Smart-City: Stadt Luzern war bisher komplett überfordert
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Die Stadt Luzern hat betreffend Digitalisierung viel vor. Gleichzeitig muss sie aber noch sehr viel lernen.

Mehr Personal soll es jetzt richten Smart-City: Stadt Luzern war bisher komplett überfordert

6 min Lesezeit 2 Kommentare 27.09.2021, 18:30 Uhr

Der Luzerner Stadtrat will die Digitalisierung der Stadt vorantreiben. Doch ein Bericht an das Parlament zeigt, dass die Verwaltung damit momentan überfordert ist. Das Problem soll mit zusätzlichem Personal gelöst werden. Ob das alleine reicht, ist fraglich.

Die Stadt Luzern will digitaler werden und sich zu einer Smart-City entwickeln. Geht es nach dem Stadtrat, soll Luzern in der Region in Zukunft wegweisend sein und die anderen Gemeinden sowie den Kanton mitziehen. Bis es so weit ist, wird aber noch viel Wasser die Reuss herunterfliessen. Denn wie sich am Montag erneut zeigte, steht man noch ganz am Anfang dieses Prozesses, der sich – auch wegen der schnellen technischen Entwicklungen im Bereich Informatik und Digitalisierung – über viele Jahre hinziehen wird.

Um die nächsten Schritte zu machen, braucht der Stadtrat jetzt viel Geld. Knapp 14 Millionen Franken will er in den nächsten zehn Jahren in die Umsetzung von dutzenden Digitalisierungsprojekten investieren. Dem Parlament legt die Regierung nun den entsprechenden Bericht und Antrag vor (zentralplus berichtete).

Mit mehr Personal soll es jetzt vorwärtsgehen

Dass im Stadthaus betreffend Digitalisierung etwas gehen muss, hatte vor zwei Jahren auch das Parlament erkannt. Von links bis rechts gab es Häme für den Stadtrat und dessen Digitalisierungsstrategie (zentralplus berichtete). Von einer «Zangengeburt» war unter anderem die Rede. Es wurde vor allem offenbar, dass die Stadtverwaltung kaum eine Vorstellung davon hatte, was Digitalisierung für den Arbeitsalltag im Stadthaus sowie für die Rolle der Stadt als staatliche und steuernde Institution überhaupt bedeuten kann und sollte. Sprich: Die Stadt war komplett überfordert.

Für den Aufbau einer neuen Dienststelle sprach das Parlament 2019 folglich die nötigen Mittel. Die neu geschaffene Dienststelle Digitalisierung hat ihre Arbeit vor 18 Monaten aufgenommen. Das jetzt geforderte Geld ist in erster Linie für die Schaffung von knapp acht neuen Vollzeitstellen vorgesehen. Denn das fehlende Personal war laut Bericht des Stadtrates bisher das Hauptproblem und führte zur Überforderung der Verwaltung. Dazu später mehr.

Sechs Handlungsfelder – aber noch wenig Konkretes

Sollte das Parlament die offenbar dringend benötigten finanziellen Mittel sprechen, sieht die Digitalisierungsstrategie sechs Handlungsfelder vor: Verwaltung, Wohnen, Mobilität, Wirtschaft, Umwelt und Einwohner. Dabei sei vor allem der letzte Punkt entscheidend, sagte Stefan Metzger, Leiter der Dienststelle Digitalisierung, am Montag vor den Medien: «Eine Stadt besteht aus ihren Bewohnern. Darum ist eine Stadt nur so smart wie diese selbst.»

«Digitalisierung ist meistens dann am besten eingesetzt, wenn es darum geht, ein besseres Bild der Realität zu erhalten.»

Stefan Metzger, Leiter Dienststelle Digitalisierung

An der Pressekonferenz wurde schnell klar, dass auch nach eineinhalb Jahren Arbeit noch nicht viel Konkretes existiert. Vieles blieb vage und die Flughöhe hoch. Wie die Smart-City-Strategie konkret einen Mehrwert schaffen könnte, versuchte Digital-Chef Metzger auf Nachfrage von zentralplus am Beispiel der Wohnraumpolitik näher zu erläutern. «Es gibt heute moderne Software, mit der man zum Beispiel die Bedürfnisse und Erlebnisse der Bevölkerung in den Quartieren oder entlang von Strassenzügen besser erfassen kann. Diese Erkenntnisse können danach in die Wohnraumpolitik und die Stadtplanung einfliessen», erklärte er.

Digitalisierung sei meistens dann am besten eingesetzt, «wenn es darum geht, ein besseres Bild der Realität zu erhalten und eine Faktenbasis zu schaffen», sagte Metzger. Die Mitwirkung und der Austausch zwischen der Stadt und ihren Einwohnern mit digitalen Hilfsmitteln stellt folglich ein wichtiger Pfeiler der Smart-City-Strategie dar.

Stadtrat räumt Mängel ein

Bislang gab es diesbezüglich noch zu wenige Fortschritte. «Der Fokusbereich Smart-City konnte bisher nicht wie gewünscht entwickelt werden», heisst es im Bericht. Beat Züsli und der Gesamtstadtrat versuchten sowohl im Bericht als auch vor den Medien gar nicht erst, die scharfe Kritik aus der Vergangenheit schönzureden.

Züsli hielt fest, dass es seit der Schaffung der Dienststelle Digitalisierung vor rund 18 Monaten zuerst darum gegangen sei, sich überhaupt einmal einen Überblick über die Herausforderungen und die verschiedenen Projekte zu verschaffen. Momentan laufen, hauptsächlich verwaltungsintern, deren 107. «Diesen Überblick hatten wir zuvor nicht», so Züsli.

Brauchen mehr Personal für die Entwicklung der Smart-City: Stadtpräsident Beat Züsli und Stefan Metzger, Leiter der neuen Dienststelle Digitalisierung. (Bild: bic)

Arbeitskultur noch nicht auf Digitalisierung ausgelegt

Wie der Stadtrat im Bericht und Antrag an das Parlament über mehrere Seiten ausführt, scheint die Verwaltung, beziehungsweise deren Mitarbeitenden, Arbeitsabläufe und Strukturen, nur sehr bedingt für den Wandel zur Smart-City bereit zu sein, was zu genannter Überforderung geführt hat.

«Die Komplexität der digitalen Transformation und ihrer Fragestellungen erfordert eine bewusste Fehler- und Mutkultur, die es zulässt, neue Lösungsansätze auszuprobieren und auch vereinzelt Fehlschläge zuzulassen», lautet folglich ein Fazit der ersten eineinhalb Jahre. Die neuen Verfahrensweisen seien kulturell ausserdem nicht verankert. So könnten sich die Rollen der Beteiligten im Zeitverlauf ändern, was dazu führen könne, dass etwa ein hierarchisches Führungssystem im Widerspruch zur agilen Vorgehensweise bei Digitalisierungsprojekten steht.

«Die Entwicklung zur Smart-City ist kein Prozess mit einem fixen Ende.»

Stefan Metzger

In anderen Worten: Die Mitarbeitenden der Verwaltung müssen die Veränderungen, die durch die Digitalisierung entstehen, zuerst annehmen und akzeptieren. Ein Prozess, der kaum von heute auf morgen geschehen wird. «Darum ist die Entwicklung zur Smart-City auch kein Prozess mit einem fixen Ende. Und alles muss parallel zum sonstigen Betrieb geschehen», betonte Dienststellenleiter Stefan Metzger. Auch das eine Erkenntnis, zu der man im Stadthaus erst einmal gelangen musste.

Suche nach Mitarbeitenden als Herausforderung

Laut Stefan Metzger hat man bisher viel Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit geleistet. Und Stadtpräsident Züsli schickte voraus, dass es aus diesen Gründen unseriös wäre, jetzt schon zu sagen, wo und ob durch die Digitalisierung Ressourcen gespart werden können. «Damit wir das erkennen, müssen wir zuerst einmal entsprechende Mittel einsetzen», hielt der Stadtpräsident fest.

Auf Nachfrage von zentralplus hielt der Digitalisierungschef Metzger fest, dass es wohl nicht ganz einfach sein wird, die neuen Mitarbeitenden zu finden. Das habe unter anderem damit zu tun, dass die mit Steuergeld finanzierten Löhne in diesem Bereich wohl nicht so hoch sind wie in der Privatwirtschaft. Dennoch ist Metzger zuversichtlich, die Stellen adäquat besetzen zu können. «Bei uns kann man gestalten und helfen, die Stadt weiterzuentwickeln. Das hat auch die Leute motiviert, die wir bis jetzt anstellen konnten», so Metzger.

Endlich eine Lösung für den Tourismus?

Viele Chancen der Digitalisierung ortet Metzger beim Tourismus. Hier könnten Daten helfen zu verstehen, wie sich die Gäste verhalten. Wo sie herkommen, wo sie hingehen und wo sie in der Stadt konsumieren. Dies könne alles anonymisiert geschehen, betonte Metzger. «Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass es beim Löwendenkmal sehr viele Leute hat, könnten wir den Cars allenfalls sagen, dass sie ihre Leute zuerst durch die Altstadt leiten und erst danach das Denkmal besuchen sollen.»

Gleiches gelte für die Bewegungsströme der Einheimischen, wobei die Bewegungen von Einzelpersonen nicht relevant seien und die Daten entsprechend anonymisiert und zusammengefasst würden. «Solche Erkenntnisse könnten anschliessend für die Planung von innerstädtischen Verkehrswegen benutzt werden. Auch hier ist die Umsetzung letztlich nicht digital», so Metzger.

Dank Smart-City-Lösungen könne auch das Vertrauen der Menschen in die Digitalisierung gestärkt werden. So sieht Metzger etwa die Möglichkeit, bei Geräten für die Verkehrszählung oder die Messung der Luftqualität einen QR-Code anzubringen. «Dann könnte man auf dem Handy live sehen, was die Anlage gerade misst. Damit können wir als Stadt so transparent wie möglich werden, was das Sammeln von Daten angeht», so der Luzerner Digitalisierungschef.

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2 Kommentare
  1. groina, 29.09.2021, 19:10 Uhr

    «Smart-City: Stadt Luzern war bisher komplett überfordert» – Für dieses oft vorkommende Phänomen gibt es einen Fachausdruck: «Kakistokratie bezeichnet in der Politikwissenschaft eine Herrschaft der Schlechtesten.»

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  2. hegard, 28.09.2021, 10:38 Uhr

    Luija sag i
    Endlich hat’s der Stadtrat verstanden.
    Bei der Abstimmung hatten sie noch keine Ahnung und das ist was mich am Rat missfällt.
    Einfach etwas wursteln anstatt sich zuerst richtig informieren.
    Mit dem jetzigen Wissen
    könnte die Digitalie -sierung gelingen.
    Aber die 14 Millionen werden schnell aufgebraucht sein.Es braucht nicht nur zusätzliche IT is sondern auch bei den Rechner, Hardware und Sicherheit plus gekühlte Räume muss man aufrüsten.
    Dann wird sicher vieles einfacher,schneller und übersichtlicher.

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