Skurrile Höhepunkte auf dem Sonnenberg
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Europa Neue Leichtigkeit mit einer geballten Ladung Kitsch. Nach Startschwierigkeiten klappte es dann aber doch noch mit dem Publikum. (Bild: Silvio Zeder)

Der letzte Tag am B-Sides Skurrile Höhepunkte auf dem Sonnenberg

5 min Lesezeit 19.06.2016, 20:02 Uhr

Kinder sind das beste Publikum, denn sie sind schnell begeistert. Aber ebenso schnell gelangweilt. Zu sehen am Kindernachmittag am B-Sides. Abends kam dann noch ein alter Bekannter vorbei – genau, der mit dem schlechten Musikgeschmack.

Der Samstagnachmittag ist traditionellerweise der Kindernachmittag am B-Sides. Dementsprechend ist die Anzahl Kinder jener der Erwachsenen etwa ebenbürtig. Ausgestattet mit Gummistiefeln, Regenhosen, Regenjacken und neonfarbenen Gehörschutz-Kopfhörern stapft die nächste Generation von B-Sides Besuchern über das Festivalgelände und amüsiert sich über Pfützen am Boden, Leute in lustigen Kleidern und schräge Musik.

Den Auftakt um 13 Uhr machte El Ritschi, seines Zeichens Sänger und Gitarrist des Innerschweizer Urgesteins Jolly & The Flytrap. Mit mal mehr mal weniger Obwaldner-Dialekt singt er Lieder über den Regen, das Leben und die Pfadi, zur Freude der Kinder und Eltern, die sich zahlreich unter dem Dach der kleinen Bühne eingefunden haben.

Europa Neue Leichtigkeit (Bild: Laura Livers)

Europa Neue Leichtigkeit (Bild: Laura Livers)

Skurrilitäten, bis einem schwindlig wird

Dazu im Kontrast steht Tim & Puma Mimi, die als nächstes spielen. Das schweizerisch-japanische Duo tanzt sich skrupellos durch ihre 8-bit-Bubblegum-Elektro-Musik mit gefühlten 99 Prozent japanischen Texten. Vielleicht sind es die versteckten Botschaften in ebendiesen Texten, die diesem Duo das Prädikat «Kindermusik» eingebracht haben. Die Gurken-Einlagen sind jedenfalls faszinierend für Jung und Alt, und auch der Einsatz der Kolbenflöte, an die manch einer seit der Primarschule nicht mehr gedacht hat, lässt die Zuhörer auflachen.

Vielleicht ist der Begriff Kindernachmittag ein Codewort, dass benutzt wird, um Ungewöhnliches und Skurriles im Programm unterzubringen. Dieser Gedanke jedenfalls kommt mir im Verlauf des Nachmittages, als Palmyra auftritt.

Die Formation um den Oud-Spieler Bahur Ghazi und die Tänzerin Sheila Runa, die nach einer Stadt in der syrischen Wüste benannt ist, spielt ihre auf dem Prinzip der Makamat (arabische Tonleitern) basierende Musik, während die Flamenco-Tänzerin in immer wechselnden Kostümen ihre Choreografien zum besten gibt. Der Bühnenrand ist komplett gefüllt mit kleinen bunten Menschen, die die Musik meist ignorieren und mit dem Kopf die Pirouetten der Tänzerin mitmachen, bis ihnen schwindlig wird.

Bestens gerüstet für die widrigen Umstände.  (Bild: Jonas Bucheli)

Bestens gerüstet für die widrigen Umstände.  (Bild: Jonas Bucheli)

Gewollt ungekonnt

Den Auftakt für das Erwachsenen-Programm macht Trampeltier of Love. Es gibt wohl nicht viele, die diese Band noch nicht gehört haben, sei es live an einem ihrer zahlreichen Konzerte, oder auf facebook, wo ihr Video zum Smash-Hit «Troja» lange Zeit sein Unwesen trieb.

In gewohnt trashiger Manier mit unpolierten Phrasen und wackligem Synthesizer-Einsätzen singt sich Matto Kämpf durch seine ganz persönliche Leidensgeschichte in Liedern wie «Katholisch sii fägt» oder «Sandchaschteblues». Seine Mitstreiter, Marc Unternährer (Tuba und Basstrommel) und Simon Hari (Gitarre, Gesang und Snaredrum) folgen ihm gewollt ungekonnt und schief und proklamieren auch mal rasch ein sinnfremdes Gedicht zur Kontinentallehre.

Ab ins Bett, jetzt wirds – kitschig

Um halb sieben, als sich das Gelände langsam mit Publikum füllt und die meisten Kindern nach Hause müssen, betritt Europa Neue Leichtigkeit die Bühne. Die vier Appenzeller-Jungs haben sich dem Schlager verschrieben. Dementsprechend ist die Bühne mit Plastikblumen dekoriert, die Lichtstimmungen sind kitschig bunt und die Kleider mindestens so alt wie die Musiker selbst.

Mit einem hochdeutschen Akzent, der irgendwo zwischen Karel Gott und Max Raabe zu verordnen ist, säuseln sich die zwei Sänger durch ihr Repertoire, das bei den meisten Zuhörern zuerst einmal ein Stirnrunzeln verursacht. Spätestens aber beim Lied über die Angst, einer Ballade mit upbeat-Polka Refrain, lassen sich die Zuhörer zu einem Tänzchen überreden.

Petrus ist auch da …

Und dann, um halb 8, kommt der Moment, vor dem wir uns alle gefürchtet haben. Der Moment, weswegen die meisten Festivalbesucher ungewohnt gelb und grün angezogen sind und Festivalhelfer fleissig auf dem Gelände Pelerinen verteilen: Es beginnt wie aus Kübeln zu schütten. Fluchtartig verziehen sich alle unter die zahlreichen Dächer auf dem Gelände. Ein Glück für diejenigen, die noch einen Platz unter dem Dach der kleinen Bühne ergattern konnten.

Diese kamen nämlich in den Genuss von Puts Marie aus Biel. Ich gehörte leider nicht zu den Glücklichen und hörte nur fetzenhafte Ausschnitte. Dafür durfte ich mit gefühlten tausend Besuchern unter dem kleinen Vordach der Essensausgabe stehen und meinen Hunger stillen, mit für ein Open Air erstaunlich gutem Essen.

… und hat einen schlechten Musikgeschmack

Pünktlich zum Konzert von Valdimar aus Island wurde aus dem strömenden Regen ein Nieseln – immerhin ein kleiner Lichtblick. Leider genau für das einzige Konzert an diesem Samstag, das wirklich enttäuscht hat. Island gilt doch als Zauberwort für gute Musik, dem Valdimar aber leider nicht gerecht wurde. Sphärische Gitarrenriffs, dramatische Gesangsmelodien auf isländisch, ein Synthie-Teppich drunter und ein Flügelhorn – eine Kombination, die spannender klingt, als sie es war. Da half auch der Posaune-spielende Sänger im kurzärmeligen Hemd nicht.

Valdimar aus Island. (Bild: Silvio Zeder)

Valdimar aus Island. (Bild: Silvio Zeder)

Dann wirds doch noch «lauschig»

Um zehn folgte mit Feldermelder plays Erratic der obligate Elektro-Act, über dessen Anwesenheit man sich wohl streiten kann. Jene, die es mochten, versammelten sich vor der Bühne und lauschten den experimentellen Klängen diese Combo. Der Rest stellte sich im Kreis um die Feuerfässer oder trank ein Bier, bis dann um 11 Uhr Bombino auftrat.

Die Band um den Tuareg Gitarristen Omara Bombino Moctar aus dem Niger war es dann auch, die einen endgültig die Kälte und Nässe vergessen liess. Mit ihren nordafrikanischen Rhythmen, Tamasheq Texten und französischen Witzchen bringen sie die Zuschauer zum Tanzen und mitsingen.

 

(Bild: Laura Livers)

(Bild: Laura Livers)

Und da der Tag doch sehr lang war, verabschieden wir uns um Mitternacht vom Festival und den fleissigen Helfern an der Kasse, die uns schon fast 12 Stunden früher unserer Tickets gegeben haben – und fahren mit dem Sedel-Shuttlebus runter nach Kriens und nach Hause, wo unser warmes Bett auf uns wartet.

Die besten Bilder von allen drei B-Sides Festivaltagen gibts hier.

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