Das eine der beiden Häuser von aussen.
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Das eine der beiden Häuser von aussen. (Bild: jru)

Mehr als Wohnen So belebt eine Gross-WG das Ebikoner «Riedi»

6 min Lesezeit 31.10.2021, 11:58 Uhr

Eine zehnköpfige Wohngemeinschaft belebt in Ebikon seit acht Jahren das sogenannte «Riedi». Wie funktioniert das Zusammenleben in dieser Form? Aufschluss gibt ein Besuch auf dem Gelände, auf dem Hühner genauso Platz haben wie eine Sauna und ein Baumhaus.

Es ist ein windiger Herbstmorgen, als wir mit der S-Bahn von Luzern nach Ebikon unterwegs sind. Knappe zehn Minuten dauert die Fahrt, ehe wir den Bahnhof Ebikon erreichen. Nur zwei Minuten Fussmarsch später entdecken wir zwischen grösseren Wohn- und Geschäftsblöcken zwei uralte, kleinere Holzhäuser. Zwischen ihnen sind farbige Fähnchen gespannt. Ein auffallendes und einladendes Bild.

Auf dem Vorplatz werden wir von Devin Balmer begrüsst. Der junge Filmstudent wohnt seit drei Jahren hier und fühlt sich in dieser – doch sehr speziellen, wie sich später noch zeigen wird – Wohnform pudelwohl. Er lädt uns ein in die Küche zu Tee, Kaffee oder Wasser. Wir nehmen ein Glas Wasser. Am Stubentisch, der im grossen Raum mit der Gemeinschaftsküche steht, sitzt ein weiterer Bewohner der Wohngemeinschaft, konzentriert am Laptop arbeitend.

Das Essensmanagement

Devins Mitbewohnerin Carla Galli kommt zur Tür rein, begrüsst uns freundlich. Gleich gibt es Brot und Käse. Und eingelegte Tomaten. «Sind die noch gut, Devin?», fragt sie ihren Kollegen. Und schon wird uns die Steilvorlage für eine erste Frage geebnet: «Wie organisiert ihr zu zehnt euren Lebensmittelhaushalt?» 

Das laufe sehr geregelt, aber ziemlich einfach ab, so die Antwort. Devin erklärt: «Wir haben ein Einkaufsteam, das einmal die Woche einkaufen geht. Sonderwünsche kann jede und jeder auf die Wandtafel in unserem Wohnzimmer schreiben.» Das werde dann besorgt. Schmunzelnd fügt er an: «Die Wandtafel hat für viele gar einen symbolischen Wert: Hier leben viele Lehrerinnen.»

Die beiden Häuser, die gemeinsam die Wohngemeinschaft «Riedi» bilden, wirken an diesem Donnerstagvormittag leer. «Die meisten von uns arbeiten als Lehrpersonen, im Sozialen oder studieren an der Kunsthochschule», meint Carla. Deswegen sei es tagsüber oft eher ruhiger. 

Nach der kleinen Stärkung gehen wir an die frische Luft. Raus in den Garten. «Hier bauen wir unser eigenes Gemüse an. Manchmal klappt das besser, manchmal etwas weniger», so Carla schmunzelnd. Auch Hühner leben auf dem Gelände. Sie kümmern sich – zumindest wenn es die Temperaturen zulassen – um den Eierhaushalt der grossen WG.

Günstiger Mietzins mit «all inclusive»

Die beiden Häuser des «Riedi» gehören der Ebikoner Firma Schmid, die in den kommenden Jahren einen Neubau auf ihr Grundstück stellen wird. «Bis es so weit ist, lassen sie uns hier wohnen. Und das schon seit acht Jahren», so die WG. Miete bezahlen alle Bewohnerinnen gleich viel: Der Mietzins sei sehr tief, lassen sie uns wissen, genau nennen wollen sie ihn aber nicht.

Doch darin ist alles inklusive. Das heisst: Auch für Essen und Zeitungsabos ist damit gesorgt. «Klar stellt das für uns einen günstigen Wohnraum dar. Einige von uns sind auch hierher gezogen, weil ihnen aus finanzieller Not nicht viel anderes zur Verfügung gestanden hätte», erklärt Devin. «Die meisten von uns mögen es aber auch einfach, mit vielen anderen Personen zusammenzuleben und nicht in klassisch komfortablen Wohnungen zu leben. Unsere Häuser sind sehr alt – da muss man schon immer mal wieder etwas Hand anlegen.»

Der Geruch einer Wohnung

Es wird langsam kühl. Vorbei an verschiedenen Sitzplätzchen und einem Baumhaus, in dem im Sommer ab und an jemand seine Nächte verbringt, geht es ins Haus Nummer zwei. Früher war es ein Polizeiposten. Im Keller befanden sich einige Ausnüchterungszellen. In den drei verschiedenen Geschossen sind die Räume wie in einer «normalen» Wohnung aufgeteilt. Jede Bewohnerin des «Riedi» wohnt in einem Zimmer. «Und die eigenen Zimmer fallen dann auch unter die Privatsphäre aller Bewohnenden. Da ist man für sich allein», führt Devin aus, der genauso wenig für ein Foto hinstehen möchte wie die anderen von der Gross-WG.

In jedem Stock – also in jeder Wohnung – riecht es anders. So wird uns auch auf olfaktorischer Ebene bewusst, wie verschieden die Menschen sind, die hier gemeinsam in einer riesigen WG zusammenwohnen.

Von Saunalandschaften und Ämtliplänen

Nachdem wir alle Zimmer besichtigen durften, schlendern wir wieder zurück an den zentralen Treffpunkt der WG: in die Küche mit dem Wohnzimmer. In diesem Haus befinden sich – nebst weiteren Wohnungen mit Zimmern – auch das Lebensmittellager und eine Sauna, die von allen benutzt werden darf. Und: Zwei Gästezimmer. Für diese existiert ein Plan, in dem man seinen Besuch jeweils eintragen und somit die Übernachtungsmöglichkeit für Auswärtige reservieren kann.

«Allgemein haben wir ziemlich viele Pläne. Auch fürs Putzen. Und immer wieder müssen wir darüber diskutieren, wie viel Regeln wir für das Zusammenleben brauchen», erklärt Devin.

«Hast du noch Hunger?», fragt er und zeigt auf das Brot und den Käse. «Alle sollen sich hier zu Hause fühlen. Nimm dir also noch, wenn du magst.» Wir nehmen noch einen Happen, das Gemeinschaftliche dringt durch. Ganz generell scheint es, als ob das Leben in einer so grossen Wohngruppe gut funktionieren würde. Doch das kommt nicht von selbst. «Um Unstimmigkeiten und Anliegen klären zu können, haben wir alle drei Wochen eine WG-Sitzung. Während der besprechen wir alle gemeinsam die anstehenden Traktanden.»

Die Freiheit, selbst mitzugestalten

Wir wollen aufbrechen. Devin führt uns über den wunderbaren Vorplatz und vorbei am kleinen Gartenhaus zum Ausgang. «Wir leben hier im Sommer quasi nur draussen. Alles ist offen und wir verbringen viel Zeit gemeinsam», schildert er den Alltag in der Gross-WG. «Jetzt wo es Winter wird, verziehen wir uns mehr in die wärmeren Räumlichkeiten und heizen ordentlich ein.» Geheizt wird nämlich mit Holz vom Bauern.

«Tja, diese Wohnform muss man schon wollen», resümiert er zum Abschluss. «Uns allen macht das einen unheimlichen Spass! Denn: Im Gegensatz zu einer normalen Wohnung können wir uns hier vielmehr mit dem Ort, an dem wir leben, verbinden und ihn auch aktiv mitgestalten.» Etwas angefixt von dieser Welt machen wir uns vom Acker.

Serie über alternative Wohnformen

Nicht alle wohnen in einem Umfeld, das für die Mehrheit als «normal» gilt. In unserer Serie «Alternative Wohnformen» zeigen wir auf, wie abenteuerlich, kreativ oder schlichtweg anders Menschen in Luzern leben. Der Besuch im «Riedi» in Ebikon macht den Auftakt zur Serie.

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