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«So einen krassen Fall hatten wir noch nie»
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Streik auf der Baustelle «Hofstetterfeld 9» in Sursee. Polnischen Gipsern wurden dort zu Dumpinglöhnen beschäftigt. (Bild: Jakob Ineichen)

Dumpinglöhne auf Surseer Baustelle «So einen krassen Fall hatten wir noch nie»

4 min Lesezeit 08.07.2015, 05:00 Uhr

Dumpinglöhne, Unterkünfte wie Stallungen und keine ausbezahlten Überstunden: Elf polnische Gipser wurden auf einer Surseer Baustelle regelrecht abgezockt. Als Konsequenz traten die Arbeiter in den Streik. Für wie lange ist noch völlig offen.

Das Einstellen der Bauarbeiten auf der Baustelle «Hofstetterfeld 9» in Sursee schlägt hohe Wellen. Insgesamt elf polnische Gipser sind – unterstützt von der «Unia» – am Dienstagmorgen in den Streik getreten. Diese waren auf der betroffenen Baustelle als Scheinselbständige tätig. In diesen Fällen müssen sich die Arbeiter an keine schweizerischen Gesamtarbeitsverträge und somit nicht an Mindestlöhne halten. Dies schafft optimale Voraussetzungen für Dumpinglöhne.

Versprechen nicht eingehalten

Die Polen waren seit einigen Monaten auf dem Hofstetterfeld 9 mit Gipsarbeiten beschäftigt. Versprochen wurde ihnen ein Lohn von 4’400 Franken Brutto sowie eine angemessene Unterbringung. Eingehalten hat die Frutiger AG nichts davon – trotz Aufforderungen seitens der Unia. Zuletzt hätten die Arbeiter in grossem Umfang Überstunden geleistet, die nicht bezahlt wurden. Der Regionalsekretär Zentralschweiz der Unia, Giuseppe Reo, erklärt im Interview, wie es zu diesem krassen Fall kommen konnte und wie es nun weitergeht.

zentral+: Die Unia hat die Frutiger AG aufgefordert, wesentliche Punkte einzuhalten. Welche sind dies konkret?

Giuseppe Reo: Wir haben der Frutiger AG gegenüber am Dienstagmorgen Vorschläge zur Beilegung des Streits gemacht. Einerseits ging es darum, dass sich die Frutiger AG dazu verpflichtet, die ausstehenden Löhne zu begleichen und künftig korrekte Löhne auszuzahlen. Ausserdem hat die Unia die Bauunternehmung dazu aufgefordert, die Kündigungen gegenüber den Arbeitern, die ausgesprochen wurden, aufzuheben.

zentral+: Wann haben Sie diese Punkte der Frutiger AG gestellt?

Reo: Bereits im Vorfeld haben wir das Gespräch gesucht, wurden dann jedoch von der Baustelle weggewiesen. Am Montag haben wir die Firma mit der Begründung kontaktiert, dass wir Missstände auf der Baustelle in Sursee festgestellt haben. Da nicht darauf eingegangen wurde, haben uns mit den Betroffenen dazu entschieden, am Dienstagmorgen die Arbeiten auf der Baustelle einzustellen.

zentral+: Wie lange werden die Arbeiten auf Eis gelegt?

Reo: Die Dauer des Streiks ist noch offen. Sobald die Frutiger AG verbindliche Lösungen unterbreitet, können wir bezüglich der Beilegung des Streiks weiterschauen. 

zentral+: Was ist der Grundkonsens unter den polnischen Arbeitern?

Reo: Sie sind wütend. Ihnen wurde ein Lohn von 4’400 Franken Brutto sowie die Unterbringung in einer Drei-Sterne-Unterkunft versprochen. Schliesslich verdienten die Gisper zwischen 1’200 bis 1’600 Franken pro Monat. Anstelle einer guten Unterkunft mussten die Arbeiter quasi in Stallungen übernachten. Die Polen dachten, die Schweiz sei seriös. Dabei wurden sie bitter enttäuscht. Ebenfalls problematisch in diesem Zusammenhang ist, dass ein Subunternehmen die Polen, welche kaum ein Wort Deutsch sprechen, hat Sachen unterschreiben lassen, die sie gar nicht verstehen.

«So systematisch, wie dies in Sursee gemacht wurde, habe ich das zum ersten Mal erlebt.»

Giuseppe Reo, Unia-Regionalsekretär Zentralschweiz

zentral+: Dass ausländischen Arbeitern auf Baustellen Dumpinglöhne ausbezahlt werden, ist nicht neu. Was unterscheidet diesen Fall in Sursee von anderen, vergangenen Fällen?

Reo: Es gab bisher schon prekäre Fälle, wie beispielsweise auf dem «Suurstoffi»-Areal oder beim Bau der Allmend-Hochhäuser (siehe Box). So systematisch, wie dies in Sursee jedoch gemacht wurde, habe ich das zum ersten Mal erlebt. So einen krassen Fall hatten wir noch nie.

Die Gewerkschaft Unia unterstützt die Arbeiter in ihren Forderungen. (Bild: Jakob Ineichen)

Die Gewerkschaft Unia unterstützt die Arbeiter in ihren Forderungen. (Bild: Jakob Ineichen)

Allmend-Hochhäuser: 1'200 Euro pro Monat

Im August wurden beim Bau der beiden Allmend-Hochhäuser rund 25 portugiesische Arbeiter zu Dumpinglöhnen beschäftigt. Anstelle der versprochenen 28 Franken pro Stunde erhielten diese umgerechnet gerade mal 1'200 Euro im Monat. Publik wurde der Fall, weil sich die Bauarbeiter bei der Gewerkschaft Unia gemeldet hatten.

Die Frutiger AG beteuert gegenüber zentral+ von den Vorfällen bis am vergangenen Montag nichts gewusst zu haben. «Wir wurden gestern informiert. Ehrlich gesagt wären wir gerne früher durch die Unia über diese Vorfälle informiert worden», sagt der Finanzchef der Frutiger AG, Hans Amport. Dem widerspricht die Unia vehement. Giuseppe Reo entgegnet: «Recherchen haben ergeben, dass die Firma bereits im April dieses Jahres von den Bedingungen gewusst, jedoch nichts unternommen hat.

Hans Amport erwidert: «Wir wissen, dass die Polizei am 30. Juni eine Kontrolle auf der betroffenen Baustelle wegen Schwarzarbeit durchgeführt hat.» Allerdings sei alles rechtens gewesen. Desweiteren hat laut Unia bereits im Mai die Luzerner Industrie- und Gewerbeaufsicht (IGA) während verschiedenen Kontrollen diverse Verstösse auf der Baustelle festgestellt. «Von diesen Kontrollen haben wir bei der Frutiger AG nichts gewusst», betont Amport.

«Wir erlangen von solchen Fällen erst Kenntnis, wenn ein Verfahren auf dem Tisch liegt.»

Rahle Hoffmann-Meier, Präsidentin der RPBK

IGA ist nicht für Lohnprüfung zuständig

Dass die IGA Kontrollen durchgeführt hat, bestätigt Peter Schwander von der Luzerner Industrie- und Gewerbeaufsicht. Tatsächlich prüft die IGA aber keine Löhne der Arbeitnehmer. «In der Regeln untersuchen wir, ob sich auch wirklich die gemeldeten Personen auf der Baustelle befinden», so Schwander. Für die Prüfung der Löhne sei die Zentrale Paritätische Berufskommission des Maler- und Gipsergewerbes (RPBK) zuständig. Doch bis diese von Dumpinglöhnen erfährt, ist es schon zu spät. «Wir erlangen von solchen Fällen erst Kenntnis, wenn ein Verfahren auf dem Tisch liegt», erklärt die Präsidentin des RPBK, Rahel Hoffmann-Meier auf Anfrage.

Die Baustelle in Sursee. (Bild: Jakob Ineichen)

Die Baustelle in Sursee. (Bild: Jakob Ineichen)

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