Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Sind wir nicht alle ein bisschen Reiseführer?
  • Regionales Leben
  • Tourismus
Der Blick auf die Kapellbrücke: In Luzern ist nichts weniger geheim als sein Wahrzeichen. (Bild: Heinrich Weingartner)

Was Touristen in Luzern empfohlen wird Sind wir nicht alle ein bisschen Reiseführer?

6 min Lesezeit 06.01.2020, 05:00 Uhr

Es gibt Reiseführer aus Luzern über Luzern. Es gibt Reiseführer aus der ganzen Welt, über die Schweiz, mit einem Luzern-Teil. Die Empfehlungen darin gleichen einem Dschungel: null Übersicht, ein einziges Gewucher. Wo sind die Geheimtipps?

Die Schwierigkeit beginnt wie so oft beim Begriff. Ein Reiseführer ist einerseits eine Person (laut Genus ausschliesslich eine männliche), aber andererseits auch ein Buch oder Büchlein. Missverständnisse sind programmiert. Zum Beispiel im Tourist Information Lucerne beim Bahnhof, das von Luzern Tourismus betrieben wird: Während der Journalist Informationen zu Reiseführern (Buch oder Büchlein) möchte, hat die Dame an der Auskunft Reiseführer (Person) verstanden.

Nachdem alle Missverständnisse aus dem Weg geräumt sind, zeigt die Dame auf einen Prospekt, der vervielfacht und sauber gebüschelt in Plastikfächern im ganzen Laden zur Schau gestellt wird: «Das ist unsere Bibel mit allen Infos.»

Auf der Front des Büchleins, das einen violett gefärbten Schweizerhof zeigt und sich stolz «The official Lucerne City Guide» nennt, steht «The city in 5 hours – Die Stadt in 5 Stunden». Hinterseite: eine Werbung für «Carl F. Bucherer Lucerne 1888». Schlägt man die Front auf, prangt auch hier eine Werbung für «Bucherer 1888», allerdings in chinesischen Schriftzeichen.

Die frei erfundenen Dinge

In dieser Broschüre hat es viele Uhren-, Schokolade-, Sackmesser- und Transportwerbungen. Die Tipps darin sind zugeschnitten auf Reisegruppen und Massentourismus, was angesichts des Herausgebers (Luzern Tourismus AG) nicht weiter verwunderlich ist. Hervorzuheben ist die «Nightlife»-Abteilung, wo Handgelenk mal Pi sämtliche Bars und Clubs der Stadt Luzern verzeichnet sind.

Die Texte sind amüsant. Man erfährt beispielsweise, dass der Sedel der «Meeting Point der Musikbesessenen» sei, dass in der Gewerbehalle «junge Stadtphilosophen» verkehren würden und in der «Hemingway Rum Lounge» im Montana Art Deco Hotel «schon Hemingway seine Zigarre» rauchte. Diese Dinge sind frei erfunden. Auffallend: Das «St. Magdalena» («Magdi») fehlt – wenn eine Ecke das Attribut «Geheimtipp» verdient hätte, dann diese sympathische Spelunke in der Eisengasse.

Gibt es denn überhaupt noch Menschen, die – Floskel-Alarm – in Zeiten der Digitalisierung gedruckte Reiseführer verlangen? Oder Geheimtipps? Stefanie Christen, Managerin Tourist Service, meint: «Wenn Menschen hierher kommen, haben sie meistens schon einen Reiseführer. Bei uns in der Tourist Information erhalten sie anschliessend noch die ‹echten› Geheimtipps.»

John Travolta wird nicht erwähnt

Wer wüsste noch besser über Reiseführer Bescheid als eine Tourist Information? Ein Buchladen! Also ab ins Hertensteinstrasse-Weihnachts-Getümmel. Destination: Buchhaus Stocker. Reiseabteilung, zweiter Stock. Im Regal: «So sind sie, die Schweizer», «Der Schweizversteher», «Gebrauchsanweisung für die Schweiz», «Swiss Life: 30 Things I Wish I’d Known». Man kommt sich irgendwie fremd vor.

Gleich links daneben: Der Schweizer «Lonely Planet», der Schweizer «Marco Polo», der Schweizer «Fodor’s Travel . Die heilige Triade der Reiseführer. Was empfehlen sie in Luzern?

Festzustellen ist, dass alle drei Reiseführer das Wirtshaus Galliker und die Sammlung Rosengart führen. Im Galliker hat einst John Travolta mit seiner Schwester Znacht gegessen. Das steht aber nicht im Reiseführer. Dort steht: «Motherly waitresses dish up Lucerne soul food – rösti, Chögalipaschtetli (veal pastry pie) and the like – that is batten-the-hatches filling.» Stimmt alles, aber im Luzernischen heisst’s «Chögeli», oder?

Wenig insiderige Insider-Tipps

In der Sammlung Rosengart hängen laut Reiseführer unter anderem Werke von Picasso, Klee und Miró. Das ist auch für den kunstunbewanderten Luzerner good to know.

Und dann noch, alphabetisch geordnet: alle Plätze, sämtliche Museen, die «grossen» Kulturhäuser, Nölli-Männli-Lueg-is-land, der Wasserturm. Die üblichen Verdächtigen. Worth a trip ist das Entlebuch. Das ist diskussionswürdig. Der «Marco Polo»-Reiseführer hält einige «Insidertipps» bereit, die wenig insiderig sind. Die Seebar. Die KKL-Bar. Das «Linienschiff».

Unser Autor arbeitet sich durch die verschiedenen Reiseführer über die Stadt Luzern.

Ein ungutes Gefühl beschleicht den seit drei Stunden im Café des Buchhauses Stocker sitzenden und manisch Reiseführer lesenden Journalisten, der von den Mitarbeitenden argwöhnisch beäugt wird: Ist Luzern zu klein für versteckte Geheimtipps? Sieht man nicht sowieso alles, wenn man durch diese Stadt läuft?

Die Baselstrasse kommt nicht vor

Die Stadtführer aus Luzern über Luzern müssen Bescheid wissen. Dort drinnen findet man sicher die heimlichsten Geheimtipps. Erster Führer: «The pearls of switzerland – Lucerne», erschienen bei einem Proinfo Verlag. Auf der Titelseite: geniessen/enjoy, erleben/experience, entdecken/explore, einkaufen/shopping. CVP-Stadträtin Franziska Bitzi Staub setzt im Editorial die Messlatte hoch: «Die Stadt Luzern ist eine Perle in der Schweiz: ein Wunder der Natur, über viele Jahre organisch gewachsen, vom Menschen veredelt.»

Auf gefühlt jeder zweiten Seite hat es Werbung für die «City-Vereinigung Lucerne», ein Verein, der die «Einkaufsstadt Luzern», dieses «vom Menschen veredelte Wunder der Natur», pushen möchte. Hier drinnen sind auf über 150 Seiten zig Läden aus sämtlichen Nischen verzeichnet. Vor allem Blumen- und Coiffeurläden. Und die PRP Immobilien AG, falls eine Touristin oder ein Tourist aus einer ungewöhnlichen Laune heraus eine Immobilie erwerben möchte. Der Golfplatz Meggen. Telepizza?

Auf einem Stimmungsfoto in der Mitte des Bandes versteckt sich links oben im Hintergrund ein FDP-Schild. Man wird die leise Ahnung nicht los, dass die hier drin verzeichneten Läden gute, monetäre Verbindungen zum Stadtführergott haben. Komisch: Die Baselstrasse kommt darin nicht vor.

Ein Stadtführer bietet den ganzen Wald

Zweiter Stadtführer: «die perlen der stadt – einfach luzern», vom Namen her nicht zu verwechseln mit dem ersten Reiseführer. Hübsche Aufmachung. Eher so Flugzeugmagazin in der Businessclass. Grosse Bilder, Texte mit vielen Adjektiven. Aber, verflixt: Auf den zweiten Blick gar nicht Luzern-made, sondern von einem Berner Verlag produziert, erschienen in der «perlen»-Reihe. Eine Stadt unter vielen.

Auch hier drinnen: Viele Läden, einige Überschneidungen mit Reiseführer Nr. 1, aber auch solide Tipps: Der Co-Mix Remix, die «Kneipe», das «Neustädtli», «Soul Chicken» und, endlich, s’Magdi! Komisch: Die Baselstrasse kommt darin nicht vor. In diesem und im vorherigen Stadtführer wird klugerweise das Buchhaus Stocker als Tipp erwähnt.

Dann gibt es noch einen Stadtführer, der die Stadt Luzern in- und auswendig kennt. Die ganze Hosentasche. Nadja Annen vom Buchhaus Stocker meint: «Wir empfehlen den Stadtführer ‹Luzern entdecken›, weil er fundiert und umfassend ist.»

Seit 2001 wird «Luzern entdecken» im Werd-Verlag herausgegeben, in stetig erneuerter Auflage. Von Dr. Jürg Stadelmann, dem bekannten Luzerner Historiker und Geschichtslehrer. Mit Texten von Pirmin Bossart, Paul Rosenkranz und Mathias Steinmann. Dieser Stadtführer ist für Menschen, die hierhin ziehen. Sie erhalten nicht nur Bäume, sondern den ganzen Wald. Ja, auch die Baselstrasse. Aufzuzählen, was hier drin aufgeführt wird, wäre Sisyphos-Arbeit.

Geheimtipps bleiben nicht lange Geheimtipps

Wer nach Geheimtipps sucht, wird sie heutzutage in Reiseführern wohl kaum finden. Sonst wären es keine Geheimtipps. Sobald sie in einem Reiseführer stehen, sind sie einige Auflagen später keine Geheimtipps mehr. Und besonders in der Stadt Luzern bleiben Geheimtipps nicht lange Geheimtipps.

Weshalb überhaupt danach suchen? Wer mit offenen Augen und Ohren durch Luzern spaziert, findet seine oder ihre heimlichen Ecken. Sei dein eigener Reiseführer. Person und Buch.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 600 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare