Snowkiting statt Skispringen: Wie sich  Wintersport in Zug verändert
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Auschnitt aus einem historischen Werbeplakat fürs Wintersportvergnügen auf dem Zugerberg. (Bild: Burg Zug)

Ausstellung «Schnee war gestern» Snowkiting statt Skispringen: Wie sich Wintersport in Zug verändert

7 min Lesezeit 1 Kommentar 25.11.2020, 16:05 Uhr

Skifahren vor der Haustüre: Früher war das vielen niedrig gelegenen Orten im Kanton Zug möglich. Überall standen kleine Skilifte. Die Klimaerwärmung hat ihnen den Garaus gemacht. Trotzdem hat der Wintersport im Hügelgebiet eine Zukunft – wie ausgerechnet ein Blick zurück zeigt.

Vor dem Zweiten Weltkrieg fuhren in der Schweiz ungefähr eine halbe Million Menschen Ski. In den 1970er-Jahren waren es schon die Hälfte der Bevölkerung. Die tummelten sich nicht nur in mondänen Skiorten – auch am Rand der Voralpen waren viele Lifte entstanden.

Christoph Tschanz hat für die Ausstellung «Schnee war gestern – in den Voralpen» im Museum in der Burg Zug (ab 26. November) recherchiert. Allein im Kanton Zug gab es Lifte von Rotkreuz aufs Michaelskreuz, am Hang hinter dem Institut Walterswil in Baar, wo heute die International School residiert, und in Neuheim.

Mit Skiern an den Zugersee

Dazu kommen die immer noch bestehenden Anlagen in Unterägeri (Nollen), in Menzingen (Lindenberg), auf dem Raten und die Pony-Lifte auf dem Zugerberg. Zusammen mit den Langlaufloipen auf dem Geissboden (Zugerberg) und in Menzingen sowie der 3 Kilometer langen Schlittelbahn vom Zugerberg zur Schönegg ergibt das ein immer noch respektables Wintersportangebot für ein lediglich hügeliges Gebiet wie das Zugerland.

Zumal die Winter wärmer werden. «Uns haben viele Zugerinnen und Zuger erzählt, dass man noch vor einer oder zwei Generationen regelmässig vom Zugerberg mit den Skiern bis zum See hinunterfahren konnte», sagt Marco Sigg, Direktor der Burg Zug.

Schneemann aus vietnamesischem Marmor von Peter Regli, Kurator Christoph Tschanz und Marco Sigg, Direktor des Museums in der Burg Zug.

Typischer Schlitten: «Zuger Geiss»

Kurator Christoph Tschanz und seine Assistentin Halea Ruffiner haben Memorabilien gesammelt, die ihnen die Einwohner der Umgebung zur Verfügung gestellt haben. Mit ihnen haben sie die Geschichte des lokalen Wintersports nachgezeichnet.

Erste Erkenntnis: Die praktizierten Sportarten verändern sich. Von historischen Gemälden weiss man, dass die Leute schon seit Jahrhunderten auf den Schlittschuhen laufen und Schlitten fahren. Auch in Zug, wo es zwischen 1830 und 1900 zu sechs Seegförni kam – im 20. Jahrhundert noch zu deren zwei. Es gab eine typische Schlittenform, die «Zuger Geiss» hiess und stark an die Davoser Schlitten erinnerte.

So sieht eine originale «Zuger Geiss» aus.

Schanzen am Nollen und Zugerberg

Mit dem Aufkommen des Skisports im 20. Jahrhunderts wurde auch in Zug auf Holzlatten herumgerutscht. Und mehr noch: Skispringen – in der Schweiz mittlerweile zur Randsportart verkommen – war in den 1960er- Jahren eine populäre Beschäftigung.

Die Schnallen oder die Bindung an den Skischuhen wurden gelockert und dann ging’s mit den Alpinskiern flugs über den Schanzentisch, der am Nollen in Unterägeri, am Zugerberg oder am Rothorn auf der Rigi stand. Dabei kam der sogenannte Vorlagestil zur Anwendung – die Arme nach oben gereckt, oder mit ihnen seitwärts rudernd, um das Gleichgewicht zu halten.

60 Meter weit ging es auf der Rothorn-Schanze auf der Rigi.

Segeln auf dem Raten

Die kleinen Schanzen sind verschwunden, aber neue Sportarten haben Einzug gehalten. Am Raten kann man an windigen Tagen Snowkiter beobachten, die auf ihren Brettern von Segeln über die Weiden gezogen werden.

Sofern Schnee liegt. Dass die Zahl der Schneetage mit der Klimaerwärmung tendenziell abnehmen wird, ist bekannt. «Im Extremfall könnten 2085 in der Schweiz 70 Prozent weniger Schnee als heute fallen», sagt Halea Ruffiner. Und Christoph Tschanz ergänzt: «Ab 2040 wird man unter 1500 Meter wohl keine Wintersportanlagen mehr profitabel betreiben können.»

Snowkiter auf dem Raten. (Bild: Oksana Mathis

Flucht nach vorne

Darauf richtet sich etwa das Naherholungsgebiet Sattel-Hochstuckli ein – die Zug nächstgelegene Skistation, die winters auch mit einer direkten Busverbindung von der Stadt aus erreichbar ist. Pirmin Moser, Verwaltungsrat der Sattel Hochstuckli AG, erzählt in einem Videobeitrag der Ausstellung, wie es für die Bahn in den 1990er-Jahren kritisch wurde.

«Wir tätigen keine Investitionen mehr, die wir nur in einer Jahreszeit nutzen können.»

Pirmin Moser, Sattel-Hochstuckli AG

Die schneearmen Winter der Dekade und die Konkurrenz des schneesicheren Hoch-Ybrig, wo man mit Sesselliften auch technisch aufgerüstet hatte, stellten die Sattler vor gewaltige Probleme. Man entschloss sich zu einer Vorwärtsstrategie, mit welcher der Sommer- und Ganzjahrestourismus angekurbelt wurde. Eine neue Gondelbahn, Hüpfburg, Sommerrodelbahn, Hängebrücke und ein Lehrpfad lockten die Gäste in der warmen Jahreszeit auf den Mostelberg.

Sommer bezahlt den Winter

«Heute verdienen wir unser Geld hauptsächlich im Sommer und finanzieren damit das Defizit im Winter», sagt Moser. Das ginge, wenn der Schnee länger liegen bliebe. Vergangenes Jahr, als das Tauwetter alle paar Tage die weisse Pracht zum Schmelzen brachte, funktionierte es nicht.

Sattel-Hochstuckli setzt Schneekanonen ein, einen eigenen Beschneiungsweiher hat man noch nicht realisiert. «Wir tätigen keine Investitionen mehr, die wir nur in einer Saison nützen können», sagt Moser. Baut man doch noch einen Beschneiungsweiher, so wird der gleichzeitig im Sommer als Badesee vermarktet.

Keine neuen Anlagen

Klar wird auch: Auf moderne und schnelle Sechser- oder Achter-Sesselbahnen wird man wohl vergebens warten. Die Skigebiete in niedriger Höhe setzen weiter auf die alten Schlepplifte. Wenn’s Schnee hat, laufen sie. Sonst halt nicht.

Auf dem Raten, wo früher ein längerer Lift auf der Ostseite des Passes bis zum Botrank führte, ist es noch am schneesichersten. Aber auch am Nollen in Unterägeri, wo ein neues Restaurant bei der Talstation eingerichtet wurde, wird der Betrieb aufrechterhalten.

Eine Zukunft für Anfänger

Vergangenes Jahr lief der Lift nicht einen Tag, aber 2017/2018 war in Unterägeri Rekordsaison – so viele Betriebstage wie in diesem Winter gab’s in Unterägeri überhaupt noch nie.

Markus Grüring, Verwaltungsrat der Betreibergesellschaft, sagte zentralplus damals, womit man in Zukunft rechnet: Den Ponylift für Anfänger soll unbedingt in den kommenden Jahren offen bleiben. Beim langen Schlepplift wartet man ab, wie sich die Schneelage und der technische Zustand der Anlagen entwickelt.

Zum «Pflümli» an den Lift

Lifte wie der Nollen haben identitätsstiftenden Charakter fürs Dorf und müssen daher nicht im gleichen Mass Gewinn abwerfen wie eine Station in den Hochalpen: Sie dienen den Locals, die ihre Kinder hier das erste Mal auf die Skier stellen, oder die sich – wie in Menzingen – beim Lift zu einem «Pflümli» treffen und so den Winter zelebrieren.

Wenig überraschend sind es auch oft Vereine, welche die Anlagen betreiben. So wird die Loipe auf dem Zugerberg von einem Verein präpariert, bei dem die Mitglieder für Gotteslohn arbeiten. Auch hinter der Skischule Zugerberg steht ein Verein, der eine Tradition aus den 1960er- Jahren fortführt – selbst wenn er mit den Kinderskikursen immer öfter in andere Gebiete ausweichen muss.

Schneearena Zugerland

Hier schliesst sich gewissermassen der Kreis, wie man in der Burg Zug lernen kann. Der Wintertourismus ist nämlich aus dem Sommertourismus entstanden und existierte in den kalten Jahrhunderten vor 1900 noch gar nicht. Und er wurde in den Anfangszeiten stark von Vereinen geprägt. Zu sehen ist in der Burg ein alter Plan des Skiclubs St. Jost Oberägeri, der den Ostteil des Kantons vor dem grossen Bauboom der Liftanlagen wie ein riesige Schneeschuhtrail- und Tourenarena zeigt.

Unzählige Routen sind am Zugerberg und am Rossberg eingezeichnet. Es gab sogar zwei Skihütten mit Übernachtungsmöglichkeit in der Region. An Wochenenden kamen dann die Ausflügler gerne in Vereinen organisiert und stapften und rutschten auf ihren Wintersportgeräten gruppenweise durch die weisse Pracht.

Tourenverzeichnis des Skiclubs St. Jost Oberägeri.

«Wir fahren ohnehin»

So macht man es weiter, solange es geht. Vielleicht in Zukunft seltener, aber nicht mit weniger Leidenschaft. Zumal einige Anlagen auch dann laufen, wenn die Landschaft im Tal nicht tiefverschneit ist.

«Wir hoffen, dass wir die Strasse bald wieder für die Schlittler herrichten können.»

Philipp Hofmann, Zugerbergbahn / ZVB

«Wir fahren mit der Zugerbahn ohnehin», sagt Philipp Hofmann, Leiter Markt /Freizeitfirmen bei den Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB). Neben der Freizeitfunktion erfülle man auch Aufgaben als öffentliches Verkehrsmittel und verbinde das Institut Montana mit der Stadt Zug. «Ein Spätkurs fährt nicht nur wegen der Ausflügler.»

Weisse Pracht sorgt für Frequenz

Aber natürlich spiele es für die Zugerbergbahn eine Rolle, ob im Winter Schnee liegt oder nicht. Nicht nur wegen der Langläufer, welche die Loipe von der Innenstadt aus in 25 Minuten erreichen können. Sondern auch wegen der vielen Spaziergänger und Schneeschuhwanderer, welche die Passagierfrequenz jeweils merklich steigern würden.

Für den Schlittelbetrieb sei wichtig, dass genügend Schnee bis zur Schönegg liege – es reiche nicht, wenn er nur auf den obersten 100 Höhenmetern liege, um die Piste in Betrieb zu nehmen. «Und er muss einige Tage liegen bleiben, damit sich die Präparation lohnt», sagt Hofmann.

Hofmann denkt an den vorletzten Winter zurück, wo man trotz Klimaerwärmung mehrere Wochen lang durchschlitteln konnte. «Auch in diesem Jahr wollen wir unsere Rodel wieder vermieten», sagt er. «Und hoffen, dass wir die Strasse über die Juchenegg und den Widishof bald wieder für die Schlittler herrichten können.»

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1 Kommentare
  1. weiße Seifenpumpe, 26.11.2020, 12:10 Uhr

    Ich mag die Art und Weise, wie Sie diesen Artikel gemacht haben. Danke für das Teilen!

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.