagt er – und zwar gleich mehrfach. Allerdings gibt es am Mostelberg eine Siedlung mit vielen Häusern, beim Nollen aber nur einen Widerborst.

Der «dickschädelige Landwirt»

Die Geschichte hat Wellen ausserhalb des Kantons Zug geschlagen. Ein Journalist berichtete in den Zeitungen von Tamedia über den «Skilift-Vandalen», wie er den «dickschädeligen Landwirt» nannte.

Im Ägerital sei eben ein «knorriger Menschenschlag» zu Hause, belehrte er das Berner und Zürcher Publikum. Das wisse man schon seit der Schlacht am Morgarten anno 1315, als hier österreichische Ritter kurzerhand erschlagen oder in den Sümpfen ertränkt wurden.

«Pferde haben besseren Charakter»

Man könne ihn natürlich als Sturkopf bezeichnen. «Aber dazu wird man auch gemacht», sagt Iten. Und: «Ich musste mich immer selber wehren.» Dann erzählt er von jungen Jahren, als er als 14-Jähriger im Jura auf sich allein gestellt gewesen sei, obwohl er damals kaum Französisch verstanden habe. Von seiner Zeit als Train-Soldat und von seinen Pferden. «Alle meine Viecher hier haben einen besseren Charakter als manche Menschen», sagt er.

Manchmal macht er Witze und lacht. Etwa als er erzählt, wie ihm die Leute vom Skilift einen Ballen mit Pferdefutter hochbrachten. Nachher hätten sie die Piste flicken müssen. «Denn ihr Traktor macht die gleichen Rillen wie meiner.»

Gütliche Einigung

Mark Grüring ist Verwaltungsrat der Skilift Nollen AG und Versicherungsbroker – und als solcher besonders sensibel für mögliche Schadensfälle und Unfälle. Der Mann mit angenehmem Berner Dialekt hat nach eigenem Bekunden «Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt», um das Sicherheitsproblem auf der Skipiste aus der Welt zu schaffen. «Die Unfallgefahr auf der roten Piste konnten wir unmöglich hinnehmen.»

«Die Unfallgefahr auf der roten Piste konnten wir unmöglich hinnehmen.»

Mark Grüring, Verwaltungsrat Skilift Nollen

«Wir hatten ein längeres und gutes Gespräch», sagt er. Er habe dem Anwohner angeboten, vom Skilift aus Stroh zu den Pferden zu transportieren. Dieses Angebot habe Iten tatsächlich angenommen.

Talstation des Skilifts Nollen auf 765 Meter über Meer.

Talstation des Skilifts Nollen auf 765 Meter über Meer.

(Bild: mam)

Der Skilift ist bereits seit 4. Januar in Betrieb – so lange wie seit Jahrzehnten nicht mehr. An der Talstation ist mit dem «Nollen-Stübli» eine richtige Skibeiz in Betrieb gegangen und am Kinderlift amüsiert sich zahlreich die Ägeritaler Jugend.

Eigentlich ist der Skilift ausserhalb der Ferien nur am Mittwochnachmittag und am Wochenende offen. Doch heuer läuft er auch an den vielen sonnigen Werktagen. Die Skilift Nollen AG steuert auf eine Rekordsaison zu. Da möchte man es unbedingt vermeiden, dass der Anwohner die Piste plötzlich wieder in einem Wutanfall zerstört.

Auftritt an der Generalversammlung

Auch Iten ist Aktionär bei der Skilift Nollen AG. Kollegen hätten vor einigen Jahren einen Anteilsschein gekauft und auf seinen Namen eintragen lassen, erzählt er. Dann besuchte er eine Generalversammlung, an der schon einmal ein Vorfall wegen der Piste zur Sprache kam. Er sei aufgestanden und habe gesagt: «Dazu habe ich ebenfalls etwas zu sagen. Mir scheint, die Leute hier sind sehr einseitig informiert.» Doch niemand habe seinen Mund aufgemacht, sagt Iten.

Er habe Mark Grüring eingeladen, hochzukommen und sich anzusehen, wie mühsam die Lage für ihn sei. Noch warte er auf den Besuch.

Bald haben die Tiere wieder Hunger

Aber vorerst scheint alles in Minne zu verlaufen und die Kommunikationsprobleme gelöst. «Den Grüring rufe ich dann schon wieder an», sagt Iten. In einigen Wochen bräuchten die Pferde wieder neues Futter. Wenn dann immer noch Schnee liege und die Strasse nicht ausgeapert sei, «dann können sie mir wieder einen Ballen bringen», sagt er.

Generell könne man mit ihm gut diskutieren, sagt Iten. Auch sei er ein friedlicher Mensch, wenn man ihn in Ruhe liesse. Aber gewisse Leute wollten ihn immer wieder reizen – «nägele». Zur «Korpi» scheint er ein ambivalentes Verhältnis zu pflegen.

Man habe ihm einmal empfohlen, doch kleinere Ballen fürs Futter zu machen, damit er sie hochschleppen könne – «ich mit meinem halbkaputten Rücken», klagt er. Er glaubt, dass man ihn am liebsten vertreiben wolle. «Aber solange sich der Iten noch aufrecht halten kann, bleibt er hier oben», sagt er.

Mehr Eindrücke gibt’s in der Bildstrecke: 

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1 Kommentare
  1. M. Power, 27.02.2019, 15:36 Uhr

    Danke für diesen Bericht. Es ist interessant auch einmal die Seite von Herr Iten zu hören, “im Dorf” hört man ja nur immer die Sichtweise vom Skilift.