Sie will Zug zum sicheren Hafen für gastierende Künstler machen
  • Kultur
Katrin Kolo ist genau dann ins Theater Casino Zug gekommen, als es so richtig schwierig wurde. (Bild: zvg Philipp Rohner)

Neue Casino-Intendantin Katrin Kolo Sie will Zug zum sicheren Hafen für gastierende Künstler machen

8 min Lesezeit 16.08.2020, 05:00 Uhr

Katrin Kolo begann ihren Job als Intendantin des Theater Casino Zug just vor der grössten Krise, welche die Kultur wohl je erlebt hat. Doch anstatt zu verzweifeln plant sie aufregende Projekte, bei denen unter anderem 100 Laien aus Zug mitmachen sollen.

Im vergangenen November hat Katrin Kolo ihren Job als Intendantin beim Zuger Casino Theater angefangen. Dies, nachdem Samuel Steinemann die Geschicke des Zuger Kulturhauses während elf Jahren geführt hatte. Wir trafen Kolo fast neun Monate nach Stellenantritt. Blicken mit ihr zurück auf eine äusserst anspruchsvolle Zeit, aber vor allem auch nach vorne.

zentralplus: Als im August 2019 bekannt wurde, dass Sie die neue Intendantin im Theater Casino Zug würden, hat das der Schweizerische Berufsverband für Tanzschaffende als «kleine Sensation» betitelt. Dies, weil Menschen aus dem Bereich Tanz kaum in solche Positionen gelangen. Wieso ist das der Fall?

Katrin Kolo: Tatsächlich kommen die meisten Intendanten aus anderen Bereichen. Tanz ist sehr absorbierend. Tanzt man professionell, ist das derart intensiv, dass man quasi dafür lebt. Daneben ist für nichts Platz.

zentralplus: Sie haben das jedoch geschafft. Wie?

Kolo: Schon mit drei Jahren erklärte ich meiner Mutter, dass ich ins Ballett will. Sie wusste nicht einmal, woher ich den Begriff kannte. Mit fünf Jahren begann ich zu tanzen. Dies tat ich immer neben der regulären Schule. Ich hatte das grosse Glück, dass mir alles, was mit Schule zu tun hatte, sehr leichtfiel. So konnte ich während des Gymnasiums in München nachmittags jeweils trainieren. Ich schlief zwar regelmässig im Unterricht ein, doch da ich zu den Jahrgangsbesten gehörte, liess man mir das durchgehen. Im Jahr nach der Matura machte ich die Aufnahmeprüfung an der Ballettakademie Stockholm und gönnte mir dort ein Jahr nur zu tanzen. Für den Geist gab eine Tanzausbildung zur damaligen Zeit aber wenig Futter. Zurück in München, stürzte ich mich daher voll Begeisterung auf mein Volkswirtschaftsstudium. Morgens um acht ging ich ins Training, dann in die Vorlesungen, danach und in den Semesterferien hatte ich Proben oder Vorstellungen und das wunderbarerweise auch noch an der Oper in München. Es wurde mir erst später bewusst, dass dieses Vorgehen nur dank einer Riesenportion Naivität funktionierte. Naivität, die es jedoch auch braucht.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Kolo: Man muss daran glauben, dass sich Tanz mit anderen Lebensbereichen verbinden lässt; dass Tanzen auch neben allem anderen geht. Als Coach ist das etwas, das ich Tänzerinnen und Tänzern seit vielen Jahren mitzugeben versuche.

zentralplus: Gehörte auch eine gewisse Naivität dazu, als Sie beschlossen, die Intendanz in Zug zu übernehmen?

Kolo: Nun ja, ich habe drei schulpflichtige Kinder, bin keine gebürtige Schweizerin, geschweige denn Zugerin wie alle meine Vorgänger. Ich dachte, meine Chancen, den Job zu bekommen, seien minim.

zentralplus: Und nun haben Sie ihn. Und sind im wohl härtesten Moment eingestiegen, den man als Intendantin überhaupt erwischen kann.

Kolo: Ja. Auch abgesehen von Corona war es viel. Es war ein totaler Schnellstart. Im November begann ich, im Januar hatte das Programm für diese Saison in grössten Teilen zu stehen und im März war es im Detail fertig. Ausserdem war mir diese Region bis anhin völlig fremd. Zürich, wo ich die meiste Zeit gelebt habe, ist kulturell ganz anders.

«Corona hat meine bisherige Arbeit völlig infrage gestellt.»

Katrin Kolo, Intendantin Theater Casino Zug

zentralplus: Schon im März haben Sie die kommende Saison durchgeplant?

Kolo: Natürlich. Ich plane schon die drei kommenden Saisons und bin momentan mit der übernächsten in Verzug. Zu alldem kam Corona, was meine bisherige Arbeit völlig infrage gestellt hat. Klar, der Lockdown war besonders schwierig. Das ging jedoch allen gleich. Doch nun für die Zukunft zu planen … Sie müssen sich vorstellen: Im Bereich der klassischen Musik plant man bis zu fünf Jahre im Voraus. Wenn dieses Business plötzlich auf Spontaneität beruht, ist das sehr herausfordernd.

zentralplus: Sie klingen trotzdem, als habe Sie der Mut nicht verlassen.

Kolo: Man darf an den Dingen und an sich selber nicht verzweifeln.

Katrin Kolo ist die neue Intendantin am Theater Casino Zug.

zentralplus: Dann sprechen wir doch – ganz zuversichtlich – davon, was nächste Saison im Theater Casino Zug passiert. Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger Samuel Steinemann?

Kolo: Ich komme aus dem Tanz und dem Musiktheater und habe eine ganz andere Perspektive auf die Bühne als mein Vorgänger. Und auch einen anderen Blick auf Zug. Ich will Zug für gastierende Künstler zu einem sicheren Hafen machen, zu einem Heimathafen. Denn als Künstler auf Tour ist man in einem knallharten Metier. Die grössten Musiker geben die tollsten Konzerte und sind danach allein in einem Hotelzimmer. Mir ist es wichtig, in persönlichen Kontakt zu treten mit den Leuten. So will ich auch wissen, warum sie in Zug auftreten. Ist es, weil sie Zug so gern haben? Ist es wegen der Gage? Finden sie das Haus toll?

«Hier gibt es eine gewisse Intimität, die in keiner Grossstadt möglich ist.»

zentralplus: Sie möchten vor allem jene Künstler hier, die Zug und das Casino als Ort mögen?

Kolo: Wenn jemand wirklich Lust hat, hier zu spielen, dann ist das für alle ein schöneres Erlebnis. Zug ist dafür ideal. Hier gibt es eine gewisse Intimität, die in keiner Grossstadt möglich ist. Es ist viel eher ein Hauskonzert, ein geschützter Rahmen, in dem man auftritt. Das heisst jedoch nicht, dass ich nicht finde, dass man Künstler ordentlich zahlen soll. Wir müssen uns das leisten hier.

zentralplus: Sie möchten vermehrt auf Eigen- und Co-Produktionen setzen, auch wollen Sie mit Vereinen und Kulturhäusern zusammenarbeiten. Welche Ideen haben Sie dazu?

Kolo: In der kommenden Saison beispielsweise kommt die belgische Needcompany für das Projekt «PIE – Probabilities of Independent Events». Während zwei Wochen proben sie hier mit Bachelor-Studierenden vom Tanzwerk 101 in Zürich. Das ist ein enorm grosses Projekt. Die Needcompany besteht bereits seit etwa 40 Jahren, die Leute sind international arriviert und dementsprechend schon etwas älter. Sie haben grossen Spass daran, mit Jungen zu arbeiten und ihre Erfahrung mit der jugendlichen Energie zusammenzubringen. Eigentlich hatte ich ja geplant, junge Tänzer aus Zug dafür zu nehmen.

zentralplus: Aber?

Kolo: Ich habe schnell feststellen müssen, dass die Tanzszene hier sehr klein ist. Und die, die hier sind, sind schon eher gestandene Tänzer oder Tänzerinnen.

zentralplus: Immer wird Zug als hartes Pflaster für die Kultur bezeichnet, Zug in einer Sandwich-Position zwischen Zürich und Luzern. Was halten Sie davon?

Kolo: Mir wurde immer gesagt, dass das so sei. Doch sehe ich nur Vorteile darin. Diese Intimität hier, Zug als Zufluchtsort. Da ist bei mir in den letzten Monaten eine grosse Zuneigung gewachsen. Mir scheint manchmal, dieses Hinterfragen entspringt einem gewissen Mangel an Eigenliebe. Ich sage hingegen: Vergesst das. Ihr habt das Beste, was es gibt. Hier sind Sachen möglich, die andernorts nicht funktionieren.

zentralplus: Was denn etwa?

Kolo: Solisten der Philharmonia Zürich, des Orchesters des Opernhauses Zürich, wollten schon länger ein Mahler-Programm in Schönberg-Bearbeitung machen. Im Opernhaus gibt es aber keinen Saal in der passenden Grösse dafür. Hier im Festsaal passt es nun perfekt.

zentralplus: Sie kommen aus dem Tanz. Da liegt es nahe, dass dieser im Programm künftig häufiger zu finden ist.

Kolo: Lacht. Ich habe mich zurückgehalten. Tanz als reine Kunstform ist schwierig zu kreieren. Tanz findet am lebenden Körper statt und kann nicht allein im stillen Kämmerlein geschaffen werden. Daher sind gute Produktionen nicht einfach. Mit «Coal, Ashes and Light» haben wir allerdings ein für mich umwerfendes Stück im Programm. Ich setze aber auf jeden Fall vermehrt auf Hybridformen, Tanz, Schauspiel und Musik, also beispielsweise wie eben bei «PIE». Und egal welcher Tanz, mir ist es wichtig, dass er mit Live-Musik stattfinden kann.

zentralplus: Was dürfen die Zuger sonst erwarten in der kommenden Saison?

Kolo: Ich habe gemerkt, dass Schauspiel nicht ganz einfach ist in Zug, da viele Kulturinteressierte kein Deutsch können. Darum führen wir im Mai das Stück «Are we not drawn onward to new era» auf, das zwar Englisch ist, aber auch ohne Sprachkenntnisse funktioniert.

Ende Mai gibt es überdies «100% Zug», eine Co-Produktion mit Rimini Protokoll, bei der wir hundert Menschen aus Zug aus allen Bevölkerungsgruppen auf die Bühne holen. Das sind alles Laien. Oder anders gesagt, Profis in ihrer Rolle als Laien.

«Im Casino wird eine Schutzmaskenpflicht gelten.»

zentralplus: Allein irgendetwas zu planen ist derzeit schon ein Wagnis. Was unternimmt das Theater Casino Zug, damit überhaupt einigermassen geplant werden kann?

Kolo: Unser grosser Saal fasst maximal 635 Plätze, also bereits weniger als die aktuelle Maximalzahl von 1’000. Wir werden jedoch zunächst nicht alle Plätze verkaufen, sondern je nach Anlass 100 oder 300. Falls die Kapazität kurzfristig minimiert werden muss, können wir die Anlässe so mit grosser Wahrscheinlichkeit trotzdem durchführen. Sollte es die Lage erlauben und Interesse da sein, können wir aber auch noch mehr Tickets in den Verkauf geben. Daher gibt es auf unserer Website mittlerweile einen Interessiert-Button. Wenn es gerade keine Tickets zu kaufen gibt, kann man sich da eintragen. So erfährt man sofort, wann Tickets effektiv verkauft werden. Zusätzlich wird bei uns eine Schutzmaskenpflicht gelten.

zentralplus: Wie kann die Kultur möglichst unbeschadet aus dieser Situation herauskommen? Kennen Sie ein mögliches Rezept?

Kolo: Nicht jammern und an sich selbst glauben. Das hat Corona gezeigt. Über die Situation im Sport wurde sofort überall geredet. In der Kultur hiess es eher: «Das ist noch schade, dass das nicht stattfindet.» Es fehlt der Kultur an Selbstbewusstsein, dabei ist sie ein tiefes menschliches Bedürfnis. Kultur ist keine Luxusbranche, sie ist elementar.

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