Das essbare Sujet der Labor-Fasnachtsgruppe: das Einhorn aus Schleckzeug und Marshmallows. (Bild: Swankfotos)

Labor Luzern ist die etwas andere Fasnachtsgruppe Sie werfen uns das allerallerletzte Einhorn zum Frass vor

«Kill the Unicorn»: Die Fasnachtsgruppe Labor Luzern kommt mit einem essbaren Sujet an die diesjährige Fasnacht. Die vier thematisieren die Ausbeutung der letzten Ressourcen. Und wollen damit den künstlerischen Aspekt der Tradition wieder stärken.

Die drehenden und leuchtenden Spiral-Augen hypnotisieren den Betrachter, die bleichen Masken-Köpfe lachen unheimlich und daneben steht eine Art Terrarium auf Rädern. Hinter dem Glas: das allerallerletzte Einhorn. Modelliert aus einer Masse von Marshmallows.

Und dieses wird von den Maskierten den Betrachtern zum Verzehr serviert – die Performance ist Teil des Spiels. Denn erst im Verlauf der Fasnacht – Biss für Biss – zeigt das Werk sein wahres Gesicht. Am SchmuDo war der Anschnitt auf dem Helvetiaplatz.

Mit diesem Sujet ist die Gruppe des Labor Luzern während der ganzen Fasnacht auf den Gassen der Stadt unterwegs (sieshe Box). Die Kleingruppe sticht heraus mit ihren subversiven und hintersinnigen Ideen. «Unser Ziel ist etwas Innovatives und zugleich Sozialkritisches zu machen», sagt Marc Wermelinger. Der Künstler ist Teil der Fasnachtsgruppe, mit dem Namen Exist 84 kennt man ihn als Hip-Hop-Musiker. Unter den anderen Masken verstecken sich Florian Huber, Maya Büchler und Julian Bühler.

Do-it-yourself-Fasnacht

Zuhinterst in der Krienser Genossenschaftsüberbauung Teiggi haben sie ihre Ateliers und Werkstätten. Und hier hat die kreative Gruppe ihr Sujet über Monate entwickelt und gebaut.

Das Labor Luzern ist eine Community zwischen Technik, Kunst, neuen Medien und dem Do-it-Together-Gedanken. Und so ist auch ihre Fasnachtsgruppe nicht mit den gängigen Sujets auf den Strassen Luzerns zu vergleichen.

Zum vierten Mal ist die Labor-Gruppe nun an der Fasnacht unterwegs. Die Idee für das allerallerletzte Einhorn hatten die vier schon länger im Kopf. Das Einhorn war anfangs ein nacktes Skelett mit Horn – und erhielt erst mit der Marshmallows-Masse seinen Körper und mit allerlei Schleckzeug Haare, Körperteile und Organe.

Hier wird das Einhorn serviert
  • Das grosse Fressen: Sa 22.2. 17.00, Rosengartenplatz (neben Kapellbrücke)
  • Henkersmahlzeit: Di 25.2. 17.00, Falkenplatz

Infos zu weiteren Aufenthaltsorten gibt’s laufend auf Instagram

Schliesslich wurde das Ganze mit Puderzucker bestäubt. Von der Elektronik der drehenden Augen über die Masken bis zu den Marshmallows: Fast alles ist bei der Labor-Gruppe Handarbeit.

Das Einhorn auf dem Servierboy

Die vier treten als Köche und Servierpersonal auf, die den «Gästen» die Teile mit Messern und Schaufeln reichen – auswählen kann man aus einer Speisekarte. Die Besucher essen das Sujet quasi weg – und so wird das Einhorn enden, wie es gestartet ist: als nacktes Skelett.

«Es geht um die letzten Ressourcen, die aufgebraucht werden und wir stellen das auf eine spielerische Art dar», sagt Marc Wermelinger. Es geht ihnen dabei um die alltägliche Dekadenz und Verschwendung, die auch an der Fasnacht zelebriert werden.

So sah das Einhorn am Anfang aus – am Schluss wird es (vielleicht) wieder bis auf die Rippen abgefressen sein. (jwy)

Last-Minute-Kostüme aus dem Automaten

Vor einem Jahr kreuzte die Gruppe mit einem selbst gebauten Last-Minute-Kostüm-Automaten auf, an welchem jeder gegen Münz ein Notfall-Kostüm beziehen konnte. «Das war unser Kommentar zum ganzen Kostüm-Kommerz», sagt Wermelinger. Kein Sujet ohne Message dahinter. Die Einnahmen hat das Labor Luzern übrigens an eine Organisation für faire Kleider gespendet.

So sah das aus:

2018 traten sie als Aliens auf, die sich wiederum als Marienkäfer verkleideten und sich so zu integrieren versuchten. Über vorgefertigte Elektro-Module konnten diese Masken sprechen, gesteuert wurden die Textbausteine über die Finger. Rund 40 verschiedene Sätze waren so möglich, allerdings etwas zufällig. «Das war total lustig, so zu performen», erinnert sich Wermelinger.

Und 2017, an ihrer ersten Fasnacht, hiess das Motto «Selffish» und sie tauchten als Tiefsee-Anglerfisch auf, die sich die ganze Zeit fotografierten. «Etliche Leute wollten Selfies mit uns machen. Wir haben gemerkt, dass der interaktive Charakter sehr gut ankommt», so Wermelinger.

Anarchistische und poetische Kultur

Was treibt denn die Gruppe als Exoten an die Luzerner Fasnacht? Sie bezeichnen sich selber nicht als typische Fasnächtler und haben alle einen künstlerischen Hintergrund. In dieser Szene stehe das fasnächtliche Treiben normalerweise nicht hoch im Kurs, sagt Wermelinger. «Aber ich fand die Fasnacht immer eine mega spannende Plattform, denn ursprünglich wurde sie von Künstlern geprägt.» Erst mit der Kommerzialisierung in der neueren Zeit wurde der Anlass zu dem, was er heute grösstenteils ist.

Die Labor-Fasnachtsgruppe habe auch schon Gleichgesinnte dazu animiert, sich auch wieder zu engagieren. An Orten wie dem Magdi oder der Fasnachtsbar «Münzli» finde man seine Nischen.

«Eigentlich ist die Fasnacht eine wunderbare Kultur, die etwas Anarchistisches und Poetisches hat. Es ist schade, wenn man das einfach ignoriert», sagt Wermelinger. Und wer über mangelnden Freiraum klage, könne ihn sich hier nehmen und nutzen.

Exoten ja. «Aber auf den ersten Blick sehen wir schon aus wie eine Fasnachtsgruppe», sagt er und lacht. Aber es ist der zweite Blick, der hier entscheidend ist.

Fasnacht als «wunderbare Kultur»: Marc Wermelinger und Maja Büchler wollen Teil davon sein.
Viel Handarbeit: Marc Wermelinger und Maja Büchler vom Labor Luzern arbeiten an den Masken.

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