Skandar Khan: «Ich würde gerne das Inseli blockieren»
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Wird die Übermacht der Reichen immer anprangern: Skandar Khan.

Luzerner Stadtratskandidat im Porträt Skandar Khan: «Ich würde gerne das Inseli blockieren»

6 min Lesezeit 16.03.2020, 05:02 Uhr

Skandar Khan kämpft mit der Juso um einen Sitz im Luzerner Stadtrat. Wann er zum Provokateur wird und warum sein Kampf um Gerechtigkeit nie zu Ende sein wird, erzählt der 21-Jährige im Gespräch.

Als wir Skandar Khan im «Parterre» in der Luzerner Neustadt treffen, sitzt er gelassen da, vor sich ein Buch, in das er zeichnet.

Khan, 21-jährig, freundlich, überlegt, stets ein Lächeln auf den Lippen. Kann er auch zum Provokateur werden? So wie einst Cédric Wermuth, ehemaliger Juso-Präsident und vielleicht bald SP-Schweiz-Chef, der an einer Parteitagsrede einen Joint rauchte? «Wenn mich etwas stört, sage ich das geradeaus», sagt Khan. «Durch die Juso bin ich wohl auch ein wenig radikaler geworden.»

Für welche provokante Aktion er sich einspannen liesse? «Ich würde gerne das Inseli blockieren. Mich bei den Carparkplätzen auf ein Sofa legen und sagen: Das sind unsere Freiräume, die Cars sollen verschwinden.»

Resultate spielen eine untergeordnete Rolle

Skandar Khan strebt für die Juso einen Sitz im Luzerner Stadtrat an. Eine schwierige Ausgangslage für den Jungen: Alle fünf Amtierenden treten zur Wiederwahl an (zentralplus berichtete).

Khan war der Zweitletzte, der seine Kandidatur bekannt gab. Mit ihm sind es sieben Männer und drei Frauen, die in den Stadtrat ziehen wollen. Mit Judith Dörflinger (SP) nur eine linke Frau und vier Männer. «Das hat auch mich zum Überlegen gebracht», gibt er offen zu.

«Beim Stadtrat merkt man: Er will keinen Finger krumm machen.»

Doch er spürte einen starken Rückhalt in der Juso, gemeinsam hätten sie den Entscheid getroffen. «Wir wollen unsere Themen in den Exekutiv-Wahlkampf einbringen.»

Nur im Wahlkampf? Das Resultat spiele eine untergeordnete Rolle, sagt Khan. «Als linker, sozialistischer Politiker gäbe es in dieser Welt viele andere Gründe, aufzugeben. Verlorene Wahlen gehören nicht dazu, unsere Bewegung geht viel weiter.»

Die Bevölkerung will, die Politik ist träge

Gerade die Jungen seien es, die den Willen hätten, Dinge zu verändern. Die Luzerner Politik in seinen Augen: träge, mit einem Drang zur Bürokratie. Khan spricht das Baden an der Reuss an, das Entstehen alternativer Jugendkulturräume und Zwischennutzungen. «Beim Stadtrat merkt man bei all den Dingen: Er will keinen Finger krumm machen.»

Er erzählt, wie Private die Initiative ergriffen, bei der Geissmattbrücke einen Parkplatz zu einem Steg an die Reuss umfunktionieren zu lassen. Die Antwort des Stadtrates: Sie nehmen’s zur Kenntnis, aber es bestehe kein Anlass, zu handeln. Khan kritisiert: «Dann macht sich die Bevölkerung Mühe, bringt coole Ideen ein – und erhält vom Stadtrat eine Abfuhr.»

Es sei eine Frage des politischen Willens, solche Projekte anzugehen. Laut ihm stelle aber der bürgerliche Stadtrat Anliegen von Wirtschaft und Tourismus über diejenigen der Bevölkerung. Es ist die jugendliche Ungeduld und der Tatendrang und wohl die Position Khans, dass er so frei von der Leber weg kritisieren kann.

Stadt muss sich gegen kurzsichtige Projekte wehren

Dem jetzigen Stadtrat fehle Visionskraft und ein Gespür für Soziales. Gerade was die Mieten betrifft. «Wir sprechen die ganze Zeit von genossenschaftlichem Wohnbau. Ein wichtiges Element, um der Profitgier ein Ende zu bereiten und den Wohnmarkt zu einem gemeinschaftlichen Wohnbau zu machen.» Doch Genossenschaftsbau sei nicht die Lösung für das Mietproblem. Diese Genossenschaften funktionieren teilweise mit einem Rankingsystem, wer lange dabei ist und einzahlt, habe bessere Chancen auf eine Wohnung. «Für Geringverdienende ist es schwieriger – deshalb müssen wir in der Wohnpolitik noch viel weiter gehen.»

«Wir sollten den Menschen soziale Sicherheit garantieren, statt Steuergeschenke an Grosskonzerne zu verteilen.»

Was würde Khan anders machen? Der Wohnmarkt soll entprivatisiert werden, die Stadt soll mehr Land und Immobilien zurückkaufen. «Wenn wir das heute nicht in Angriff nehmen, werden wir es in 50 Jahren bereuen», sagt Khan. Der Stadtrat müsste sich gegen kurzsichtige Bauprojekte wehren, fordert er.

Vermieterinnen und Vermieter müssten in die Pflicht genommen werden, wenn an einem Block 40 Jahre nichts saniert werde. So dass nicht auf einen Schlag allen Mieterinnen und Mietern gekündet wird, weil ein Vermieter seiner Pflicht, regelmässig Unterhalt zu machen, nicht nachkam. Oder eine Wohnung nur leicht saniert werde, die Mieten daraufhin um 50 Prozent steigen. «Das geht einfach gar nicht», sagt Khan.

Bodum soll enteignet werden

Als gelernter Zeichner schielt Khan auf die Baudirektion. In Zukunft müsste man verdichtet, günstig und ökologisch bauen und zugleich die Lebensqualität für Leute erhalten. Eine Aufgabe, der sich Khan gerne annehmen würde.

Dass die Bodum-Villen seit Jahren leer stehen, geht ihm nahe. «Aus architektonischer Sicht tut es weh, wenn solche schönen Gebäude sichtlich verlottern.» Ursprünglich war Khan der Meinung, dass die Stadt den Besitzer in die Pflicht nehmen, mit ihm den Dialog und gemeinsam Lösungen suchen soll. «Aber es wird sich nichts bewegen», sagt Khan. Und so ist auch er mittlerweile dafür, den dänischen Multimillionär Bodum  zu enteignen.

Der Kampf, der für Khan nie zu Ende geht

Khan, aufgewachsen im luzernischen 1500-Seelen-Dorf Wikon, wurde von seiner Mutter alleine aufgezogen. Sein Vater, der früh verstorben ist, kam aus Pakistan. Auf den persönlichen Gegenstand angesprochen, den er zum Gespräch mitnehmen soll, zieht Khan einen olivfarbenen Gebetsteppich aus dem Rucksack:

Nicht weil er gläubig ist. Sondern weil es für ihn ein Stück Heimat und Kultur ist, eine Erinnerung an seine pakistanischen Wurzeln. «Ich habe keinen besonders starken Bezug zu meiner zweiten Heimat, umso wichtiger ist es mir, diesen nicht zu verlieren.» Zudem besitze er nicht viele Gegenstände, die ihm etwas bedeuten.

Khan hatte eine gute Kindheit, wie er erzählt. Er wuchs zwar in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Familie war vom Prämienverbilligungsskandal betroffen, als vor drei Jahren Tausende Luzerner Haushalte bereits ausbezahlte Prämienverbilligungen zurückbezahlen mussten (zentralplus berichtete). Auch wenn seine Mutter nie wollte, dass ihn das belastet: Er spürte, dass die Rechnungen sich stapeln.

«Die Machtverhältnisse in der Gesellschaft, die Übermacht der Reichen und die Ausbeutung von Mensch und Umwelt werde ich immer kritisieren.»

«Für einige bedeuten solche Kürzungen, ‹ein wenig zu sparen›, ‹unnötige› Ausgaben zu streichen», sagt Khan. Doch für viele Familien sei es ein Problem, wenn Musikschulbeiträge gekürzt oder Bildungskosten vermehrt selbst bezahlt werden müssten. «Wir sollten den Menschen soziale Sicherheit garantieren, statt Steuergeschenke an Grosskonzerne zu verteilen», so Khan.

Khan möchte sich nicht mit politischen Ämtern brüsten, National- oder gar Bundesrat werden. Was ihn antreibt, ist der Kampf um Gerechtigkeit – in klassischer Juso-Manier. Und das werde ihn nie loslassen: «Die Machtverhältnisse in der Gesellschaft, die Übermacht der Reichen und die Ausbeutung von Mensch und Umwelt werde ich immer kritisieren. Ich kämpfe auf der Seite der Schwachen, für die Freiheit von uns allen.»

Skandar Khan im Video: «Die Stadt Luzern würde mir besser gefallen, wenn …»

Hinweis: Dieser Artikel ist Teil einer zentralplus-Serie zu allen zehn Kandidatinnen und Kandidaten für den Luzerner Stadtrat. Mehr Infos zu den Wahlen vom 29. März gibt’s in unserem Dossier.

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