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Sie will die Gartenstadt nach Bern mitnehmen
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Astrid Estermann verzichtet auf Facebook. Sie setzt lieber auf den persönlichen Kontakt mit ihren Wählern. (Bild: zvg )

Astrid Estermann: Den Kantonsrat lässt sie aus Sie will die Gartenstadt nach Bern mitnehmen

6 min Lesezeit 05.10.2015, 12:03 Uhr

Die grüne Politikerin Astrid Estermann will einen Schritt überspringen. Vom Grossen Gemeinderat direkt auf die Bundesebene – in den Nationalrat. Dabei wirkt sie jedoch so entspannt, dass man das Gefühl erhält, sie meine es mit ihrer Kandidatur gar nicht so richtig ernst.

Für eine Tasse Tee Crème und ein Gespräch mit zentral+ reicht Astrid Estermanns Zeit gerade noch, bevor sie im Bahnhof Zug Flyer verteilen geht. Denn das, so stellt sich im Interview raus, ist ihre Art von Wahlkampf.

zentral+: Frau Estermann, andere linke Zuger Kandidaten wie beispielsweise Rupan Sivaganesan, Andreas Lustenberger oder Zari Dzaferi sind während des Wahlkampfs sehr präsent über die Social Media-Kanäle. Sie hingegen überhaupt nicht. Verspielen Sie sich damit Chancen?

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Astrid Estermann: Das kann man so sehen. Ich bin zwar erst 45, und dennoch eine Generation älter als beispielsweise Lustenberger. Ich habe weder Facebook-Account noch Homepage. Das sind nicht meine Instrumente. Das wäre nicht echt. Ich suche lieber den direkten Kontakt und verteile Flyer. Andreas ist da sicher dynamischer. Er holt die jungen Leute so ab. Ich bemühe mich eher um ein anderes Publikum.

zentral+: Sie sind seit 2003 im Grossen Gemeinderat in Zug vertreten, haben sich jedoch nie für den Kantonsrat beworben. Nun wollen Sie direkt auf die Bundesebene springen. Fehlt da nicht ein Zwischenschritt?

Estermann: Wenn man bedenkt, wie das klassische Stufensystem funktioniert, vielleicht schon. Es ist bestimmt einfacher, in den Nationalrat gewählt zu werden, wenn man sich auf kantonaler Ebene bereits einen Namen gemacht hat. Themenmässig denke ich jedoch nicht, dass ich im Nachteil bin. Auf die Geschäfte des Nationalrats muss sich sowieso jeder vorbereiten und mit den Abläufen der Gesetzgebung und den Verordnungen bin ich ja bereits vertraut.

zentral+: Ihre beiden Listen-Mitstreiter Hanni Schriber-Neiger und Andreas Lustenberger sind das hingegen…

Estermann: Es ist ja nicht so, dass das meine Gegner wären. Vielmehr sind sie meine Kollegen und wir versuchen gemeinsam, Stimmen für die ALG zu generieren. 

zentral+: Dann ist Ihre Kandidatur also vielmehr eine Unterstützungskandidatur? Sie wollen gar nicht wirklich in den Nationalrat?

Estermann: Ich würde mich natürlich über eine Wahl freuen. Wichtig ist aber vor allem, dass die Linke in Bern vertreten ist.

zentral+: Wem sprechen Sie denn bei den Linken die grössten Chancen zu?

Estermann: Das ist schwierig zu sagen. Andreas Lustenberger oder Hubert Schuler sind wohl am bekanntesten. Die Frage dort ist vielmehr: Wer holt welche Wähler ab und welche Altersgruppen gehen eher an die Urne?

«Das Thema Gartenstadt lässt sich durchaus auch auf die nationale Ebene übertragen.»

zentral+: Ihre politische Energie stecken Sie derzeit vor allem in die Erhaltung der Zuger Gartenstadt. Das ist ein sehr lokales Thema. Was wären Themen auf Bundesebene, die Sie gern wahrnehmen würden?

Estermann: Das Thema Gartenstadt lässt sich durchaus auch auf die nationale Ebene übertragen. Bereits jetzt gibt es Förderprogramme, die sich für preisgünstiges Wohnen einsetzen. Da gibt es noch viel Potenzial. Beispielsweise könnte man eine Wertabschöpfung vornehmen bei Land, das eingezont wird und dadurch stark an Wert gewinnt. Mit diesen Geldern könnte man den preisgünstigen Wohnraum fördern. Dieses Thema könnte man auf Bundesebene viel stärker pushen. Oder man könnte sogar gesetzlich festlegen, dass ein bestimmter Anteil des Baulands preisgünstigem Wohnraum vorbehalten bleiben muss.

zentral+: Steckt hinter diesem riesigen Gartenstadt-Engagement etwa eine persönliche Geschichte?

Estermann: Durchaus. Ich war selber ein Arbeiterkind, unsere Familie hat damals in einer Firmenwohnung gewohnt. Dann durfte ich als Studentin von einer günstigen Wohnung in der Gartenstadt profitieren. Dort hat es mir sehr gut gefallen. Irgendwann habe ich dann aber so viel verdient, dass ich ausgezogen bin, weil ich Platz machen wollte für Leute, welche eine solche Wohnung dringender benötigen. Ein weiterer Grund ist beruflicher Natur. Ich arbeite als Berufsbeiständin, habe also oft mit Menschen zu tun, die günstigen Wohnraum benötigen. Deshalb sehe ich, dass es für sie immer schwieriger wird.

zentral+: Welchen weiteren Themen würden Sie sich auf Bundesebene gerne annehmen?

Estermann: Auf nationaler Ebene vermisse ich eine breit angelegte Förderung des Langsamverkehrs, insbesondere des Velos, nicht nur im Freizeitbereich. Ausserdem ist mir die Energiewende wichtig. Erneuerbare Energien, insbesondere die Befreiung von fossilen Energien wie Öl und letztendlich auch Gas. Gleichzeitig sollte jeder seinen Beitrag leisten, beispielsweise indem er nachhaltig baut.

«Ein Haus, das man nicht renoviert, ist zum Tode verurteilt.»

zentral+: Gerade in der Gartenstadt sind die Häuser nicht auf dem aktuellen, geschweige denn Minergie-Standard. Sprich, dort geht eine Menge Energie verloren. Widerspricht das nicht der Forderung, diese Häuser zu erhalten?

Estermann: Das wurde mir auch schon vorgeworfen und ich verstehe diesen Aspekt. Doch ich sage ja nicht, dass man diese Häuser nicht renovieren soll. Im Gegenteil. Ein Haus, das man nicht renoviert, ist zum Tode verurteilt. Mit neuen Dämmungen und Fenstern könnte jedoch ein guter Standard hergestellt werden. Es gibt hierzu bereits genügend Beispiele. Zudem kann künftig mit Seewasser geheizt werden, womit das Heizen mit Öl in diesen Wohnungen wegfällt.

Die Mieten sind hier in Zug überproportional zu den Löhnen gestiegen, insbesondere zuungunsten der Wenigstverdienenden. Gleichzeitig brauchen wir diese Leute. Und dass die Mieten zu hoch sind, ist ja nicht nur in Zug ein Problem.

zentral+: Was haben Sie in Ihrer politischen Karriere bisher erreicht?

Estermann: Wir haben beispielsweise die Initiative für die 2’000-Watt-Gesellschaft durchgebracht und die Abstimmung schlussendlich auch gewonnen. Dann habe ich mich gegen den Stadttunnel eingesetzt und bin im Gemeinderat mit der Velo-Motion durchgekommen. Derzeit wird gerade ein Masterplan für sichere Schulwege erarbeitet. – Ich hoffe, der wird dann auch umgesetzt.

«Ich setze mich lieber mit Leuten an den Tisch, anstatt Vorstoss nach Vorstoss zu machen.»

(Sie denkt nach.) Grundsätzlich bin ich eher jemand, der im Hintergrund arbeitet. Ich setze mich lieber mit Leuten an den Tisch, anstatt Vorstoss nach Vorstoss zu machen. Ich suche gern nach Lösungen. Nehme aber auch die Sorgen und Ängste der Bevölkerung auf. So habe ich mich bezüglich Schwingfest vor einem halben Jahr ziemlich in die Nesseln gesetzt, da ich hinterfragt habe, wie ökologisch das Fest tatsächlich werden wird und was ein solcher Grossanlass für die angrenzenden Quartiere bedeutet. Regierungsrat Heinz Tännler ist diesen Fragen jedoch sehr gut begegnet. Unsere Anliegen wurden wahrgenommen.

zentral+: Wer soll Sie wählen?

Estermann: Leute, welche meine grünen, sozialen Anliegen teilen. Auch jene, die zwar nicht überall mit meinen Ansichten einverstanden sind, aber finden, es brauche auch eine solche Stimme im Nationalrat. Und warum sollte es nicht einmal eine Frauenstimme sein?

zentral+: FDP und SVP haben viel mehr finanzielle Mittel für ihren Wahlkampf zur Verfügung. Wie kompensieren Sie das?

Estermann: Durch persönliche Kontakte oder eben, dass ich am Bahnhof Flyer verteile. Mit meinem persönlichen Engagement, aktuell gerade in der Gartenstadt. Ich bin jemand, der versucht, sachlich und fair zu politisieren und glaube, dass ich deshalb wählbar bin.

zentral+: Was würde sich für Sie ändern, wenn Sie tatsächlich gewählt würden?

Estermann: Sehr viel. Ich müsste kündigen. Ich leite derzeit ein Team von 35 Leuten, diese Leitungsposition müsste ich sicher abgeben, vielleicht könnte ich allenfalls noch als Beiständin arbeiten. Aber das wäre der Einsatz wert. Man sagt, dass man etwa 70 Prozent der Arbeitszeit ins Amt als Nationalrat steckt. Ich finde die Idee eines Milizparlaments eigentlich gut, alle wissen jedoch, dass das schon länger keine Milizaufgabe mehr ist.

zentral+: Sie scheinen ziemlich entspannt in diese Wahl hinein zu gehen.

Estermann: Ja, ich habe mir meine Gedanken dazu vor der Entscheidung der Kandidatur bereits gemacht, habe lange darüber nachgedacht. Aber sobald man sich entschieden hat, macht das Grübeln ja keinen Sinn mehr.

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