«Silvestersparty» – den Luzerner Sparfrust wegtrinken?
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Auch hier floss bereits der Champagner: Kulturschaffende vor dem Kantonsratssaal bei einer Protestaktion. (Bild: giw)

Feiern für einen guten Zweck – oder als Protest «Silvestersparty» – den Luzerner Sparfrust wegtrinken?

5 min Lesezeit 17.12.2017, 11:16 Uhr

An Neujahr sollen im Kleintheater Luzern die Korken knallen, der Schaumwein sprudeln – und das für einen guten Zweck. Weil der Kanton bei der Kultur spart, fliesst der Erlös der Silvesterparty in einen Fonds für Kulturschaffende. Unklar bleibt, ob es sich dabei um einen Protest handelt.

Das alte Jahr loslassen, einen Neustart wagen – Prosit Neujahr! Die meisten denken optimistisch an den Jahreswechsel. Nicht so die Luzerner Kulturszene. Sie schaut mit viel Skepsis in die Zukunft. Grund dafür ist die Kürzung der Gelder für die Kulturförderung des Kantons: 2017 wurden 40 Prozent der Beiträge für die freie Kulturförderung gestrichen, rund 800’000 Franken.

Sonja Eisl, Leiterin des Kleintheaters Luzern, sagt, dass es Zeit sei, selber aktiv zu werden. Gesagt, getan: Am 31. Dezember soll die legendäre Silvestersause unter dem Namen der «$ilvester$party» steigen. Der Erlös soll in einen Spendenfonds für Kulturschaffende fliessen.

«2017 war ein rabenschwarzes Jahr für die Luzerner Kulturszene.»

Eva Laniado Barboza, Geschäftsleiterin IG Kultur Luzern

Es wird poetry-geslamt, Theater gespielt und musiziert. Den Kopf möchte man nicht abschalten. Die Gedanken würden immer wieder um die reduzierten Beiträge an der Kulturförderung kreisen. Die schweren Zeiten als Kulturschaffende unter dem Sparhammer des Kantons könne man nicht verdrängen und vergessen: «Wir können nicht so tun, als ob nichts geschehen ist», so Sonja Eisl. Und weiter wünscht sie sich, dass die Luzerner Kulturszene konstruktiv agiere. «Da Jammern langweilig ist, werden die Luzerner Kulturschaffenden an der Sparty einmal mehr kreativ.»

Silvestersparty – eine Protestfeier?

Sonja Eisl argumentiert, dass die Feier nicht als Widerstand gegen den Sparhammer gemeint sei, da sie nicht den Charakter eines Protests aufweise. Im Gegensatz dazu habe die Kulturszene bei den Kunstaktionen der politischen Sichtbarmachung – wie im August dieses Jahres – bewusst ein Zeichen gesetzt. Rund 130 Kulturschaffende protestierten gegen die Sparmassnahmen und liefen tropfend nass zum KKL (zentralplus berichtete).

Damit die Kultur nicht baden geht: Kulturschaffende bei einer Protestaktion im August gegen die kantonalen Sparmassnahmen.

Damit die Kultur nicht baden geht: Kulturschaffende bei einer Protestaktion im August gegen die kantonalen Sparmassnahmen.

(Bild: jwy)

 

Die «Silvestersparty» dagegen sei ein Festanlass, um einerseits die Gemeinschaft der Kulturschaffenden untereinander zu bekräftigen und andererseits die Solidarität mit der Kulturszene zu stärken, so Eisl. Sie betont, dass man sich unter den Kulturschaffenden in Luzern einig sei und eine starke Solidarität bestehe. «Momentan besteht eine sehr gute Energie, ein sehr enger Zusammenhalt zwischen Kulturschaffenden in Luzern.» Dennoch hofft sie, dass man dem Kanton den einen oder andern Seitenhieb mit einem Augenzwinkern verpassen könne.

«Da Jammern langweilig ist, werden die Luzerner Kulturschaffenden an der Sparty einmal mehr kreativ.»

Sonja Eisl, Leiterin Kleintheater Luzern

Eva Laniado Barboza, Geschäftsleiterin der IG Kultur Luzern, setzt sich dafür ein, dass man mit diversen Aktionen für die Luzerner Kulturszene kämpft. Jedoch meint Laniado überzeugt, dass es sich bei diesem Anlass sehr wohl um eine Form des Protestes handle: «Ich glaube, alles, was derzeit in der Luzerner Kulturszene gemacht wird, zeigt, dass wir am Ball bleiben und bleiben werden und uns die jetzige Situation nicht egal ist. Es betrifft uns alle.» 

«Momentan besteht eine sehr gute Energie zwischen Kulturschaffenden in Luzern.»

Sonja Eisl

Laniado zeigt sich enttäuscht über die Nichtförderung der Kultur: «2017 war ein rabenschwarzes Jahr für die Luzerner Kulturszene.» So möchte sie nach aussen signalisieren, dass Subventionen für die Kulturszene unvermeidbar seien und sich diese Ansicht in der breiten Masse etablieren müsse. «In unserer Gesellschaft ist Kultur stark verankert, darüber ist man sich einig», sagt Laniado. «Die Kulturförderung durch die öffentliche Hand ist wichtig und genau dieser Gedanke muss sich in der Gesellschaft ebenso stark verankern.»

Erlös geht an freie Kulturszene Luzern

Der Erlös setzt sich aus den Eintrittspreisen (25 Franken pro Billett) sowie den Bareinnahmen zusammen. Dies soll alles in denselben Topf fliessen, aus dem auch Ausgaben wie die Vergütung an die Künstler gemacht werden.

Links: Sonja Eisl, die Leiterin des Kleintheaters (Bild: zvg)Rechts: Eva Laniado, die Geschäftsführerin der IG Kultur (Bild: Daniela Kienzler)

Links: Sonja Eisl, die Leiterin des Kleintheaters (Bild: zvg)
Rechts: Eva Laniado, die Geschäftsführerin der IG Kultur (Bild: Daniela Kienzler)

Das übrige Geld, so erklärt Sonja Eisl, soll in einen Fonds für Kulturschaffende fliessen. Man möchte in Zukunft weitere Aktionen planen und finanzieren von und für Kulturschaffende, beispielsweise die Protestaktionen unter dem Stichwort der politischen Sichtbarmachung, die viele Ressourcen verschlungen haben, laut Sonja Eisl.

«Verein zur Förderung der freien Kulturszene Luzern»

Auch andere Kulturliebhaber wehren sich gegen die Sparmassnahmen. So auch Bruno Affentranger, Mitgründer des Vereins Förderung der freien Kulturszene, der sich zum Ziel setzt, die kantonalen Ausfälle im Bereich der Kulturförderung durch private Spendengelder kompensieren zu können. Affentranger selbst, der sich über die Nichtförderung der Kultur in Luzern sichtlich empört zeigt, betrachtet seinen Verein als eine Art «zeitlich limitierte Rettungskolonne» (zentralplus berichtete).

Wird mehr konsumiert, so erhöhen sich auch die Einnahmen, dem stimmt Eisl zu. Doch die Leiterin des Kleintheaters Luzern möchte nicht von einem «Saufen für die freie Kulturszene» sprechen: «Ich weiss nicht, ob man sich für Kultur betrinken sollte», lacht sie, «so muss es ja nicht gerade sein.»

Eva Laniado ergänzt, dass es sich um ein normales Fest handle, in dem man mit Humor ins neue Jahr starten möchte, auch wenn die momentane Lage prekär sei.

Finanzieller Gewinn zweitrangig

Klar ist, das Kleintheater verdient selber nichts an dem Anlass. Wie viel Gewinn dann aber effektiv für den Kulturfonds übrig bleibe, sei nicht genau abzuschätzen, sagt Sonja Eisl. «Wir hoffen natürlich, dass möglichst viele Leute vorbeischauen und es trotz der Kulturfinanzierungsmisere ein rauschendes Fest gibt. Vielleicht kommt es ja dann doch darauf an, wie viele sich effektiv betrinken», meint sie mit einem Lachen. «Der ideelle Wert wird höher gewichtet als der finanzielle.»

Gemischte Show unter der Moderation von Patric Gehrig

Im Vordergrund der Silvestersparty soll das Feiern selbst sein, darüber sind sich Sonja Eisl und Eva Laniado einig. Ziel sei es, miteinander eine gute Zeit zu verbringen, meint Eisl. In einem ersten Teil findet eine Gala statt. Auf einer offenen Bühne, auf der verschiedene Künstler ihre Show darbieten werden – auch das Thema Geld soll zur Sprache kommen –, wird ein gemischtes Programm unter der Moderation von Patric Gehrig dargeboten. Ab 24 Uhr steigt die Party, bei der man feuchtfröhlich ins neue Jahr rutschen möchte.

«Wir hoffen, dass es ein rauschendes Fest gibt.»

Sonja Eisl

Gehrig selbst, der Schauspieler und Theaterproduzent ist, ist selbst vom kantonalen Sparhammer betroffen und hat mit der jetzigen Situation zu kämpfen (zentralplus berichtete). Bei den Aktionen der politischen Sichtbarmachung war er an vorderster Front, als Kulturschaffende gegen die kantonalen Sparmassnahmen protestierten (zentralplus berichtete). Er hat wenig Grund, beschwingt ins Jahr 2018 zu blicken. Umso mehr Einnahmen wünscht er sich durch diesen Silvesteranlass.

Die «Silvestersparty» – eine Kooperation des Kleintheaters Luzern mit der IG Kultur.

Die «Silvestersparty» – eine Kooperation des Kleintheaters Luzern mit der IG Kultur.

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